Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1927-11-01 · 11 (1.11.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
11 (1.11.1927)
Date
1927-11-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492456-6352305-6352524--0495-4928674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Heißhunger dienender Neigung mit dem Guten zusammen' verschlungen werden wie die Nägel von der Kuh. Dem sorglosen Sinn der Gefolgschaft vermengt sich Wahn und Wahrheit. . Die Wahrheit des Namenlosen wird zum Wahn, der Wahn des Hochgestellten zur Wahrheit. Die als Geführte sich wähnen, sind in Wirklichkeit die Verführten. Vielleicht erwartet das in seiner Knechtsseligkeit sich fühlende Volk noch die Beschämung, daß die Gewaltigen^denjenigen, die sie dazu machten, erklären und mit dogmatischer Starrheit verfechten, ihre Sehnsucht sei eine Lücke der ANatur, ihr Anlehnungsbedürfnis prädestinierte Not der Menschlichkeit. 0 schreckliche« Erwachen aus dem Traume, wenn die Tugendmaske von dem boshaft-harten Gesicht fällt, das ihnen in herzloser Ausführlichkeit auseinandersetzt, wie sie sich haben verführen lassen und eben darum verdienten, von gottgewollten Führern bevormundet zu werden, wenn kühle Herrschbegier die schweifende Liebe gefangensetzt, die sie gerufen und ' gemästet hat. In der Institution, dem Klassifikationssystem der Macht, zerbricht die lebendige Wirkung der Führertugend. In solcher Betrachtungsweise wird uns auch klar, weshalb die legitimen Führer des geistigen Judentums, die Propheten, sich gegen die Einrichtung des Königtums sträubten und emsig darüber wachten, daß es nicht alle Staatsmacht aufsauge und zu_.' einem absolutistischen Riesengewächs entarte. Wo Herrentum und Autorität einseitig das Regiment behaupten, wird das romantische Ziel, das darin besteht, daß jemand, von den Wesensenergien einer geliebten Persönlichkeil angezogen, ihrem Dienste sich ergibt und von ihr die Entwicklungsbahn ihrer inneren Möglichkeiten vorgeschrieben bekommt, nicht erreicht. Denn sie dekretieren nur, w a s zu tun, was zu glauben ist. Sie halten sich stets nur an den einzelnen Fall und verschmähen die Ausschüttung der ganzen von ihnen bewahrten Geistesmasse. Sie zwingen ihr Subjekt, für jeden andersgearteten Fall aufs neue sie zu befragen, und stellen dadurch, nicht für das Dienen, wohl aber für die Akte des Dienens die unentbehrliche Bindung von Person zu Person her. Vor allem: Warum steht die in ihnen verkörperte Macht wie eine unübersteigliche Mauer? Es gibt keine Frage,, die über sie hinausginge, nicht an ihr sich finge. Der wirkliche Funrer zeigt, w i e man denken, wie man handeln soll. Er beengt die Fragematerie nicht, indem er sich in das Blickfeld hineinschiebt, sich der romantischen Begierde in Ueberlebensgröße zur Schau stellt. Er biegt .vieiraehr vom Blickfeld zur Seite ab, damit der vor ihm liegende freie Raum vor aller Augen sichtbar werde, damit die unendliche Vorgestrecktheit des Raumfeldes erst wahrhaft Bewegung wecke. Der Führer soll nicht davon reden, welche Mächte er besitzt, sondern welche Mächte ihn gestalten. Er soll an sich selber exemplifizieren, wie der Mensch sich geistig und seelisch aufbaue. Er ist so in umfassenderem Sinne Vor-bild als der Meister, der vor-macht, oder der Lehrer, der vor-trägt. Der Gegenstand, der zur Anschauung gebracht wird, ist er selber, nicht das heraushebend, worin er den anderen überlegen ist an Wissen oder Können, und so auf das Mehr hinweisend, durch welches sich die Autorität in das Bewußtsein einführt. Vielmehr soll er klarlegen und empfinden lassen,' wie er selbst geworden ist und werden mußte, welche Strömungen der Zeit und des Kulturbewußtseins in ihm sich kreuzen und aufsprudeln im Willen zur Tat. Nicht, was in ihm enthalten ist, sondern was in ihm wirkt und zur Wirksamkeit antreibt, das allein steht für die Wirkung ein, daß der einzelne sich aus den trägen Fesseln romantischer Erwartungen befreie und die Frage nach den gestaltenden Kräften seiner Wesenheit stelle. In der Selbstbefragung entdeckt sich der Geist. Die eigentlichste Führertat wird erwiesen durch diese Erregung, die ihren Abfluß in einer stetigen und bedachtsamen Regsamkeit Finden soll. Von dem Angriff suchenden und forschenden Lebensdranges wird die Nebeldecke romantischer Schlummerseligkeit zerrissen. Noch bevor er Ziele erblickt, hat er seinen größten Erfolg errungen, der die Sicherheit bewußten und selbständigen Vorwärtsschreitens verbürgt. Der Führer hat seine Aufgabe erfüllt. Arbeitsgemeinschaft-Gemeinschaftsarbeit Von Hans Karger und Heinz Gerling. Görlitz Verfolgt man die Entwicklung der Formen der Arbeit im Jugendbunde, so findet man als erste Stufe den Vortragsabend, d. h. den Abend, an dem ein außerhalb der Gemeinschaft Stehender aus dem Schatze seines über dem Durchschnitt stehenden Wissens auf einem bestimmten Gebiet der Gemeinschaft dieses Wissen zu vermitteln sucht. Die bekannten Mängel dieses Verfahrens-führten zur zweiten Stufe: der Arbeitsgemeinschaft. In ihr versucht die Gemeinschaft selbst durch gemeinsame Beschäftigung mit dem in Frage stehenden Gebiet unter Leitung eines ihrer Mitglieder in die Probleme dieses Gebietes einzudringen. Von der Größe des Gebietes hängt es dabei ab, ob man die Form der fortlaufenden Arbeitsgemeinschaft, d. h. die über mehrere Abende sich erstreckende fortlaufende Beschäftigung mit zusammenhängenden Themen, oder die Ausspracheabende, d. h. die Besprechung eines Gebietes an einem Abend, wählt. Bei unseren Versuchen mit solchen Ausspracheabenden gelang uns ein Abend besonders gut, dessen Form uns eine glückliche Vereinigung der Vorzüge beider Stufen, Vortragsabend und Arbeitsgemeinschaft, zu sein scheint und dessen Verlauf wir daher hier schildern wollen. Wir wollen dann versuchen, aus diesem praktischen Erfolg die allgemeinen theoretischen Folgerungen zu ziehen, die vielleicht auch über den Rahmen unseres Vereins hinaus anregend und nutzbringend wirken können. Aus dem Kreise unserer Mitglieder wurde der Wunsch geäußert, es möchte einmal an einem Abend in ganz großen Zügen ein Ueberblick über den Sozialismus gegeben werden. Das Thema war natürlich für eine fortlaufende Arbeitsgemeinschaft bei weitem geeigneter, die Größe des Gebietes schien die Form des Ausspracheabends fast auszuschließen. Und trotzdem war es eine äußerst reizvolle und, wie wir glaubten, auch lohnende Aufgabe, aus einem solchen im Brennpunkte des modernen Interesses stehenden Gebiete in gedrängter Kürze das Wesentliche herauszuholen. Doch soviel war klar: einer von uns allen konnte dieses Gesetz nicht beherrschen, die Darstellung durch einen mußte zur Einseitigkeit führen. So kamen wir zunächst darauf, mehrere unserer Mitglieder an diesem Abend zu beschäftigen, indem wir jedem ein kurzes Referat über ein Teilgebiet des Sozialismus übertrugen, das ihm gerade lag. Zwei unserer Mädels fanden sich bereit, kurze Lebensbilder von Marx und Lassalle zu entwerfen: einej>*ön uns sprach unter Zugrundelegung von Radbruchs „Kulturlehre des Sozialismus" über den augenblicklichen Stand der sozialistischen Bewegung in Deutschland, der andere über den Sozialismus in Palästina. Trotzdem war noch eine große Lücke vorhanden. Was geschah, wenn aus dem ungeheuren Gebiet andere wichtige Fragen auftauchten? Keiner von uns wäre in der Lage gewesen, da unvorbereitet in wenig Worten die treffende Auskunft zu geben. So kamen wir darauf, einen Fachmann hinzuzuziehen, der unserem Verein nahestand und gerade auf dem Gebiete des Sozialismus über hervorragende Kenntnisse verfügte. Unser Freund, den wir hinzugezogen hatten, sollte weder den Abend leiten, noch einen Vortrag halten: er war nur zu dem Zwecke da, alle die Fragen zu beantworten, die von einer Seite gestellt würden und von uns nicht beantwortet werden könnten. Und~auf diese Weise gelang uns der Abend. Es zeigte sich, daß es richtig war, den beiden Mädels die Schilderung von Persönlichkeiten anzuvertrauen, den Jungens je nach ihrer Einstellung die sachliche Schilderung von Zuständen. Und sonderbar — die Anwesenheit des älteren Fachmannes löste diesmal gar keine Befangenheit aus, weil er nicht mit einem großangelegten, tief durchdachten Referat den Zuhörern eine fertige Speise vorsetzte, in die sie nur .hineinzubeißen brauchten, sondern sie selbst diese Speise bereiten ließ und nur dann half, wenn sie nicht"~mehr wußten, was sie noch hinzutun sollten oder gar im Begriff waren, etwas Falsches hineinzutun. Gerade diese Anwesenheit des Fachmannes, von dem sie sahen, daß er dazu da war, ihnen Auskunft zu geben, regte eine große Anzahl Mitglieder an, Fragen zu stellen, die sie schon lange auf dem Herzen hatten. Es wurde nicht, wie in einer fortlaufenden 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.