Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 2 (1.2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/6492456-6352307-6352535--0551-4928725- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
darf nicht außer acht gelassen werden, daß sich inzwischen in allen Landesteilen Deutschlands Landesverbände gegründet haben, die mit starker Hand und zum Teil ganz hervorragender Organisation die Rechte der jüdischen Glaubensgenossen den Landesregierungen gegenüber vertreten. Ganz besonders ist es der preußische und der bayrische Landesverband, die sich auf den Standpunkt stellen, daß der Weg über den DJGB. heute nicht mehr gangbar sei, da bei ihnen die Befürchtung laut wird, daß durch die Schaffung einer deutschen Gesamtorganisation auf dem Wege über den DJGB. die Organisation der Landesverbände zu kurz kommen würde. Der Sächsische Israelitische Gemeindeverband hat in seiner Ausschußsitzung vom 11. April 1926 einstimmig zum Ausdruck gebracht, daß es sein Wunsch sei, so schnell als irgend möglich, einem Reichsverband der deutschen Juden beizutreten. Hierbei ist nach einem hochinteressanten Referat des in jüdisch-politischen Fragen besonders hervorragenden Dr. Ismar Freund zum Ausdruck gebracht worden, daß Sachsen bereit ist, alles zu tun. um nach Möglichkeit schnellstens die Reichsorganisation zu erlangen, daß es den Weg über den DJGB. gehen würde, sofern dieser zum Ziele führt, daß es aber andererseits, wenn dieser Weg an den Widerständen anderer Verbände scheitern sollte, auch bereit sei, die Reichsorganisation als Dachverband über den Landesverband zu gründen. Es kann als bekannt vorausgesetzt werden, welche Schwierigkeiten es gekostet hat, um die verschiedensten Widerstände zu überwinden und schließlich eine Verfassung zustände zu bringen, die in erster/Linie das Werk des bekannten Führers des Bayrischen Israelitischen Landesverbandes, Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumayer in München, ist. In dieser Verfassung glaubte man es erreicht zu haben, allen Ansprüchen gerecht zu werden und hoffte, daß die einzelnen Landesverbände dem Verfassungsentwurf zustimmen würden. * Das war leider nicht der Fall, und der Preußische Landesverband hat diesen Entwurf bei allen seinen Fraktionen abgelehnt erhalten, so daß damit dieser Satzungsentwurf als gescheitert anzusehen war. Es. ist nicht anzunehmen, daß diese Ablehnung etwa auf eine besondere Abneigung gegen den Reichsverband oder auch nur gegen den im Preußen-Verband vorgelegten Entwurf zurückzuführen ist. Von den verschiedensten Seiten wurde der Entwurf durchaus als eine Verhandlungsgrundlage anerkannt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß vielleicht nur dadurch die einmütige Ablehnung des Entwurfes vom Preußischen Landesverband erfolgte, weil man erklärt hatte, daß Aenderungen an diesem Entwurf nicht möglich seien und er nur abgelehnt oder angenommen werden könne. Bei den süddeutschen Verbänden empfand man diese Ablehnung sehr schme»zlich und aus der Erkenntnis heraus, daß vielleicht bei einer anderen Behandlung des Entwurfs das Ergebnis der Abstimmung im Preußen-Verband ein wesentlich anderes geworden wäre, kam man im Mai 1927 in Dresden zusammen, um erneut zu versuchen, den Weg zum Reichsverband zu finden. Zwei Hauptpunkte sind es. die besondere Schwierigkeiten bereiten. Von der jüdischen Volkspartei wird mit allem Nachdruck beansprucht, daß bei dem Reichsverband eine aus allgemeinen, direkten Wahlen, nach dem Grundsatz des Verhältniswahlsystems, hervorgehende Reichstagung geschaffen wird. Von verschiedenen Seiten ist dem entgegengehalten worden, daß eine solche Reichstagung mit ungeheuren Kosten verknüpft sei, die bei den beschränkten Mitteln der einzelnen Verbände und Gemeinden nicht tragbar erscheinen, um so weniger, als man sich von der Wichtigkeit und Notwendigkeit dieser Reichstagung nicht allenthalben überzeugen lassen könnte. Hierzu kommt noch, daß die Einwanderungsstatistik, gerade in Sachsen z. B., ein Bild der Zusammensetzung des sächsischen Judentums ergibt, das den alteingesessenen Juden es nicht angebracht erscheinen läßt, sich ohne weiteres von den eingewanderten, in verschiedenen Gemeinden in der Mehrheit sich befindlichen ausländischen Juden majorisieren zu lassen. Außerdem ist das Wahlrecht bei den einzelnen sächsischen Gemeinden nicht durchweg auf dieser breiten demokratischen Grundlage angelegt, und es erschien ein unlösbarer Widerspruch darin zu liegen, daß zu der Reichsorganisation durch direkte Wahlen gewählt werden sollte, während zum sächsischen Landesverband das Delegationsprinzip herrscht und die verschiedenen sächsischen Gemeinden ein ganz verschiedenes Wahlrecht haben. Interessant ist es, hierbei zu beobachten, daß in den verschiedenen politischen Richtungen durchaus keine Einmütigkeit an sich herrscht. So stehen z. B. die Liberalen Sachsens und Süddeutschlands gegen dieses direkte Wahlrecht, während ein Teil der Liberalen Preußens durchaus mit der Jüdischen Volkspartei geht und das direkte Wahlrecht fordert. Im Gegensatz hierzu gibt es besonders in Süddeutschland führende Mitglieder der jüdischen Volkspartei, die dem Bedenken der Liberalen Rechnung tragen und durchaus damit einverstanden sind, daß das direkte Wahlrecht zur Reichstagung, wenn eine solche überhaupt geschaffen werden sollte, nicht gefördert werden muß. Was den anderen Standpunkt anbetrifft, ob die Schaffung des Reichsverbandes als Dachverband über die Landesverbände oder auf dem Wege über den DJGB. erreicht werden soll, so glaube ich nicht, daß diese Frage den Reichsverband zum Scheitern bringen wird. So sehr es verständlich erscheint, daß der DJGB. bei seiner großen geschichtlichen Bedeutung für das deutsche Judentum darauf dringt, daß er einmal der Träger der Reichsorganisation wird, wie er sich schon bisher als Vertretung des gesamten deutschen Judentums gefühlt ^hat. so wird man doch nicht daran vorbeigehen können, daß die meisten süddeutschen Verbände und auch der preußische Landesverband mit absoluter Deutlichkeit erklärt haben, daß der Weg über den Gemeindeverband nicht mitgegangen wird. Und wenn so bedeutende Verbände, wie Preußen. Bayern und die anderen süddeutschen Verbände, insbesondere auch Baden, diesen Weg nicht gehen wollen, so würde der Reichsverband, wenn er doch auf der Grundlage des DJGB. geschaffen wird, ein Torso bleiben, und der Sächsische Israelitische Gemeindeverband würde es nicht für richtig erachten, einem solchen Gebilde beizutreten Dieses ist der Grund, warum Sachsen den Weg über die Landesverbände vorzieht, da die Hoffnung besteht, schließlich und endlich auf diesem Wege das Ziel zu erreichen. Die Dresdner Tagung hat bei aller Verschiedenheit der einzelnen Ansichten doch das Gute gehabt, daß erneut der Wille der deutschen Juden dokumentiert worden ist, den Gedanken des Reichsverbandes wieder ins Leben zu rufen, nachdem bei der Ablehnung des Preußen-Verbandes, den Neumayerschen Entwurf anzunehmen, es aussichtslos erschien, die Verbände erneut an den Verhandlungstisch zu rufen. In der Politik muß man mit Kompromissen rechnen, und ich bin überzeugt davon, daß auch in der Frage des Reichsverbandes die einzelnen Richtungen sich gegenseitig entgegenkommen werden. Das deutsche Judentum will den Reichsverband. Die Fülle von Gesetzen, die in nächster Zeit vom Reichstag zu verabschieden sein werden, werden eine Masse von Bestimmungen "bringen, die für das deutsche Judentum von größter Bedeutung sind. Es ist selbstverständlich, daß nur eine Reichsorganisation in der Lage ist, einen Einfluß auf diese Gesetze nehmen zu können, der erforderlich erscheint, um die Interessen des deutschen Judentums weitestgehend zu wahren. Daher müssen alle Kräfte zusammengefaßt werden, um. auf welchem Wege es auch immer sei. die Reichsorganisation ins Leben zu rufen. Im Frühjahr 1928 will der Verband der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands in Dresden seine Tagung abhalten. Möge der Verband, wie sehr auch immer seine Zeit mit Fragen der Jugendbewegung ausgefüllt sein mag, nicht vergessen, daß es auch für ihn von größter Wichtigkeit und Bedeutung ist, eine Reichsorganisation des deutschen Judentums vorzufinden, die berufen sein dürfte, auch für die deutsche jüdische Jugend in weitestem Maße zu sorgen. Möge er die Zeit finden, bei der Dresdner Tagung seinen Mitgliedern klar zu machen, daß es auch Pflicht der deutschen 5