Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1927-09-01 · 9 (1.9.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
9 (1.9.1927)
Date
1927-09-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492456-6352305-6352522--0465-4928646
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

machten, auf neu gearbeiteten „Jugend", der reifen und überreifen, die wirkliche und echte gegenüberzustellen, der Krampfhaftigkeit und dem Getue derjenigen, die um jeden Preis und mit jedem Mittel ihre Jahre vergessen machen möchten, unbefangene Natürlichkeit zu zeigen Vielleicht ist der Jugend aus dem oft so lächerlichen Gebaren der allzu lange jung bleiben wollenden heute mit voller Deutlichkeit ein Problem gestellt: Wie fängt man es an, um auch später zu leben und nicht nur in einem sogenannten Beruf Routine zu haben? Ich sehe keinen klareren Weg dahin als den der gegenseitigen sowie der Sclbsterziehung, zu e*r kennen und danach zu handeln, daß das Unpraktische und> Ueberflüssige das im Grunde allein Notwendige ist. Für die jüdische Jugend und ihre Organisationerl ergibt sich daraus als weitaus wichtigste Forderung, jüdisches Wissen und jüdische Bildung zu pflegen als die unpraktischsten Dinge, die es überhaupt gibt, und allen denen, die sich in einem Bunde junger, jüdischer Menschen vereinen, die L'eberzcugung einzuhämmern, daß nur das, was man nicht muH. auf die Dauer wirkliche Freude am Leben machen kann- Gemeinde, Schule und üugenduerein Von Gustav Spier, Haigerloch Seit zwei Jahrtausenden — in der Zerstreuung — beruht Israels Stärke auf der Lebenskraft seiner einzelnen Gemeinden. Das Leben in diesen aber baut sich auf den drei Fundamenten auf, die schon Schim'on Hazzadik als die Grundlagen der Welt — der jüdischen Welt — bezeichnete: auf Thora, Gottesdienst und Wohltätigkeit: Mit ihnen steht und fällt'jüdisches Leben in Haus und Gemeinde, und die K'hilloth haben das längst erkannt und haben vielfach darin gewetleifert, durch die Institutionen der Schule, der Gotteshäuser und die Einrichtungen der Wohlfahrtspflege den Boden für ihr inneres Leben zu festigen und zu verbreitern. Wichtiger aber als alle Institutionen selbst ist die Sorge dafür, daß der jüdische Lebensgeist, aus dem heraus sie entstanden und zu dessen Pflege und Sicherung sie geschaffen sind, auch laisächlich erhallen und in die Zukunft weitergetragen wird. Um so dringlicher ist diese Aufgabe, als alle Kräfte der Umwelt dem Judentum entgegenarbeiten, ihm Abtrag, und Abbruch tun. Was nützt es, wenn unsere Synagogen, größer, schöner und prächtiger als je, dem Außenstehenden den Findruck von der Kraft unserer Gemeinschaft geben, wenn diese TempeJ die meiste Zeit des Jahres leer stehen! Was hilft es, daß unsere Gemeinden sich um die Errichtung jüdischer Schulen, unsere Lehrer sich um Verbesserung der Lehrmethoden bemühen, wenn in den großen jüdischen Zentren — wie bei uns, so leider auch in anderen westeuropäischen Ländern und mehr noch in Amerika — ein großer Teil der Kinder dem jüdischen Unterrichte ferngehalten wird und der andere Teil im Gelriebe eines ganz und gar nicht-jüdischen Lebens schnell das Letzte von dem vergißt und abstreift, was die Schule mitzugeben versuchte. — Unsere Gottesdienste können heute nicht mehr jüdisches Leben, jüdischen Geist entzünden. Die Juden unserer Zeit und unserer Gegenden erwarten vom Besuch der Synagogen eine vorübergehende Erbauung, auch gewisse ästhetische Genüsse gesanglicher und rethorischer Art. Daß sie aber zur Predigt und zur Thoravorlesung kommen, „um zu hören und zu lernen, zu beobachten und auszuüben" — die Illusion müssen sich unsere Rabbiner und Vorbeler wohl aus dem Kopf und aus dem Herzen reißen. Es ist ja auch nicht leicht, auf Erwachsene einzuwirken, nach Luthers derbem Wort: „Es ist schwer, alte Hunde bändig und alte Schälke fromm zu machen". — Wie steht's aber um die Schule? r ' Die jüdische Schule für sich allein, ohne irgendeine geeignete Fortführung über die Schulzeit hinaus, kann gleichfalls , nicht das erreichen, was sie erstrebt und ersehnt: die sichere Verankerung jüdischen Geistes fürs ganze Leben. Denn — von allen anderen Schwierigkeiten abgesehen, unter denen besonders die jüdische Schule leidet — gerade, wenn die entscheidensten Jahre für den jungen Menschen beginnen, muß die Schule die meisten ihrer Zöglinge aus ihrer Obhut entlassen. Und außerdem wird das in vielen Fällen Zwangsmäßige des Schullebens nie die Wirkung erreichen, wie sie etwi bei der selbstgewollten Einordning in eine Gemeinschaft, in einen Aufgabenkreis mög'ich ist. In früheren Jahrhunderl;n war für den jungen Juden die freiwillige, ja heißersehnU Teilnahme an der Arbeit der_ Jeschiba, der Bote hammiilrasch oder doch wenigstens der Lernvereine die geradlinige Fortsetzung der Schul.ahrc. In diesem Streben konnten die Keime sich voll entfalten, die in den Kindheitsjahren in die Seele gelegt worden waren. Heute fallen diese Gelegenheiten fort, und die Triebe jüdischen Lebens, die im Religionsunterricht und — vielleicht! — im Elternhaus dem jungen ff enschen eingepflanzt worden sind, müssen ohne Nahrung bleibe i, müssen im ungünstigen Erdreich einer anders und feindlich grarteten Umwelt verdorren. Und hier beginnt die Fun ttion der jüdischen Jugendvereine. Sie sind geeignet, die Lücke zu schließen, die so schmerzlich im Bau des Judentums klafft - Sie können, wenigstens der Idee nach, die Aufgabe der Je ichiboth c--und Botte hammidrasch übernehmen. Kein Zwang führt die Jugrnd zu den Vereinen. Frei'schließt sie sich in ihnen zusammen. Mag auch viele der bloße Wunsch nach Geselligkeit treiben — .iel andre doch suchen hier Nahrung Jür ihre tiefsten menscl liehen und jüdischen Sehnsüchte. Wird {Lesern Sehnen Erfüllurg. so kann eine neue Generation in Gcis\ und Liebe dem Erlie der Väter verbunden werden. Bleibt die Erfüllung aus, so geht aufs neue ein junges Geschlecht den Weg vom Judentum hinweg- Nun freilich genügt der leiße Wille junger Führer nicht immer, den Gefährten das im geistiger Nahrung zu reichen, was sie begehren. Da müssen als Freunde, Berater und Helfer andere herantreten, die über die Kraft und das Wissen verfügen, der Jugend zu geben, was sie verlangt und wessen sie bedarf. Vor allem können e i die Lehrer und Rabbiner sein. A-ber wohlgemerkt: ' als Freunde müssen sie zur Jugend kommen, nicht als Vorgesetzt!, nicht als unnahbare Autorität. Auch nicht mit dem Anspruch, dief führenden Stellen in den Bünden und Verbänden einzunehmen, sondern mit dem Wunsch und Wil'en. Dienst an der J igend zu tun. Verwalten sollte sich die J „ehd selbst! » Viele Rabbiner und Lehrei haben die Notwendigkeit, sich zu beteiligen, erkannt und helfen wacker in unseren Bünden mit. Die Listen unseres Verl andes beweisen das. Aber weit mehr noch stel en zurück. An diese möchten sich meine Ausführungen als inahnender Appell richten. Alle sonstigen Pflichten, alle früher vielleicht schon erlebten Enttäuschungen dürfen sie nicht abschrecken. Denn erst hier können sie versuchen, die Bestrebungen ihrer Berufsarbeit zu Ende zu führen. Ohne diese Mühe mit den jungen Menschen der Jugendvereine ist der Kraftaufwand in der jüdischen Schule so gut wie ganz vergellich vertan. Auch für den Erfolg-der \rbeit in den JV. kann keine volle Garantie geleistet werden, aber sie ist in den meisten Orten die einzige Möglichkeil, Entscheidendes für die Erhaltung jüdischen Lebens und jüdischen Geistes zu tun. Wessen Beruf es also ist, in ji dischen Gemeinden, in Gotteshaus oder Schu'e Führer zum Judentum und im Judentum zu sein, der darf hier nicht beiseite stehen. Wen sein Berufsethos treibt, über äußere Verpf ichtung auf Dienststunden hinaus seine Aufgabe am Judentum zu erfüllen, der muß sfeh ge- drängt fühlen, in unseren Büi den mitzuwirken, der jüdisch strebenden Jugend Berater und Helfer zu sein! , Auch für die jüdischen Gemeindeverwaltungen erwächst eine Aufgabe. Es gibt zahlreic le K'hilloth, in denen man die Förderung der Jugendvereine als Herzenspflicht begriffen hat und in denen man ihnen in nuterieller und, soweit es Verwaltungen können, auch in idesler Beziehung zu helfen sich bemüht. In anderen Gemeinder aber steht man den Vereinen kalt und verständnislos gegenüber. Und doch sollte man auch hier einsehen, daß die Gemcind<: mit der Hebung der Jugend bünde die beste Arbeit für ihre i (der Gemeinde) eigenen Bestand leistet, 15

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.