Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 4 (1.4.1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Man verrät wohl kein Geheimnis, wenn man feststellt, daß auch die Jugendbewegung anfängt, seßhafter zu werden. Man sieht auch in diesen Jugendkreisen ein, daß es auf die Dauer nicht genügen kann, die Haltlosigkeit der heutigen gesellschaftlichen Zustände aufzudecken und festzustellen; richtiger ist es, daß man in diese Gesellschaft hineingeht, um ihren Umbau an verantwortlicher Stelle mitbewerkstelligen zu helfen. Bezeichnend sind nach dieser Richtung die Mahnungen des katholischen Jugendführers Nikolaus Ehlen, der in seinen „Lotsenrufen" jüngst schrieb: „Wir sind wohl „feine" Wandervogel, können manche schöne Lieder, aber auf das Leben der Familie und die naturgemäße Weiterführung der begonnenen, natürlichen Lebensweise sind wir nicht vorbereitet." Dasselbe gilt auch ohne Frage von der jüdischen Jugendbewegung. Wir müssen ihr immer dankbar sein, daß sie auch unseren jungen Menschen den „Weg ins Freie" geöffnet hat. Aber darüber hinaus verlangen wir in diesem Augenblick noch mehr von ihr: Einbeziehung ihrer Arbeitskraft in den gegenwärtigen Aufgabenbereich der jüdischen Gemeinschaft, der jüdischen Gemeinde. Wenn nicht alle Zeichen trügen, ist die jüdische Jugendbewegung bereits auf dem Weg, diese Umstellung in sich selbst zu vollziehen. Je mehr sie diesen schweren Gang fortsetzen wird, desto mehr wird sie unsere Forderung nach der Schaffung von Stadtheimen als berechtigt und notwendig einschen. Die Tatsache, daß in jüngster Zeit auch Führer der Jugendbewegung diesen unseren Gedanken propagandistisch durchs Land tragen, beweist uns, wie stark dieser Einglicderungsprozeß bereits Fortschritte gemacht hat. II. Die Gründe, die vom Standpunkt des Jugendvereins aus für die möglichst baldige Erstellung von Jugendheimen sprechen, sind nicht schwer zu übersehen. Die Zeiten sind ja vorüber, in denen junge Menschen bei Uebernahme einer Angestelltentätigkeit gleichzeitig Familienanschluß bei ihren Brotherren fanden. Zudem würde wahrscheinlich dieses Angebot bei den Jugendlichen selbst heute keineswegs mehr allgemeine Freude und Sympathie auslösen. Jugend will heute zu Jugend, um mit Gleichgestimmten und Gleichgesinnten Fragen des eigenen Lebens besprechen, um im Kreis Gleichaltriger nach des Tages Arbeit Erholung und Entspannung finden zu können. Der Jugendverein suchte diesem berechtigten Verlangen nach Möglichkeit zu entsprechen, indem er seine Mitglieder in Arbeitsgemeinschaften zu sammeln, durch Vortragsabende anzuregen, durch frohe Feste zu erheitern bestrebt war. Wie soll aber bei diesen Veranstaltungen eine gemüthafte Stimmung ..aufkommen, wenn der Vortrag — wie das heute noch in den meisten Fällen geschieht — in irgendeiner Wirtschaft stattfindet, und der Redner sich Mühe geben muß, die .im Nebenraum recht laut grölende Hakenkrcuzlerschar zu übertönen, ganz davon zu schweigen, daß die so geartete Bierbankatmosphäre wenig dazu angetan, sein dürfte, die jugendliche und jüdische Note unserer Zusammenkünfte wesentlich zu fördern. Die Jugend braucht einen ihrem Wesen entsprechenden Raum. In mittleren und größeren Vereinen wird zwar ein Raum bei weitem nicht ausreichen. Es dürfte bekannt sein, daß die Jugendvereinsarbeit, die sich früher vielfach in Massendemonstrationen erschöpfte, auch einen Umformungsprozeß durchmacht. An Stelle der Massenbeschäftigung ist heute fast überall das Prinzip der Erfassung der einzelnen Mitglieder in kleinen Arbeitszirkeln getreten. Deshalb brauchen wikneben einem großen Vortragssaal, in dem auch unsere Feste und Feiern abzuhalten wären, eine Reihe von Arbeitsräumen, in denen die Einzelgruppen tagen können. Natürlich wären daneben eta Musik- und Bibliothekzimmer sowie gemütliche Aufenthaltsräume sehr erwünscht. (Handwerksstätten und Turnhalle dürfen nicht fehlen.) Alle diese Räume müßten sachlich,- aber auch anheimelnd und schön eingerichtet sein, sollen sie ihren Zweck erfüllen. Das war ja das Unglück bei unseren bisherigen Zusammenkünften: Waren die Zuhörer durch ein Wort gepackt, durch die Aufrührung eines Problems wirklich gerade dabei, sich zu finden, so kam der Kellner, um uns durch die Zahlungsaufforderung an die Ungemütlichkeit unseres ungastlichen Aufenthalts zu gemahnen. Man mag immerhin darüber spötteln oder darüber sich erregen, daß unsere jungen Leute den Cafehausbesuch vielfach noch immer höher schätzen als die Teilnahme an unseren Vortragsabenden. Viel wichtiger ist die Frage: Was haben die jüdischen Gemeinden eigentlich bis heute Wesentliches getan, um der heranwachsenden Generation, die zum großen Teil als Fremde in der Stadt lebt, einen irgendwie nennenswerten Heimersatz zu schaffen? Kann man es einem jungen Menschen verübeln,' wenn er nach seiner Arbeitszeit auch einige Stunden der Erholung und Erfrischung in einer schönen Umgebung verbringen will? Die nichtjüdischen Religionsgemeinschaften haben die Berechtigung dieses naheliegenden Wunsches längst eingesehen und haben durch Erstellung schön gebauter und zeitgemäß eingerichteter Jugendheime in allen Stadtteilen einen erfolgreichen Kampf mit jenen zweifelhaften Stätten des „unedlen Glücks" aufgenommen, die von unseren jungen Leuten noch immer stark frequentiert werden. Wieviel seelische und körperliche Not ein jüdisches Jugendheim zu heben vermag, das habe ich in London in den von Mr. und Mrs. Henriques geschaffenen „Settlements" zu beobachten Gelegenheit gehabt. Wenn die Jungens und Mädels sich dort wirklich zu Hause fühlen, so geschieht das vor allem aus dem Grunde, weil sie selbst die Verantwortung für das Heim und das Leben in ihm zu tragen haben, weil sie selbst gleichram die Besitzer des Hauses sind. Daraus entsteht eine Arbeits- und Seelengemeinschaft, wie sie ähnlich nur unter den Angehörigen einer großen Familie zu finden ist. Etwas Aehnliches muß uns auch bei der Schaffung unserer Heime vorschweben. Wir wollen in der Großstadt das Haus der Jugend, um die eingesessenen und die zugezogenen Jugendlichen sammeln und miteinander in Kontakt bringen zu können; wir wollen das Haus zu einem jüdischen Heim gestalten, in dem alle Jugendlichen sich wohl und glücklich fühlen sollen; es soll dies Haus nicht zuletzt ein Mittelpunkt des geistigen Schaffens der Gemeinde werden. Wo dieser Plan noch nicht verwirklicht werden kann, da müssen von der Gemeinde oder den Organisationen der Jugend Räume zur Verfügung gestellt werden, in denen sie ihre Heimnachmittage und -abende abhalten kann. Die hierfür erforderlichen Geldmittel kann die Jugend selbst wohl kaum aufbringen. Es muß Aufgabe der Gemeinde und ihrer Verbände sein, die hierzu notwendigen finanziellen Grundlagen zu schaffen. Die Jugend selbst wird immer gern ihr bescheidenes Scherflein hinzugeben und insbesondere durch eirte eifrige Sammeltätigkeit die säumigen Gemeindemitglieder an ihre Pflicht dem kommenden Geschlecht gegenüber gemahnen. Stadt und Staat sind seit langem an der Errichtung solcher Heime interessiert und kargen auch nicht mit geldlichen Zuschüssen, sofern die religiösen Gemeinschaften den Grundstock gelegt haben. — Wenn es wirklich wahr ist, daß das Heim zu allen Zeiten von ausschlaggebender Bedeutung für die Erhaltung des Judentums war, so kann kein gerecht denkender Mensch achtlos an der Heimfrage unserer Jugend vorübergehen. Die deutsche Judenheit, die viele Nöte ha^| darf sich auf die Dauer diesem Notstand ihrer Jugend nicht entziehen, denn es geht dabei um ihre eigene Zukunft. Internationale und interkonfessionelle Zusammenarbeit der lugend Die Frage internationaler und interkonfessioneller Zusammenarbeit der Jugend, die in Deutschland durch die Freusburgtagungen stark in das Bewußtsein der gesamten Jugend gerückt ist und die auch die Kreise unseres Verbandes besonders beschäftigt, hat uns veranlaßt, an eine Anzahl Führer konfessionell und politisch organisierter Jugend mit der Bitte heranzutreten, ihre Gedanken über diese Frage niederzulegen Wir veröffentlichen nachstehend einige dieser Antworten und hoffen, diese Aussprache weiter fortsetzen zu können. Die Schriftleitung. 2