Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 3 (1.3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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geschwunden. Wir können das bedauern. Aber wir haben es als eine Tatsache hinzunehmen. Es sind andere Werte an deren Stelle getreten, aber es gibt in diesen Dingen nicht ein einfaches Zurück. Deshalb ist auch hier ein vorsichtiges und langsames Bauen notwendig. Es ist etwas Urgegebenes in uns, ein Stückchen jüdische Heimat. Unsere Geschichte ist nicht spurlos an uns vorübergegangen. Wir können unserer Geschichte nicht entfliehen, nicht ausweichen nach der Seite des geringsten Widerstandes. Wir werden die Last unserer Geschichte nicht los, indem wir sie ignorieren.. Es gibt in jeder Geschichte das Nahe und das Ferne, das Lebendige und das, was nur der Erinnerung angehört. Aber auch in letzterem stecken Eigenwerte, und es ist erwünscht, sie kennen zu lernen. Es erscheint notwendig, daß unsere Jugend im jüdischen Wesen wieder einen festen Halt gewinnt, daß sie ihren jüdischen Mittelpunkt wiederfindet. Dann erst, wenn sich unsere Jugend wieder selbst gefunden hat, kann sie ihre eigene Note hineintragen in die deutsche Jugendbewegung und damit einen Faktor innerhalb der deutschen Kultur darstellen. Aber sie muß sich zuerst selbst wiedergefunden haben in dem Sinne Goethes: So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen. So sagten schon Sybillen und Propheten, Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. Wie kommt unsere Jugend zu ihrem Selbst? A. Sie muß unser Schrifttum kennen lernen. Das gebietet die intellektuelle Rechtschaffenheit. Sie verbietet auf allen Wissensgebieten ein Urteil ohne vorherige Orientierung. Ueber das Judentum hat unsere Jugend aber meistens ein Urteil, ohne es kennengelernt zu haben. Sie hat kritiklos Urteile übernommen und von diesen lebt sie. Sie soll das Judentum zuerst kennen lernen. Aber nicht nach der Weise unserer Zeit, in großen Ueberblicken, unter großen Gesichtspunkten, zum Zwecke rascher Orientierung. Nein, die Jugend soll lesen und lernen in unseren Quellen, im Original, in Uebersetzungen, langsam, sich bescheiden, wenn die Sache nicht in kurzer Zeit bewältigt werden kann. Freilich soll unsere Jugend die Bibel mit der Ehrfurcht lesen, die sie verdient, mit dem Bewußtsein, daß sie hier Urkunden von dem göttlichen Wirken an dem jüdischen Volksgeiste vor sich hat. Dieses Bewußtsein wird das Lernen in freudige Hingabe an den Quell unseres Seins, an die Urkräfte unserer Gemeinschaft wandeln. B. Unsere Jugend muß Anschluß suchen an unsere jüdische Gemeinschaft und an das religiöse Leben derselben. Diesen Anschluß gewinnt unsere Jugend nur durch strenge Selbsterziehung, er kommt nicht als Geschenk zu uns, er ist die Frucht mühevollen Ringens. Wenn unsere Jungens und Mädchen die Synagoge aufsuchen, sich den Weg frei machen für ein kurzes Gebet, für einen Dank für Genossenes, dann finden sie diesen Anschluß und damit die ewigen Kräfte des Judentums, denn sie rauschen in dem religiösen Leben der Gemeinschaft. Die jüdische Tradition will nicht unbesehen abgelehnt sein, sie will verstanden sein, und verstehend können wir ihr nahen. C. Alle jüdischen Fragen unserer Zeit sollten unsere Jugend lebhaft interessieren. Es kann ihr nicht gleichgültig sein, wer in unseren Gemeindestuben sitzt, was darin beraten und beschlossen wird, welche Vereine die Gemeinde hat, wer sie leitet und wie sie geleitet werden, welche Verfassung unsere Gemeinschaft organisiert, wie die Organe dieser Verfassung ihr Amt ausüben. Bei der Frage der Berufswahl darf sie nicht willenloses Objekt sein, sondern gestaltendes Subjekt, sie muß wissen, wie die sozial niederstehende Jugend neben ihr lebt. Wie kann sie sich ihrer annehmen? Judentum und Deutschtum, deutsche Juden und Ostjuden, das jüdische Gesetz und die Forderungen der Zeit usw. Ein Wille zur Mitarbeit und zur Lösung dieser und ähnlicher Fragen muß vorhanden sein. Es berührt die besondere Haltung zur Kultur unseres Heimatlandes nicht, wenn unsere Jugend gebend und nehmend an dem neuen Werden in Palästina teilnimmt. Alle Fragen, die dort ausgekämpft werden, sind echte Jugendfragen und können auch zur Lebensbereicherung unserer Jugend beitragen. Nicht« Jüdisches darf unserer Jugend fremd sein. D. Endlich gelangt der junge Mensch zum Jüdischen auch dadurch, daß er sich gewöhnt, alle Jugendfragen im Licht und Geiste des Judentums zu betrachten: Staat, Beruf, sexuelle Fragen, Alkohol, Nikotin usf. Alle diese Fragen sollten an dem Maßstab unserer Gotteserkenntnis und unseres religiösen Bewußtseins geprüft werden. Das würde den jungen Menschen von dem großen Irrtume befreien, das religiöse Leben als eine isolierte Insel des Lebens anzusehen. Alle Vorgänge um uns und in uns im Lichte unserer Religion zu sehen, das führt uns zu uns selbst, zu unserem Judesein, dann ist dieses nicht etwas Losgelöstes, das nur dann und wann auftaucht, sondern etwas mit unserem ganzen Sein eng Verbundenes, das uns in allen Lebensäußerungen Führer und Lehrer ist. Wer soll in den Bünden führen? Die Jahre dürfen nicht entscheidend sein. Jeder, der Gläubigkeit, Begeisterrmgsfähigkeit und Hingabe besitzt, soll leiten dürfen. Jeder, der fern von jeder Selbstsucht ist, Liebe zur Jugend und zum Judentum hat, wird Liebe aus den Reihen der Jugend finden, und er soll führen^/denn die Jugend wandelt sich dem Bilde des Menschen >rfach, den sie liebt. Nur die Stumpfheit und alle die ihr Verfallenen sollen aus dem Jugendreich verbannt sein. Und wer soll in den Bünden sein? Ich antworte mit einem Wort Martin Bubers. In seiner ersten Rede über das Judentum steht am Schlüsse folgende Parabel: Vor den Toren Roms sitzt ein Bettler und wartet. Es ist der Messias. Damals kam ich zu einem alten Mann und frug ihn: Worauf wartet er? Und der alte Mann antwortete mir etwas, was ich damaliTlicht verstand und erst viel später verstehen gelernt habe, er sagte: Auf dich! Grundsätzliches zu Eugen Roths Ausführungen über .Kritisches zur Entwicklung des Verbandes" Von Kurt Bachrach, Kreuznach Bevor wir Kritiken von uns geben, sollten wir sie noch einmal beschlafen. Am anderen Morgen hätten wir es uns sicherlich anders überlegt. < So sehr wir Eugen Roths ehrlichen Willen, dem Verband weiterzuhelfen, anerkennen, so müssen wir dennoch feststellen: Diese Kritik an der Entwicklung des Verbandes besteht aus einem alten, oft widerlegten, und einem neuen, noch hübsch gärenden Schlagwort! Uns will' scheinen, als ob zwei winzige Schlagworte, in größeren Portionen von Verbandsmenschen genossen, eine viel größere „Gefahr für die zukünftige Entwicklung unseres Verbandes" bedeuten als die Tatsache, daß vielerorts Rabbiner und Lehrer die Leitung unserer Arbeit und Bünde in Händen haben! E. Rs. Wunsch, an deren Stelle „junge Menschen zu Führerpersönlichkeiten heranzubilden" (was nian m. E. nicht kann, wenn's nicht „drinliegt"), ist in ähnlicher, vielleicht schärferer Form so ziemlich jedes Jahr einmal in Verbandsköpfen aufgetaucht: .nämlich Rabbiner und Lehrer, kurz die „Geistlichkeit", an die Wand zu drücken. Psychologische Begründung: Rabbiner und Lehrer werden irgendwie als notwendige Uebel empfunden; man nimmt ihnen dadurch aber die Möglichkeit freier Kräfteentfaltung, anstatt mit ihnen gemeinsam zu schaffen. Es ist ein herrlicher Gedanke, daß junge Menschen die Bünde leiten, ja es sollte — allerdings ist das Idealfall — selbstverständliche Voraussetzung sein, daß Jugend jugendliche Führer ihr eigen nennt. Die jugendlichen Führer müssen aber „führen" können! Wir müssen anderseits so viel Verantwortung in unserer Arbeit aufbringen, um es abzulehnen, diese Arbeit zur „Heranbildung" von Führerpersönlichkeiten zu benutzen. Die müssen aus der Arbeit heraus sich frühzeitig als solche erweisen, und sie werden es. Aus Junggruppen gehen sie hervor, in Arbeitsgemeinschaften fallen sie angenehm auf, an großen Vortragsabenden greifen sie in die Diskussion ein — und sind plötzlich da: geborene Führer. Und die Bünde werden sie an sich ziehen. Stoßtruppleiter, politische Agitatoren kann man heranbilden, Führerpersönlichkeiten nicht! 3