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Der Jugendbund · 1927-12-01 · 12 (1.12.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
12 (1.12.1927)
Date
1927-12-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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schien am 10. November d. J. in einer Kölner Tageszeitung. Wenn ein so hochstehender und intelligenter Mann zu dieser oft erörterten Frage Stellung nimmt, so läßt das uns aufhorchen. Er beginnt seine Ausführungen mit einer Erzählung, wie er mit dem Abgeordneten Düringer Freundschaft geschlossen habe, ohne daß dessen deutschnationale Einstellung der Freundschaft geschadet habe. Lieber Religion habe er mit ihm' nie gesprochen. Dann sucht Hachenburg die Ursachen des Antisemitismus zu ergründen. Er sieht in ihm einen „geschichtlichen Vorgang", der zu einer „Entwicklung des jüdischen Volkssplitters zu einem unlösbaren Bestandteil Deutschlands" führe. „Jede Angleichung eines ursprünglichen Fremdkörpers (gemeint sind die Juden! Der Verf.) vollzieht sich langsam und unter Kämpfen und Krämpfen!" Mancher sei aus Vaterlandsliebe Antisemit. Hachenburg glaubt daher, „daß auch in unserer heutigen Jugend (deutschen. Der Verf.) gar mancher aus sittlichen Motiven, aus einer irregehenden Liebe zu seinem unglückseligen Lande zum Hakenkreuz schwöre. Kein Volk oder Volksteil (deutsches. Der Verf.) gibt leicht eine überkommene Höherstellung (!) über einen anderen Volksteil auf." Daneben würden mittelalterliche Auffassungen über die Juden als Geldverleiher und Wucherer noch weiter im Volke wurzeln und die Angleichung erschweren. Jedoch die Entwicklung würde weiter gehen und der Antisemitismus eines. Tages verschwinden. Der Jude selbst dürfte sich aber nicht nur auf die Zeit verlassen, sondern er müsse „an der eigenen Anpassung arbeiten." Daß allerdings auch manche Eigenschaft der Juden nicht wertlos und der Erhaltung bedürfend sei, gibt Hachenburg als möglich zu. Aber es ist nach Hachenburgs Meinung notwendig, daß der Jude „der geistigen Luft und der moralischen Atmosphäre seiner Heimat" gerecht werde. Erst dann würde sich die Assimilierung vollziehen und auch die jetzigen Gegensätze verschwinden. Hiernach sollte man eigentlich erwarten, daß Hachenburg jetzt zum Schluß an die Juden appellieren würde, sich in dieser Richtung aktiv und intensiv zu betätigen. Das wäre wenigstens eine klare und mutige Stellungnahme gewesen. Aber Hachenburg kommt zu einem anderen Schluß, der nicht logisch, sondern nur psychologisch zu erklären ist. Wir hören jene sattsam bekannten Worte: Zurückhaltung, Abwarten, bis ihr gerufen werdet usw. Er (Hachenburg) habe -während seines ganzen Lebens nach diesen Maximen gehandelt. Deshalb habe er auch nie den Antisemitismus am eigenen Leib gespürt. Er rate daher auch anderen diesen Weg .... Ich will mit dem Juristen Hachenburg nicht den Weg der Dialektik und wissenschaftlichen Auseinandersetzung beschreiten und darzulegen versuchen, warum und inwiefern seine Ansichten über die Ursachen des Antisemitismus einer Korrektur bedürfen. Darüber ist neuerdings auch von F. Bernstein in seinem Buch: „Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung" und von Arnold Zweig in seinem „Caliban" genügend und Grundlegendes gesagt. Aber wir dürfen m. E. den Rat und die Empfehlung, die Hachenburg uns glaubt geben zu müssen, nicht ohne Erwiderung lassen. H. findet in seinem Artikel nirgends ein scharfes Wort gegen den Antisemitismus. Er glaubt deswegen nur an die Juden appellieren zu müssen, obwohl sein Buch sich doch vornehmlich an Nichtjuden wendet. Seine Einstellung ist nicht neu. Wir finden sie zuerst bei jenen Männern des 19. Jahrhunderls, die glaubten, sich der bürgerlich-rechtlichen Gleichstellung jetzt auch dadurch würdig erweisen zu müssen, daß sie sich möglichst deutsch und wenig jüdisch gebärdeten. Daß sie auch heute trotz aller gegenteiligen Erfahrung noch nicht völlig ausgerottet ist, zeigt jener Artikel. Leider steht H. nicht vereinzelt da, sondern sein Geist bildet, wenn auch meist nicht so offen zugegeben, auch heute noch mehr oder minder den psychischen Unterton der Debatten über jüdische Fragen bei einer großen Schicht des deutschen Judentums. Hiergegen läßt sich nicht mit Logik und Verstand kämpfen, wie ja diese Schicht ihre „Gründe" auch erst hinterher zur Verteidigung sucht. Aber wir jungen freien Menschen sollten aus unserer inneren Menschenwürde und aus unserem jüdischen Wertgefühl heraus uns hiervon mit der Miene der Verachtung abwenden! — Mit aller Entschiedenheit sei hier nochmals festgestellt: Der Antisemitismus kann nie durch ein Negieren unserer jüdischen Art bekämpft oder auch nur gemildert werden. Solangenicht das Judentum durch Taufe und Mischehe untergegangen ist, wird es und muß es eine besondere jüdische Art des Denkens, des Fühlens und des — Aussehens geben, die kein aufrichtiger Jude hinwegleugnet und die auch offenbar H. für zur Zeit gegeben anerkennt. Wenn man versucht, sich hiervon bewußt freizumachen und sich an eine andere Art zu assimilieren, so entsteht ein Mensch in verzerrter Gestalt. Unehrlichkeit, Befangenheit sind die Merkmale des Verkehrs dieser Juden mit Nichtjuden. Man vermeidet das Wort Jude, man macht einen Trennungsstrich zwischen sich und anderen Juden u. a. So zeigt sich das wahre Gesicht der von Hachenburg empfohlenen „Zurückhaltung und Anpassung" im praktischen Leben. Jeder einzelne von uns mag sich daraufhin prüfen; in uns allen steckt e':n vererbter Kern dieser Gesinnung. Wir jungen Menschen sollten uns aber endlich zu der Erkenntnis durchringen, daß \ir nur durch offenes Auftreten als Juden zwar nicht zu einer Vertilgung des Antisemitismus, wohl aber zu einem erträglichen, eines freien Menschen würdigen Verhältnis zu den Nichtjuden gelangen können. Nur dadurc'i, daß wir dem deutschen Volk unser Wesen und die uns eigene Art geben, geben wir ihm das Beste, was wir haben. Nur so können wir ihm "i \ . N nutzen. — — \ Hachenburg, der schreibt; daß er nie unter deh\ Antisemitismus zu leiden gehabt habe, merkt nicht, daß gerade er am meisten darunter gelitten hat. Denn er hat dem'Antisemitismus seine Seele verkauft. — Er hat nicht nur feine Haltung in rein äußeren Dingen, sondern auch seine im. Stellung zu den die" Seele berührenden Fragen bewußt v\n der ihm angeborenen Art in einer einem bestimmten Zwe dienenden umzuändern versucht. Er, der stolz glaubt, übe den Antisemitismus gesiegt und als Lohn die Anerkennung und Duldung in der nichtjüdischen Gesellschaft erlangt zu haben, ist innerlich ein Knecht dieser Gesellschaft geworden. — Kein vernünftiger und anständiger Mensch kann derartiges von uns verlangen. Das Problem Antisemitismus, das auch im „Jugendbund" oft angeschnitten wurde, ist in Wahrheit gar kein Problem. Ob wir wiederhauen sollen, wenn wir geschlagen werden, und ob wir bei Beschimpfungen wiederschimpfen oder nicht vielmehr aufklärend wirken sollen, ist keine prinzipielle Frage; es ist eine Frage der Praxis und Taktik, über die man schwerlich grundsätzlich streiten kann. Ein Problem gibt es nur bezüglich unserer inneren Einstellung zum Antisemitismus. Wir dürfen nicht Knecht des Antisemitismus werden! Wir sollten nicht den Antisemiten dadurch recht geben, daß wir selbst an einer Minderwertigkeit unseres jüdischen Wesens glauben. Wir haben uns z. B. vielfach die Gesinnung der Antisemiten dadurch zu eigen gemacht, daß wir den Ostjuden nur deshalb hassen, weil wir in ihm eine besonders starke Verkörperung jüdischer Art sehen. Nur wenn wir den Antisemitismus, der in uns wurzelt, der uns selbst die Freude und das Wertgefühl an jüdischer Art nimmt, überwinden, kommen wir auch zu einer richtigen äußeren Haltung zum Antisemitismus. , In diesem eigenen Antisemitismus liegt die Tragik unseres ganzen Judentums begründet. Wenn wir heute so oft darüber klagen, daß die jüdische Jugend von Generation zu Generation an jüdischem Inhalt und jüdischer Form verliere, so ist der tiefere Grund in diesem Fehlen jüdischen Wertbewußtseins, in dieser Knechtschaft an antisemitische Ideen zu suchen. Hier Wandel zu schaffen, sollte des Verbandes höchste Aufgabe sein. Hierin würde auch ein positiver Sinn unserer Neutralitätsidee liegen. Denkt an die Fürte rüste des Verbandes! 5

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