Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1928-01-01 · 1 (1.1.1928) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
1 (1.1.1928)
Date
1928-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492456-6352307-6352534--0532-4928707
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

solchen Spiel die Idee des Festes zu verkörpern, sehr häufig aber auch, um eine Lücke in irgendeiner geselligen Veranstaltung auszufülln oder gar die leere Vereinskasse zu füllen. Bei der Wahl des Stückes verfällt man dann sehr leicht auf Bühnenwerke, die dem Charakter der Spielschar nicht entsprechen und die nur von Berufsschauspielern dargebracht werden könnten, oder man bringt kleine seichte Handlungen zur Aufführung, erreicht jedoch in beiden Fällen niemals, daß die Spielenden und die Zuschauer wirklich ein Erlebnis des Stückes mit nach Hause nehmen; denn man hat Berufsschauspieler nachzuahmen versucht und förderte dabei doch nur einen dürftigen Dilettantismus zutage. '. Wenn wir jungen jüdischen Menschen uns nun ein Spiel zum wirklichen Erlebnis werden lassen wollen, so dürfen wir nur unser eigenstes Leben und Denken darstellen, wie es ja auch der wahre Künstler unter den Berufsschauspielern tut. Und dazu ist es nötig, daß auch wir uns dem echten, gesunden Laienspiel zuwenden, das in der bewegten Jugend aller Richtungen bereits einen bedeutsamen Platz einnimmt, ohne in irgendeiner Weise den Berufsbühnen den Rang streitig machen zu wpllen. ' \ Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, an einem Laienspielkursus teilzunehmen, der im Kinderheim Nettelstedt (bei Lübbecke) für die Glieder der verschiedensten Jugendbewegungen des Regierungsbezirkes Minden abgehalten wurde. Etwa 70 junge Menschen kamen dort unter Leitung ganz besonders prächtiger und berufener Führer zusammen, um in einer viertägigen Freizeit durch Theorie und Praxis in das Laienspiel einzudringen. Erwähnen möchte ich noch, daß die Erbauer des Kinderheims Nettelstedt Rektor Karl Meyer, Spelbrink, und Lehrer Wilhelm Körte eich aus ihrer Dorfgemeinschaft eine Spielschar gebildet haben, mit der sie (zuerst auf Wanderbühnen, später auf einer von der Natur gegebenen herrlichen Freilichtbühne im Wiehengebirge) Laienspiele aufführten und aus dem Erlös dieser Veranstaltungen das Kinderheim für arme, erholungsbedürftige Kinder errichteten, ganz gewiß eine große soziale Tat, die Schule zu machen verdient. — Während dieses Laienspiellehrgangs übten wir nun gemeinsam das Spiel eines Volkes „Die Bürger von Calais" (von Rudolf Mirbt, Münchener Laienspiele, Chr.-Kaiser-Verlag, München, Heft 8) und das Spiel einer Liebe „Gevatter Tod" (gleichfalls von Rudolf Mirbt, Münchener Laienspiele, Chr.-Kaiser-Verlag, München, Heft 4) ein, und schon nach wenigen Stunden des Zusammenspiels fühlten wir uns, die wir sonst die gegensätzlichsten Richtungen der Jugendbewegungen verkörpern, durch herzlichste Kameradschaft miteinander verbunden. Das war nur zu natürlich; denn wir hatten ja alle zusammen die furchtbare Not des Volkes von Calais (in einer rhythmischen Auffassung des Werkes) empfunden, um eine Befreiung von dem Druck der Belagerung gerungen und so das Spiel selbstschöperisch gestaltet. Als etwas ganz Verwandtes fügten sich übrigens in unsere Spiele offene Singstunden unter Leitung eines Jöde-Musiklehrers und rhythmische Gymnastikpflege ein und verbanden uns nur noch fester miteinander, so daß uns nach viertägigem Zusammenleben die Trennung schwer wurde. Es ist mir während dieses Lehrganges klar geworden, daß das Laienspiel auch für uns jüdische Jugend ein Weg zu einer starken Gemeinschaft bedeuten muß, auch wenn' der Stoff der Spiele zunächst nicht speziell jüdisch ist. In jedem Menschen lebt der Trieb zum Spiel, zu einer Nachahmung des Lebens in seiner Vielgestaltigkeit, aber auch der Trieb zu einer Steigerung des Lebens, nämlich ein Streben nach dem Kern der Dinge. Aus diesen beiden Trieben erwächst nun das echte Laienspiel. Wenn wir es nun in den jüdischen Jugendvereinen pflegen wollen, so müssen wir zunächst den Stoff der betreffenden Spielschar entsprechend und die Rolle des einzelnen Spielers seiner Wesensart gemäß wählen. Beratungsstellen für Laien- und Jugendspielpflege gibt es im ganzen Reich fast in jeder größeren Stadt. (Ein Verzeichnis darüber habe ich vorliegen und bin zu näherer Auskunft gern bereit.) Als sehr wesentlich möchte ich hier auch die Sprechchöre erwähnen. „Die Reihe der Sprechchöre" findet ihr im Arbeiterjugend-Verlag, Berlin SW. 61, Belle-Alliance-Platz 8. Und dann schenkt vor allem auch dem Märchenspiel eine recht große Beachtung; denn gerade auf diesem Gebiete werdet ihr wundervolle Werkchen finden, die technisch keine großen Schwierigkeiten bereiten und an denen ihr doch sehr viel Freude haben könnt. Denkt daran, daß Märchen bekanntlich gerade für erwachsene Menschen sind. Wo es sich irgendwie einrichten läßt, da führt Märchenspiele im Freien auf; denn in der Natur wirken sie viel erdverbundener und zugleich geheimnisvoller. Die Nettelstedter boten während der oben erwähnten Freizeit ihren Gästen „Lilofee", ein Herbstmärchen von Hans Kraus, mit einer Notenbeilage von Karl Seidelmann. (Eines der schönsten Volkslieder, „Es freit ein wilder Wassermann", liegt diesem Spiel zugrunde.) Sie spielten es an einem dunklen Herbstabend auf einem Brunnenplatz, der von einem Scheinwerfer silberweiß erleuchtet war. Den Wassermann konnten sie aus dem Brunnen, die Elfen aus den grünen Büschen auftreten lassen. Herbstblätter wirbelten durch den hellen Lichtschimmer, und so strömte das Spiel einen Märchenzauber aus, wie er auf einer Binnenraumbühne niemals erreicht worden wäre. — Nebenrollen dürfen wir beim Laienspiel nicht kennen. Jede Rolle muß als Hauptrolle aufgefaßt werden, wenn das Ganze gelingen soll. Die Bewegungen der Spieler müssen ganz natürlich sein. Es gilt auch für uns das Hamletwort: „Paßt die Gebärde zu dem Wort, das Wort der Gebärde an". Um die Stimmung des Spielers herbeizuführen, die er zu seiner Rolle benötigt, ist es sehr ratsam, im Stegreifspiel Beispiele aus dem natürlichen Leben zu skizzieren. (Stegreifspiele bilden übrigens für kleinere gemütliche Heimabende. einen unerschöpflichen Born der Freude; man improvisiere beispielsweise einen Wochenmarkt oder irgendeine originelle Begebenheit aus dem Cemeindeleben usw.) Kostüme sollen im Laienspiel nur angedeutet werden. (Bärte, Perücken sowie das Schminken möglichst vermeiden!) Die Dekoration darf nur den einführenden Rahmen geben. Darum verzichtet auf großartige Kulissen und spielt auf der Vorhangbühne, d. h. die Kulissen bestehen aus farbigen Vorhangbahnen, die oben an Stangen laufen und aus denen ihr durch Zusammenraffen eine Muschel oder ein Dreieck bilden könnt. Mit farbig gestrichenen Kisten verschiedenster Ausmaße bestreitet ihr die übrige Dekoration und habt auf diese Weise übrigens eine ganz moderne, geschmackvolle Bühne. Wenn ein Spiel nun durchgearbeitet ist, dann gilt es, auch an die Zuschauer zu denken. Es ist ganz besonders beim Laienspiel wichtig, daß das Publikum mit in das Erlebnis des Spiels gestellt ist. Man läßt deshalb vielfach die Spielschar durch das Publikum auftreten undauch wieder in die Zuschauerreihe hineingehen. Nun möchte ich noch einige Verlagsanstalten nennen, von denen wir bestimmt auch für unsere Kreise geeignete Spiele beziehe/) können: -j Der Bühnenvörksbundverlag, G. m. b. H., Berlin SW 68, Kochstraße 59, besitzt eine besondere Abteilung für Laien- und Jugendspielpflege und berät auch gern in allen Fragen des Laienspiels. Weitere Verleger sind: _D er Arbeiterjugendverlag, Berlin SW 61, Belle-Alliance-Platz 8; Der Chr. - Kaiser-Verlag, München; Arwed Strauch, Leipzig C. 1, Geliertstraße 7,9 DI. Alle diese Verleger senden gern kostenlos Prospekte zu. Speziell Jüdisches ist mir auf dem Gebiete des Laienspiels leider noch nicht bekannt geworden und ich wäre dankbar, wenn jemand aus unseren Reihen meine Ausführungen besonders in diesem Punkte ergänzen würde. Und nun, ihr Mädel und Jungen, widmet euch einmal mit aller jugendfrischen Begeisterung dem echten Laienspiel. Ihr werdet reiche Möglichkeiten finden, euer Wesen in einer starken künstlerischen und zugleich so natürlichen Form lebendig zu gestalten und zu steigern. 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.