Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1927-09-01 · 9 (1.9.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
9 (1.9.1927)
Date
1927-09-01
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492456-6352305-6352522--0466-4928647
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

An die mich abseiLs-stehcndcn Kreise der jüdischen Jugend wendet sich in diesen Wochen unser Verband mit der Forderung, in seine Reihen einzutreten. Die Leiter der jüdischen Gemeinden aber, die Vorsteher. Rabbiner und Lehrer, mögen — so hoffen wir — in ihrem Innern den Ruf verspüren, unserem Streben Verständnis entgegenzubringen und es nach Kräften zu fordern. Was sie den Jugendvercinen tun. tun sie dem Judentum! ■ . ' . * „wer die Jugend hat. hat die zuKunrt!" Von Lehrer S c h ä 1 e r , Gotha. Die Arbeit an unserem Nachwuchs reicht am weitesten in die Zukunft. Die* Jugend ist am bildungsfähigsten, aber auch am geiährdetsten; in ihr liegen Zukunftshoffnung und Zukunttsverderben. Sie ist zu werten als Träger der kulturellen Aufwärtsentwicklung. Und J>ei der heutigen Jugendbewegung ist es deutlich, daß sie keineswegs auf ein rein individualistisches Sichauslcben hinausgeht, sondern dali sie mit vollem Bewußtsein Werte allgemein gültiger Art. Ideale der Kultur, und des Gemeinschaftslebens anstrebt. So muß sich die jüdische Jugend als verantwortlicher Träger jüdischer ZukunÜ fühlen! Bei diesem Streben müssen wir der Jugend zur Seite stehen: uns Lehrer verpflichtet der Beruf, daß wir mit Verständnis für ihr Wesen und mit uneigennütziger Zuneigung ihr den Weg zur Klarheit weisen, sie hinleiten an den Jungbrunnen, aus dem sie jüdisches Wollen und Leben trinken soll. — Die Arbeit wird sehr erschwert durch die Zerrissenheit und die Gegensätze" in unseren Reihen. Es muß daher mit eine Hauptaufgabe des Jugendverbandes sein, zu versuchen, die soziale Kluft zu überbrücken, die Klassen- und Parteigegensätze auszugleichen, kurzum, die. jüdische Jugend . dahin zu erziehen, daß sie über die Gegensätzlichkeiten nicht das einigende, uns alle umfassende Band des Judentums vergißt. Kr soll das Gefühl innerer Zusammengehörigkeit stärken, die Jugendgruppe zu einer Kameradschaft erziehen, welche die Grundlage bilden s.,11 für eine Freundschaft, die jederzeit den einzelnen bereit findet, für den anderen einzutreten. — Wir Juden sind eine Jjc/iicksalsgemeinschaft und das freudige Bekenntnis zu dieser Gemeinschaft, der Wille, jüdisch zu arbeiten, soll der jüdischen Jügertd Leitstern sein! Eine positive Neutralität — wie der Jugendverband sie verfolgt -^^Jst die geeignetste Grundlage zur Einigung der jüdischen Jngend. Erzieftoogsgememschäften will und soll er bilden, in" welchen die heranwachsende Generalion unsere jüdische Jugend — zu aufrechten, bewußten, verantwortungsvollen, zukunftsfrohen Menschen — erfüllt mit Hingabe für die jSLeligion und mit wahrer Sittlichkeil — zu tätigen Mitarbeitern am Werden einer neuen sozialen Gemeinschaft erzogen werden. — Alle, die ein Herz haben für die Jugend, -ollen mitwirken an der Lösung dieser Lebenstrage und des Judentums Es bleibt noch viel zu tun. Sollte einer fragen: ..Was kann ich denn geben?" Dem möchten wir antworten: „Gib das beste, was du hast, gibt dich selbst!" — Es gilt unserer Jugend und unserem Judentum! — l Interkonfessionelle Zusammenarbeit „Auf dafi sie alle einen Bund bilden- Von Rabbiner Dr. Hahn. Essen, Die Jugend der Nachkn gszeit hat eine große Entdeckung gemacht: sie hat sich selbv. als irgendwie zusammengehörig entdeckt. Sie.hat das Urtümliche, das ihr als Jugend eigen ist, in glückhaftem Sehen erfaßt Sie ..ernennt" sich deshalb über alle Schranken des national n und religiösen Getrenntseins hinweg Sie weiß um diese Crenzen: aber sie verschanzt sich nicht hinter ihnen. Sie sieht d:e Verschiedenartigkeit menschlicher Ausdrucksformen, aber sie übersieht dabei nicht die allen Menschen gemeinsamen seelischen Grundtatsachen. Sie bleibt nicht beim Gewordenen stehen, sondern geht zurück auf das Ursprüngliche, das. immer nur das eine sein kann. Um es in einem Beispiel ZTT sagen: dieseJ Jugend kann sich zu 16 einer bestimmten „Konfession" bekennen, ohne sich deshalb voneinander getrennt zu wissen; ihr ist die Mannigfaltigkeit der „sichtbaren Kirchen" nur Bestätigung des allem menschlichen-Gestaltungswillen zugrunde liegenden ewig gleichbleibenden religiösen Geistes. Sie kann sich deshalb über die Getrenntheit hinweg die Hand zum Bund, zum Bund der Gleichfühlenden und -strebenden reichen, ohne ihrer gesonderten Aufgabe untreu zu werden. Uns Juden liegt eine solche Einstellung im Blute. Die Welt sieht bei uns. infolge des Kampfes, den wir immer für unsere Religion führen mußten, gewöhnlich nur das Bestreben nach Absonderung und Abtrennung. Man vergißt darüber aber ganz, daß der jüdischen Religion von den Uranfängen an ein starker universalistischer Zug eigen war. Statt vieler Beweise auch hier ein naheliegendes Beispiel: Diese Sondernummer unserer Zeitung wird in den Tagen erscheinen, da wir Juden eines unserer bedeutsamsten Festefeiern: das Neujahrsfest. In einem der wichtigsten Gebete dieses Feiertages heißt es: ,,So lasse denn kommen. Ewiger, unser Ggtt, die Ehrfurcht vor Dir über alle Deine Geschöpfe und frommes Bangen über alles, was Du erschaffen hast, auf daß Dich ehrfürchten alle Ge- ■-chöpfc und vor Dir sich beugen alle Erschaffenen, auf daß sie alle bilden einen Bund, um Deinen Willen zu erfüllen mit ganzem Herzen." Die Zeit des Weltbundes aller Menschen zur Anbetung Gottes und zum Wirken des Guten auf Erden ist noch nicht da. Aber wir werden an diesem Neujahrsfest das Gebet um die Einigung der Herzen mit neuem gläubigen Herzen sprechen, weil unsere Hoffnung einer neuen Jugend, die sich näher zu kommen sucht, und — damit einer neuen Zeit gilt. Wir jüdische Jugend wollen wachen über unser eigenes Geistesgut. aber uns bereit machen für alle, die daran arbeiten, um in Erfüllung gehen zu lassen das andere Gebetswort des Neujahrstages, das seiner Bedeutung halber zum täglichen Gebet bestimmt wurde: „Daß die Welt vollkommen werde durch die Herrschaft des Allmächtigen und alle Menschen Deinen Namen anrufen." # ' * Vom Kample um die Religion Von Nikolaus Ehlen. Die nachfolgenden Ausführungen des bekannten katholischen Jugendführers werden besonderes Inter- * - ' - - ..i esse erwecken. Einer der empfindlichsten Vorwürfe, die einem Menschen in der Öffentlichkeit heute gemacht werden können, ist der. daß er ein Störer des konfessionellen Friedens sei. Man ist deshalb so besorgt um seine Erhaltung, weil man weiß, daß sich hinter diesem Schlagwort vom „konfessionellen Frieden" so viele finstere und ungebändigte Energien verbergen, daß, wenn sie entfesselt werden, das Leben, auch das öffentliche, zu einem wahren Chaos wird. In Wirklichkeit handelt es sich also hier gar nicht um einen Frieden, sondern um die Ruhe die in einem Pulverfaß sich befindet, bevor der Funke hineingefallen ist. Ist aber der Funke hineingefallen, so bleibt nichts ganz und unberührt; das Pulver hat keine Achtung und Ehrfurcht vor dem wertvollsten Leben. Fast genau so war es bisher, wenn man in der Oeffentlich- Ueit, in Versammlungen bis vielfach hinab in den kleinsten Freundschaftskreis, die Sprache auf weltanschauliche und religiöse Unterscheidungen brachte. Selbst in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen fehlt es so oft an der nötigen Sachlichkeit. Wo es sich aber um mehr handelte als um Wissenschaft, um den ganzen Menschen, um sein Bekenntnis, da gab sich auch der ganze Mensch, so wie er ist, wenig gebildet — denn Wissenschaft und Bildung im" Sinne von Weisheit ist ja nicht dasselbe — er gab sich vielfach brutal, ja, das Bekenntnis wurde zur machtpolitischen Angelegenheit. Und weil kein Kampf so häßlich geführt wurde wie der konfessionelle, jeder empfand das, so kam man mehr still vertragsmäßig zum „konfessionellen Frieden". So wertvoll auch dieser „konfessionelle Friede" zur augenblicklichen Beruhigung sein kann, so gefährlich ist er doch, wenn er zur Selbsttäuschung wird, wie es eben heute der Fall

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.