Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 2 (1.2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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trieb geradezu zum „Sprechen" und „Aussprechen". Außerdem wurde eine Bearbeitung desselben Themas verlesen, die Martin Seligmann, Chemnitz (er selbst mußte leider fernbleiben!) übersandt hatte. Aus allen Meinungen, Vorschlägen, Ratschlägen, Klagen und Erwartungen klang von Anbeginn der unbedingte Wille zum Verband. Ohne Kommentar und ohne Wenn und Aber wurde festgestellt, daß die Junggruppen in ideologischer und organischer Beziehung einheitlich der neutralen Gemeinschaft des Verbandes gehören, und daß die Gruppen im Verbände allein die überparteiliche, neutrale Organisation der jüdischen Jugend Deutschlands sehen. Hier ist Neutralität kein Pseudonym, sondern Weg zur Gemeinschaft des Judentums! Um alle organisatorischen „Probleme" zwischen „Junggruppen und Verband" zu lösen, kam folgender Beschluß zustande: „Zwischen der Führertagung der Junggruppen des Verbandes und dem Vertreter des Verbandsvorstandes wird vereinbart: 1. Die einzelnen Landes- bzw. Bezirksverbände wählen in ihre Vorstände mit Sitz.und Stimme je einen Führer der Junggruppen, der für die Arbeit der Junggruppen des betreffenden Bezirks verantwortlich ist. Aus ihnen setzt sich das Junggruppen-Dezernat zusammen. 2. Es werden zwei bis drei Mitglieder des Junggruppen- Dezernats im Verbandsvorstand Sitz und Stimme erhalten. Der Vertreter des Verbandsvorstandes verspricht, dafür zu sorgen, daß diese Beschlüsse in Kürze zur Durchführung gelangen." — Der zweite Tag stand unter der Ueberschrift „Junggruppen und Judentu m". Generell über dieses Gebiet sprach Raphael, indem er als Ziel des Judentums die Einheit der Gemeinschaft, ohne Rücksicht auf den Wust der Parteien und Weltanschauungen, proklamierte. Der Weg zu dieser „Verwirklichung" der jüdischen Gemeinschaft ist schwer, aber er führt niemals über eine Partei, über ein Judentums- Splitter, — er führt nur über den Gedanken des Verbandes: Zusammenfassung der jüdischen Jugend unter einem Dache! Sodann gab Manfred Altmann, Trier, gute Vorschläge und Winke, die das Jüdisch-Erzieherische innerhalb der Junggruppen gewaltig fördern könnten. (Sein Referat bringt, die heutige Ausgabe ausführlich.) — Dem allgemeinen Tätigkeitsbericht ist zu entnehmen, daß im Verbände 30 Junggruppen mit etwa 800 Mitgliedern bestehen. In einigen Landesverbänden befindet sich bereits ein Junggruppier im Vorstand. Die Kundgebung, die am Schluß unserer ersten Führertagung einmütige Zustimmung gefunden hatte, ist schon äuf der ersten Seite der Januarnummer gebracht worden. Es ist nicht möglich, im Rahmen eines referierenden Berichts all das zu sagen, was letzten Endes dieses Düsseldorfer Treffen zu wirklich eindrucksvollen Stunden gemacht hat. Man empfand deutlich und freudig den Marschschritt der Junggruppen, die eine pflichtbewußte, treue Avantgarde des Verbandes sein werden. Die Junggruppe als jüdische Erziehungsgemeinschafl Referat, gehalten auf der Führertagung der Junggruppen des Verbandes in Düsseldorf, von Manfred Altmann, Trier. Die Berechtigung der Jugendbewegung wird heute von allen Einsichtigen zugestanden. Aber wie sie beschaffen sein soll, in welcher Form sie sich ausleben soll —, darüber gehen die Ansichten auseinander; darum werden zu ihrer Betätigung die verschiedensten Wege eingeschlagen. Wohl am meisten umstritten ist die Frage der religiösen Einwirkung auf die geistige Entwicklung des Jugendlichen. Die verschiedensten Standpunkte darüber finden wir heute in buntem Nebeneinander theoretisch und praktisch vertreten. — Rein körperliche Ausbildung und Stählung unter völliger Ablehnung jeder seelischen Beeinflussung auf der einen Seite; fast ausschließlich Seelenpflege mit ausgeprägter, tief-religiöser Kraft auf der anderen Seite. Hier die Ansicht: die Jugend lehnt die Religion im tiefsten Innern ab — dort ernster Eifer zu religiöser Vertiefung mit der Gewißheit: nur diese innerliche, die ganze Persönlichkeit erfassende Arbeit hat dauernden Wert. Dazwischen ein Suchen und Tasten nach dem richtigen Weg. Für die jüdische Jugendbewegung ist der Weg in dieser Frage und auch das Ziel klar umrissen. Betrachten wir nur den Unterschied zwischen dem jüdischen und andersgläubigen jungen Mei^scnen. Nehmen wir den c'rt-.chen Nichtjuden!. Fr wächst J&nz natürlich, ohne eigenes Zutun, ohne die positive Leistung eines Bekenntnisses, einer 'bewußten Seihsteinordnung in die deutsche Kulturgemcinschatt hinein. Denn sein Leben ist rings umgeben von der Luft dieser Kultur, von den tausend Einflüssen, die alle sein Wesen deutsch formen. Ob er will oder nicht, er wird Deutscher; er empfängt Deutschtum, und er gibt Deutschtum. Er ist von Natur aus und bleibt durch Schicksal Deutscher; denn er lebt in deutscher Atmo-" sphäre. Der junge Jude gehört aber neben der deutschen zum Beispiel auch noch der tfidischen Gemeinschaft an. Er ist zwar auch von Geburt und Schicksal Jude, aber ob er jüdischer Kulturträger und Kulturspender ist, das hängt von seinem persönlichen Willen, von einer Plusleistung, von einem freiwilligen Sich-Hineinstellen in seine jüdische Gemeinschaft ab. Denn seine jüdische Gemeinschaft ist nicht so allumschließend, daß sie alle Poren seines Wesens zu jeder Zeil- und stark wirkend durchdringen könnte. Er muß Bekenntnis und Tat leisten fürs Judentum, sonst ist er kein produktiver, schöpferischer Gemeinschaftsjude. Das ist die hohe, aber schwere Aufgabe, die unsere Gemeinschaft als höchste sittliche Leistung von jedem jungen Juden fordert und die leider nicht immer gelöst wird. Hier näher auf die Gründe einzugehen, die die Lösung dieser Aufgabe beeinträchtigen, ist nicht der Platz. Aber eben diese Tatsache, daß diese Aufgabe nicht immer gelöst wird, gibt der jüdischen Jugendbewegung erst ihre Berechtigung. Diese Tatsache bestimmt ihr Ziel: den jungen Juden zu einer jüdisch - schöpferischen Persönlichkeit, zu einem bewußten, überzeugten Gemeinschaftsjuden zu erziehen. Im folgenden wollen wir versuchen, die wesentlichen Gesichtspunkte herauszuschälen, durch die die Frage ,,W i c kann der Jugend verein, d. h. speziell die Junggruppe jüdisch-erzieherisch wirken?" gelöst werden könnte. — Zunächst etwas Grundsätzliches: Der Jugendbund muß, vorausgesetzt, daß er Anspruch auf den Namen jüdischer Jugendbund macht, das vermitteln, was ihn zu seinem hohen Endziel, Juden zu schaffen, führen kann. Wenn der Jugendbund nicht ein hohler, unkonsequentcr und letzten Endes zielloser Gemeinplatz sein will, der nichts Positiv-Jüdisches, sondern nur farblose Worte, nur Phrase gibt —, wenn der Jugendverein nicht bloß über das Judentum disputieren will, ohne das Judentum selbst als lebensformende Kraft zu vermitteln, so muß er, um schöpferische Juden zu erziehen, das einzig lebendige, das echte, unverfälschte historische Judentum vermitteln. — Man wird einwenden: Die Fernstehenden, Judentumsentfremdeten sollen doch auch herangezogen werden. Wir können also nicht das Höchste fordern. Ja, aber wozu heranziehen, wozu sie gc- < winnen suchen? Vielleicht wieder zu dem lauen, verwässerten, entstellten Judentum, dem man sie zu entreißen sich müht? Daher soll der Jugendverein wohl eine Plattform sein, auf der sich jede Anschauung eines Jugendlichen oder, besser, jede Entwicklungsanlage des ja noch unfertigen Menschen treffen kann; aber das Ziel darf nicht vergessen werden. Der Jugendbund will doch mithelfen, eine jüdische Zukunft zu bauen. Er muß also im innersten Kern, d. h. seine Führung, muß eine positiv-jüdische sein. Nicht ein verschwommenes Judentum darf der Preis der Neutralität sein. Toleranz im wahren Sinne sei das einigende Band. — Je mehr wir von der Wahrheit unserer Religion, von der Einzigartigkeit unseres Judentums überzeugt sind, desto mehr können wir die Freiheit der Einzelpersönlichkeit achten. Gleichzeitig aber müssen wir auf sie jüdisch-erzieherisch wirken, sie zu überzeugen suchen; aber nie mit den Mitteln des Zwanges, der Gewalt, der Verkleinerung, der _ Verdrängung, sondern nur 7