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Der Jugendbund · 1927-12-01 · 12 (1.12.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
12 (1.12.1927)
Date
1927-12-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Verteidigung des Pathos Ein Schlußwort von Ernst Holzer i Am Anfang war das Wor t. Und Gott sprach: Es werde! Da ward. Am Schöpfungstage also begann die Herrschaft des Wortes. Und in dem Malie, wie sich die Menschen wandelten, höher anstiegen auf ihrem Entwicklungswege, im selben Maße wandelte sich auch das Wort, wurde besser, wertvoller. Gefunden nur vom Menschen, gebunden an ihn, ist es das Menschlichste, was es gibt. Es sinkt mit ihm in den Kot der Gosse, es steigt mit ihm in die Reinheit des Himmels, es fällt mit ihm und es wächst mit ihm. Es gab eine Zeit, in der das Wort herrschte. Dem Urmenschen, der seinesgleichen kaum je sah. war das Wort etwas Seltenes. Unheimlichis. Es war ihm heilig in den Stunden seines Götterdienstes, wie es ja überhaupt in der Form des Sanges und des Schreis eine der Ur-Arten religiöser Betätigung ist. Je mehr sich der Mensch vermehrt, um so mehr vermehrt sich auch das Wort. Es verliert im Laufe der Jahrmillionen seinen Seltenheitswert, es wird alltäglich. Nicht mehr herrscht das Wort über den Menschen, sondern nun herrschen beide. Denn noch stirbt das Wort in dem Augenblick, da es wird* Es läßt sich gebrauchen, aber es läßt sich nicht festhalten. Es verweht, indem es gesprochen wird. Endlich kommt die Zeit, da der Mensch lernt, das Wort zu beherrschen. Er lernt, es im Druck zu vervielfältigen. Und was in unseren Tagen an gedruckten Worten auf uns einstürmt, uns beeindruckt und beeinflußt, ist unübersehbare Legion. Im Guten und im Bösen benutzt der Mensch das Wort. Es kettet sich an ihn. wird zum Spiegel seiner selbst. Martin Buber überliefert uns in seinem „Verborgenen Licht": Rabbi Mosche von Kobryn lehrte: „Wenn Du ein Wort vor Gott sprichst, geh" Du mit all Deinen Gliedern in das Wort ein." Ein Hörer fragte: „Wie soll das möglich sein, daß der große Mensch in das kleine Wort hineinkomme?" „W e r sich größer dünkt-als das Wort", sagte der Zaddik, „von dem reden wir nicht." IL Im alltäglichen Leben ist das Wort zu einem eminent wichtigen, aber unproblematischen und daher unbeachteten Faktor geworden. Wenn man nur mit seinem Gegenüber spricht, dann genügt es, die Worte zu nehmen, die sich von selbst ergeben. Wenn es aber gilt, zu einer Vielheit von Menschen zu sprechen, wenn man auf eine Masse von Individuen wirken will, dann muß man die Worte suchen. Und dann heißt es: er fand .die Wort* ..... Besondere Zwecke erfordern besondere Mittel. Dem Menschen des Alltags ist es vonnöten, sich in vereinzelten Stunden aufzuschwingen in „höhere Sphären". Das ist mit der Sinn des Gottesdienstes, in aller Einfachheit verstanden, der ja auch heute noch wie in Urzeit Tagen des Wortes sich bedient. Da aber der Mensch mit seinem Körper an der Erde und am Erdhaften klebt, sein Geist und seine Seele sich emporwinden wollen zum Himmel und zum Himmlischen, darum entsteht dieser Zweikampf, der tragisch ist. Das Mittel nun, dessen sich der Mensch in diesem Kampfe bedient, ist ein leidbringendes Mittel: es ist das gesprochene, gedachte, gefühlte Wort des Leidens, das Pathos. < Weil es zwischen Himmel und Erde schwebt, ist Pathos Leiden, wie schon der griechische Sprachstamm sagt. Und wie aus dem Leiden die Linderung, die Heilung wird, so wird aus dem Pathos,'in der edlen Gemeinschaft des Mitfühlens und Miterlebens, die Lösung. Anerkannt ist das Recht des Dichters auf Pathos. Gebraucht er es, so anerkennt auch der schlimmste Philister, daß jener die Kraft habe, die Worte so zu setzen, daß sie zu packen und zu ergreifen vermögen. Steht aber einer aus unserer Mitte auf. der uns im Pathos emporhebt, zusammenschweißt, dann kritisiert der zukünftige Philister jene „sentimentale Romantik", ohne sich freilich darüber klar zu sein, daß weder Sentimentalität noch Romantik Schimpfworte sind. Tatsächlich aber ist es so, daß hier sich Jugend und Alter scheiden. Sage mir, ob Du noch Pathos verstehst, und ich will Dir sagen, ob Du noch jung bist! Es lebt im jugendlichen Menschen die Kraft, aus Mit-Leid starkes Erleben zu schöpfen. Pathos ist ihm Mittel zum Zweck. Der junge Mensch ist sicherlich im Tiefsten religiös, wo der Alte im Wesentlichen nur skeptisch ist. Freilich darf das Pathos nicht im Alltage mißbraucht werden. Aber nur der religiöse Mensch und nur der junge Mensch können in den seltenen Stunden des Feierns und des Gottesdienstes das hohe, reine Pathos nutzen und verstehen. Wenn somit jener württembergische Freund das Pathos der Eberbacher Feierstunde lächelnd abtat, so dokumentierte er dadurch nur sein eigenes Altgewordensein — alt geworden sein: natürlich im Sinne einer „ewigen Jugend", die erstrebenswert ist. Und wenn die „Jüdisch-liberale Zeitung" in einer sonst wohlwollenden Besprechung den Aufruf „An den unbekannten Freund" in unserer Werbenummer als kitschig empfindet, so dokumentiert auch hier wieder nur die Referentin ihre Unfähigkeit, jugendlich zu denken. Wenn jene Kritiker des Pathos und der erstrebenswerten Pathetik einmal aus Rilkes oder Georges Mund, auch aus den Psalmen oder der Odyssee die blumenreichsten Wort- und Satzgebilde und die pathetischsten Aus- und Anrufe hören, sie klatschen alle der Menge nach. Den jungen Menschen aber, der aus dem Kreise, ein Namenloser, hervortritt, ihn trampeln sie nieder. Dieser Autoritätsdusel ist kein Zeichen von Unabhängigkeit der Meinung, sondern er ist mehr als ein Zeichen von falsch verstandener Autorität, er ist ein Zeichen von Schwäche und Altern. i1 * Es wäre nichts mehr zu sagen. Schließend, macht die Probe aufs Exempel! Die Worte, mit denen dies Schlußwort einer Diskussion ausklingen mag, sind nicht von mir. Wären sie es, so würden sich die Alten vor Grauen wenden und die sentimentale Pathetik verdammen. So aber sind sie von Fritz von Unruh, und sie sind an die Jugend gerichtet. Hört: „Höhnt nur, ihr weisen Höhner! Den schreckt nicht mehr das Gelächter bebrillten- Verstandes, der wieder die Quelle fand des Gefühls! Dort, abseits von Euren grünen Tischen, wo sich verkalkte Beharrung nennt: Dort, im Mutterlande unseres Gefühls wohnt sie, die neue Jugend, wohnt es, das neue Deutschland. Denn unsere Ueberlieferung heißt: Weiter- und Weitergabe der heiligen Flamme . . . ." Im Mutterlande unseres Gefühls? Weitergabe der heiligen Flamme? •--Pathos! Was zieht mich zum Gottesdienst? (Fortsetzung.) Die Frage, was mich zum Gottesdienst zieht, ist nicht ohne weiteres in dem Sinne zu beantworten, daß es ein irgend etwas gibt, von dem aus ich mich zu ihm hingezogen fühle. Wohl haben wir Synagogen, die am Sabbat zu groß und an den hohen Feiertagen zu klein sind, doch was in den meisten von ihnen geübt wird, ist nicht Gottesdienst nach meiner Anschauung, sondern ewig gleichmäßige Wiederkehr alter Gebräuche ohne Herzlichkeit, das rein mechanische Heruntersingen und -sagen alter.Gebete in einer alten Sprache, deren wunderbarer Sinn den wenigsten zu Bewußtsein kommt. Auch Orgel und Chor können hier über die fehlende Macht des religiösen Kultus auf das Gemüt nicht hinwegtäuschen. Es ist das Ertöten aufkommender Andacht und keine Erbauung, die man suchte. Was mich aber zum Gottesdienst zieht, ist, wenn er wirklich das ist, was sein Name sagt: ein Dienst an Gott. Es ist das Bewußtsein, vereint zu sein in einer Religion, die Jahrtausende überdauert hat, mit einer Sprache und einem Kult von tausendjähriger Tradition. Mit einem Kreis gleichgeartetcr Menschen herausgerissen zu sein aus dem Alltag, unter den

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