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Der Jugendbund · 1928-02-01 · 2 (1.2.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
2 (1.2.1928)
Date
1928-02-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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zeichneten abweichen, weil eben die verschiedenen Faktoren, wie sie persönliche Anlagen, Elternhaus, Schule, Milieu, Groß- und Kleinstadt u. a. bedingen, den Jugendlichen verschieden formen. Die Grundzüge dürften aber doch bei allen übereinstimmen. In der Seele des Jugendlichen — ich spreche jetzt nur vom Durchschnittstyp des Junggrupplers, wie er sich mir darbot — ist ein Widerstreit. Er fühlt die eigene Unfertigkeit, er sieht die tausend Lücken, er greift geradezu die eigene Kleinheit — und hat doch den Widerwillen, die' Lücken auszubessern, die Unvollkommenheit zu verdecken. Die Erscheinungen der Entwicklungsjahre, die bei dem einen ganz besonders stark und bei dem andern schwächer oder fast gar nicht hervortreten: Der Junge sucht durch energisches Auftreten, durch lautes, oft auch freches Reden, nötigenfalls durch den Gebrauch ' der Fäuste die eigene Leere zu verdecken. Er sucht sich selbst durch Frechheit zu imponieren. Sich unfertig fühlend, ohne sich selbst und anderen diese Unfertigkeit eingestehen zu wollen — das ist das Merkmal der Psyche dieser Altersstufe. Sogleich für etwas begeistert, im nächsten Augenblick dagegen empört; eben für die Ideale gewonnen, bald nicht mehr dafür zu gewinnen. Ohne Interesse für das, wofür sie eben geschwärmt, stürmt sie wie eine wildgewordene Schar davon. — Die Jüngeren sind schweigsamer, treuer, ausharrender; sie sind noch Kinder, wollen ihr kindliches Wesen nicht verdecken, machen auch weniger darauf Anspruch, eine eigene Meinung in allem zu haben und sie stets durchzusetzen. Auch die Aelteren sind noch stark im Phantasieleben befangen, suchen Stoff für ihre Phantasie, wenn auch schon die großen Umrisse einer begrifflichen Weltanschauung in weiter Ferne heraufsteigen. Jedoch unbewußt. Nicht, daß sie, ausgenommen einige wenige, sich eine Weltanschauung bilden wollen. Absolut nicht. Von Bedürfnis nach gedanklicher Aussprache und wissenschaftlicher Erkenntnis ist keine Rede. Im Gegenteil, diese Jugend scheut sich, weltanschauliche Gespräche zu führen. — Bei den Mädchen hingegen ist mehr geistiges Interesse vorhanden. Wie überhaupt die Mädchen viel hingebungsvoller und innerlicher veranlagt sind. | Natürlich gibt es auch unter ihnen einige, bei denen mit dem Backfischalter Putzsucht, Eitelkeit und Unlust an allem Geistigen erwachen. Dieser Umstand der Indifferenz der jungen jüdischen Ju- und ächzend und pustend keuchte das Maschinchen durchs Land. Weit waren wir noch nicht, ich glaube, daß es kurz hinter Selters war, da geschah ein Ruck und unser Expreß blieb mit solcher Plötzlichkeit stehen, daß wir mit den Köpfen aneinanderrasselten. Was war geschehen? Den Kopf zum Fenster hinaus und nachgeschaut. Ein großes Unglück! Ein Baum von noch nicht einmal mittlerer Stärke lag über der Telegraphenleitung und hing mit einem Ast in der Fahrbahn. Das Kolloquium, von Zug- und Lokomotivführer gehalten, zuzüglich Heizer, wurde, nachdem es schon ungefähr 20 Minuten gedauert hatte, jäh von uns gestört. Zu dritt marschierten wir an und binnen fünf Minuten war das Hindernis beseitigt. — Siershahn! Raus aus dem Wagen A~- ^--n—rcrh nach »« gend an allem Geistigen und - an den jüdischen Fragen findet meistens nicht Abhilfe in der Erziehung des Elternhauses. Meistens fehlt das gut-jüdische, religiös-eindrucksmächtige Elternhaus. Selbst sogenannnte fromme Häuser ermangeln oft einer das kindliche Gemüt und den jugendlich-kecken Sinn packenden Kraft. Die jüdische Reügionsstunde schafft noch nicht das religiöse Erlebnis. Denn Unterricht ist nur eine Belehrung durch Worte; und durch Worte läßt sich nur eine Vorstellung, die man schon einmal gehabt hat, ein Gefühl, das man bereits empfunden, in der Seele wiedererwecken, aber nicht eine neue Vorstellung, ein unbekanntes Gefühl hervorrufen. Hat man das Gedankenbild und die Gefühlsregung, die mit dem Worte bezeichnet werden, noch nie gehabt, so bleibt das Wort ein totes, unverstandenes Wort, und wir werden dadurch nicht im geringsten angesprochen. Die ersten religiösen Vorstellungen und Empfindungen, die im Jugendlichen die Grundlage für die religiöse Ueberzeugung, für den jüdischen Charakter schaffen, können also nicht durch Worte vermittelt werde. Wodurch aber denn? — Durch das jüdischreligiöse Erlebnis! Es allein kann, rein psychologisch betrachtet, •sein Seelenleben wirksam beeinflussen, zumal in der frühen Jugend. „Gewöhne den Knaben am Beginn seines Weges, dann wird er davon im Alter nicht abweichen", raten uns schon die Sprüche Salomos. (Mischle 22, 6.) Durch die Untersuchung der Psyche des Junggrupplers haben wir aber erkannt, daß wir nicht alle drei Seelenkräfte gleich stark auf die jugendliche Seele einwirken lassen können. Das logische Denken muß in den Hintergrund treten. Die Hauptanknüpfungspunkte für jüdisch-erzieherisches Wirken in der Junggruppe sind also Phantasie und Gemüt. Der Verstand als Erziehungsmittel muß in den Genannten aufgehen; selbständig wird er keine Erfolge zeitigen können. Die Junggruppe kann also jüdisch-erzieherisch wirken durch das jüdische Erlebnis und durch Vermittlung jüdischen Wissens und Geistes auf dem Wege des Phantasieerlebens. Das jüdische Erlebnis vermittelt die jüdische Tat und ganz besonders das gemeinsame Ueben der jüdischen Lebensgesetze. Dazu kommt das erzieherische Mittel des vorbildlichen Beispiels. Die jüdischen Feste müssen gemeinsam gefeiert, die schönen jüdischen Bräuche gemeinsam geübt Werden. Auf Wanderfahrten wird ein Gottesdienst im Freien zum wahren gab denn auch ihr Bestes, und zwar noch lauter als schön. — Unser nächstes Ziel war Diez an der Lahn, das wir uns als Nachtquartier ausgesucht . hatten. Erich Falkenstein gab uns noch halbwegs das Geleit, dann zogen wir, wieder auf uns angewiesen, in Diez ein, wo wir Quartier in der Jugendherberge bezogen, die wir anfangs für uns allein beschlagnahmten. Zum Abendbrot gab es eine derartig gute Leberwurst, daß sogar Reb Dov dankte. Mit Sand belegtes Brot war auch ihm nicht ganz recht. Gegen 11 Uhr ging's zur Bahn, wo eine Hamborner Schulklasse eintraf, die mit uns nächtigen sollten. Na, unsere Hamborner Jungen enttäuschten uns denn auch nicht. Daß ihr Rektor zur Wahrung der Autorität während der Nacht seinen Hut im Aufenthaltsraum ließ, sich selbst aber ein anderes Schlafplätzchen aussuchte, machte keinen Eindruck. So konnte es denn geschehen, daß um 12 Uhr ein mächtiger Krach einsetzte, der erst beendet wurde, als der Herbergsvater sechs der Hauptkrachschläger zu uns ins Zimmer spedierte. Der gegen 1 Uhr erneut auflebende Streit, verbunden mit heftiger Riesenschlacht, ließ uns wieder erwachen. Die Konferenz mit dem Herbergsvater, den ich erst über Jungen und ihre Gepflogenheiten aufklären mußte, das heißt nur über Hamborner Jungen, ergab einen Riesenknüppel, mit dem ich mich in die Höhle der 50 Hamborner begab, ungefähr die Hälfte der Anwesenden versohlte und mich dann zu den Herrschaften ins Zimmer legte, ein Verfahren, das uns für die weitere Nacht absolute Ruhe garantierte. (Fortsetzung folgt.) 9

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