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Der Jugendbund · 1928-03-01 · 3 (1.3.1928) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
3 (1.3.1928)
Date
1928-03-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Dil Arbeit in den lugendbünden Raterat auf! der tieiegiertenversammlung des Landesverbandes der lud. Jugend vereine in Württemberg von Theodor Rothschild, Eßlingen Das Weltjugendtreffen in Bierville 1926, sowie auch das vorjährige auf der Freusburg im- Siegerland bedeuten einen wesentlichen Einschnitt in der Jugendbewegung. Die Jugend befaßte sich auf diesen beiden Tagungen mit prak tischen Fragen: Krieg und Frieden, Kriegsverweigerung. Alkohol. Nikotin usw. Es machte sich ein deutlicher Ruck von Utopien, Romantik, sentimentaler Beschaulichkeit bemerkbar. Die Jugend kehrte zurück zu Sachlichkeit, Wirklichkeit und nüchterner Realität. So haben sich auch eine ganze Reihe Jugendbünde wie Pfadfinder, Wandervogel, Köngener Bund usw. zu einem einheitlichen Bund: die Neue Schar, zusammengeschlossen und zeigten damit den Wunsch zu praktischer Arbeit. Die Jugend wollte zuviel. Sie wollte die Welt reformieren und hatte doch nur ganz wenig Möglichkeiten, auf die Welt der Tatsachen einzuwirken. Die ganze Wandervogelbewegung war nichts als eine Flucht vor dem Leben, das nicht gefiel, vor der Realität, eine Ausschaltung der Tatsächlichkeit. Heute haben wir kein richtiges Verhältnis mehr zu irgendetwas, was nach Utopie oder Romantik aussieht. Wenn wir darum einige Hinweise für die Arbeit in unseren Jugendvereinen geben, so wollen sie der neuen Sachlage in der Jugendbewegung weitestgehend Rechnung tragen. Was soll die Jugend in ihren Bünden tun? 1. Am deutlichsten zeigt sich die Freude der Jugend an der Körperkultur: Baden, Sport. Wandern. Die Jugend pflegt diese Dinge nicht nur darum so gern, weil sie die Blutzirkulation befördern, den Stoffwechsel beschleunigen, das Nervensystem anregen, sondern weil sie seelische Spannungen zur Entladung bringen, weil das Wachsen und Reifen eine innere Unruhe verursacht, die der junge Mensch in der Aufmerksamkeit für die Ausbildung und Pflege seines Körpers ableiten möchte. Viele wilde Triebe werden hier in wertvolle Energien umgeleitet: Der Wille wird gestählt, die ungezügelten Kräfte in Zucht und Ordnung genommen, dem Geist seine Spannkraft wieder zurückzugeben, Lustgefühle, die eine Lebenssteigerung und Lebensfreude bedeuten, werden hervorgerufen und gemeinschaftsbildende Kräfte erzeugt und gepflegt. Freilieh soll unsere Jugend nicht ein Sklave dieser Körperkultur werden, der sie jede freie Minute opfert, und die sie^ durch zahllose Wettspiele auf bedenkliche Abwege leitet. Gering zu , werten ist das reine Sportinteresse, das unsere Jugend auf jeden Sportplatz treibt und sie nach jeder Sportzeitung greifen läßt, das aber nicht so stark ist, daß es den jungen Menschen zur aktiven Teilnahme an sportlichen Leistungen treibt. Auf diesem Gebiet soll unsere Jugend etwas leisten und nicht nur davon sprechen. 2. Gesunde Jugend ist gesellig und anschlußbedürftig, sie sucht nach Ergänzung. Die Hoffnung, daß sich aus den Lebensformen der Jugendbewegung eine neuartige Geselligkeit edlerer Art entwickeln würde, hat sich nicht erfüllt. Unsere Bünde könnten dahin streben, diese Schuld der Jugend einzulösen und dafür besorgt zu sein, daß unser geselliges Leben wieder Schönheit und Würde atme. Ich schließe mich hier unserem Jugendführer Dr. Löffler, Frankfurt am Main, an und stelle mit ihm an die Geselligkeit drei Forderungen: Sie diene der Entspannung, d. h. nicht, daß sie gar keine Ansprüche an unsere Aufnahmefähigkeit stelle, sondern, daß sie nur die teilweise Ermüdung berücksichtige, aber alle die Kräfte beanspruche, die durch unsere Tagesarbeit brach liegen geblieben sind. -Die meisten Menschen bringen zur Geselligkeit ein Geltungsbedürfnis mit, sie wollen dabei mittun. Es sollten bei , jeder Geselligkeit also möglichst viele junge Menschen zu Mitträgern der Veranstaltung gemacht werden, also Vereinsorchester, Sprechchor, Laienspiel, Singgruppen. Endlich soll die Geselligkeit lebenssteigernd sein, uns also in die Sphäre wahrer Kultur hineinheben und selbst zu einem richtigen Kulturfaktor werden. Jede Geselligkeit sei somit eine gehobene, die Geist und Seele speist und fördert. Also nur edle Kunst bieten, jede Art von Kitsch sei aus dem Darzubietenden verbannt. Die Geselligkeit soll unseren Sinn für das Schöne und für die echte Kunst wecken und speisen. 3. Im allgemeinen wehrt sich der junge Mensch gegen die Arbeit. Die Jugend besitzt den Arbeits- und Bildungsdrang nicht, den wir gewöhnlich bei ihr voraussetzen. Doch ist in aller gesunden Jugend diesem Trägheitsgesetz auch ein gewisses Gegengewicht beigegeben, in dem jugendlichen Trieb zu reifen, zu wachsen, über das Jugendwesen hinauszukommen. Aber zuviel dürfen wir von der Lernarbeit in den Jugendbünden nicht erwarten. Dabei hüte man sich, diese Arbeit der Jugend zu leicht zu machen, sie zur Spielerei herabzudrücken. Denn die Arbeit hat ihre eigen« Würde und ihre eigene Freiwilligkeit, die mit dem Verzicht und seiner Größe zusammen: hängt. Sie verlangt Opfer, und nur wer sie bringt, darf die Früchte der Arbeit genießen. Der junge Mensch soll in den Bünden eine n.eue Art von Arbeit kennen lernen, die sich , von der landläufigen Schularbeit wesentlich unterscheidet. Die Jugend muß selbst aktiv dabei sein, die Arbeit vollziehe sich nach einem klaren Plane, schreite langsam vorwärts. Man vermeide also große Vorträge von hervorragenden Rednern. Diese können nur dann und wann als besondere Unterbrechung der gewohnten Arbeit auftreten, gleichsam als Feststunden. Die Arbeit soll nicht eine Einzelleistung, sondern eine Gesamtleistung darstellen. Sehr nahe kommen der besten Arbeitsweise in den Bünden die Görlitzer Freunde. Man lese nach, was sie im „Jugendbund" Nr. 11. Jahrgang 1927, darüber schreiben. Bei aller Lernarbeit sind hauptsächlich zwei Dinge zu beachten. Alles Zusammensein mit der Jugend muß etwas von der warmen Beziehung von Mensch zu Mensch spüren lassen. Es muß im jugendlichen Eros begründet sein, in der Lieb« zu dem'lebendigen Schönen, das im Führer oder im Freunde verkörpert ist, in der Sehnsucht nach dem, was dem einzelnen an seelischen Werten fehlt. In der Arbeitsgemeinschaft, beim Heimabend usw., sollte alle ein freundschaftliches Verhältnis umspannen, etwas Warmes. Gemütliches, muß sich dabei einstellen. Aber dieser jugendliche Eros als wichtiger Erziehungsfaktor ist allein nicht in der Lage, eine Gruppe auf die Dauer zusammenzuhalten. Eine solche idyllische, auf Freundschaft aufgebaute Gemeinschaft — die immer ein« Flucht vor der Wirklichkeit bedeutet und darum auch in der ganzen Jugendbewegung eine so große Rolle spielte — ist zu sehr auf persönlich-erlebnishafte Basis gestellt. In dieser Sphäre entstehen leicht Konflikte, der Boden ist zu wenig gefestigt und darum wankend. Es muß darum als Gegengewicht ein zweites hinzukommen: Nämlich eine bestimmte sachliche Aufgabe, ein Inhalt, eine gemeinsame, in der Realität fest verwurzelte Idee, eine Verantwortung, eine ganz klare Pflicht. Bei jeder Jugendarbeit müssen diese zwei Kreise in ihrer Wechselwirkung vorhanden sein: Gemeinschaft und sachliche Aufgabe. Wieviel Heimabende sind schon gescheitert, weil sie wohl gemütlich, freundschaftlich fundiert waren, denen aber dies feste, klare Arbeitsgebiet fehlte, und ebenso war es auch umgekehrt: Wo die Jugend nur lernen sollte, wo also eine sachliche Aufgabe da war, aber der Führer sich nicht um die gemeinschaftsbildenden Instinkte kümmerte. Die Jugend sah darin nur eine Zweckorganisation und wich enttäuscht aus. Wie soll's gemacht werden? So wie es Herr Rabbiner Dr. Schorsch in Hannover in seinem Jugendgottes* dienst macht. Er versammelt die Jugend am Sabbatnachmittag, spielt mit ihr, liest mit ihr, stellt ein warmes, freundschaftliches Verhältnis her, dann erst geht's zum Gottesdienst, den die Jungen ganz allein bestreiten. Nach dem Gottesdienst wird ein kleiner Imbiß gereicht, dabei gemütlich geplaudert und zum Schluß das Tischgebet gesprochen. Wir haben hier die beiden Grundlagen für geistige Arbeit mit der Jugend glücklich vereint. 4. Die Jugendbünde haben aber auch eine jüdische Aufgabe zu lösen. Wir müssen uns auch hier ganz klar sein. Die Jugend, besonders in der Stadt, hat Dinge abgebaut, die für sie unmöglich geworden sind: Die prinzipielle Ehrfurcht vor allem Gewesenen und Aelteren, vor gewachsenen Autoritäten. Die Loslösung von alten überlieferten Lebensverhältnissen hat sich vollzogen, die Bindung an die Religion ist

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