Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 1 (1.1.1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Rundfrage zu bestätigen haben, an ihre Pflicht erinnern: mehr Verantwortungsbewußtsein unserer Gemeinschaft gegenüber zu haben! Wir leben eben nicht allein für unseren engeren (oder engen) Wirkungskreis, wenn wir schon zu einer Gesamtheit der Jugend uns zusammengeschlossen haben.' J. R. Junggruppentreflahrt EusKtrchen-Düren-Zülplch Am Sonntag, dem 6. November, machten wir eine Trefffahrt mit allen Attributen, die dazu gehören. Wie da sind: Schlechtes Wetter, unvollzähliges Erscheinen, Unglücksfälle, Völkerballspielc usw. Also: Wir, nämlich die Dürener mit Elsbeth Capell, Zülpicher mit Moritz Klaber und Euskirchener ohne Führung (trotzdem war mustergültige Ordnung) trafen uns um 2 Uhr am Bahnhof in Zülpich und marschierten unter Führung von Moritz Klaber zum Stadtwald, wo eine schöne Spielwiese ist. Dann folgten die verschiedenen Attribute schnell hintereinander. Das schlechte Wetter machte sich in verschiedenen Regengüssen bemerkbar. Die kleinen Auseinandersetzungen, die jetzt folgten, sind zwar nicht von Belang, aber doch bemerkenswert, weil sie typisch für Treffahrten sind. Sein oder Nichtsein, das ist die Frage: Alias, wer spielt mit und wer nicht. Aber „alles vergeht, nur die Eintracht muß bleiben". So würde Schillers Loblied lauten, hätte er unsere Treffahrt mitgemacht. Völker- und andere Bälle schwirrten durch die Luft. Und dann kam wieder eins der berühmten Attribute: Ein blaues Auge und großes Geheul auf Seiten Dürens. Nach dreistündigem Naßwerden marschierten wir unterwundervollem Gesang (Lies: Geheul) geschlossen zur Stadt. Das alte Tolbiacum mußte es sich gefallen lassen, daß es von Außen und Innen besehen wurde und als Nachtisch gab's Heimatmuseum. Die hohen Verbindungen von Moritz Klaber verschafften uns kostenlosen Eintritt. Da es mittlerweile dunkel geworden war, begaben wir uns zu Klabers, wo es Aepfel. Nüsse, Begrüßungsreden, Gesang?, Rätselraten und anderes mehr gab. Mit Uebereinstimmung aller wurde festgestellt, daß die Aepfel und Nüsse besser waren, als der Gesang der Dürener. Zum Schluß gab's — Aufbruch und Abschiednehmen. Die Tränen flössen reichlich von oben: denn, „wenn sich Gerechte trennen, weinet der Himmel." Arbeitsbericht der Junggruppe des J. J. u. Düren Am 15. September gründeten wir unter Beteiligung von neun Jungen und sechs Mädchen unsere Junggruppe. Zur Führerin wählten wir Elsbeth Capell. Das Programm der Heimnachmittaße setzten wir so fest: eine Stunde Spiel und die übrige Zeit soll der ernsten jüdisehen Arbeit dienen. Bis jetzt lasen wir jüdische Märchen und Ausschnitte aus Geschichtswerken. Das „Jüdische Jugendbuch" gab uns durch seine Erzählungen' „Der Brunnen" und „Der Wurm Schamir" Anregung zu längeren Aussprachen. Auch Irma Singers Märchen lasen wir. Aus dem Buch „Gestalten und Momente aus der jüdischen Geschichte" besprachen wir „Einer heiligen Gemeinde Untergang". Anschließend daran unterhielten wir uns über Judenverfolgungen im allgemeinen und den Antibemüht hatte, Karten zu legen, daß er und Herbert sich dauernd aus irgendwelchen Gründen in die Wolle gerieten und sich stören mußten. Auch nicht, daß im Laufe des Abends unser zweiter Trupp, bestehend aus den Gebrüdern Rothkopf und David Deutsch erschienen war, die zwar nicht, wie es verabredet war, nachmittags kamen, sondern, anscheinend aus reiner Vergnügungssucht, den halben Weg nach Hamm in Westfalen zurücklegend, erst am späten Abend landeten. Den Lohn empfingen sie auch, denn es war alles andere als ein Vergnügen, nach Nachtlager zu suchen, das sie auch da fanden, wo sie es nicht vermuteten, nämlich bei einem eingefleischten Hakenkreuzler. Angeheitert (siehe Kriegerfest), stellte er, trotz lautem und energischem Protest seiner, in diesem Falle, schlechteren Hälfte, seinen Heuschuppen zur Verfügung, in dem die drei Nachkömmlinge, trotz Käfern und Mücken, sanft einschlummerten. Reichlich früh war es noch, als wir aufstanden, trotzdem ließen bekannte Melodien uns die Köpfe aus den Wasserschüsseln heben. Mit, na, nennen wir es einmal Gesang, wurde uns ein Morgenständchen gebracht. Rasch den Kaffee hinuntergegossen und uns verabschiedet, dann wurde der Weg nach Altenkirchen unter die Schuhsohlen genommen. Das heißt, Schuhsohlen kamen nur für fünf von uns in Frage. Der sechste, David Deutsch, der wegen seiner noch zu erwähnenden Ausrüstung von uns Reb Dov genannt wurde, marschierte barfuß. Reb Dov, der unser Spaßmacher war, verdient hier ein besonderes Denkmal. Es sei ihm hiermit gesetzt. Vor allen Dingen bitte ich, Reb Dov nicht für „doof" zu halten, man könnte sich eklig die Finger dabei verbrennen. Also ging Reb Dov auf große Fahrt: Die beiden Rothköpfe sitzen gemütlich daheim und sind fertig für die Fahrt, die um 11,30 Uhr beginnen soll. Um 10,30 Uhr erscheint Reb Dov zur Morgenvisite. „Was ist? Wo wollt Ihr hin?" „Komm mit auf große Fahrt." „Ich habe kein Geld." „Wir auch nicht, sei um 11,30 Uhr an der Bahn." Pünktlich traf Reb Dov an, und zwar mit folgender Ausrüstung, die wir im Westerwald nicht zu bestaunen aufhörten: Eine Klampfe und ein Brotbeutel waren außer der Kluft seine gesamte Ausrüstung. Der Inhalt des Brotbeutels: Ein Paar leichte Turnschuhe zu „Repräsentationszwecken",' wie er angab, eine Mütze, eine Tefillah und sein Tefillinbeutel. Schluß. Das war alles. Mit überlegenem Lächeln speiste er unsere Vorstellungen ab: „Was ich sonst noch nötig habe, habt Ihr ja. Wozu also sich belasten." Man kann das bei gutem Willen auch wohl als eine Probe des Gemeinschaftsgefühls und der Kameradschaft gelten lassen. Jedenfalls konnte er von uns alles, bis auf die Zahnbürsten, geliehen haben. Halbwegs Altenkirchen wurde Rast gemacht, es ging in der glühenden Sonnenhitze einfach nicht mehr. Die Hemden und Kittel wurden ausgezogen und an die Bäume zum Trocknen gehängt. Dann zog Reb Dov zum Einkauf aus, mit der Erklärung, er würde mehr als wir erhalten, weil er so arg verhungert aussehe. Das stimmte, wer ihn nicht kannte, der mußte annehmen, daß er gerade die sieben mageren Jahre hinter sich hatte. — Er hatte recht. Irgendwo hatte er für fünfzig Pfennige ein großes Brot und einen Topf mit Stachelbeermarmelade gekauft, eine Tat, die ihn gleich zum Fressalieneinkäufer avancieren ließ. Altenkirchen wurde erreicht, und man konnte sich in den Privatquartieren, die in liebenswürdigster Weise eingeräumt wurden, wieder frisch machen. Der obligatorische Bummel erfolgte, an dem bis auf Herbert und Richard alle teilnahmer. Uns war nämlich ein großes Mißgeschick zugestoßen. In letzter Minute halte uns der „engagierte" Pianist verbissen müsser. Daß wir trotzdem auf die Musik nicht verzichteten, gescha l aus der Erwägung heraus, daß wir auch im kleinsten Ort ein klavierspielendes, menschliches Wesen zu finden gedachter. Wir hatten, bis auf einige hoffnungslose Fälle, recht erwogen. Daß Herberts Begleiter in den meisten Fällen weiblichen Geschlechts waren, war ihm so angenehm, daß er uns gleich beim ersten Abend mit Freudengeheul verkündete: „Menschenskinder, ist das fein, daß wir keinen Klavierspieler bei uns haben. Ich lasse mich jetzt hur noch von Mädels begleiten, die können sich viiiiel besser anpassen." Eine Aeußerung. die Richard Teitler Veranlassung gab, jedesmal mit zum Ueben zu gehen, weil er „so gerne Musik höre". Die Musiker hatten sich eingespielt, und der ertte Abend konnte seinen Anfang nehmen. Nach Schluß der Veranstaltung, als Papa und Mama nach Hause gingen, blieb die Jugend noch zusammen, und es verrann einige Zeit, bis man aufbrach. Das bekannte „Ichbringedichnachhause" begann, und wenn nicht zuletzt ein Machtwort gesprochen worden wäre, ich glaube, wir hätten nach sechs Wochen, als wir durch den Westerwald heimkehrten, noch einige- Leutchen gesehen, die sich gegenseitig noch immer „nach Hause" brachten. (Fortsetzung folgt.) 9