Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 4 (1.4.1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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.Protestantische Jugend* von Pfarrer uz. Dr. Hans Hartmann. Foche-solingen Voll tiefer Weisheit ist das Wort Goethes: „Willst im Unendlichen dich finden, Mußt unterscheiden und dann verbinden." Und die Menschen, die mit einander Verbindung suchen, täten oft besser, sich erst auf ihren eigenen Sinn und die Grenzen ihres Seins zu besinnen. Nur die, die im Sinne Goethes wahrhaft individuell geworden sind, können sich;u einer fruchtbaren und vom Geiste her zu verantwortender Arbeit zusammenfinden. Wer den eigentümlichen Gehalt unserer Zeit zu sucien sich vermißt, wird zunächst immer erschrocken vor der Talsache stehen, daß da etwas ist, was sich nicht rundet, nicht aufgeht, nicht ein freies Verhältnis von gleich zu gleich gestattet. ■ Anstatt Willen zum gegenseitigen Verstehen, das sich in einer fruchtbaren Spannung und Ordnung verwirklicht, finden wir jene Verkrampfung, der es auf die einseitig konzentrische Erhaltung der eigenen Position ankommt und die den Zug ins Ganze, also die Ergänzung durch das „Exzentrische" verloren hat. Es wäre nun ein Zeichen des Ungehorsams und dei Nichthörenkönnens auf die Forderung des gegenwärtigen Kairos (das ist der sich jetzt und hier erfüllenden Zeit), wenn wir diese Lage nicht anerkennen, sondern die Grenzen einfach überspringen wollten. Das Ganze und Kosmische kann heute nicht einfach durch voreilige Aufhebung der Individualität, die immer etwas Vorläufiges bliebe, erreicht werden. Und so kann auch die Zusammenarbeit von jüdischer und protestantischer Jugend, über die ich ein Wort zu sagen gebeten wurde, nicht durch einen gewollten Sprung ins Dunkle zustande kommen, sondern nur bei einer Besinnung auf die eigene Grenze, die zugleich die auf die eigene Sendung ist. Protestantische Jugend ist kein einheitliches Gebilde. Will man ihre Linien schematisch aufreißen, so findet man teils eine Hinwendung zu, teils eine Abwendung von dem Ge ste der Jugendbewegung. Dabei sei unter dem Geiste der Jugendbewegung nicht nur das Leben aus Verantwortung im Sinne der Meißner-Formel verstanden, sondern zugleich — und das bedeutet einen Schritt weiter — die illusionslose und daher rücksichtslose Erkenntnis der Wirklichkeit, die ihre eigenen Forderungen stellt und die es in einem ganz neuen Sinne ernst zu nehmen gilt. Es ist für die Durchsichtigkeit ein Unglück, aber uigleich ein Glück für die Sache, daß die frühere Aufteilung nicht mehr gilt. Früher konnte man sagen: die freie protestantische Jugendbewegung (Bund deutscher Jugendvereine, Neuwerk, Köngener, Christdeutsche) ist ..jugendbewegt", die altkirchliche (christliche Vereine junger Männer und Verwandtes) ist nur „jugendgepflegt". Das geht jetzt nicht mehr. Nicht nir setzt sich die Idee der Autorität und der Schichtung — auch im tiefen Sinne — in der freieren protestantischen Jugerd mehr und mehr durch, auch in der ehemals so gebundenen wächst die Richtung, die die' eigene Entscheidung und das Leben in der Spannung der Dinge will. Wir finden also in gegenseitiger Verschlingung einen Prozeß von Abwendung und Hinwendung, der das eigentliche Leben der protestantischen Jugend ausmacht und der das bislang starre Verhältnis von Autorität und Freiheit, von Inhalt und Form, von Glauben und Zweifel, Vermögen und Unvermögen in ein lebendigbewegtes auflöst, das der eigentlichen Lebenstiefe mehr entspricht. Es sind also weniger große, formulierbare Grundideen, die die protestantische Jugend kennzeichnen, sondern eine 'aus der Not der Zeit geborene, dann aber bewußt aufgenommene und bejahte Haltung, die sich zugleich als Sendung an unsere Zeit fühlt. t Wo ist nun der Punkt, wo eine sinnvolle Begegnung zwischen der protestantischen und jüdischen Jugend statthaben kann? ~ Bei allem Bewußtsein von der Vorläufigkeit menschlicher Formulierungen darf man doch in Martin Bubers folgenden Sätzen einen Schlüssel sehen: „Der geistige Prozeß des Judentums vollzieht sich in der Geschichte als das Streben nach einer immer vollkommeneren Verwirklichung dreier untereinander zusammenhängender Ideen: der Idee der Einheit, der Idee der Tat und der Idee der Zukunft." (Drei Reden über das Judentum, 8. bis 17. Tausend, S. 71.) Es kommt nun freilich hier nicht weniger als alles darauf an, w i e man solche Formulierungen behandelt und sie mit der lebendig bewegten Fülle des Seins, wie sie sich gerade im Judentum in eigentümlicher Art findet, konfrontiert. Es gilt hier besonders eine entschlossene Abkehr von jener angeblich wissenschaftlichen Art, die mit solchen Formulierungen fertige Erkenntnisse zu haben meint und darauf wie auf festen Quadern aufbaut, die aber in Wirklichkeit nur eine unbelehrbare und verbissene Art des Festhaltens bedeutet, die den „andern" so konstruiert, wie sie ihn sehen will, um ihn als Gegner — und natürlich immer als minderwertigen Gegner! — erledigen zu können. Gerade die Jugend hat hier die entscheidende Sendung an unsere Zeit, die Methoden unserer Alten durch das Schlagen einer Bresche zu zerstören. Und zwar jede Jugend! Und darum ist hier die innerste Voraussetzung gegeben, wo wir zusammengehen können, ja aus der Tiefe heraus zusammengehen müssen! Sehen wir. in solchem Lichte auf Bubers „Formulierung", so zeigt sie, daß das Judentum zwar keine bloß gedanklich konstruierte Einheit, keine ungehemmte und distanzlos getane „Tat", kein stumpfes und totes Marschieren in einer „Richtung" will, daß aber das Judentum die Sendung hat, diese drei Ideen der Welt immer wieder von neuem als lebendige Aufgabe zu stellen. So hat sich hier im Laufe der Geschieht« wirklich etwas kristallisiert, es hat sich ein — freilich vollendetes und nur „am Ende der Tage" vollendbares — Bild ergeben, es hat sich ein Anspruch geformt, den zu überhören gerade auch nach tiefster christlicher Lehre den Zerfall des Menschen und der Welt in die Verantwortungslosigkeit bedeuten würde. Damit dürfte aber dann der Punkt getroffen sein, wo Zusammenarbeit, die mehr ist als bloßes „Kennenlernen" und mehr als mächlerische Zusammenfassung „der Kräfte" mit nebelhaften Zielen, möglich wird. Nicht ist, sondern wird. Erst muß nämlich immer Sinn und Inhalt der Zusammenarbeit kommen, die Methoden und Formen im einzelnen finden sich dann von selbst, ja sie können gar nicht aufgehalten werden. Und da kann es sich nur'um die Konfrontierung der Botschaft handeln. Einheit, Tat und Zukunft: da liegt die große Frage des Protestantismus, und zwar nicht nur des theologischen, sondern des unmittelbaren, also auch seiner Jugend. Die Einheit ist das große gesuchte X — man denke an die Konferenzen von Stockholm und Lausanne! Es ist kein Zweifel, daß die protestantische Jugend viel lebendiger um die Einheit weiß — unmittelbar, ohne sie vielleicht zu kennen —, als die Theologen. Aber es ist ebenso gewiß, daß diese Einheit, aus dem innersten Sinn des Protestantismus, nicht eines Tages „gefunden" werden darf. Sonst würde ja einem Aufgehen im Katholizismus wirklich nichts mehr im Wege stehen. Die Aufgabe der jüdischen Jugend ist also, die Frage der Einheit an uns so lebendig zu stellen, daß wir sie bis an die äußerste uns gesetzte Grenze erfüllen — aber eben nur bis an diese Grenze, während es der jüdischen Jugend erlaubt sein mag, über diese uns gesetzte Grenze hinauszugehen. Und im wesentlichen ähnlich ist es in bezug auf die „Tat". In den beiden Gestalten Luther und Calvin ist die ganze protestantische Problematik der „Tat" offenbar geworden. Es ist das ein Gebiet, dessen tiefere Erforschung nicht nur für Protestanten höchst aufschlußreich ist (ein kurzes Eingehen an dieser Stelle würde oberflächlich bleiben). Die Diskussion hat sich aber leider verfangen in der Weise, daß die „Lutheraner" (schematisch gesprochen) vor allem, was nur entfernt nach „Tat" aussieht, zurückschrecken, während die Angelsachsen in der Gefahr sind, daß sie einem ungehemmten, mächlerischen, nicht aus wahrer Vollmacht stammenden Tun verfallen. Es ist die Aufgabe des Judentums, und gerade der Jugend dort — denn Jugend hat ein unmittelbares Brennen nach der 3