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Der Jugendbund · 1927-11-01 · 11 (1.11.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
11 (1.11.1927)
Date
1927-11-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Heimabend zu stellen, welche möglichst von allen Teilnehmern schriftlich zu beantworten ist. Diese Antworten sind ohne Namensunterschrift (eventuell mit Schreibmaschine) an den Leiter des nächsten Heimabends zu senden, spätestens 2 bis 3 Tage vor dem betreffenden Abend, damit sich der Leiter die Antworten zu einem zusammenhängenden Referat zusammenstellen kann. Die Antworten selbst sind aus dem Grunde schriftlich einzureichen und ohne Namensunterschrift, damit jeder offen und ehrlich seine Meinung schreibt und auch diejenigen Mitglieder zur Mitarbeit herangezogen werden, die sich sonst nicht'getrauen, sich an Diskussionen zu beteiligen. — Der Erfolg des betreffenden Abends war, daß sich gerade verschiedene jüngere und auch weibliche Mitglieder an der schriftlichen Beantwortung dieser Heimabend-Rundfrage beteiligten. Für derartige , „Heimabend-Rundfragen" eignen sich natürlich auch andere Themen, wie z. B. „Was gefällt mir am besten im Jugendbund" bzw. „Was zieht mich am meisten zum Jüdischen Jugendverein" oder „Was ist Religiosität" oder „Welches halte ich für den schönsten (idealsten) Beruf" usw. Die Fragen .selbst sollen möglichst von den Mitgliedern im Heimabend vorgeschlagen werden. Um nun wieder zu obigem Thema „Was zieht mich zum Gottesdienst" zurückzukommen, möchte ich mit der Beantwortung dieser Frage gleich das Ergebnis des betreffenden Heimabends verbinden. Ein Mitglied antwortete auf die Rundfrage kurz folgendes: „Wenn ich die Gottesdienste hier — soweit es mir möglich ist — insbesondere an den Feiertagen, besuche, so tue ich dieses in erster Linie aus Pietät zu meinen Eltern, da ich aus sehr frommem Hause stamme. Gerade durch die Andacht werde ich an meine Jugend und an meine Eltern daheim erinnert, was immer wieder ein Gefühl der Andacht und Dankbarkeit in mir auslöst." Ein anderes Mitglied — wie sich bei der Diskussion herausstellte, war es ein etwa 20jähriger Junge schrieb dagegen u. a. folgendes: „Ich muß die Frage mit einem „Nichts" beantworten, denn ich gehe nur aus Tradition in die Synagoge, und was ich dort erlebe, hat mit Gottesdienst sehr wenig tu tun. Für mich bedeutet Gottesdienst ein Sichhingeben, ein Dienen, das kennt man in der heutigen Synagoge kaum. Nicht aus Tradition soll der Weg zur Synagoge angetreten werden, nicht aus Rücksicht auf klatschsüchtige Nachbarn, sondern aus freiem Wollen, seinem Gott zu dienen. Vielleicht wäre es möglich, sich am Freitagabend zu einer Zeit, die auch dem jungen Kaufmann das Kommen ermöglicht, in der Synagoge zu sammeln. Ein dazu Berufener würde über ein jüdisches Thema reden, ein Thoraabschnitt würde auf hebräisch und deutsch gelesen und jüdische Gesänge verliehen dem Ganzen Feierlichkeit. Vielleicht könnte hieraus ein neuer jüdischer Gottesdienst erwachsen." Dagegen enthielt eine andere Antwort eines etwa 18 jährigen Jungen folgende Stellen: „Da ich in einem religiösen Hause geboren und mir die hebräische Sprache so beigebracht wurde, daß ich wenigstens den Inhalt unserer Hauptgebete verstehen kann, macht es mir Freude, dem Gottesdienst beizuwohnen." Drei andere Antworten lauten direkt in entgegengesetztem Sinne, und zwar antwortet der nächste Schreiber wiederum mit einem „N i c h t s" und begründet dies damit, daß er 1. schon von zu Hause aus nicht religiös erzogen sei, und 2. während seiner Schulzeit im Kriege nur sehr wenig hebräisch gelernt habe, so daß er die einzelnen Gebete kaum lesen, noch viel weniger übersetzen könne. Er macht den Vorschlag, den Gottesdienst nur aus rein deutschen Gebeten zusammenzusetzen, da sich dadurch der Besuch des Gottesdienstes auch während des Jahres wesentlich erhöhen würde. (?) Der zweite schreibt: „Die Frage muß ich mil einem „Nichts" beantworten, und zwar aus folgenden Gründen: 1. verstehe ich von den Gebelen zum größten Teil gar nichts. 2. habe ich einen Religionsunterricht genossen, der mich mit dem Hebräischen absolt^nicht vertraut machte, und 3. ist unter der Damenwelt an den Feiertagen die Hauptsache, die neuesten Modeschöpfungen in der Synagoge zur Schau zu bringen, was auf mich von vornherein abstoßend wirkt. Dagegen holt der dritte Schreiber zur Begründung seiner ablehnenden Haltung etwas weiter aus und antwortet folgendes: „Mich zieht lediglich die Tradition zum Gottesdienst und die Bindung, daß wir durch Landesgesetze zu einer Religionsgemeinschaft vereinigt sind. (?) Aber weiter auch nichts; denn wenn man zwischen vier Wänden unier Leuten steht, die irgendetwas hcrunlcrbetcn, was man nicht versteht, während andere den Platz alter Heiligkeit benutzen, um sich Neuigkeiten zu erzählen oder sich in die Zeitung zu vertiefen, die sie zur Bergung ihres Gebetbuches benutzten, so fragt man sich: ist das Gottesdienst, ist das wirkliches Dienen?" Und zum Schluß noch die Antwort eines jungen Mädeldas sich sonst nie an Diskussionen beteiligte und auf diese Weise zu positiver Mitarbeit herangezogen wurde. Sie schreibt feldmarschmäßig, soweit es das Gewicht des Gepäckes anbetrifft, denn ein fürsorglicher Vater hatte mir mit viel Liebe, aber noch weil mehr Freude einen regulären Pflasterstein in den „Affen" gepackt, auf daß ich „volles Gewicht" zu tragen hätte. Das Gewicht mußte er als alter Soldat ja wohl besser kennen als ich, aber da ich wenig Sinn fürs Soldatenspiel habe, fand ich das Steinchen noch rechtzeitig genug, um es, daheim in den Schrank legend, meinem Erzeuger nach unserer Rückkehr als kleines Mitbringsel von der Fahrt zu überreichen. — Also, wir drei standen an der Bahn und bemühten uns erst einmal, das gemeinsame Gepäck zu verteilen. Wir wurden rasch einig, und wir verteilten dergestalt, daß Herbert Herz seine Geige behielt. Richard Teitler die Mappe mit der geistigen Nahrung (Noten, Bücher und Referatmanuskripte), während ich, mich mehr ans Materielle haltend, die Mappe (lies Kochtopf) für die leibliche Nahrung aufschnallte. Der Uhrzeiger rückte vor. Es mußte Abschied genommen werden von den „Schomrim", die trotz der frühen Morgenstunde erschienen waren, um zu sehen, ob wir auch wirklich' loszogen und nicht nach altem Brauch den Zug versäumten. In Oberhausen wurde gleich der erste Einkauf getätigt: Streichhölzer, die ich allerdings nicht zu dem Zwecke zu benutzen gedachte, den Richard böswillig annahm, wenigstens etwas für die geistige Erleuchtung mit auf die Fahrt zu nehmen. Endlich kam der Zug, der uns nach Köln bringen sollte, und in dem Richard, an der Bank festklebend, ein Stück der „neuen" Fahrtenbuxe lassen mußte. — Köln, zwei Stunden Aufenthalt. ..Ich gehe einkaufen"; das Sagen und Verschwinden war für Richard eins. Vergessen wir ja immer etwas, dieses Mal waren es Photoartikel und Rasierzeug, was daheim blieb. Und da diese Sächelchen für den gedeihlichen Verlauf der Fahrt notwendig waren, durfte er gehen. Nach einer Stunde erschien er auchj wieder, laut vernehmbar seiner Befriedigung über das opulenjc Frühstück Ausdruck gebend, das er. nur zu diesem Zwecke | Mischpoche aufsuchend, zu sich genommen hatte. Daß Herbert Herz laut und deutlich „Freßklötsch" durch den Wartesaal brummte und ihm das Edle und Schöne der Kameradschaftlichkeit zu erklären versuchte, war berechtigt, denn die Fressalien waren schon aus den Brotbeuteln verschwunden, und wir hatten nach der sehr detaillierten Schilderung des Frühstücks wieder mächtigen „Dampf" bekommen. Stehenden Fußes erreichten wir Au an d«r Sieg, wo ich vergeblich Ausschau nach Kurt Hirsch hielt, der mit uns zur Weltjugendtagung auf der Freusburg marschieren wollte. Nichts zu sehen? Dann also los und den Weg gesucht. Da, vor uns eine bekannte Gestalt. Er war's, er, den wir in derselben Kluft, wie wir sie trugen, Zu sehen gedachten. So zogen wir vier dahin. Drei Gestalten in Wanderkluft und der Führer elegant bis zum Schnurrbart, der ihm fehlte, um in die „Elegante Welt" zu kommen. Mit Verwandtenbesuch usw. wurde er dann auch seine Entschuldigungen. los, die wir so gnädig waren, entgegenzunehmen. In Kirchen verließen wir endgültig den Zug, um zur Freusburg zu marschieren, der wir 9

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