Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 11 (1.11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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wörtlich: „Von der Alltagslast ermüdet, freue ich mich, wenn der Sabbat seinen Einzug hält, und zieht es mich zum Gotteshaus, um meinem Schöpfer zu danken, daß er mich diese feierliche Stunde hat erleben lassen, wo ich wieder neue Kraft und Mut im Gebet für die kommende Woche erbitten darf." Es wäre nun nicht nur für mich, sondern für alle, die sich mit diesem Thema beschäftigen, sehr von Interesse, auch die Ansichten auswärtiger Verbandsfreunde kennen zu lernen, eventuell ebenfalls ohne Namensnennung, sondern lediglich unter Angabe von Alter und Geschlecht. Zusammenfassend möchte ich vorschlagen, daß wir, bevor wir zu einer radikalen Aenderung unserer Gottesdienste schreiten, wie Verdeutschung derselben oder ähnliches, zunächst einmal unserer jüdischen Jugend gründlicher als bisher die Kenntnis des Hebräischen beibringen und sie mit dem Sinn unserer Gebete und unserer Kultusgebräuche vertraut machen Es sollte mich ircuen, wenn meine Anregungen dazu beitragen, daß jeder einzelne Verbandsfreund mit sich Einkehr hält und darüber nachdenkt: ..Was zieht mich zum Gottesdienst?*!" . - L. Tx. Streifzüge durch die Gegenwart von Hans capeil. Düren In den Tagen, da diese Zeilen erscheinen, wird " das Pariser Tribunal über Schalom Schwarzbart, den Mörder P e t 1 - j i' r a s . sein Urteil gesprochen haben. Die Tat. von der hier . chon berichtet wurde, wird dabei ihre Sühne finden. Doch wichtiger ist. daß hierbei die Welt erfährt, daß im zwanzigsten Jahrhundert in der Ukraine Juden nur deshalb hingemetzelt wurden, ' weit Pogrome die Disziphn im Heere aufrechtzuerhalten helfen. Dieser Prozeß wird die Gelegenheit dazu »ein, die schreckensvollstc Tragödie in der jüdischen Geschichte aufzudecken. Das Blut der Ermordeten, das Geschrei der Geschändeten und das verzweifelte Weinen der Pogromwaisen, sie klagen auch heute noch diejenigen an, die Urheber jener Schreckensljge waren und an denen sich Schwarzbart Mittlos gerächt hat. Vor über dreißig Jahren stand auch ein Jude vor einem französischen Tribunal. Es war der unglückliche Offizier Drcyfus, den man auf Grund falscher Aussagen nach Cayenne deportierte. Während» ganz Frankreich von seiner Schuld über- :eujjt war, kämpfte ein kleiner Kreis, überzeugt von Dreyfus' L M5chuUl. gegen du; gesamte französische öffentliche Meinung. uns bis auf eine Wegstunde genähert hatten. Heiß brannte die Sonne. aU v.i. schweißtriefend die Burg auftauchen sahen, die d. rch ihre"wundervolle Berglagc uns sofort in die rechte c.timim'n | versetzte. Konnte man doch gar nicht anders als in ihren Vauern, die über die Bäume zu uns hersahen, sich wohlfuhlcn. Denn die Burg sollte das erste Nachtlager der Fahrt werden. Was die Jugend geleistet hat. um die alte Ruine \ ieder aufzubauen, is-t eine Tat, die sich würdig an andere anreiht, die geleistet wurden, um aus verfallenen Mauern Jugendherbergen. Heimstätten für die Jugend zu bauen. Den Burgberg ersteigend, brachte uns Kurt Hirsch in den Burghof, der durch wundervolle junge Menschen aus allen Ländern der Welt belebt wurde. Rasch machte er uns mit einigen bekannt, damit wir nicht so einsam sein sollten, wenn er in einer Stunde wieder fort müsse. Gibt es denn das. kann man dennunter solcher Jugend sich einsam fühlen? Doch trieb's ins vorher zum Wichtigsten, zu schauen, wo das müde Gebein seine Ruhestätte finden sollte. Wir mußten wohl ziemlich iumme Gesichter geschnitten haben, als wir hörten: „Nur noch Notquartiere frei!" Aber das war ja auch nicht verwunderlich', waren doch weit über 400 junge Menschen dort, die seit dem Beginn der Tagung dort hausten. Treppen. cHe nicht enden wollten, mußten wir steigen, ehe wir auf dem obersten Dachboden waren, der unser Schlafzimmer sein sollte. Matratzen und Decken waren so reichlich vorhanden, daß wir uns wahre Paradiesbetten herstellen konnten. Daß der Himmel durchs Gebälk auf uns niederschaute (die Burg ist noch nicht ganz hergestellt), konnte uns 10 Emile Zola wurde zum Vorkämpfer dieser unerschrockenen und mutigen Ritter der Wahrheit. Sein fünfundzwanzigster Todestag — der 29. September — ruft diese Erinnerung wach. Hier ist nicht der Ort, um seine literarische Bedeutung zu würdigen. Wir gedenken dankbar seiner, da er als Nichtjude aus reinem Gerechtigkeitsgefühl sich mit seiner ganzen Person für einen unschuldigen Juden einsetzte. Die preußische Volksschulstatistik wirft ein grelles Licht auf die jüdischen Schulverhältnisse. Die Zahl der jüdischen Schulen ist in einem Zeitraum von fünf Jahren, von 1921 bis 1926, von 153 auf 93 gefallen. In Prozenten ausgedrückt, beträgt die Abnahme 39,22 Prozent. Im Gegensatz dazu sind die katholischen Schulen um 0,% Prozent gestiegen. Die Zahl der jüdischen Lehrer ist um 29,41 Prozent gefallen, während bei den christlichen Konfessionen die Abnahme 8 Prozent nicht übersteigt. Diese nüchterne Statistik offenbart Tendenzen und Tatsachen, die erörtert werden müssen. Die Abnahme der jüdischen Schulen erklärt sich zum großen Teil aus der Abwanderung der Juden vom Lande. Als Gegengewicht wurden aber in den Städten keine neuen jüdischen Schulen eingerichtet, wenn man von den privaten Gründungen der jüdischen Schulvercine absieht. Was die Abnahme der jüdischen Lehrer betrifft, so ist das die verständliche Reaktion auf das vielfach völlig asoziale Verhalten der jüdischen Gemeinden gegenüber der jüdischen Beamtenschaft. Es muß an den Ka'mpf um eine würdige Besoldung dsr jüdischen Lehrer erinnert werden, den der auch bei uns nicht unbekannte Führer der jüdischen Lehrer. Steinhardt, Magdeburg, schon seit Jahren führt. Der Verband hat sich schon in den verschiedensten Resolutionen diesem Kampf angeschlossen. Unsere Tätigkeit ist damit aber noch nicht beendet. Der orthodoxe Halberslädter Gemeindeverband hat auf seiner letzten Berliner Tagung beschlossen, der preußischen Regierung einen Separatentwurf zum allgemeinen preußischen Judengesetz vorzulegen. Die Tendenz geht dahin, von der preußischen Regierung als Sonderverband anerkannt zu werden. Damit wurde sich die ungarische Situation der zwei jüdischen Konfessionen wiederholen. Das Schisma wäre sanktioniert. Interessanterweise sind aber in dem über 90 Prozent der preußischen Juden umfassenden Landesverband der preußisch-jüdischen Gemeinden nicht nur Liberale als Antipoden der Halberstädter Orthodoxen vereinigt, sondern auch Konservative und Zionisten. Die Absicht der Orthodoxie geht wohl dahin, die Konservativen aus dem großen preußischen nicht stören, hatten wir doch herrliches Sommerwetter. Das Gepäck beiseite legend, stiegen wir die Treppen herab, um wenigstens noch etwas von den Arbeitsgemeinschaften mitzubekommen, die auf dem sogenannten Turnierplatz und im Walde abgehalten wurden. Eingehender Besichtigung wurden dann die beiden Zeltlager unterworfen, die sich des Abends als feindliche Städte bekriegten, um vor dem Schlafen sich wieder zu versöhnen. Inzwischen machten wir immer wieder neue Bekanntschaften. Amerikaner, Australier, Chinesen, Schweden, Franzosen, Engländer, was weiß ich. woher sie kamen, die von der Jugend ihrer Länder zu dieser Tagung delegiert waren. Alle fühlten sich dort als Brüder und Schwestern, und auch wir. die wir kaum eine Stunde dort waren, wurden aufgenommen, als ob wir mit allen seit Kindheit befreundet wären. Von Interesse für uns war zu hören, daß auch die jüdische Jugend Palästinas, wenn auch nicht durch Delegierte, so doch durch ein Begrüßungstelegramm, ihr Interesse an der Friedensliebe der Jugend bezeugte, die hier versammelt, auf pazifistischer Grundlage in politischen und pädagogischen Arbeitsgemeinschaften Probleme der Jugend bearbeitete. Die erste Enttäuschung, die aber auch die letzte sein sollte, erlebten wir, als es zum Futtern ging. Es gab nur vegetarische Kost. Kartoffeln. Gurken, Tomaten und Brot wurden ohne jedes Gewürz als Salat serviert. Hunger hatten wir, also wurde auch gegessen," was vorhanden war. Die Schilder, die man angebracht hatte: Vegetarismus ist lediglich Sache "der Gesinnung, nicht des Magens, konnten uns nicht über unsere Abneigung hinweghelfen. Und da unsere Gesinnung an-