Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 4 (1.4.1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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programmatische Schrift der jungsozialistischen Bewegung gegolten hat. Nun versteht es sich von seihst, daß die immer stärkere Betonung des sozialistischen Kulturwillens und die damit oft verbunden gewesene Gleichgültigkeit den wirtschaftlichen Bestrebungen des Sozialismus gegenüber hauptsächlich von Kräften ausging, die mehr den Quellen des Erlebnisses als denen der rationalen Erkenntnis entsprungen waren. „Es ist wichtiger, Sozialismus zu leben, als ihn zu lehre n", war das Motto, das sich in der jungsozialistischen Bewegung der ersten Jahre mit wachsendem Erfolge durchsetzte und immer weitere Scharen von stark romantisch gerichteten jungen Menschen, besonders aus der bürgerlichen freideutschen Jugendbewegung, zum Jungsozialismus herüberzog. Das Eindringen dieser neuen Kreise, die um die Wurzeln der Arbeiterbewegung nicht wußten und ihrem ganzen Lebensgefühl nach der proletarischen Kampfbewegung fremd gegenüberstehen mußten, bedeutete für die jungsozialistischen Bestrebungen selbstverständlich vor alle meine erhebliche Steigerung der schon geschilderten kultursozialistischen Tendenzen; immer bewußter und entschiedener lehnte man sich dagegen auf, die Erfüllung der sozialistischen Sehnsucht von der Verwirklichung eines nur vom kalten Verstände her begreifbaren, in der rauhen Wirtschaftssphäre angeblich herrschenden Gesetzes abhängen zu lassen. So wurde die Bewegung zunehmend von der Forderung beherrscht, daß sozialistisches Gemeinschafts- und Kulturleben schon jetzt in der Gegenwart Wirklichkeit werden müßten. Welche Wege sollte man nun beschreiten, um zu der ersehnten sozialistischen Kultur zu gelangen? Die Antwort, die auf diese Frage gegeben wurde, war zunächst von stark national 'gerichteten Gedankengängen beherrscht und ging vor allem von dem Hinweis auf den wesensmäßigen und notwendigen Zusammenhang von Volk und Kultur aus. Diese Einstellung steigerte sich bis zu radikaler Verwerfung jener farblosen kosmopolitischen Gedankengänge, die man als eine typische Geistesfrucht der rationalistischen Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts ansah und deren nivellierende Betrachtungsweise man durch einen neuen Blick für die Farbigkeit und Buntheit der Welt auch in nationaler Hinsicht überwinden wollte. Man bestritt mit Entschiedenheit, daß dies Bekenntnis zu Nation und Volksgemeinschaft einen Widerspruch zur sozialistischen Zielsetzung darstelle und verteidigte diese Auffassung mit dem schon von Lassalle ausgeprochenen Hinweis auf die erhebliche Rolle des Staates im Kampfe um den Sozialismus sowie mit dem eindrucksvollen Satz, den der Arbeiterdichter Karl Bröger, einer der damaligen Führer der Bewegung, im Kriege geprägt hatte, „daß Deutschlands ärmster Sohn auch sein getreuester war". Die Konsequenzen, die sich aus dieser Einstellung für die Beurteilung des Problems der internationalen und interkonfessionellen Zusammenarbeit der Jugend ergaben, sind leicht zu verstehen. Da man die dialektische marxistische Auffassung von der Ueberwindung der Klassengegensätze durch Klassenkampf aufgegeben hatte, glaubte man, daß die nationale Schicksalsgemeinschaft selbst durch die krassen sozialen Unterschiede im Zeitalter - des Kapitalismus nicht aufgehoben sei. So fühlte man sich allen Kräften innerlich verbunden, die aus gleicher Gesinnung nach nationaler Erneuerung strebten und von denen man nicht untersuchte, ob sie auf Grund ihrer Klassenzugehörigkeit die inneren Voraussetzungen zu solcher Wahlverwandtschaft mit einer sozialistischen Bewegung erfüllten. Es läßt sich unschwer begreifen, daß man ein solches ehrliches Ringen um den Geist der Volksgemeinschaft vor allem von vielen Teilen der sogenannten bürgerlichen Jugendbewegung erwartete, zu denen man um so größere Nähe verspüren konnte, als ihnen selbst ihre Klassenzugehörigkeit oft unbewußt und häufig genug völlig verborgen blieb. Doch gab es selbstverständlich auch Richtungen der Jugendbewegung, denen die Jungsozialisten dieser ersten Periode mit mehr oder minder deutlicher Reserve gegenüberstanden. Das war zunächst die pazifistische Jugendbewegung, für deren Obernationale Ideologien man zu jener Zeit wenig übrig hatte. Das war sodann die jüdische Jugendbewegung, zu der man in den damaligen jungsozialistischen Kreisen zwar fast nie vom Standorte der traditionellen antisemitischen Argumente, wohl aber ohne Verschweigung der deutlich empfundenen und auf Unterschiede der nationalen Eigenart zurückgeführten Gegensätze zwischen der Geisteshaltung des jüdisohen und des deutschen Jugendlichen Stellung nahm. Es ist leicht begreiflich, daß man auf Grund dieser Haltung denjenigen Richtungen innerhalb der jüdischen Jugendbewegung das tiefste Verstehen und daher auch den größten inneren Respekt entgegenbrachte, denen die Wiedererweckung des jüdischen Nationalbewußtseins besonders am Herzen lag.*] Die bisher geschilderte Einstellung der Jungsozialisten zum Problem internationaler und interkonfessioneller Zusammenarbeit der Jugend stammte aus jener eingangs geschilderten Arffangsperiode der j-ungsozialistischen Bewegung, die vorwiegend eine Zeit des Schwärmens und des Träumens, d<s Volkstanzes und des nationalen Erlebnisses war, und in der man glaubte, mit einigem guten Willen schon am morgigen Tag die geforderte sozialistische Kultur verwirklichen zu können. Die Träume vergingen, das Erwachen kam. Innere und äußere Mächte, deren Entfaltung hier nicht ausführlich geschildert werden kann, rüttelten die Jungsozialisten auf. Um den inneren Zwang zu verdeutlichen, aus dem heraus sie sich von dem geschilderten lyrischen Sozialismus" loszureißen suchten, genügt es. einem viel verbreiteten Irrtum entgegenzutreten: Es ist nicht wahr, daß Jugendlichkeit und Utopismus schlechthin das gleiche sind. Wohl trifft es zu, daß lebendige Jugend sich scheut, allen Erscheinungen des täglichen Lebens unbedingt zwingende Gewalt zuzuerkennen und vor manchen Alltäglichkeiten nicht zurückweicht, denen bedächtiges Alter letzten Endgültigkeitscharakter und unbestreitbaren Wert zuzusprechen sich gewöhnt hat. Deshalb ist es aber längst noch nicht richtig, den jungen Menschen von vornherein als den utopischen anzusehen. '1 Was gegen eine solche Betrachtung der jugendlichen Psyche spricht, kann hier nicht erörtert werden^ Wir müssen vielmehr noch der äußeren Kräfte gedenken, die verstärkend hinzukamen, um die Auseinandersetzung mit dem Utopismus der ersten Zeit des Jungsozialismus noch zu beschleunigen. Diese Motive sind dem Marxisten leicht verständlich: Arbeitslosigkeit und das namenlose Elend, das mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Kapitalismus auch in Zeiten republikanischer Sozialreform unlösbar verknüpft ist, haben es vor allem der proletarischen Jugend mit letzter Deutlichkeit eingehämmert, daß es mit den Träumen von sozialistischer Kultur noch nicht getan ist und daß insbesondere Volkstanz und Gemeinschaftsmystik nicht die geeignetsten Mittel zur Ueberwindung des kapitalistischen Zeitalters sind. Die Abwendung von der Romantik und dem Utopismus der Frühzeit wurde von den Jungsozialisten nicht gleichmäßig vollzogen. Viele von ihnen, die durchaus den für das Anfangsstadium charakteristischen Abstand zur Realität zu überwinden trachteten, konnten sich von der nationalen Ideologie nicht losreißen. Auf ihre Einstellung.' die auf einer entscheidungsvollen Tagung in Hofgeismar Ostern 1923 prägnanten Ausdruck erhielt, wollen wir hier nicht weiter eingehen, da die Ansichten dieses Kreises über die Fragen internationaler und interkonfessioneller Zusammenarbeit der Jugend sich nicht erheblich von der oben angegebenen Behandlung dieses Problems unterscheiden. Dagegen möchten wir hier noch von einer Gruppe sprechen, die den Bruch mit der romantischen 5) Der Verfasser, der sich übrigens durchaus nicht zum Zionismus bekennt, möchte überhaupt an dieser Stelle seine in mehrjähriger Betätigung in der sozialistischen Bewegung immer wieder bestätigte Erfahrung' mitteilen, daß gerade von wertvollen Nichtjuden die nationale Auffassung des Judentums bedeutend höher als der leider immer noch nicht ausgestorbene Versuch eingeschätzt wird, natürlich gegebene Unterschiede zwischen dem deutschen und dem jüdischen Menschen auf dem Wege der Diskussion beseitigen zu wollen. *) Die voraufgegangenen Bemerkungen dieses Absatzes über das Verhältnis des jungen Menschen zu utopischen Gedankengängen sind ebenfalls dem bereits angeführten Aufsatz des Verfassers „Der Jungsozialismus" entnommen. 5