Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 1 (1.1.1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn ia, dann wißt Ihr. wie ein jüdischer Gottesdienst ein wahres Dienen dem Einzigen. Allgewaltigen, den jeder in eigener Weise in seiner Seele trägt, sein kann. M. M.. Halle. Landgemeinden und Jugendbewegung Von J. Guggenheim, Kippenheim Eigentlich müßte man annehmen, die Jugendbewegung fäade in den kleinen Landgemeinden ihre treuesten Anhänger und Förderer. Die Ziele und Grundsätze der Bewegung könnten besonders für diese von größtem Nutzen werden, wenn die kulturelle Einstellung gekannt und gewürdigt werden würde. Die jüdische Jugend des Dorfes hat. soweit sie an die Heimat gebunden, gar keine iMöglichkeit zur geistigen Betätigung. Die _J_ungens kommen, wenn sie sich nicht beim Vater für den Beruf einlernen,- in die nächsten Dörfer, um Viehhandel zu lernen, während die Mädchen an der Seite der Mutter „Haushalt" führen. Am Schabbes ist die ganze Familie wieder vereinigt, um Schabbes zu halten, so wie es schon zu Großvaterszeiten war. Damals hatten sich in solchen Gemeinden die Männer zusammengefunden, um aus Tälmud und anderen jüdischen Werken den idealen Kern unserer Religion kennen zu lernen. Auch diese Sitte ist zum größten Teile'verschwunden. Der Jugendverband bezweckt an erster Stelle die geistige Hebung der Jugend. Die Richtlinien, welche die Leitung heraus gibt, verlangen Abende, in welchen über jüdische Wissenschaften aus allen Gebieten von der Jugend selbst Vorlesungen gehalten werden sollen. Mit dieser Methode soll eine gewisse Selbständigkeit anerzogen werden. Durch diese eigene Weiterbildung wird erreicht, daß die Teilnehmer solcher Abende von Kenntnissen befruchtet werden, die sie nicht so leicht vergessen können. Dann sollen Hörer und Führer solcher Abende befähigt werden, eigene Ideen im Kreise der Gesellschaft und Versammlung zu vertreten. Der größte Vorteil für die Jugend des Landes dürfte der sein. daß. wenn sie zur Ausbildung in die Stadt kommt, gesellschaftlichen Anschluß findet, der ihr die Heimat ersetzen kann. Weiter soll das Vergnügen und der Sport im Rahmen der Zeit und Verhältnisse gepflegt werden. Ganz erfreuliche Erfolge zeitigten das Treffen in Eberbach und vor wenigen Tagen das große jüdische Sportfest in Basel, auf welchem besonders unsere Nachbarfreunde von Freiburg so glänzenden Erfolg erzielten. Durch diese ideellen Grundsätze soll bezweckt werden, unsere jüdische Jugend in einer modernen Art am Judentum festzuhalten. Eine Bewegung mit solch hohen Zielen müßte alle Mitgenossen in den Landgemeindenwenigstens zu Anhängern der Sache haben, wenn auch nicht als Streiter. Statt dessen werden in den einzelnen Gemeinden die übelsten Erfahrungen gemacht. Die Arbeiten des Jugendbundes werden auf irgendeine Art gestört. Dadurch wird die Bewegung zum Schaden des allgemeinen Judentums geschwächt und die Stifter solcher Bosheiten sind sich in den wenigsten Fällen der Tragweite ihrer Handlungsweise bewußt. In den Städten dagegen wenden die Verwaltungen, in richtiger Erkenntnis des Wertes der -Bewegung große Opfer, an Zeit und Geld dafür auf. Männer aus allen Reihen der Wissenschaft stellen sich in uneigennütziger Weise zur Verfügung, um auf diese Art unser Judentum zu beleben. Im Zusammenhange mit dieser Frage kann ruhig die Landflucht gebracht werden, die besonders in der jüngsten Zci; in der ganzen jüdischen Presse so eingehend erörtert wurde. Tatsache ist, daß viele Familien heute das Dorf aus Gründen angeborener „Engherzigkeit" verlassen. Der „Jüdische Antisemitismus", das heißt, der Neid unter den Glaubensgenossen tritt in vielen Landgemeinden in einer Stärke auf. der sich bis zur Widerlichkeit steigert. Einigkeit kommt gewöhnlich nur dann, wenn die Gemeinde am Grabe eines Mitbürgers steht und nur so lange, als der Tote noch über der Erde ist. Ein großer Teil der Mitglieder wird von den Gemeindeangelegenheiten, die sie interessieren, femgehalten und zur Gleichgültigkeit gezwungen, trotzdem es oft der intelligente Teil ist, von dem .ersprießliche Arbeit auf allen Gebieten des Judentums zu erwarten wäre. Der andere Teil verläßt das 6 Dorf, sucht die Stadt auf, die bessere Existenzbedingungen hat und überläßt solchen Machthabern die Herrschaft. Das sind die inneren und äußeren Gründe, warum die Jugendbewegung in den kleinen jüdischen Gemeinden so schwer festen Boden gewinnen kann und die Gemeinden selbst dem Zerfall entgegengehen. „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft." Dieser Satz müßte in Stadt und Land allen Maßgebenden Richtschnur sein. Junge Generation und Frauenbewegung Ein Bericht «ran Referendarin Hildegard Hirsch Mittwoch, am 21. September 1927, wurde im Jugendheim Charlottenburg im Rahmen der Ausstellung „Das Junge Deutschland" von der Berliner Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins ein Ausspracheabend „Junge Generation und Frauenbewegung" veranstaltet. Die äußere Umrandung des Abends (man saß an kleinen, nett gedeckten Tischen und wurde von Schülerinnen des Jugendheims freundlich mit Tee und Gebäck bewirtet) schuf von Anfang an eine angenehme Atmosphäre. Nach der Begrüßung der Versammlung durch die Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, Frau Else Wex. leitete Frau Reichstagsabgeordnete Martha Dönhoff die Aussprache mit einem Vortrag ein, in dem sie in großen Umrissen die Geschichte und die leitenden Ideen der Frauenbewegung schilderte, auf das Wesen der Jugendbewegung einging und schließlich herausarbeitete, was angeblich Jugendbewegung und Frauenbewegung trennt, und was sie eint. Die Frauenbewegung wurzelt im Individualismus des deutschen Idealismus, wie ihn etwa Wilhelm von Humboldt, vertrat. Sie erstrebt für die Frau, was die Aufklärungszeit für den Mann erfocht: Das Recht der freien Persönlichkeit; das Recht, verantwortlich an der Kultur des Volkes, am Staat mitarbeiten zu können, und durch diese Mitarbeit jeder Frau an dem Platze, den ihr die Natur ihrer Begabung anweist, der Kultur „die weibliche Note" zu geben. Die Beeinflussung der Kultur aber schien erst dann möglich, erst dann erstrebenswert, wenn der ganze ..Apparat" beherrscht wurde. Daher die Parole: Hinein in die Kultur! Hinein in den Staat! Daher der Kampf um die Gleichberechtigung mit dem Manne, die von Stufe zu Stufe errungen werden mußte, daher die Kampfeinstellung der „Frauenrechtlerinnen" in der Frühzeit der Bewegung, die ihrem Charakter nach eine Kulturbewegung ist. Auch die Jugendbewegung ist dies, deren Geist immer noch am besten die „Meißner-Formel": Wir wollen unser Leben nach eigner Verantwortung, in Freiheit und Wahrhaftigkeit gestalten, wiedergibt, wenn man sie auch häufig als Naturbewegung der Kultur bewegung gegenüberstellt. Beiden Bewegungen, das zeigt schon der sprachliche Sinn der beiden Worte, ist die Ablehnung der gegenwärtigen Zivilisation eigen; doch betont die Jugendbewegung mehr die Verneinung des Bestehenden, während dagegen die Frauenbewegung an der Umbildung und Weiterbildung des nun einmal Vorhandenen arbeitet. Die Jugend aber, und insbesondere auch die weibliche Jugend, mißversteht oft die Frauenbewegung, sie sieht nur das rein Rechtlerische: und dies gerade lehnt sie ab, weil sie im Wesen der Frau mehr das Abwartende, das Passive, nicht aber das Kämpferische, Aggressive schätzt. Sie hat es meist vergessen, daß sie auf dem Boden steht, den .Frauenrechtlerinnen" durch ihre Kämpfe erst gerodet haben. Oft auch versteht die Jugend die Freiheit, die ihr die Mütter gebahnt, nicht richtig zu nützen. Ein Beispiel hierfür ist das Problem des sexuellen Lebens der jungen Generation. Auch hier gilt, daß unerprobte Tugend noch keine Tugend ist, und daß erst die Herrschaft jeder Frau über sieht selbst in voller Verantwortung gegenüber der Würde der Friuen und gegenüber dem Volke die volle Freiheit ausmacht. Und dieses soziale Verantwortlichkeitsgefühl für jede Tat, das ist es. was letzten Endes Frauen- und Jugendbewegung eint, ist die Grundlage, auf der ältere und jüngere Generation zusammenarbeiten können, sobald auch noch eine andere Voraussetzung erfüllt ist, sobald nämlich jung und alt sich kennen.