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Der Jugendbund · 1927-09-01 · 9 (1.9.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
9 (1.9.1927)
Date
1927-09-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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ist. Der Friede besteht gar nicht in den Herren, im Gegenteil, man trägt darin viele häßliche Gedanken, die man heute bloß nicht öffentlich ausspricht. Mit einem solchen Frieden aber dürfen wir heute ebensowenig zu tun haben wollen, als mit dem gehässigen Kampfe unbeherrschter Leidenschaft. Auch jene Interkonfessionalität, die Herausreißen des Lebens oder irgendeines Bereiches des Lebens aus dem Bereiche des religiösen Bekenntnisses meint, muß uns ferne liegen. Dabei bedeutet uns Bekenntnis allerdings viel mehr als die äußere Zugehörigkeit zu einer staatlich anerkannten oder auch nicht anerkannten ReK^ionsgemeinschaft; es bedeutet uns vielmehr eine seelische Haltung zur letzten Wirklichkeit der Welt überhaupt, die durch keine' öffentliche Anerkennung und kein äußeres Bekenntnis ersetzt werden kann, von der aber ein äußeres Bekenntnis auch entgegen aller öffentlichen Anerkennung wahrhaft geheiligte Kunde geben kann. Gerade die neue Jugend hat dies erkannt, darum verlangt sie von jedem, daß man damit ernst macht, was man in sich schaut, daß man wahrhaftig sei und es wage, sein Leben entsprechend zu gestalten. Sic sagt damit nicht, daß all das schon recht sei, was einer glaubt.in Wahrhaftigkeit zu tun; sie weiß im Gegenteil, von wenigen Ausnahmen abgesehen, daß zur Wahrhaftigkeit auch der Mut gehört, die eigenen Mängel anzuerkennen. Aus dieser tiefen Erkenntnis und Selbsterkenntnis entspringt die Haltung der neuen Jugend, die Ehrfurcht i.ir dem wahrhaftigen Suchen der Menschen und die Ehrfurcht vor der letzten Wirklichkeit der Welt, der alles Suchen und Leben der Menschen gilt. Das ist die Grundhaltung und Voraussetzung, die das Zusammenarbeiten der Menschen der verschiedenen Bekenntnisse erst möglich machen. Es darf also keine Verwischung, kein Zurückstellen und Nichtschen der Gegensätze sein. Gerade das würde dem Ernst der Frage widersprechen. Ob die Jugend schon reif ist zu solcher praktischen Haltung, das ist eine wichtige Frage; sie wird es noch in den wenigsten Fällen sein. Sie besitzt noch nicht die innere Bildung, Weisheit und Ehrfurcht; aber die Hauptsache ist, daß sie doch auf dem Wege ist, wie auch das kürzlich stattgehabte Weltjugcndtreffen auf der Freusburg es klar gezeigt hat. Freilich, es hat auch gezeigt, wie schwer es ist und wie sehr wir uns noch in vielem Zusammensein üben müssen in gegenseitiger Ehrfurcht vor einander und vor der Wirklichkeit der Welt; denn auch sie fordert von uns Ehrfurcht, damit sie sich vor uns entschleiern kann. Die Ehrfurcht allein bietet die Möglichkeit fruchtbringender Zusammenarbeit, weil erst sie das Horchen, das Sprechen und das schöpferische Schweigen möglich macht. Wer diese Ehrfurcht in sich trägt, der kann mit Menschen tiefinnerlich verkehren ohne auch den Gefahren zu verfallen, die Jede Gemeinschaft mit Menschen in sich schließt. Denn auch das Wort „Gemeinschaft macht gemein' von Nietzsche, hat seinen sehr tiefen Sinn. Um wahrhaft Bruder und Schwester zu sein, wie Franz von Assisi es meint, dazu gehört schon mehr als ein natürlicher Mensch, der Bruderschaft eher zerstört als schafft. Freilich soll man Schwierigkeiten nicht überschätzen und sie geradezu zum Gesetz des Lebens machen. Schwierigkeiten sind da, damit sie überwunden werden, man wächst an ihnen in die Tiefe; um so tiefer, je tiefer man die Schwierigkeiten erfaßt. Allerdings setzt ihre Bewältigung wieder ein unerschütterliches Verwurzeltsein in den Urgründen der Welt, in der Welt der ewigen Dinge voraus. Sie ist uns ja nicht ferne, wir werden von ihr getragen und bewegen uns darin. Wir stoßen hier Huf das Geheimnis der Welt, das im letzten Sinne nicht mehr erklärbar ist wie alles ehrfurchtsvolle Sichfinden, zwar äußerlich beschreibbar, aber in seiner Wirklichwerdung nicht gedanklich faßbar ist. In dem Maße, wie dieses Geheimnis sich uns nähert und sich uns enthüllt, werden wir miteinander an unseren Schwierigkeiten wachsen, sie überwinden und zu größerer Einheit gelangen. Nicht Verschiedensein stört die Einheit, sondern nur das Entgegensein. Die Glieder einer Pflanze sind ja verschieden, aber nicht einander entgegen. Das eine ist für das andere. — So müssen wir anfangen, füreinander zu sein. Ehrlich müssen wir dem anderen helfen, das zu sagen, was er sagen will, gerade dem Gegner soll man ehrlich helfen, daß er seine Anschauung klar darstellen kenne. Nur dann hilft er uns, nur dann helfen wir ihm seine Anschauung ergänzen. Es handelt sich auch hier um viel mehr als die Kuhe zu bewahren, es gilt auch die Ehrfurcht, die himmelhoch steht über dem Akrobaten äußerer Selbstbeherrschui g. Gerne würde' ich von Liebe sprechen, wenn es mir nich zu leid um das täte, was ich damit meine, sie schließt ja alles S chöpferische und Wahre in sich ein. Wer einen anderen übeiredcn will, der vergißt, daß Ueberreden noch nicht heißt, einen Menschen sehend machen. Schauen lassen kann ein Mensch den anderen nicht. Schaff"ist nicht mehr rational, sie kommt aus dem schöpferischen Grund . der Welt. Wenn wir das zu wissen beginnen, dann dürfen wir zusammenkommen und miteinander in Ehrfurcht ringen, der eine um den anderen und für ihn. Und so notwendig Zusammenarbeit ist. so notwendig und noch notwendiger ist die Haltung, in der wir es tun. Wir werden vielleicht mit denselben Worten kämpfen, mit denen sich die anderen bekämpfen, aber wie wir es tun, das wird der Ausdruck unserer Haltung und des Maßes der Wirklichkeit sein, die wirklich in uns ist. Hier allgemeine Normen für eine Zusammenarbeit aufstellen zu wollen, erscheint uns ebensowenig geeignet, wie uns heute schon die Beteiligung jedes Menschen, er mag nun jung oder alt sein, wünschenswert erscheinen kann. Wir müssen uns hüten, einerseits die Entwicklung zu drängen, noch andererseits ihr als Hindernis im Wege zu stehen. Die Bewältigung des wirklichen Lebens ist nicht leichter als die Darstellung seiner Idee Es erfordert durch Verantwortung befreite „Freiheit" und wieder Ehrfurcht vor dem wachsenden Menschen. Darum wollen wir uns gerade hier hüten, etwas zu machen, was all die Zeichen von mangelnder Menschenhand an sich tragen müßte. Gehen wir aber dahin, wohin wir gerufen werden und lernen wir erst horchen auf den Ruf und auf die Frage, bevor wir allzu früh eine vorher fertiggemachte Antwort herzusagen beginnen. Auch das wäre chrfurchtlos. Und ich kenne keine andere Hilfe, aus der uns alles gegeben wird, als daß wir Ehrfurcht haben vor aller Kreatur, vor den Sternen am Himmel und seinem Raum und seiner Zeit, vor den Halmen der einsamen Heide, und dem Gräslein, das verirft wächst auf dem Hinterhof einer engen Mietskaserne, und Ehrfurcht auch vor dem verirrten Menschen, der uns anschaut aus dem Gesichte derer, die ungeboren sterben wie derer, die sie umbringen. Ueberall werden heute die Menschen umgebracht, lebend gehen sie umher und sind schon tot, gelötet von Menschen, vielleicht wir selbst. Nur die lebendige Ehrfurcht, die aus den Tiefen Gottes kommt. Wann uns wieder erwecken. „Die Feste und Wir" Betrachtung von Rabbiner Dr. Neuhaus, Mülheim (Ruhr). Mitten hinein in die Ueberreiztheit auf dem Gebiete der Kunst, der Wissenschaft und Technik, mitten hinein in die Rekorde, in die Sensationen der Zeit sind gesetzt die Ruhepunkte des religiösen Jahres, die Jomim hanauroim, die ehrfurchtgebietenden Tage. Ferne für viele der Begriff der Ehrfurcht, fernenweit gar noch Tage, die solches Gefühl heischen! Der Hinweis auf frühere Zeiten ist bei aufstrebenden Menschen, bei der Jugend nicht beliebt. Und doch wird manchen die Erinnerung an das Einst im Gegensatz zum Jetzt zur Wehmut stimmen. Ertönte im letzten Monate des jüdischen Jahres im Anschluß an das MorgengebeJ das Schofar, so rief dieses Signal dem religiösen Juden nichts anderes zu als ,,S a m m e 1 n", Vorbereiten für die ernsten Feste, für Rausch haschonoh und Jaum kippur. Frommer Bekenner Sinn deutete die Buchstaben des Elul um in die Worte Ani ledaudi wedaudi Ii, ich gehöre meinem Liebling, und mein Liebling (mein Gott) gehört mir. Frommer Glaube setzte vor die Ruhepunkte jüdischen Lebens die Unruhe der Selichoth, in denen die Seele rang mit dem Körperlichen des Menschen* Aus der Unruhe der zu erwartenden Ruhepunkte des Lebens im Gottes- 17

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