Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 12 (1.12.1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492456-6352305-6352525--0518-4928696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
feld vor dem Reichstagsausschuß gehalten hat, so (ragt man sich tatsächlich entsetzt, wieso in unserem erleuchteten Jahrhundert diese Kulturschande überhaupt möglich sein kann. Menschen werden gesetzlich ermordet! Menschen oft genug, die Justizirrtümern zum Opfer fallen, wie wir aus unseren Tagen ja zur Genüge wissen. Die Strafe soll den Gestraften bessern, nicht ihn tötenl Die Strafe soll erziehen; aber wo der Henker anfängt, hört da nicht die Erziehung auf? Man muß sich einmal klar machen, was es heißt: einer.wird von der Gesellschaft beauftragt, Henker zu sein! Im Interesse der Ermordeten und der Mörder und der Henker, in unserem Interesse als sein wollende Kulturmenschen: Fort mit der Todesstrafe! E. H. ♦ « * Es ist kein Zufall, daß sich in den Reihen des Verbandes kein einziger Anhänger der separatistischen, der Trennungsorthodoxie befindet, obwohl wir doch zahlreiche Gesetzestreue zu den Unseren zählen. Weil uns unsere neutrale Ideologie, wie Gustav Löffler erst in der Werbemimmer wieder uns ins Gedächtnis zurückrief, ein besonderes geistiges Gesicht gab, deshalb haben wir allesamt zur Frage des Gemeindeseparatismus, oder positiv gesagt: zur Frage der Einheitsgemeinde eine einheitliche Ansicht. Wir sind als Verbandsmitglieder Anhänger der Einhpilsgemeinde. — Auf der Frankfurter Tagung der Vereinigung für das liberale Judentum ist von einigen Diskussionsrednern am Bau der Einheitsgemeinde gerüttelt worden. Daß es gerade Leute aus Gemeinden waren, in denen soeben in Neuwahlen die Liberalen von Majoritäten zu Minoritäten geworden sind, das wirft auf die Stellungnahme dieser Herren ein ganz besonderes Licht. Das hat der liberale Führer Rabbiner Cäsar Seligmann auch empfunden und hat schonungslos die Zusammenhänge zwischen Wahlkampfniederlage und diesen Zweifeln an der Einheitsgemeinde aufgezeigt und gegeißelt. Rabbiner und Laien haben sich auf der Tagung rückhaltlos für die Einheitsgemeinde eingesetzt. Weil aber doch eine Minderheit anscheinend nun auch bei den Liberalen gegen sie ist, deshalb wird der Kampf weiter gehen. Seien wir wachsam! E. H. Rührend, wie ein Backfischroman, ist die Bescheidenheit unserer jüdischen Emanzipationskämpfer. Diese Bescheidenheit schleppen sie als ein Stück Ghetto mit sich. Unsere Antireißen und auf sein Thema hinlenken. Es gibt Menschen, die diesen „Einbruch" nie verzeihen können. 9. „Geistesblitze" sind oft gefährlich. Sie splittern leicht Teile des Stammes ab, sprengen die Rinde, die ihn umschließt, verleiten den Hörer zur Bewunderung statt zur Andacht, entführen ihn in ferne Gefilde. Nur wenige können sofort zurückkehren. Viele verträumen irgendwo in der Ferne. Entdecken sie dann, daß sie nicht mehr bei der Sache sind, so machen sich die, so guten Willens sind, mühsam auf den Weg, finden vielleicht auch zurück, aber das Band bleibt gelockert. 10. Ein Redner, der seine Darlegungen dauernd durch Beweise zu erhärten sucht, deren Voraussetzungen auf ganz anderen Gebieten (als denen seines Themas) liegen, erweist sich und seinem Auditorium einen schlechten Dienst. Er schleudert seine Hörer immer wieder aus der Bahn und soll sich nicht wundern, wenn er für solches Tun nachher die Quittung erhält —: in Gestalt einer Diskussion, die sich um Dinge dreht, welche von ihm nur so nebenbei erwähnt wurden, die aber wegen der einmaligen und lückenhaften Behandlung gerade in ganz besonderem Maße die Aufmerksamkeit und den Widerspruch der anderen reizen. 11. Die Kunst des Zuhörens wird zur Selbstverständlichkeit, wenn der Redner sich selbst so in der Gewalt hat, daß er all seine Rede um einen Gedanken, ja um e i n Wort kreisen läßt. In dieser Beschränkung wird der Könner zum Meister. semiten sind stark im Irrtum: die übergroße Mehrheit der deutschen Juden ist (leider . . .?) alles andere als aufdringlich und anmaßend. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Da traf ich neulich diesen Typus der pp. Bescheidenheit. Es war ein chronischer Demokrat, Leser des B. T., ein noch Schwankender (schwarz-weiß-rot-gold), aber sonst harmlos bis auf die Knochen. Wir standen in einer sehr kleinen und unwichtigen Stadt auf dem Marktplatze und sahen der Schützenfestparade zu, die eben eine Begleiterscheinung des Sommers ist und — wir stehen ja bekanntlich auf dem ominösen Boden der Tatsachen — die eben, sagen wir mal, hingenommen werden muß. Der Kommandant der buntbetreßten, im übrigen jedoch sehr zahmen Truppe war ein Jude. Ist das nicht ein Grund für meinen Nebenmann vom Typ Bescheidenheit, mit dem Brustton der Befriedigung (leise, leise natürlich!) zu konstatieren: „. . . Man muß sich doch freuen, wenn man so sieht, wie hier unsere Glaubensgenossen gleichberechtigt sind!! . . ." Und noch dazueine Kommandostelle innehaben, sozusagen: die Marschallstäbe im Tornister tragen! * * Rührend! — Es gibt unzählige- Pendants hierzu. Aber wenn man sie aufzählt —, „macht man Risches", sabbern die Leisetreter, die aus Angst vor den Antisemiten mit der Demokratie liebäugeln.und am Verfassungstag aus „geschäftlichen Gründen" mit den Antisemiten sympathisieren, indem sie die schwarzrot-goldene Fahne ignorieren. (Wohlgemerkt: ich mache keine Reklame für Schwarz-rot-gold! Ich will nur die unübertreffliche Logik unserer Drückeberger demonstrieren!) Noch eines bloß: Etwas Unangenehmes zwar, aber es darf nicht totgeschwiegen werden: Wie steht Ihr Bescheidenen eigentlich zum Pazifismus? (Heißes Eisen!) Aha, Ihr guckt auf Eure Führer. Selbstverständlich! Ihr habt ja auch von 1914 bis 1918 auf sie geguckt. Eure Führer? , Wißt Ihr vielleicht, daß vor ein paar Monaten eine Rabbinerkonferenz oder so was Aehnliches stattgefunden hat unter dem -> (ich spreche es schweren Herzens aus!) Motto: „Judentum und Friedensbewegung?" — Nein, Ihr wißt das nicht, denn es stand nicht in Eurem Leib- und M»genblatt. Oder: Ihr habt's übersehen. Wie Ihr ja gern solche heiklen Sachen überseht. Eine kleine Meldung stand wirklich über jene „Konferenz" in der jüdischen Presse. Eine sehr kleine Meldung. Wie es sich geziemt: möglichst klein gedruc it, möglichst nebensächlich. Wenn Selbst dann, wenn seine H irer nicht einmal guten Willens sind, werden sie doch von seiner Energie und Zielsicherheit immer wieder zur Besinnung gezwungen. Sein Leitgedanke ist der ruhende Pol in der Gedanken Flucht. Ein solcher Redner gleicht dem Werkmeister, der seine Arbeiter nicht einen Augenblick unbeaufsichtigt Jäßt. Seine Anwesenheit, seine Wachsamkeit, seine unermüdliche Werktreue, seine freudige Dienstbereitschaft, sein vorbildlicher Ordnungssinn gewährleisten das Gelingen seiner! Aufgabe. —■ Stumpfgewordenen Ohren mag er zunächst fade, unbequem und ermüdend erscheinen. — Abfällige Worte sind vielleicht sein erster Lohn. Aber je weiter sich seine Hörer zeitlich von seiner Rede entfernen, um so mehr wird .ihnen fühlbar werden die Güte, Gediegenheit und Größe — ja Gewalt des Gesagten. Denn er hat nicht den hinreißenden Strom gegeben, er hat das Größere geschaffen — das unendliche Meer. 12. ,JDu sollst nicht töten!" Wer nicht zuhören kann, muß ja zum Würger werden. 13. „Wer andern eine Grube gräbt . . ." Die Teilnahmlosigkeit, die den anderen stürzen soll, trifft immer in gleichem Maße den Schuldigen. 14. Es ist eine Unsitte der Diskussion, daß jeder recht beharren will. So hört er aus den Worten des andern nur das heraus, was schwach und widerlegbar ist. -Unterdessen ertaubt er für Kostbarkeiten, die sich ihm vielleicht nie wieder bieten. —: . 9