Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 3 (1.3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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keine Ahnung, und es ist so gut wie keiner unter ihnen, der vorbeten könnte. Und das Allerschlimmste ist die religiöse Verwahrlosung der heranwachsenden Jugend. Gibt es doch 14jährige Kinder, die kaum hebräisch lesen können, weil ihre Eltern an Orten wohnen, die einer Kultusgemeinde nicht angehören, und es nicht für nötig hielten, für einen Religionsunterricht ihrer Kinder zu sorgen. Es wäre interessant, festzustellen, wieviel Kinder auf dem Lande keinen regelmäßigen Religionsunterricht erhalten. Kurz: Es ist keine Uebertreibung, sondern leider traurige Wahrheit, wenn man zusammenfassend die Erkenntnis zieht: dem einst so kraftvoll blühenden jüdischen Leben auf dem Lande droht der Verfall. Noch eine Generation weiter, und es werden nicht mehr viel Dörfer sein, in denen noch von einem jüdischen Leben gesprochen werden kann. So geht ein Stück vom besten deutschen Judentum langsam und stetig dem sicheren Untergange entgegen. Wenden wir nun unser Auge ab von diesem traurigen Bilde, blicken wir in die Städte! Dort sehen wir, wie das jüdische Leben geradezu eine Renaissance erlebt. Das gewaltige Erlebnis des Krieges hat weite Schichten wachgerüttelt und ihnen mit grausiger Deutlichkeit gezeigt, wohin das Versinken in geistlosen Materialismus führt. Dort sind Führer erstanden, die der Jugend predigen, daß die entgötterte Zeit, wenn sie genesen will, zurückfinden muß aus dem Sumpfe uferlosen Materialismus' zu den ewigen Wahrheiten, die das Judentum verkörpert. Und mit Interesse oder gar Begeisterung lauscht dort die Jugend diesen Predigern, sie hat sich zu Bünden zusammengeschlossen und erfüllt sich mit dem Geiste unserer großen Geschichte, sucht einzudringen in den Kern jüdischen Wesens und wächst so heran zu bewußten Juden und berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. " Das ist's, was uns auf dem Lande fehlt. Unseren Urgroßvätern genügte es, daß sie ganz einfach ihr Judentum so ausübten, wie es ihnen von ihren Eltern überliefert worden war, weil sie noch einfach und naiv, noch patriarchalisch-gläubig waren. Der Mensch unserer Tage, auch der auf dem Lande, ist differenzierter; er will auch etwas wissen, er möchte das, was er glauben soll, vorher begreifen, er möchte Unterlagen haben, sein Herz kann nur auf dem Umwege über den Geist gerührt werden. Diese Unterlagen fehlen ihm aber vollständig. Wer auf dem Lande zum Beispiel hat einen Begriff von der Ethik des mosaischen Sittengesetzes? Wer hat einen Hauch verspürt von der erhabenen Schönheit der Psalmen? Wer hat eine Vorstellung von der grandiosen Persönlichkeit des Propheten Jesaja? Wer weiß von Rabbi ben Akiba mehr als den Namen? So gut wie niemand. Wenn aber unsere Kinder hören würden von den Großtaten unserer Geschichte, von dem herrlichen Gehalte unserer Religion, so würde auch ihre empfängliche Seele sich entzünden, wie sich die Seele der jungen Juden der Städte entzündet hat, auch sie würden interessiert werden, und mit ihnen würde auch auf dem Lande eine Generation heranwachsen, die auch hier ein neues jüdisches Leben heraufführen würde. Deshalb geht mein Appell an die Berufenen der Städte, hinauszugehen auf das flache Land, zu werben um die jugendlichen Seelen, sie gleich der der Städte zusammenzuschließen zu Bünden und ihr das Judentum wiederzugeben, das ihren Vätern verlorengegangen ist. „Zionistische Jugendbewegung" Zum Artmei Ernst Holzers In Hr.l. 14. Jahrg. „Der Jugendbund" Aus einem Briete des Herrn Dr. s. Kanowitz, Benin, an die schriflieitung „Ich möche nicht unterlassen, Ihnen mizuteilcn, daß diese Besprechung meiner Broschüre mich aufs tiefste befremdet hat. Nicht die Tatsache, daß hier etwa eine gegenteilige Meinung verfochten wird (im Gegenteil, das Bedauerliche an diesem Aufsatz ist, daß er nirgends zu einer grundsätzlichen Betrachtung vordringt), gibt zu diesem Befremden Anlaß. Wenn man ein so umstrittenes Problem, wie das des Zionismus und besonders das der zionistischen Jugendbewegung zur Diskussion stellt, muß man auf Kritik und Abwehr gefaßt sein. Hier geht es jedoch um etwas anderes. Dieser Aufsatz von Herrn Holzer, den zu kennen ich nicht den Vorzug habe, gipfelt letzten Endes in einer Reihe von persönlichen Vorwürfen und Angriffen gegen den Verfasser, die zurückzuweisen ich mich gezwungen sehe. Zunächst einmal fühlt der Referent sich veranlaßt, mir Mangel an Takt vorzuwerfen und mir eine Art der Propaganda zuzuschreiben, „die jeder mit offenem Visier kämpfende Zionist ebenso scharf ablehnen muß, wie jeder, der ein Interesse an einer ehrlichen Darstellung der jüdischen Jugend hat". Taktlosigkeit und Mangel an Ehrlichkeit! Wie groß muß mein Vergehen sein, um mir solche Schmähungen zuzuziehen! Ich habe das Verbrechen begangen, in einem Sammelwerk, das der Darstellung der deutschen Jugendbewegung gewidmet ist, einen Aufsatz über zionistische Jugendbewegung zu veröffentlichen. Ich habe mich, wie Herr Holzer schreibt, ,,mit falscher Maske in anderem Kreise bewegt". Daß in diesem Sammelwerk kein Aufsatz über die jüdische Jugendbewegung enthalten ist, kann man mir nicht zum Vorwurf machen, da ich auf die Redaktionsfiihrung dieses Werkes naturgemäß keinen Einfluß hatte. Einen Beitrag über zionistische Jugendbewegung abzulehnen, hatte ich keinerlei Veranlassung. Die Ueberschrift besagt ja ganz deutlich, daß ich hier nicht die jüdische Jugendbewegung darstellen wollte, sondern eben die zionistische. Ein falscher Eindruck beim Leser ist also von vornherein ausgeschlossen. Der Vorwurf wäre doch nur gerechtfertigt gewesen, wenn ich unter der Ueberschrift „jüdische -Jugendbewegung" eine tendenziöse Darstellung gegeben hätte und die zionistische Jugendbewegung als die einzige repräsentative Bewegung dargestellt hätte. Davon kann aber bei dieser Sachlage gar keine Rede .sein. Daß wir an sich das Recht haben, in diesem Sammelband mitzuwirken, wird man um so weniger bestreiten können, wenn man der Beweisführung eben dieses Artikels folgt, in dem ausführlich dargestellt wird, wie sfhr die zionistische Jugendbewegung von der deutschen geformt und beeinflußt wurde. Die kulturellen Bindungen mit dem deutschen Volk, den Einfluß des deutschen gesellschaftlichen und kulturellen Lebens auf unser Leben hier haben wir nie geleugnet. Eine Darstellung der zionistischen Jugendbewegung in diesem Zusammenhang ist also aus durchaus legitimen Gründen erfolgt. Herr Holzer hält mich aber für einen ganz raffinierten und gesiebten Betrüger. Ich habe, getrieben von meinem schlechten Gewissen, mir „schon ein Hintertürchen offen gelassen", und zwar durch meine Vorbemerkung, daß die vorliegende Schrift erst in zweiter Linie der innerzionistischen und innerjüdischen Auseinandersetzung dient. Es sollte mit diesem Satz lediglich angedeutet werden, daß ich auf die vielen Probleme, die bei einer innerjüdischen und innerzionistischen Auseinandersetzung berührt werden müssen, in dieser Schrift nicht eingehen konnte. (Z. B. die Frage der Chaluziuth, die Frage unserer Bildungsarbeit, die Frage des innerzionistischen Parteilebens, das Verhältnis von Jugend und Organisation usw. usw.) Keinesfalls wollte ich mit dieser Bemerkung einer innerjüdischen Auseinandersetzung aus dem Wege gehen, und ich kann auch zu meiner Freude feststellen, daß sich mit der vorliegenden Broschüre Menschen aus allen jüdischen Lagern ernsthaft auseinandergesetzt haben (so die Jüdisch-liberale Zeitung, Jugendbeilage der Zentralvereinszeitung, Jüdische Rundschau und so fort). Aber selbst die erklärtesten Gegner der zionistischen Jugendbewegung haben sich nicht zu einem' solch ungezogenen und unsachlichen Ton hinreißen lassen, wie der Referent Ihrer Zeitung. Herr Holzer bewegt sich in merkwürdigen Gedankensprüngen. Aus meiner Auffassung, daß in diesem Existenzkampf, den heute das jüdische Volk kämpft, die Jugend sich mit einem eindeutigen Ja oder Nein für eine bestimmte Auffassung entscheiden muß, folgert Herr Holzer, daß ich der nichtzionistischen Jugend unterstelle, daß „sie dem jüdischen Volk in den Rücken fällt". Er bezeichnet das geschmackvollerweise als Dolchstoßlegende. Es folgen dann weiter Bemerkungen über meinen „ad hoc produzierten Versammlungston", über „Taktlosigkeit", dann Vorwürfe, daß ich mein „bißchen Zionismus" nicht über mein Judentum zu stellen vermöchte und weitere Ungezogenheiten in einer solchen Fülle, daß es unmöglich ist, darauf einzugehen. Und was das 5