Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1927-12-01 · 12 (1.12.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
12 (1.12.1927)
Date
1927-12-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/6492456-6352305-6352525--0513-4928691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gottesdienst wächst heute nicht mehr, wie ehedem, aus der gesammelten Bereitschaft der Gemeinde. Die feierliche Atmosphäre der Gottesbegeisterung geht nicht mehr von jedem Betenden aus, sich verdichtend zu jener harmonischen Einheit der Gemeinde, in welcher die mannigfaltigen Wechselgesänge unseres Rituals als Ausdruck einer vielfachen Verbundenheit und gegenseitigen Abstimmung entstanden. Wir Heutigen kommen leer ins Gotteshaus und verlangen Erhebung. Wir bedürfen des Antriebs, um zum Gefühl der Gottesnähe zu kommen, die wir so sehnsüchtig suchen, weil uns der Alltag ihr so sehr entfremdet. Zu diesem Zweck verlangen wir eine erhebende Predigt, einen guten Chorgesang, ein feierliches Orgelspiel. V^ir fassen uns die Melodien vorsingen und -spielen, die ihrem LVsprling nach der Ausdruck des Bewußtseins der Gottcserfüllung waren, aufquellend aus dem Innern jener Menschen, deren Alltag im Zeichen göttlichen Gesetzes stand. Wir erwarten Antrieb von dem, was aus dem übervollen Herzen unserer Ahnen floß, und unser Gottesdienst — nicht nur der unsrige — fristet sein Dasein von den Almosen einer reichen Tradition. Der jüdische Mensch betet nicht nur aus einem Gefühl der Erhebung, der Steigerung heraus, auch die kleinen Dinge persönlichen Wohlergehens und des Gelingens seiner Unternehmungen sind ihm der Zwiesprache mit seinem Gott nicht unwürdig. „Schreibe uns ein in das Buch des Lebens", „O Herr, gib Gelingen", so wiederholt es sich oft. Fast klingt es sogar feige, wenn es am Jörn Kippur_heißt: „Was ich gesündigt, spüle es hinweg in Deinem großen Erbarmen — aber nicht durch Leiden oder böse Krankheiten!" Wo der Alltag aber von Minute zu Minute ein dreist zur Schau getragenes Selbstbewußtsein, ein selbstherrliches Sichdurchsetzen erfordert, wird es ein doppelt starkes Bedürfnis der menschlichen Seele. Abhängigkeit von höherer .Form des Willens zu empfinden. Erhebung um der Demut willen ist der Sinn des Dienstes an Gott. R. E.. Düren. Antisemitismus und wir Antisemitismus, der Retter des Judentums Von Jaakauw den Nattoli Ist diese Ueberschrift in einer jüdischen Zeitung ein Paradoxon? Nein, dieser Titel verdankt sein Leben der Erkenntnis, daß der Antisemitismus den Juden zwar viel Böses zugefügt hat. daß er aber notwendig und in seinen Auswirkungen auf die deutsche Judenheit segensreich war. Ich lese die beiden Fragen des Herrn NN. in Nr. 8 der Jüdischen Blätter: Sollen wir die Methoden unseres Kampfes gegen den Antisemitismus ändern und sollen w.ir 'junge Juden (ich) gestatte mir „junge Juden", und nicht „jüdische Jugend" zu schreiben, da ich glaube, daß für uns alle die Betonung auf dem Worte Juden liegt) uns mit dem Abwehrkampf beschäftigen? Ich füge hinzu: Was hat der A. uns Juden Gutes gebracht und was können wir von ihm lernen? Kämpfen gegen den A.? O ja, gegen den offiziellen, gegen den, der uns ausschließen will von der Kultur unseres Heimatlandes, von Hochschulen, von Aemtern und dergleichen, die eigentliche Arbeit des C. V. Doch kämpfen gegen den — ich möchte sagen — Atavismus fast aller Deutschen, denn ist es etwa kein Atavismus, diese ererbte Abneigung gegen den Juden, die wohl bei allen Deutschen zu verzeichnen ist, nur differenziert nach den Interessensphären, nach der Kultur jedes einzelnen? Die kleinen Siege in diesem Aufklärungskampf sind doch zu teuer erkauft, denn Judenfreunde werden wir uns wohl dadurch kaum schaffen, abgesehen vielleicht von den wenigen überzeugten Pazifisten, die schon aus prinzipiellen Gründen keine Feinde sind, von einigen rechtlich denkenden Menschen, die rein verstandesmäßig sich von den Argumenten überzeugen Lassen--aber Freunde? Doch ich wollte sprechen von den Auswirkungen des A. auf uns selbst, und da muß ich sagen, daß der A. oft ein Segen für die Judenheit war, selbst der, der mit Mordwerkzeugen uns angriff, selbst der, der Pogrome hervorrief. Wo wären wir Juden heute, wenn der A. nicht wäre? Ich will spezieil von den deutschen Juden sprechen: Die religiöse Bindung an das altüberlieferte Judentum war langsam mit der Aufhebung des Ghetto gefallen. Wir waren und wollten auch nur sein, nicht nur ähnlich, sondern auch kongruent den anderen (um ein Bild aus der Mathematik zu gebrauchen). Weder äußerlich noch innerlich sollte man uns das Judesein, das Anderssein ansehen. Wir schnitten unsere Bärte, legten unsere Kaftans ab, die gelben, uns aufgedrängten Zeichen verschwanden von unseren Kleidern, wir wollten sein wie diese Glücklichen, bei denen wir wohnten. Deshalb strichen wir auch aus unseren Herzen all das, was uns gemahnte, daß es eine Einheit gäbe im jüdischen Volke — wir vergaßen Zion. Da fing es an zu brodeln in unserem Vaterlande, und was wir längst vergessen hatten, unsere Umwelt wußte es noch genau: Ihr Juden seid anders als wir. Da hörten wir Anklagen, die meisten wohl unberechtigt, doch trotzdem wir uns wehrten, der Jude, der Shylock, der andere wurde auf dem Rialto angespuckt. Und nicht nur, ja vielleicht am wenigsten der Jude, der noch stolz war auf das Erbe seiner Väter, der sein Judesein nicht versteckte vor dem Andersgläubigen, sondern besonders die, die ängstlich ihr Judesein hinter modernen Ideen verbargen und zu „aufgeklärt" waren, selbst die höchsten Festtage noch zu feiern. Und der Grund? Der feine Seismograph, der in dem Herzen des Volkes sitzt, zeigt jede auch noch so kleine Bewegung an. Er schwingt, wenn Zerstörer am Werke sind. Und es waren Zerstörer am Werk. Das Volk sah, daß diese Juden ihr Judentum zerstörten und daß sie überlaufen wollten zu ihnen, mit jüdischem Blut sich christlich und germanisch zu gebärden. Da wehrte sich das Volk und es half. Wem half es? Es half beiden, es rettete sich und das Judentum. Diese Juden sahen, daß sie nicht eindringen konnten in die befestigten Gehege, daß die Waffen der anderen schmerzten und sie schlössen sich zusammen, um die Angriffe der Gegner abzuwehren,, und sie schrien in die Welt: wir sind unschuldig. Und die Söhne dieser Juden dachten: „Unschuldig? Ist der nur unschuldig, der nichts Böses tut? Hat nicht auch der ein gerüttelt Maß von Schuld, der abseits steht und keinen Finger rührt, um wieder aufzubauen die zerstörten Gebiete?" Denn sie spürten den A. bald, in den Schulen und auf den Universitäten, und sie erkannten, daß unschuldig sein keine Beweiskraft besitzt, die Maßentriebe vom Haß abzulenken. Und sie fingen mühselig an, Stein auf Stein herbeizutragen, um das Gebäude wieder aufzurichten, den Tempel: Judentum. Auch ein bißchen Mauer richteten sie wieder auf, keine chinesische, wie die Alten meinten, sondern einen Zaun, den man um das Gesetz zieht. Schwer war die Arbeit, und noch arbeiten wir daran, denn wir sind diese Söhne. Wir freuen uns, daß der A. uns dieses beschert hat, er hat uns die Liebe zum Judentum wieder eingeimpft. So sind wir wieder Juden geworden, die stolz auf das ererbte Gut unserer Ahnen sind und mit Freude und ohne Angst, daß uns unsere Umwelt deshalb verspotten könne, die Formen unserer Religion bewahren und unsere Feste feiern. Der A. hat uns also selbst das Mittel in die Hand gegeben, ihn zu bekämpfen. Wie man keine Krankheit heilen kann, indem man die einzelnen Symptome heilt, sondern den Körper des Kranken kräftigt und ihn immun macht gegen den Krankheitskeim, so ist auch hier nur Heilung möglich durch Stärkung des Judentums, durch Festhalten an der Gemeinschaft, an ihren Sitten und Gebräuchen. Dies heute in einer jüdischen Zeitung schreiben zu können, ist auch ein Erfolg des Antisemitismus. Habe ich nicht recht mit meiner Ueberschrift? ' * Gedanken zu einem Zeitungsartikel Zjr Frage des Antisemitismus Von Ludwig Löwenstein, Grevenbroich Rechtsanwalt Dr. Max Hachenburg, Jude und einer der angesehensten deutschen Juristen (auch Mitglied des Reichswirtschaftsrats) gibt ein Buch „Lebenserinnerungen eines Rechtsanwalts" heraus. Ein Auszug aus diesem Buche unter dem Titel: „Der deutsche Jude und der Antisemitismus" «r-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.