Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 1 (1.1.1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Kritisches zur Entwicklung des Verbandes von Eugen Roth. Kothen Die erfreuliche Entwicklung und Ausdehnung, welche unser Verband seit der Uebernahme der Leitung durch die westdeutschen Freunde erfahren hat. kann uns mit Befriedigung erfüllen. Allenthalben, nicht nur innerhalb unseres Verbandes, sondern auch außerhalb unserer Reihen, wird sie gewürdigt und anerkannt. Doch läßt sich nicht leugnen, daß der äußeren und inneren" Struktur unseres Verbandes noch gewisse Mängel anhaften, die zur Kritik herausfordern und wenn sie nicht in irgendeiner Weise abgestellt-.-werden können, mir eine Gefahr für die zukünftige Entwicklung des Verbandes zu bilden scheinen. Im Gegensatz zu den anderen jüdischen Jugendorganisationen, deren Bünde und Bezirksgruppen zumeist von Jugendlichen oder aus der Jugendbewegung hervorgegangenen Menschen geführt werden, ist es bei unserem Verbände heute so, daß in einer großen Zahl unserer Verbandsvereine und Landesverbände Rabbiner und Lehrer die Führung oder doch den bestimmenden Einfluß haben. Diese Tatsache scheint mir zwar für die Richtigkeit und Anerkennung unserer Ideen zu sprechen und für die oberste Leitung des Reichsverbandes das einzig Gegebene zu sein. Falsch erscheint es mir jedoch, und meine Erfahrungen haben es mir auch in den meisten Fällen bestätigt, daß die junge Generation — wenn man von den wenigen Junggruppen, bei denen das eine Selbstverständlichkeit sein muß. absieht — in so wenigen Verbandsvereinen die Führerstellung innehat. Ich verkenne die Schwierigkeiten nicht, welche die richtige Auswahl, der geeigneten Persönlichkeit bietet, aber wir dürfen auch nicht verkennen, von welch eminenter Bedeutung für die Entwicklung ' des Verbandes es ist. junge Menschen zu Führerpcrsönlic^keiten heranzubilden. Ich machte «deshalb heute an die Leiter. unserer Landesverbände" und an die Verbandsleitung »e!bst den dringenden Appell richten, bei der Neugründung von Verbandsvereinen dringend darauf zu achten, daß, wenn nur irgend angängig. Jugendliche im Alter von Anfang bis Ende der Zwanzig die Führung erhalten. Und noch ein Zweites. Wir sind uns wohl alle darüber klar, daß die Zeiten der sog. zünftigen Jugendbewegung heute vorüber sind. Die junge Generation von heute —;ind dies gilt von der jüdischen ebenso wie von der übrigen deutschen Jugend — glaubt mehr an Tatsachen als an Ideen, ist mehr sachlich, ist opportunistischer. Romantik, Ideale und Ideen treten' zurück hinter den Gegenwartsfragen, sind der heutigen Generation fremd. Darauf müssen wir Rücksicht nehmen, bei allem, was wir iiir die Jugend tun. darauf muß vor allem auch die ältere Generation achten, wenn sie auf die jüngere einwirken will. Gewiii läßt ^:ch damit einmal eine eindrucksvolle Wirkung, zumäl auf Grolistadtjugendliche. erzielen, mehrmals ist dies jedopfi nicht der Fall und ruft nur ganz ungewollte Wirkungen hervor. Vielmehr ist es unbedingt nötig, die Veranstaltungen unserer Vehrbandsvereine mehr auf den Boden der „neuen Sachlichkeit' zü stellen, mehr mit dem Geist der Zeit zu erfüllen, in dar wir leben. ..Da^ "Alte wollen wir lieben, aber für das Neue wollen wir leben", so hat einmal Theodor Fontane gesagt. Das muß auch für uns gelten. Kenntnis der jüdischen Geschichte, und Religion ist notwendig, aber man darf darüber niclit die die Gegenwart beherrschenden und in die Zukunft weisjenden Bewegungen und Bestrebungen vernachlässigen. Junge'Führer und neue Sachlichkeit, 'das müssen' die Losungsworte für die Verbandsarbeit des Winters sein! Das Ende der Jugendbewegung von Harry c. Schnur, Berlin Aus revolutionärer Empörung gegen stagnierendes Spießertum entstand die deutsche Jugendbewegung. Man rüttelte an den überkommenen Wertungen, zweifelte an Axiom gewordenen Wahrheiten: Fesseln der Konvention durchbrach elementares Streben,- glühender Jugend. Die Schule, die Wissen statt 2 Bildung, das Elternhaus, das gesellschaftliche Formen statt Erziehung gab, waren die mächtigen Gegner, deren starken Panzer die Jugend mit kecken Hieben angriff. „Jugendkultur" sollte überlebte Formen ersetzen. Neu erstanden das Volkslied und die alten Tänze; ein echtes Naturgefühl trat an die Stelle bürgerlicher Oeldruckromantik. Die Jugend schloß sich zu Bünden, so verschieden von Kränzchen und Verein, wie die Fahrt des Wandervogels vom Ausflug des Touristen. Die jungen Menschen nahmen sich das Recht zum eigenen Urteil, radikal und einseitig wohl, aber wachsend durch den harten Kampf mit den alten Mächten. Dann kam der Krieg, sinnlos edle Jugend raffend, und das Chaos danach. Und wieder fügten sieb Bünde, die unseren wie die deutschen. Die alten Formen lebten wieder auf, die alten Führer führten den Kampf weiter — und sahen nicht, daß es eine andere Jugend war, die sie leiteten, eine andere Gesellschaft, der sie gegenüberstanden. Es gibt keine absolute Wahrheit; darum leben Wahrheiten nicht ewig. Der alte Geist lebte noch in den Führern, doch nicht mehr empörte sich spontan die Jugend. Wogegen auch? Waren nicht alle Postulate der Jugendbewegung erfüllt, hatte sich die alte Gesellschaft nicht gewandelt? Die Schule war um vieles besser geworden, da viele Lehrer selbst aus der Jugendbewegung kamen oder doch wenigstens von ihr beeinflußt worden waren-, die frühere Strafanstalt, in der es nur Vorgesetzte und Untergebene gabv hatte sich dem Idealbild der Gemeinschaftsschule merklich genähert. Eltern und Kinder, früher durch Bünde künstlich gegeneinandergebracht, hatten einander in schweren Zeiten besser verstehen gelernt. Allgemein hatten sich freiere Anschauungen durchgesetzt; das Muckertum hatte die Entdeckung des Körpers durch die mächtig wachsende Sportbewegung nicht aufhalten können: wo stand jetzt der Feind? Er stand im eigenen Lager. Politische Verbände suchten die Jugend für ihre Zwecke einzufangen. Wir sahen und sehen den traurig-komischen Typ des jugendlichen Politikers, der mit sechzehn Jahren Kommunist, Zionist oder was immer ist. Nichts ist leichter als Jugendliche zu beeinflussen; und in ihrer Kurzsichtigkeit sehen die Führer nicht, auf welch schwacher Grundlage solche angelernten und nachempfundenen Anschauungen später stehen müssen. Ein anderes geht dieser künstlich aufgeputschten Jugend verloren: die Ehrfurcht. ..Wir sind jung, und das ist schön!" Gewiß, aber das artete aus in einen förmlichen Kult des Unreifen. Solange war den Jugendlichen eingeredet worden: „auch ihr habt eure Individualität", bis jeder Fünfzehnjährige glaubte, um ihn rotiere die Welt. Auf einer jüdischen Jugendtagung fiel das schöne Wort: „Goethe? — auch so ein Bücherwurm!" — typisch für die der Jugendbewegung eigene Selbstüberschätzung, mit der Unreife sich zu Urteilen über himmelhoch über ihnen stehende Menschen und Dinge erdreisten. Mit der Zeit entstand ein förmliches Spießertum der Jugendbewegung. Man kennt den Typ des ewigen Wandervogels, der, verbummelter Student, gescheiterter Kaufmann oder dergleichen, in Wolkenhöhen lebend, „jugendbewegt" ist — und sonst nichts. Dies ist der Weg nichtl Wir bleiben nicht ewig Jünglinge; unser Ziel — das aller jüdischen Jugendverbände — soll der Mann sein. Wertvoll für das Judentum wird man nicht durch Reden und Gesinnungen, sondern durch Taten: durch Leistung. Jugend ist kein Verdienst und wertvoll an sich, sondern durch die Art, in der sie überwunden wird. Die überlebten Ideen der absterbenden Jugendbewegung können die Erneuerung des üdischeri Volkes nicht bringen. Ueberlassen wir daher die Erziehung der Jugend den zuständigen Instanzen und arbeiten wir an uns selbst! Vom Laienspiel von nse Lazarus. LübbecKe i. IV. Unsere jüdischen Jngendvereine sehen von Zeit zu Zeit (etwa zu Chanukka oder Purim) die Aufgabe vor sich, ein Bühnenwerk aufzuführen. Vielfach geschieht das, um in einem