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Der Jugendbund · 1928-01-01 · 1 (1.1.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
1 (1.1.1928)
Date
1928-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Pflicht meiner gesellschaftlichen Stellung wegen,, sondern Gehorsam dem Gesetz, dem jüdischen Gesetz gegenüber, das dem jüdischen Volke und seinen Nachkommen später für alle Zeiten am Sinai befohlen worden ist. An Stelle der damals gebotenen Opferhandlungen wurden, nachdem das jüdische Volk ins Galuth gegangen war, Gebete usw. eingesetzt, die unseren heutigen Gottesdienst ausmachen. Die Gültigkeit dieses Gesetzes nun besteht auch heute noch in uneingeschränkter Verbindlichkeit, und es gibt keine Autorität, keine Instanz, welche es aufheben könnte. Gesetze haben den einzigen Zweck, befolgt zu werden, und diejenigen, für die sie gegeben sind, haben nicht zu fragen: Sind sie mir angenehm? Ziehen sie mich an? Also die Pflicht zieht mich zum Gottesdienst. Daß man nun beim Gebet von jenem Gefühl ganz beherrscht wird, das man „Kawanah" zu deutsch schlecht übersetzt „Andacht" nennt, von einem Gefühl, das den Menschen erhebt und emporzieht und ihn eins werden läßt mit seinem Gott —, selbst dieses Erhabene ist sekundärer Natur in bezug auf unsere Frage. Zweierlei kann in unserer Frage unter Gottesdienst gedacht werden. Einmal der in dieser oder jener Form fixierte „Gottesdienst" -in der Synagoge, und dann ein „Gott-Dienen" schlechthin. Meine Ansicht oben betrifft nur die erste Lesart. Für die zweite würde die Antwort wesentlich anders ausfallen. Und der Inhalt dieser zweiten Antwort dürfte als Kriterium für die „Jüdischkeit" einer jüdischen Jugend gewertet werden können! W. W., Gelsenkirchen. « « Ich entstamme einem streng orthodoxen Hause und bin selbstverständlich ebenso erzogen worden. Es ist mir zu einem wirklichen Bedürfnis geworden, täglich die vorgeschriebenen Gebete zu verrichten, und könnte ich mir auch nicht vorstellen, wie es mir zu Mute wäre, auch nur ein einziges Mal das vorgeschriebene Morgengebet vergessen zu haben. Vor allem kann ich mich der Antwort des jungen Mädels anschließen, meinem Schöpfer zu danken, für alles, was er mir erwiesen hat und mir neue Kraft und Mut im Gebet zu holen. Nun möchte ich Stellung nehmen zu den einzelnen Antworten, welche in dem betreffenden Jugendbund, dessen Vorstand oben genannte Frage aufgeworfen hat, eingelaufen sind. Zur ersten Antwort „Nichts", welche damit begründet' wird, ich gehe nur aus Tradition in die Synagoge usw. —!, folgendes: Selbstverständlich bedeutet Gottesdienst ein Sichhingeben und Dienen; wenn es in irgendeiner Synagoge nicht gottesdienstmäßig hergeht, die Leute reden, lesen Zeitung usw. (was ja von großer Unbildung zeugt), kann ich verstehen, wenn es manchen abstößt, jedoch kann der Betreffende trotzdem hingehen, es besser tun wie die anderen, sich in sein Gebet so vertiefen, daß er solche Vorkommnisse überhaupt nicht merken kann. ' Die Gebete in deutscher Sprache zu verrichten, verstößt doch wirklich gegen die Tradition und wäre voll und ganz unjüdisch! Zu dem zweiten „Nichts", welches auf der Begründung beruht, nicht religiös erzogen worden zu sein und nichts von dem Inhalt der Gebete zu verstehen, kann ich nur antworten: „Gehe hin und lerne!" Dem dritten „Nichts", welches sich ebenfalls auf obige Begründungen stützt, mit der Hinzufügung, „Die Damenwelt trägt doch nur die Toiletten zur Schau" gilt ebenfalls letztgenannte Antwort, mit der Hinzufügung, daß die? s „Toilettenzurschautragen" sehr zu verurteilen i ';J und für sich auf das Gefühl, ob und w 1 Gottesdienst zieht, keinen Einfluß ha ist doch schließlich Herzenssache. Die vierte able " rer Begründung, ist doch „wirklich kl -.- o.lct sich von ganz allein. Die anderen ' Iche letzterer angibt, habe ich bereits vorher beai J. Da., Fr. Ihr stellt die Fra nehme aber an, dal langt, sondern im Gr t mich zum Gottesdienst? Ich ■.Hein ihre Beantwortung Verkeilung meint: was zieht mich zum Gottesdienst, warum zieht mich nichts zum Gottesdienst, und welchen Ausweg sehen wir? (Die letzten beiden natürlich nur bei negativem Ergebnis der ersten Frage.) Ich schicke kürz voraus: Ich besuche das ganze Jahr hin- -durch höchst selten die Synagoge. Kommen aber die hohen Feiertage, dann ist es.eben eine eigentümliche Selbstverständlichkeit, ein ganz eigentümliches, mächtiges Verlangen und eine große Lust, zum Beten zu gehen — aber in die Betstube der Ostjuden. Warum dies? Da ist schon die natürlich bedingte Antwort, auf die erste Frage: Ich erkenne ein altes jüdisches Verlangen, unsere Jahrhunderte gelittenen Schmerzen, unsere Tränen und Seufzer, die auch heute in nicht minderer Zahl jüdischen Lippen entfliehen, die Tragik eines ewig gequälten, ewig hoffenden Volkes im „Niggun" der Ostjuden wieder. Ich fühle die innige, die intensive Kraft dieser aufgelösten Sprache in der Suggestion der Gottesnähe. Und ich, selber Ostjude, aber vollständig der deutschen Kultur durch die Erziehung unterworfen, selber in. den ungeheuersten Assimilationsprozeß gerissen, der sich bei dem in der Form zum Westjuden werdenden Ostjuden abspielt, weit hinaus infolge dieser selben Metamorphose über die Lehren, die Vorstellungen unserer alten Väter, ich erschauere ob dieser elementaren Gewalt nie zu erschütternden Glaubens. Warum dies nur an den hohen Feiertagen, warum dies bei den meisten überhaupt nicht? Weil uns allen jungen Juden, die wir heute dastehen als intellektuelle Schöpferschar, die nur ironisch belächeln, selten zu Innerst begreifen, weil uns eines fehlt: „Hitlahabuth, das Brennen, die Inbrunst" (Seht Martin Bubers. „Legende des Baaltchem, und Ihr werdet begreifen). Es hat im Grunde gar nichts damit zu tun,~ob wir die hebräischen Gebete verstehen, ob wir sie überhaupt lesen können. Es kommt nur darauf an, ob der Klang des hebräischen Wortes, seine Innigkeit, unser hebräisches Gefühl in uns das Vermögen wecken kann, mit einem Buch alle Schranken zu fällen, daß wir, von „Hitlahabuth" erfaßt, aufsteigen können zu dem, was wir Gott dienen nennen. Und dies mit offenster Bereitschaft, mit einer Glut, an der wir brennen. .Meint Ihr, ein Blinder, ein Tauber könne nicht fromm sein? Er braucht nichts zu sehen, nichts zu hören. Er muß nur die Fähigkeit des Erlebens, des „Brennens" besitzen. Ihr, die Ihr die Gebete verdeutschen oder sonstwie reformieren wollt, hoffend, dadurch die Synagogen zu füllen, seht Ihr nicht, wie widersinnig das ist? Was uns vor dem Gottesdienst zurückschreckt, scheuen läßt, das ist doch sein Mangel an Jüdischkeit. Wir empfinden doch zu sehr, wie das hebräische Wort in einem Munde umgeformt wird, der weder Gefühl noch Wissen für es hat. Wie das hebräische Gebet eine hohle Form bleibt ohne inneres Erleben, ohne „Intention", Seht doch unsere Kantoren an. Sie sind alle wundervolle Sänger, wundervolle Tenöre, aber sie sind doch keine Vorbeter, keine Verbinder zwischen dem Wesen und dem Betenden, wie jene chassidischen Rabbis, die im aufgewühlten. Schluchzen jene reine Großartigkeit verbinden, die sie und die Gemeinde befähigt, offen und haltlos sich dem Gotte zu ergeben! Unsere Kantoren singen schöne Arien, aber sprechen nicht das jüdische Gebet, denn sie haben nicht die „Kawanah, das Mysterium der auf ein Ziel gerichteten Seele". Wir jungen Juden suchen leider zu wenig. Und die Suchenden werden zurückgestoßen, erschrecken: sie schämen sich. Vielleicht unbewußt, aber doch sicher empfinden wir diese Farce von Gottesdienst und sind zu Innerst getroffen. Unsere Bitterkeit hilft nicht über diese Unglückseligkeit hinweg, und wir bleiben fort. Wie. können wir verlangen, daß im Grunde ganz entfremdete jüdische Menschen sich im Gottesdienst wiederfinden? Dieser hoffnungslose Zustand kann nur geändert werden, wenn wir alle, gerade wir Jungen, zurückkehren zur Wiedererlangung des „Hitlahabuth". Dann werden wir weiterschreiten können über die „Aboda", „Kawanah" zur „Schiflut". Und am Ende: Habt Ihr die „Habimah" erlebt, den Dybuk? Wenn ja, habt Ihr den Schauer gefühlt, den Euch das hebräische Wort eintrieb, Eure Kleinheit, unser Nichts, wenn der Gesang sich zum Gebet steigerte, die Auflösung in eine Jüdischheil, die Ihr nicht kennt, die Ihr immer nur ersehnen müßt?

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