Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1927-12-01 · 12 (1.12.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
12 (1.12.1927)
Date
1927-12-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/6492456-6352305-6352525--0515-4928693
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Zu welchem Ziel arbeiten wir im Jugendverein Wir veröffentlichen nachstehend einige Aeußerungen zu unserer in der vorigen Nummer bekanntgegebenen Rundfrage: ,,Zu welchem Ziel arbeiten wir im Jugcndve'rein? Ist unser Ziel der jüdische Mensch und entspricht dieses Ziel der Mehrzahl unserer Mitglieder? Führt der Weg zum jüdischen Menschen über Allgemein menschliche Werte oder ist das Ziel schlechthin-der ethische Mensch? Wenn ja, müssen w ir zu diesem Ziel über jüdische Kulturwerte gelangen und wie können wir sie dann so vermitteln, daß sie der Erreichung des Zieles förderlich sind?" Unser Vcrbands'reund Siegfried Bacharach hat mit seiner Anregung an d i e Probleme gerührt, die in der Tat die meisten von uns am stirksten beschäftigen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß über die Fragen: Wie arbeiten wir? Wohin arbeiten wir? in den Bünden des Verbandes, in unseren eigenen Reihen die Ai>ichten weit auseinandergehen. Dank dafür, daß uns Gelegenheit geboten wird, uns dazu zu äußern. Soll ijjsere Arbeit sich noch enger an jüdisch: Kultur werte anlehnen oder sollen im erhöht'n Maße allgem-ein menschliche Werte vermitt eil werden? Ich!m der Ansicht, daß jüdische Kulturwerte, daß jüdisches Vi is<er noch lange nicht den Platz bei uns einnehmen, den sie in ein m ,,1 ü d i s c h e n" Jugendbund einnehmen müßten. Man mag 'ber Orthodoxie und Liberalismus der Meinung sein, wie mar will, das eine steht fest: „Das Judentum, richtiger die Ju enheit (mit ihr die deutsche) fällt immer mehr der geistigen V-rflachung und Lässigkeit anheim". Heute ist es mehr denn i nötig, wieder ernst zu machen mit unserem Judentum. Das m u s s sein!! Wir müssen im Jugendbund unsere Mitglieder einzeln erfassen, und nur auf der Basis einer individuellen Behandlung werden wir es erreichen können, den Einzelmenschen — (und vielleicht auch sogar den jüdischen Massenmenschen, wie ihn Gustav Löffler sieht, aber nur vielleicht) — wenigstens etwas davon verstehen zu machen, was es heißt, „Jude zu sein". Er wird nicht leicht zu gehen sein, dieser Weg, gewiß nicht: um so mehr, als doch die Mehrzahl unserer Gruppen weniger „Jugendbünde" als typische „Jugend vereine" sind. Und es liegt eben darin eine gewisse Schwierigkeit, daß es im Jugendverein schwerer sein dürfte, den einzelnen so zu erfassen, wie man es gerne möchte. Aber möglich wird es auch hier sein! Wir werden uns nicht mehr verkriechen dürfen, wir werden nicht mehr zurückschrecken dürfen vor der Tat. Ich meine da, daß man eben auch persönliche Opfer bringen muß. Um allgemein menschliche Werte zu vermitteln, s^ind heute so viele Institutionen da, die das besser machen können als wir, zumal sie an ihre Mitglieder keine pekuniären Anforderungen-steilen (siehe Volkshochschule!), und außerdem ist es nicht Sache eines „jüdischen" Jugendbundes, sich in erster Linie, mit allgemein menschlichen Problemen auseinander- Erst vor kurzer Zeit hat der Verlag R. Piper & Co., München, ein Buch von Edmond Fleg auf den Markt gebracht. „Der kleine Prophe t". Dieses Buch fällt mir gerade deshalb ein, weil es in ganz wunderbarer Weise schildert, wie ein kleiner Judenjunge, der in einem ganz unjüdischen Milieu aufwächst, wieder den Weg zu seinem jüdischen Ich zurückfindet. Dieses Buch ist ein einziger Vorwurf, eine einzige Anklageschrift gegen die unjüdische Erziehung der modernen Eltern. Selten noch habe ich ein Buch gelesen, das in so wunderbarer Erlebtheit die Gedanken eines Kindes von heute wiedergibt. Die Fragestellung: „Ist unser Ziel der jüdische Mensch-- oder ist das Ziel schlechthin der ethische Mensch, sagen wir, der Charakter?", scheint mir einen Widerspruch in sich zu bergen. Meines Erachtens sind der jüdische Mensch, wie ich ihn verstehe, und der ethische 6 Mensch ein und derselbe. Der „jüdische Mensch" wird immer ethisch sein, er wird immer ein Charaktermensch sein. Daß der Weg zu diesem Ideal in allererster Linie über jüdische Kulturwerte führt, das ist sicher. — Siegfried Bacharach wirft ferner die Frage auf: Entspricht dieses Ziel (der jüdische Mensch) der Mehrzahl unserer Mitglieder? Diese Frage muß leider mit einem glatten „Nein" beantwortet werden. So wie es heute noch im Verband aussieht, dürften die meisten unserer Mitglieder mehr Interesse bzw. Verlangen nach allgemeiner geistiger Kost aufbringen. Sicher, man kann yon keinem Menschen, nicht einmal von einem jungen Menschen, verlangen, daß er sich von heute auf morgen umstellt. Aber wenn wir schrittweise vorgehen, indem wir das jüdische Moment allmählich mehr und mehr in den Vordergrund treten lassen, indem wir nur von Zeit zu Zeit in bestimmten Abständen allgemeine Themen behandeln, so muß es unsdoch gelingen, wieder das Jüdische durchzusetzen. Kurt Kraemcr. Heilbronn a. N. » * Für einen einzelnen Menschen ist es selbstverständlich, sich mit allen, sowohl jüdischen als auch rein menschlichen Fragen zu befassen. Es ist jedoch schwer, für einen jüdischen Jugendverein allgemeine Richtlinien aufzustellen: es kommt doch hierbei ganz auf die Menschen in dem betreffenden Orte an, mit denen man zusammen arbeitet. Die Situation ist natürlich überall verschieden. Nur allgemein menschliche Fragen zu behandeln und das Jüdische dabei auszuschalten, halte ich für abwegig; denn allgemeine Interessen können wir auch außerhalb der jüdischen Gemeinschaft pflegen und brauchen dazu keinen jüdischen Jugendverein. Ausschließlich jüdische Fragen zu behandeln, halte ich nicht für richtig, da die Interessen der Jugend über den Rahmen des „nur Jüdischen" hinausgehen. Also halte ich es für das beste, wenn man versucht, beides zu vereinigen. Im Brennpunkte des Interesses im Kreise junger Juden stehen natürlich rein jüdische Fragen. Doch ich kann mir sehr gut Vorträge denken, die allgemein menschliche Fragen umfassen, wie „Pazifismus, soziale oder Erziehungsfragen, die immer in lebendiger Beziehung zum Judentum stehen. Werner Gerson, Magdeburg. Rundbriefe des U/estd. Bezirksverbandes (Fortsetzung.) II. Soziale und kulturelle Organisationen. Allgemeines. Aufgabe dieses Teiles des Rundbriefes ist es. zu zeigen, wie stark das jüdische Eigenleben innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft ist; wie durch Fürsorge und soziale Arbeit der jüdische Mensch durch sein ganzes Leben begleitet werden kann, wie den besonderen kulturellen Anforderungen durch die Organisationen entsprochen wird. Eine jüdische Wohlfahrtspflege ist nötig, weil durch die Eigenart des Juden sowie die Befolgung der Gesetze der Thora eine allgemeine Fürsorge oft unmöglich wird. Besonders interessant, wie auch auf diesem Gebiet die geschichtliche Entwicklung gleichläuft mit der Entwicklung der allgemeinen Wohlfahrtspflege, von freiwilliger Liebestätigkeit zur Organisation mit beamteter Arbeit. A. Rein soziale Organisationen. Hier geht man am besten von den örtlichen Vereinen aus, deren Geschichte, Entwicklung, Arbeit. t, Wohlfahrtspflege wird seit alter Zeit ausgeübt durch Männer- und Frauenchewras, die als ihre Aufgabe betrachten: Erfüllung der Mizwoth, insbesondere bei Kranken und Toten, Versorgung von Armen mit Kleidung und Nahrung, Ausstattung von Bräuten, ■ Fürsorge für Witwen und Waisen sowie Alte. 2. Der Zuzug der Juden in die Großstädte bringt neue Aufgaben, die Uebersicht über die Hilfsbedürftigen geht ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.