Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 4 (1.4.1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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„Tat" —, uns die Frage zu stellen und vielleicht sogar einen Weg zu zeigen, wie wir zu einem aus innerster Gewissenhaftigkeit und damit dann auch Vollmacht geborenen Tun und Gestalten kommen, einem Handeln auf die Welt, wie Schleiermacher sagen würde. Und schließlich hat uns das Judentum für die grundsätzliche Richtungslosigkeit des Protestantismus eine ganz große Frage zu stellen. Je mehr wir diese als Geschick, das uns gesandt ist. empfinden, ja manchmal vielleicht als Fluch, desto mehr werden wir unser Ohr einer Stimme öffnen, die uns etwas vom gerichteten Sein, vom zielbewußten Gehen, von der Zusammenreißung und damit erst Sinnerfüllung aller Kräfte auf eine große und entscheidende „Sache" zu sagen weiß. Und je mehr der Protestantismus das Entscheidende auf die „letzten" Dinge, auf die Eschatologi, verschieben muß — kraft innerer Notwendigkeit —, desto mehr kann er vom Judentum lernen, daß er es in der rechten Weise tue. Das heißt: nicht in jener Weise, die sich an der Wirklichkeit und ihrer Verpflichtung vorbeischleicht und richtungslos zwischen den Dingen hin und her gezerrt wird, während es sich nur darum handeln kann, zwischen den Dingen und zwischen den Zeiten den gefährlichen Weg am Abgrund entlang zu gehen oder sich führen zu lassen. Soll man noch über die Gegengabe reden, die die jüdische Jugend von der protestantischen empfangen kann? Sie ist jeweils das Spiegelbild des Gesagten. Durch uns soll die jüdische Jugend, die ja Einheit, Tat und Zukunft ganz gewiß nicht in der Form des erstarrten Besitzes haben darf, sich erst einmal recht erschüttern lassen. Sie wird alles, was darin etwa noch Anspruch, Eigensinn und Selbstverherrlichung sein sollte, verlieren müssen, um dann Einheit, Tat und Zukunft in neuer, reinerer Form zu gewinnen, die Leben, Vollmacht, göttlicher Sinn und Goftes Verherrlichung bedeutet. Und ob wir uns gegenseitig zu solcher Klärung verhelfen können, das wird dann entscheidend davon abhängen,' daß unsere Begegnung von gutem Willen zum Verstehen getragen ist. Aber nicht nur das: sondern auch, daß sie mit der Sprengkraft und der gestaltenden Macht einer wirklichen Begegnung erfolgt. Es ist ein Hinüber- und Herüberreichen der Hände, auf das viele warten, auf daß der Sinn ihrer Sendung sich vollziehe und auswirke zur Entfaltung des Ganzen. „Ilm die gemeinsame Haltung der Jugend* uon Pastor Fuckel. KOln-Lindenthal. Leiter des Landesverbands ftneini.-u/esti. im Bund deutscher Jugendvereine Es entspricht glücklicherweise nicht nur, aber jedenfalls meiner persönlichen Erfahrung und Ueberzeugung, wenn ich das Ringen der gesamten bewegten oder lebendigen Jugend aller Richtungen um ein« gemeinsame Haltung als notwendig, aber auch als möglich behaupte, und zwar ausdrücklich etwa auch der bewußt jüdischen Jugend einer- und bewußt evangelischer Jugend andererseits. Unser „Bund Deutscher Jugendvereine", der wohl vor anderen evangelischen Bünden in den Strom der deutschen Jugendbewegung mithineingezogen worden ist, hat es gerade seit seiner Verbindung mit der Jugendbewegung doppelt als Ehrenaufgabe empfunden, Brücke zwischen sonst einander entstrebenden Jugend-Bünden zu sein und hat sich das Ziel einer „wahren Volks- und Völkergemeinschaft" setzen lassen, und das ausdrücklich aus dem Wesensgrund seiner Eigenart: „aus dem Geiste Jesu". Dies eben scheint mir wichtig, daß die gemeinsame Haltung der Jugend nicht durch Verflachung und Verwischung der tatsächlichen Unterschiede, Spannungen, ja Gegensätze, sondern gerade von der Tiefe des eigenen Wesens und des besonderen Auftrages aus gesucht werden muß und kann. Beispielhaft ist das für unseren Bund etwa durch das öffentliche Wirken unseres einen Bundesleiters, Professor D. Wilhelm Stählin-Münster, belegt, der — vergl. u. a. „Die völkische Bewegung und unsere Verantwortung" oder „Vom Schicksal und Sinn der deutschen Jugend" — die ganze Spannung zwischen Christentum und Volkstum, aber auch die Ueberwindbarkeit ihrer Begrenzung bezeugt, dank einem Wollen, das die in beiden liegende Ver- 4 . antwortung unbeirrbar ernst nimmt. Und ebenso gibt Erfahrung mir die Zuversicht, daß jüdisch-lebendig« und evangelischbewegte Jugend »ich dann im Tiefsten gegenseitig verstehen und miteinander zusammenstehen werden, wenn sie sich selbst und dem andern die tiefen Spannungen und Nöte nicht verhehlen, die in Verschiedenheit des BluTes und des religiösen Erbgutes liegen, wenn sie zugleich den andern in seinen schicksathaften Gegebenheiten ebenso ernst zu verstehen suchen, wie sie selbst von ihm verstanden sein wollen. Jugend, der es nicht um Schlagworte oder Tagesmeinungen, sondern um das wahrhaft Lebendige oder die lebendige Wahrheit selbst geht, müßte sich dann doch irgendwie bei aller Eigen-Ständigkeit finden, etwa in der Richtung auf eine Ablehnung der entseelten Zivilisation unserer Zeit, wie unter dem gemeinsamen Schicksal alsGenossen einer Volksgemeinschaft, im tiefsten in der unbedingten Verantwortung gegenüber einer letzten, übermenschlichen Wirklichkeit. Auf dem Weg dahin liegt vielleicht ein fast unwillkürliche« und gelegentliches Einstimmen in das gleiche Fahrten-Lied im gemeinsamen Eisenbahnabteil, mehr noch bewußt gesuchte gemeinsame offene und ernste Aussprache, schließlich tätiges Handeln und Arbeiten an einer Aufgabe, die uns gemeinsam gesetzt ist. Noch sind wir weit vom Ziel solch gemeinsamer Haltung aller lebendigen Jugend! Wenn wir uns und den andern nur wenigstens schon auf dem Weg wissen! „Die Stellung der sozialistischen Jugendbewegung zu den Fragen internationaler und interkonfessioneller Zusammenarbeit der Jugend" von Fritz Pappenhelm. Köln In der Beantwortung der Frage nach Wert und Möglichkeil internationaler und interkonfessioneller Zusammenarbeit der Jugend stimmen die verschiedenen Zweige der sozialistischen Jugend, d. h. hauptsächlich die sozialistische Arbeiterjugend, die Gewerkschaftsjugend und die Jungsozialisten nicht in jeder Hinsicht überein. Doch sind die Unterschiede in der Einstellung zu diesem Problem kaum grundsätzlicher Art und auch keineswegs von erheblicher Bedeutung. Wir haben es vielmehr nur mit Variationen innerhalb der gleichen Grundauffassung über den dieses Heft beschäftigenden Fragenkreis zu tun, die, zumal in letzter Zeit, eine zunehmende Tendenz zu gegenseitiger Ausgleichung erkennen lassen. Aus diesem Grunde können wir auch hier darauf verzichten, die genannten Teile der sozialistischen Jugendbewegung hinsichtlich ihrer Gedanken zur internationalen und interkonfessionellen Zusammenarbeit der Jugend gesondert zu charakterisieren. Wir begnügen uns vielmehr damit, die für die Orientierung der gesamten sozialistischen Jugend symptomatische Stellung der jungsozialistischen Bewegung zu dem gestellten Problem herauszugreifen und kurz zu umreißen. Zu dieser Einschränkung legitimiert uns im besonderen Maße die Tatsache, daß die Jungsozialisten nicht zuletzt auch in ihrer Beurteilung der die Sammlung aller jugendlichen Menschen hindernden nationalen und konfessionellen Schranken erhebliche Wandlungen durchlebt haben und daß sich von den einzelnen dabei zurückgelegten Wegestrecken her die Abweichungen gut verstehen lassen, die heute noch zwischen den Ansichten der jungsozialistischen Bewegung und denen der sozialistischen Arbeiterjugend sowie der Gewerkschaftsjugend über den ganzen Fragenkreis bestehen. An der Wiege der Jungsozialistenbewegung1) stand der — nur scheinbar neue —■ Gedanke, daß Sozialismus nicht nur eine wirtschaftliche Zielsetzung, sondern zugleich den Willen zu einer neuen Kultur bedeuten müsse. Es ist bekannt, daß die von Gustav Radbruch geschriebene Broschüre „Kulturlehre des Sozialismus" lange Zeit hindurch als ') Die in diesem und dem nächsten Absatz enthaltenen Bemerkungen zur allgemeinen Charakteristik der jungsozialistischen Bewegung entnimmt der Verfasser seinem Artikel „Der Jungsozialismus, sein Weg von freideutscher Romantik zu sozialistischem Klassenkampf". (Veröffentlicht in der kulturpolitischen Beilage der Rheinischen Zeitung „Das neue Werden" vom 28. April 1927.)