Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1927-09-01 · 9 (1.9.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
9 (1.9.1927)
Date
1927-09-01
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492456-6352305-6352522--0464-4928645
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ich bin zwar als Jude und im Bewußtsein meiner jüdischen Abstammung aufgewachsen und habe den Glauben an einen einzigen, für das ganze Menschengeschlecht gleichen Gott, wie er uns in der Religionsschtile der jüdischen Reformgemeinde gelehrt wurde, der nieine- Bllern angehörten, und die von ihm ✓ abgeleitete Ethik al> das ai>f diesen Gebieten Erhabenste empfunden, habe aber schon ziemlich früh jeden Glauben an einen persönlichen Gott! Schöpfer und Lenker verloren und die ttiir gelehrte Ethik an HanJ^der Soziallhcorien freireligiöser demokratischer Schriftsteller begründet, von denen sie sich in ihren Grundgedanken wenig unterschied, und später an der sozialistischen Lehre weitergebildet. Da ich somit der jüdischen Religion oder Konfession gegenüber Zweifler oder, wenn man will. Abtrünniger bin - - ich bin im .lahre IS77 offiziell aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgetreten —- wäre es Anmaßung von mir. .luden über ihre Religion und religiöse Ethik belehren zu wollen. Indes liegt auf diesen Gebieten auch nicht das Schwergewicht der Fragen. \or welche die jüdische Jugend als solche heute in Deutschland sich gestellt sieht. Es ist auch nicht das Problem der staatlichen Gleichberechtigung, das sie zii beschäftigen braucht. Gi^Pctzlich sind die Juden heule in Deutschland gleichberechtigt^ steht ihncnjjede Laufbahn offen. Aber die gesetzliche Gleichberechtigung allein gewährleistet nirgends die tatsächlich« Zulassung zu allen Berufen. Das Gesetz bleibt loter Buchstabe, wo ihm nicht die Gesinnung der maßgebenden Krei-e jinj Klassen zur Seite steht. L nd man weiß, daß diese im heutigen Deutschland den Juden gegenüber bei einem — ich fürchte sagen zu müssen, wachsenden Prozentsatz jener Elemente dem Gci«t des Gesetzes widerspricht. Die antisemitische Agitation hat hier Erfolge erzielt, die man bei deren erstem Auftreten vor jetzt ziemlich einem halben Jahrhundert noch nicht für möglich gehalten hätte, und nicht zum , wenigsten bei der Jugend des mittleren und hohen Beamtentums und eines nicht unbeträchtlichen Teils der Kapitalistenweit. Was vnii antpsemitischen Kundgebungen der Hochschuliiigend dieser Kreiser'von Zeit zu Zeit an die Oeffcntlichkeit dringt, gibt nur ein schwaches Bild -von dem Einfluß dieser Agitation auf die Geister. Nicht, drr lärmende, sondern der - geräuschlose* der schleichende Antisemitismus ist der schlimmste Feind der jüdischen Jugend. Damit vage ich dieser Jugend sicherlich nichts Neues, es macht sich ihr auf die verschiedenste Weise empfindlich fühlbar Es ist i.i Such» wenn nicht die einzige, so doch die schwerwiegendste Ursache, -daß wir heute 'in Deutschland überhaupt eine besondere jüdische Jugendbewegung haben. In meiner Jugend wäre sie unmöglich gewesen. Wohl gab es damals im deutschen Volk eine starke,Abneigung gegen die Juden. Aber sie war. wenn sie sich auch hier und dort gelegentlich roh äußerte, urwüchsig nan. ging nicht daraui aus. dem Juden die Existenz unmöglich zu machen, sondern war im wesentlichen nur eine Abneigung gegen das anders Geartete! anders Lebende, wie sich das auch sonst bei Völkern gegen Eingewanderte anderer Abstammung äußert, während der^.heutige Antisemitismus in Deutschland angelernt raffiniert ist, den Juden um so mehr haßt, ja weniger dieser sich im Wesen und der Lebensweise von der Masse der Landesangehörigen unterscheidet, und zwar ganz einfach deshalb, weil der Jude ihm dann um so unbequemer ist. — Das ist das große Problem. \or dem sich die jüdische Jugend im heutigen Deutschland sieht und das ihr andere Aufgaben stellt als sie der Jugend hier im allgemeinen obliegen. Welches sind diese Aulgaben? Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich sie nicht im Zionismus sehe. Ich stehe dem Zionismus durchaus objektiv gegenüber, sehe in ihm ein Stück sehr verständlicher Gegenbewegurig gegen die Pest des Antisemitismus, erkenne auch gern an. daß er manche wertvolle Erziehungsarbeit geleistet hat. täusche mich aber darüber nicht, daß er. solange er verständig arbeitet, wohl erfolgreiche Niederlassungen gründen und dort örtlich Einrichtungen schaffen kann, die sprechende Gegenbeweise ablegen gegen das Gerede von der Untauglichkeit der Juden zu produktiver Arbeit und ihrer Scheu vor physischer Anstrengung, aber außer- 14 stände ist ~und bleiben wird, das politische Ansehen der großen Masse der in Nationalstaaten wie Deutschland lebenden Juden nennenswert zu heben. Wir leben in fast allen Ländern in einer Epoche zugespitzten nationalistischen Denkens und Empfindens, der Wellkrieg, dieses ruchlose Verbrechen, hat in seinen politischen Auswirkungen die Seelen der Völker mit Giftsstoff gegen die schönste Fracht der Kultur von Jahrhunderten, das kosmopolitische Denken, durchtränkt, und bis heute läßt sich, trotz rühmenswerter Erziehungsarbeit Bessergesinnter, im ganzen noch wenig von einem durchgreifenden Heilungsprozeß merken, frißt das Uebel vielmehr noch immer weiter um sich und bohrt sich in bestimmten Schichten noch tiefer ein. Sein Studium aber ist der jüdischen Jugend Deutschlands eindringlich zu empfehlen. Die Erkenntnis seiner Ursachen und Wirkungen zeigt ihr die Natur der ihr heute zufallenden besonderen Aufgaben. Mit größter Hingebung und Vertiefung hat sie sich den Bestrebungen zuzuwenden, welche die von, den Idealen des edleren Menschentums erfüllte Jugend der Nation im allgemeinen verfolgt. Das meiste davon schreiben die geschilderten Tendenzen den Juden als notwendige Bedingungen der Verwirklichung ihrer Befreiung vor Was in früheren Generationen die Juden zu den natürlichen Verbündeten aller demokratischen Befreiungsbewegungen machte, gilt, den geänderten Verhältnissen angepaßt, auch heute noch. Neben den Pflichten gegenüber dem Lande, dem sie als Staatsbürger angehören, haben die Juden auf Grund ihrer Geschichte und Ausbreitung noch die besondere Aufgabe, sich als Mittler zwischen den Nationen zu fühlen und zu verhalten. Daß sie in keiner Weise den Anforderungen eines vernünftig, das heißt sozial begriffenen nationalen Patriotismus widerspricht, habe ich vor nun zehn Jahren in einer Schrift über die Aufgaben der Juden im damals noch wütenden Weltkrieg entwickelt und glaube auf die dort gegebene Begründung nicht hier noch einmal zurückkommen zu sollen. Dagegen gehört ein am Schluß jener Schrift entwickelter Gedanke zu unserm Gegenstand. Dort heißt es nämlich: „Und noch eine zweite Erinnerung verweist den Juden an die Seite derer, die Mittler der Natiorftn zu sein streben. Es ist der innere Zusammenhang der sozialen Befreiungsbewegungen unserer Zeit mit den Bewegungen für die allseitige Durchführung des Gedankens der Verbundenheit der Völker in der Gegenwart" . . . Und etwas weiter wird angeführt, daß das Hauptgebot der jüdischen Religion den Satz enthalte: ..Gedenke, daß du ein Knecht warst in Aegypten", der, in seiner vollen Bedeutung erfaßt, dem Juden es als kategorisches Pflichtgebot vorschreibe, für diese sozialen Befreiungsbewegungen mit voller Hingebung einzutreten. Eine Vorschrift, die auch für diejenigen Juden ihre Geltung hat. die. mit dem übersinnlichen Glauben gebrochen haben und einfach auf Grund ihrer Abstammung sich als solche fühlen. Insofern ist es eine Besonderheit der Juden, und nicht zuletzt der' jüdischen Jugend, daß schon ihre Abstammung sie. gleichviel, welcher Gesellschaftsklasse sie angehören, zur innigen Teilnahme an denbezeichneten Bewegungen aufruft. Das Wie dieser Teilnahme ergibt sich für diejenigen, die den dazu nötigen Willen haben, in den meisten Fällen von selbst Namentlich wäre es ein großer Fehler, ohne Rücksicht auf die Umstände in den verschiedenen Lajidern_und die Verfassung der gegebenen Kamp! Organisationen bestimmte Regeln über die Form der Teilnahme dogmatisch festzulegen. Einheit muß vor allem über den Geist der Behandlung dieser Fragen erstrebt werden. Und der kann nur heißen: möglichst innige Anteilnahme an den politischen Lebensbedingungen und dem kulturellen Leben des Volkes, in dessen Mitte man lebt. Sein und Schein Von Rabbiner Dr. Max Wiener, Berlin. Die besondere Aufgabe der heutigen Jugend scheint sonnenklar zu sein. Sie beruht darauf, der künstlichen, der ger

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.