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Der Jugendbund · 1928-03-01 · 3 (1.3.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
3 (1.3.1928)
Date
1928-03-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Bedarf es anderseits der Erwähnung, was der Verband den in seinen Bünden tätigen Rabbinern und Lehrern verdankt?! Wissen wir nicht mehr, wie wir vor nicht allzu langer Zeit nach Lehrern und ihrer Mitarbeit gerufen haben?! Mit der Verbandsgeschichte sind Namen, wie: Klein, Lazarus. Hahn, und von Lehrern: Weinberg, Steinhardt, Rothschild, um wahllos einige wenige zu~nennen, unlösbar verbunden; und die vielen Unbekannten dürfen wir nicht vergessen, die in aufreibender Kleinarbeit bei Heimabenden und auf Vortragsreisen eindringlichst gewirkt haben. Möchten wir doch endlich mit ..neuer Sachlichkeit" nur nach dem tatsächlichen Können unserer Führer fragen und nicht danach, ob sie der Priester:, Kaufmanns- oder einer anderen Kaste angehören, dem Jahrgang 1875 oder 1900. Jeden wollen wir gerne Führer nennen, der uns wegweisend, lebendig voraneilt. Sind nicht Rabbiner und Lehrer, wenn die menschlichen Voraussetzungen erfüllt sind, die natürlichen, selbstverständlichen Führer jüdischer Jugend zu jüdischem Wissen und Leben? Und nicht wahr: Wir wollen doch lernen und durch das Lernen leben und nicht nur auf der leichten Wolke der schönen Rede dahinsch weben? Ich habe einige „alte" Freunde im Verband — darunter auch Rabbiner und Lehrer —, die sind mir mindestens so lieb als zwei Dutzend „herangebildeter" junger „Führerpersönlichkeiten"! Und nun zur „neuen Sachlichkeit". „O frischer Duft, o neuer Klang" — seit langer Zeit wieder einmal eine neue Richtung! Die Männer des Pinsels und der Feder hauen sich zwar noch herum ob des recht aparten Ausdrucks. Doch sie scheint Karriere zu machen, die neue Sachlichkeit. Neulich haben sich junge Dichter in einer Zeitschrift, die Klaus Mann, der junge Dichter (oder Dichterjunge, wie man will), redigiert, nicht sehr sachlich der neuen Sachlichkeit angenommen. U. a. stand dort ungefähr auch folgendes zu lesen: Der junge Mann (nicht Klaus, sondern die Gattung!) von heute ist „sachlich", klar denkend und sitzt gepflegt (!) am Steuer seines Rolls Royce (Gott vergebe mir, wennich das falsch geschrieben haben sollte!). Das sollte ein Beispiel für die menschliche Auswirkung der neuen Sachlichkeit sein. An diesen lungen Mann am Steuer seines Automobils mußte ich denken, als ich in E. Rs. Artikel den Satz las: „Die junge Generation von heute glaubt mehr an Tatsachen als an Ideen, ist sehr sachlich, ist opportunistischer (!), Romantik, Ideale und Ideen treten zurück hinter den Gegenwartsfragen, sind der heutigen Generation fremd." Auf die Verwirrung der Begriffe in diesem Satz können wir nicht eingehen und bemerken nur folgendes: Soll tatsächlich der Verband einer opportunistischen Jugend Konzessionen machen? Ich meine, der Bedarf an Opportunisten in allen Lagern ist mehr als gedeckt! Die Jugend „glaubt mehr an Tatsachen" — nicht Taten, Tatsachen! — „als an Ideen"? Uns klingt's im Ohr wie Trans-Ojeanflug, Turbinen und Antennenwehen! Ja, hieße es: Die Jugend glaubt an die Tat! Da stimmten wir freudig zu. Aber sie glaubt an Tatsachen, läßt das, was irgendwo, irgendwie gemacht wird, auf sich zukommen und — opportunistisch, wie sie ist, verbeugt sie sich devot vor der Macht der Tatsachen, stellt sich „auf den Boden der gegebenen Tatsachen"?! Mag sein, daß wir uns in der Beurteilung der Bestrebungen Roths irren, dann hat er sich aber verd — u n sachlich ausgedrückt. Ein anderer Punkt. E. Rs. Einstellung, Ideen träten zurück hinter Gegenwartsfragen, ist falsch, weil auch hier die Begriffe schwanken. Ob Gegenwarts- oder andere Fragen, in jedem Fall sind sie, solange es sicu um Geistiges handelt, nichts anderes als Zusammentreffen, Beziehungen, Kämpfe von Ideen! Und diesen müssen wir eigene Ideen, ja sogar die verpönten Ideale entgegensetzen oder versuchen, sie miteinander zu verbinden. Tatsachen sind immer nur Ergebnis, Ausfluß sie wünschender, erweckender Ideen! Nur auf dem Boden einer gefestigten, geistig-ideelichen und jüdischen Einstellung können wir durch die Wirrnis der Erscheinungen unseren Weg gehen. Meint aber E. R„ daß letztes Ziel unserer Arbeit nicht Probleme- und Ideenkämpfe, sondern die Tat sein soll, daß jüdische Geschichte, Religion für uns nicht Angelegenheiten der schöngeistigen oder gelehrten Betrachtung, nichts Antiquiertes sein sollen, sondern nur Boden für lebendige, konsequente Fortentwicklung in der Gegenwart durch uns selbst, durch unser Tun, dann reichen wir uns die Hände. Zum Schluß warnen wir eindringlich vor der Etablierung des Schemas, vor der Verehrung des Schlagworts, das zum Dogma erhoben wird. Gebe Gott, daß wir eine Jugend zu uns rechnen dürfen, die geadelt ist durch heilige Leidenschaft, durch die Besessenheit von der Idee. Zu dieser Jugend rechnen wir uns, nicht zu d e r\ die unangenehm kühl und skeptisch an die Dinge herangeht. Die Sachlichkeit nennen wir auch die unsere, die arbeitet und wirkt sachlich, d. h. mit den zweckdienlichsten und der Vernunft gemäßen Mitteln an der gemeinsamen Sache um der Sache willen. Dazu bedarf es keiner knallenden Parolen, keiner Kritik am falschen Platz. Sowohl für die Führerwahl als auch für die Lehr- und Lernarbeit gilt, daß wir uns nicht nach aus der Zeit auftauchenden und ebenso wieder verschwindenden Irrlichtern richten, sondern nur nach immer gültigem geistig-seelischen Wertmaß. Der Verfall des jüdischen Lebens auf dem Lande Ein Hilferuf! uon Leo Frank In weiten Kreisen der Judenheit der Großstädte gilt es als feststehende Tatsache, daß das flache Land noch immer eine sichere, vom Zeitgeist wenig angefressene Domäne, eine Hochburg, ja ein Reservoir des Judentums sei. Das ist wohl einmal so gewesen, aber — Gott sei es geklagt! — es ist nicht mehr so. In folgendem soll versucht werden, den wohlmeinenden Kreisen dieser großstädtischen Judenheit die Augen zu öffnen, ihnen das jüdische Leben auf dem Lande in seiner wahren Gestalt zu zeigen und — das Wichtigste: sie zur dringend notwendigen Hilfe aufzurufen. Es ist noch nicht allzu lange her, etwa 40 bis 50 Jahre, da gab es in den Dörfern und kleinen Städtchen der mit Juden ziemlich dicht bevölkerten nassauischen Heimat des Schreibers dieser Zeilen wohl kaum eine jüdische Familie, die nicht einen streng koscheren Haushalt geführt hätte; wohl kaum kam es vor, daß ein Jude am Sabbat Geschäfte machte, treu und brav besuchte jeder ohne Ausnahme den sabbatlichen Gottesdienst, es sei denn, daß einer gar zu entfernt von der nächsten Synagoge gewohnt hätte; jeder ältere Mann war in den Riten und Minhokim gut bewandert und imstande, am Feiertag vorzubeten. Und wenn auch kleine oder auch manchmal größere Alltagsstreitereicn vorkamen — in welcher Gemeinschaft und zu welcher Zeit sind die nicht vorgekommen! —, so umschlang doch die alten Landjuden unserer kleinen Gemeinden, ja der ganzen Gegend, ein festes, schönes Band der Zusammengehörigkeit und, was mehr ist, des herzlichen Verbundenseins. Kurz: die Jüdischkeit war eine im Herzen wurzelnde Selbstverständlichkeit. Leider ist das heute ganz, ganz anders geworden. Wohl sind die meisten Haushaltungen noch koscher, aber die Zahl derer, die es nicht mehr sind, ist doch schon betrübend groß. Gibt es doch sogar in der Nähe des Wohnortes des Schreibers dieser Zeilen Dörfer, in denen Juden Schweine schlachten für ihren Haushalt! Wohl sind die meisten Geschäfte auch heute noch am Sabbat offiziell geschlossen, doch mehr oder weniger offen oder versteckt oder auch ganz ungeniert werden Geschäfte gemacht, obwohl im Gegensatz zu den Geschäftsbetrieben in der Stadt die kleinen ländlichen Betriebe, so wie sie in unserer Gegend gelagert sind, eine vollständige Sabbatruhe meist _sehr wohl vertragen könnten. Wohl ist da, wo noch ein Gottesdienst .stattfindet, noch ein älterer Mann vorhanden, der vorbeten kann; doch ist dieser einmal nicht mehr da, so ist niemand, der ihn ersetzen könnte. Die jüngeren Leute, soweit sie überhaupt zu einem Gottesdienst gehen, tun dies vielfach nur, weil ihre Eltern es wünschen; sind diese einmal nicht mehr da, so werden sie wohl ganz wegbleiben. Von den Riten haben sie mit geringen Ausnahmen wenig oder

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