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Der Jugendbund · 1928-04-01 · 4 (1.4.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
4 (1.4.1928)
Date
1928-04-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Jugendzeit der jungsozialistischen Bewegung in viel schrofferer und radikalerer Weise vollzogen und sich vor allem der Gedankenwelt des sogenannten Hannoveraner Arbeitskreises angeschlossen hat. Das jungsozialistische Grunderlebnis, dem gemäß Sozialismus nicht nur eine neue Wirtschafts-, sondern zugleich auch eine neue Kulturförm bedeuten muß, ist in diesen Kreisen keineswegs verstummt. Vielmehr ist die Erneuerung des Klassenkampfgedankens, der diese Jungsozialisten zustreben, für sie eine Forderung, zu der gerade jenes Erlebnis, der Wille zu sozialistischer Kultur, mit unbedingtem Zwange hindrängt. Sie begründen diesen Gedanken mit dem Hinweis auf den sehr engen und intimen Zusammenhang, der zwischen kapitalistischer Wirtschaftform und den Grundtendenzen des neuzeitlichen Kulturlebens besteht und der nach ihrem Dafürhalten von so entscheidender Wichtigkeit ist, daß das Wort von der kapitalistischen Kultur kein Schlagwort und keine Phrase, sondern konkrete Wirklichkeit bedeutet.') So glauben diese Jungsozialisten, daß der Weg zu neuer Kulturgestaltung mit unabweisbarer Notwendigkeit über die Beseitigung des kapitalistischen Wirtschaftslebens führen muß. Von dieser Einsicht her fühlen sie sich verpflichtet, dem Kampfruf derjenigen, zu folgen, deren Sendung die Ucberwindung der gegenwärtigen Wirtschaftsform ist und sich den Reihen des um seine wirtschaftliche Befreiung zugleich um eine neue K u 1 t u r w e I t kämpfenden Proletariats einzugliedern. Dieses unzweideutige Bekenntnis zum Klassenkampf muß die Stellung der behandelten jungsozialistischen Kreise zu der Frajje nach Wert und Möglichkeit internationaler und interkonfessioneller Zusammenarbeit der Jugend entscheidend beeinflussen. Verlangten, die Hofgeismarianer aus ihrem Glauben an die nationale Schicksalsgemeinschaft nach kameradschaftlichem Zusammengehen auch mit nicht aus dem Proletariat hervorgegangenen Jugendbünden, so gehen die Anhanjjtr der zuletzt besprochenen jungsozialistischen Strömung, die seit der Tagung in Jena Ostern 1925 immer größere Bedeutung in der Bewegung erlangt haben, einen ganz anderen Weg. Sie vermögen nur in denjenigen Kreisen der deutschen und der ausländischen Jugend "ihre Weggenossen zu erblicken, die sich unzweideutig^für die Sache des Proletariats und dessen Kampf entschieden haben. Andere, d. h. vor allem bürgerliche Richtungen innerhalb der Jugendbewegung, haben nach dieser Ansicht nur die Bedeutung, durch ihre Auflehnung gegen' die innere Hohlheit und Morschheit der herrschenden Zivilisation, das Bürgertum auch in der ideologischen Welt mehr und mehr zu jener Unsicherheit zu treiben, die ihm in der ökonomischen Sphäre der dauernde und fast völlig unberechenbare Wechsel wirtschaftlicher Konjunkturen und die damit verbundenen sozialen Kämpfe schon aufgezwungen haben und in Zukunft immer mehr aufzwingen werden. Den vielfach herrschenden Glauben, daß der internationalen Zusammenarbeit der Jugend eine große Bedeutung für die Verwirklichung der in unseren Tagen so oft erhobenen Forderung nach Völkerverständigung zufalle, vermögen die Hannoveraner Jungsozialisten nicht zu teilen. Sie wissen vielmehr, daß zu den Eigenarten der kapitalistischen Periode der unbedingte Primat wirtschaftlicher Interessen allen noch so leidenschaftlieh und inbrünstig angestrebten ethischen Zielsetzungen gegenüber zukommt und daß sich dementsprechend im gegenseitigen Verkehr der Völker friedliche Beziehungen erst von dem Augenblicke an durchzusetzen vermögen, in dem diese die ökonomischen Zwecke der Kapitalistenklasse zu fördern versprechen. Es gibt viele junge Menschen, von denen die hier skizzierten Gedankengänge der Hannoveraner Jungsozialisten verworfen werden. Sie meinen, daß in dem Vorgehen dieses ^Zweiges der proletarischen Jugendbewegung eine gefährliche Anpassung an die Haltung und die Kampfesweise der zu überwindenden ..alten Welt" erblickt werden müsse und daß wirkliche Jugend aber sich verpflichtet fühle, ihre Ideale zu ') Der Verfasser bedauert, aus Raumgründen den leicht erbringbaren Beweis für diese Behauptung an dieser Stelle schuldig blerben zu müssen und hier nur auf das für die Analyse des kapitalistischen Kulturlebens so ungemein wertvolle Buch von Georg Lukäcz: „Geschichte und Klassenbewußtsein", Berlin 1922, verweisen zu können. 6 leben und sich jetzt schon, wenigstens in kleinen Kreisen, zu sammeln, um in diesen die angestrebten ethischen und kulturellen Postulate in ungetrübter Reinheit zu verwirklichen. Dieser Einstellung gegenüber lehnen die Jungsozialisten die Errichtung sozialistischer Inseln im Meere des kapitalistischen Wirtschafts- und Kulturlebens mit Entschiedenheit ab und tragen keinerlei Verlangen nach jener Reinheit und Unbeflecktheit der Seele und des Gewissens, die mit der Bereitwilligkeit erkauft wird, unter höchster innerer und äußerer Not leidenden Brüdern und Schwestern in Untätigkeit zuzusehen. fllte oder junge Führer - alter Idealismus oder neue Sachlichkeit? Eine Antwort an Kurt Bachrach uon Referendar Eugen Roth, Kothen Das alte Problem der Führerwahl und Führerauslese hat auch in der jüdischen Jugendbewegung schon oft zu Diskussionen und erregten Debatten geführt, und es ist diese breite und wiederholte Erörterung auch wert. Wenn ich dieses Problem vor einiger Zeit wieder in die Debatte geworfen habe, so habe ich es vor allem deshalb getan, weil ich der Ansicht bin, daß es in unserem Verbände noch nicht in einer irgendwie befriedigenden Weise gelöst ist. Deshalb müssen wir nach Wegen suchen, die uns einer Lösung des Führerproblems in unserem Verbände nahebringen können. Kurt Bachrach schreibt, die Rabbiner und Lehrer seien die natürlichen und selbstverständlichen Führer jüdischer Jugend. S o einfach liegt die Sache nun doch nicht! Zwar weiß ich ebenso gut wie er, welche großen, bleibenden Verdienste sich Männer, wie unser verehrter Verbandsvorsitzender und andere, um unsere Bewegung erworben haben und sich noch erwerben, •^ber das ist doch nicht das Wesen und der Sinn der Jugendbewegung, den natürlichen, beruflichen Erziehern und ihren Ideen Folge zu leisten, sondern Jugend will ihren eigenen Weg gehen und eigenen selbstgewählten Führern folgen. Fällt diese Führerwahl auf den Lehrer und Rabbiner, durchaus erfreulich und ein Zeichen dafür, daß er der Jugend etwas bedeutet. Aber jetzt muß das einsetzen, was ich als Heranbilden von Führerpersönlichkeiten bezeichne und wai' K. B. nicht für möglich hält. Es wird nicht jeder alg-, Eiührer geboren, und es hat auch nicht jeder das Zeug dazu! Aber wer sich dazu als geeignet erweist, und das stellt sich innerhalb eines Vereins meistens recht bald heraus, dem muß die Möglichkeit geboten werden, und jeder einsichtige Rabbiner und Lehrer wird dies fördern, in einer Führerstellung seine Fähigkeiten zu beweisen und sich zum Führer zu entwickeln. Freie Bahn dem Tüchtigen, heißt ein von K. B. so gehaßtes Schlagwort in der Demokratie, aber auch Schlagworte haben ihre Bedeutung und ihren Sinn. Dem jungen Menschen, der sich dafür eignet, Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, dafür müssen wir sorgen, und im Interesse unseres' Verbandes ist eine allmähliche Verjüngung der Führerschaft ein unbedingtes Erfordernis. Es ist sehr erfreulich, daß sich diese Erkenntnis, wenn auch K. B. anscheinend davon noch nichts gemerkt hat, in weiten Kreisen des Verbandes durchzusetzen beginnt. Nun die neue Sachlichkeit! Daß die heutige Jugend nicht mehr dieselbe ist wie vor dem Kriege und auch wie kurz nach dem Kriege, wird wohl niemand bestreiten, und daß die Methoden, diese anders eingestellte Jugend an sich zu ziehen, andere sein müssen als früher, dürfte eigentlich auch niemand leugnen. Wir leben im Zeitalter der Technik und der Chemie. Daß die junge Generation von heute sachlicher und weniger idealistisch ist als die frühere, wird wohl auch K. B. mir zugeben müssen. Ob wir die Entwicklung für erfreulich halten oder nicht, das ist ja eine andere Sache —, aber wir müssen ' doch auf diese Entwicklung der Menschen und Dinge Rücksicht nehmen! Und dies scheint mir innerhalb unseres Verbandes noch nicht überall in notwendiger Weise zu geschehen. Man findet noch Vereinsprogramme, die inhaltlich fast wörtlich mit den Vorkriegsprogrammen unserer Verbandsvereine übereinstimmen. Nun gehöre ich gewiß nicht zu den Leuten, die alles, was vor 1919 geschah, für schlecht halten, und weiß,

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