Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 9 (1.9.1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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sorgungen werden gemeinsam gemacht, jede Mutter zankt den ganzen Tag, weil das Telephon nur noch für den Jugendverein da zu sein scheint, aber man hat sich doch so viel zu sagen. Man sitzt zusammen und arbeitet, um alles so billig wie möglich herzustellen, dabei soTs oft passieren, daß man plötzlich in ein Gespräch gerät, in einen hitzigen Kampf, wie er noch in keiner offiziellen Diskussion möglich war, sodaß man crsTT' wenn wieder eine besorgte Mutter warnend an die späte Stunde erinnert, zu sich kommt und feststellt, daß man eigentlich ..arbeiten" wollte und das ganz vergessen hat. Und dann kommen die Proben mit al'em Unfug, aller Freude und allem Aergcr, jeden Abend hockt man zusammen, schimpft reichlich über die viele ..Zeitverschwendung", und bringt doch jedes Opfer, damit der J.J.V, an dem einen Abend vor den Eltern und älteren Freunden, vor uns selbst würdig bestehe, daß das Fest, das wir feiern wollen, wirklich ein Fest der Jugend, der jüdischen Jugend, werde. Bis dann die Generalprobe kommt mit ihren herzerfrischenden Krachen. Drei sind mindestens immer beleidigt und erst nach langer Aussprache mit brummigem Gesicht wieder auf dem Posten. Bis dann der Abend wirklich da ist, mit allem Glanz, aller Aufregung und aller Freude, bis dann alles versammelt ist und selbst der trockenste Kritiker von dem ungeheuren Schwung und Jubel der Schar junger Menschen mitgerissen, kindhaft, glücklich sich mitfreuen kann, so daß die sinnlosesten Dinge auf einmal Sinn haben — weil eine Polonäse über Stühle und Tische keine alltägliche Polonäse mehr ist, weil man eben —j und das ist das Geheimnis, ungehemmt und froh miteinander ist. Dies ist die gesellige Veranstaltung, die in den Rhythmus unserer Arbeit nicht nur hineingehört, die vielmehr einen ganz wichtigen Platz darin einnimmt. * "• Die soziale Tat Von Mine Meyer. Düsseldorf. In weiten Kreisen der jüdischen Ocffentlichkeit hält man die Jugcndvereinc oft heute noch für reine Gcselligkeitsvireine, ohne tiefer in ihr Wesen eingedrungen zu sein. Wer die Arbeit näher kennt, weiß, daß ganz anderes geleistet wird. Der Zeitströmung und der großen Not entsprechend wurde in der Jugend vor einigen Jahren der Wille wach, helfend einzugreifen. Fast gleichzeitig regte sich in vielen Bünden der Wunsch, sich an der sozialen Arbeit zu beteiligen und Wege zu suchen, die für die Jugend' zur Hilfeleistung möglich sind. In einzelnen Bünden bildeten sich Arbeitsgemeinschaften oder Gruppen für soziale Arbeit, die in erster Linie ihre Aufgabe darin sahen, in bestehende Heime zu gehen und dort bei der Ausgestaltung von Feiern zu helfen. Schöne Freitag-Abendfeiern, Chanukkafeste. Purimbclustigungen sind so zustande gekommen, die beiden Teilen große Freude machen. Selbstverständlich ist es, daß Jugendliche zu Sammlungen aller Art herangezogen werden. In einigen Bünden haben junge Mädchen sich verpflichtet, alten Leuten regelmäßig vorzulesen, in Kindergärten und Waisenhäusern sowie bei der Fcrienwalderholung sind sie gerne gesehene Hilfen, da sie durch ihre Schulung im Bund ihre Arbeit gewissenhaft ausführen. Im Grunde genommen kann Jugendvereinsarbeit als solche auch als soziale Tat gewertet werden. Sic bringt Gruppen aus den verschiedensten Kreisen zusammen, die sich hier kennen lernen. Junge Menschen, die fern vom Judentum stehen. lernen hier jüdisches Leben kennen. Berufstätigen, vielleicht fremd in einer Stadt, ist die Möglichkeit gegeben, Altersgenossen, Gleichstrebende zu finden und so schnell in einen Kreis hineinzukommen, der ihnen außer geistiger Anregung auch Freundschaft und Freude bringen kann. So sind also heute die Bünde längst nicht mehr reine Geselligkeitsklubs, in ihnen iststarkes geistiges Leben, Verantwortlichkeitsgefühl für die anderen und der Wille zur Gemeinschaft vorhanden. * , * Die Junggruppe Von J. Raphael, Beckum, Die Junggruppc ist kein Stiefkind mehr. Es ist eine ganz besondere Freude, zu sehen, wie der Gedanke des Verbandes. Einheit des Judentums auf dem Fundament der Neutralität, gerade in den Junggruppen wurzelt, .aus denen allmählich unsere Vereine und Bünde sich ergänzen. Ein hervorragend, erziehliches Mittel für den Verband und seine Organisation ist die Junggruppc. In ihr sammelt sich ja das Wertvollste, was wir haben: die Schuljugend. Die Zusammenfassung erfolgt nach eigenem Willen, selbstgewählten Führern und Führcrinnen wird vertraut, wie eben nur innerhalb einer Junggruppe vertraut werden kann. Hier empfindet die jüngere Jugend schon frühzeitig ihre unbedingte Zusammengehörigkeit ohne Unterschied, hier hört sie von dem einen Judentum, von dem unsere Propheten einst so gewaltvoll ' gekündet haben, dem wir letzten Endes doch alle, ohne Rücksicht auf sogenannte Partcischatticrung, angehören, und das wir in der großen Welt draußen immer noch schmerzlich vermissen Der Junggruppe kommt es zum Bewußtsein, daß wir Juden alle unter dem gemeinsamen Dache des Judentums wohnen müssen, wenn unser Judentum leben soll. In schönen Heimstunden trifft sich die junge Schar. Eine herzliche Zwanglosigkeit gibt der Gruppe das Gepräge, durchdringt die jugendlichen Diskussionen, führt zur Selbständigkeit im Denken. Aber man trifft sich auch zu Wanderfahrten, zu Spiel und Sport, ohne das Wandermäßige besonders hervorzukehren. An den Winterabenden wird das Heimarbeiten reger und intensiver. Man kommt zu Leseabenden, man spricht über die Geschichte der Judcnheit. man unterhält sich über Tagcsfragen jüdischen oder allgemeinen Inhalts. Der Leiter hat die Pflicht, sich das Programm vorher festzulegen, denn improvisierte Abende sind meist — wenn der Stoff es nicht energisch hindert — verloren. Viele Grüppc.n verstehen es. Bastelarbeiten aller Art anzufertigen. Mari übt auch gern, wenn die Voraussetzungen vorhanden sind, an einem Sprechchor. Versuche werden bereits in sehr vielen Junggruppen angestellt. Kleine Feiern, Elternabende werden in aller Stille vorbereitet, keine Paradestücke, sondern Stunden, die aus der eigenen Ursprünglichkeit einer lebendigen Jugend strömen. Im Verbände der Jüdischen-Jugendvercinc Deutschlands bestehen bis jetzt 25 Junggrüppen mit insgesamt etwa 6 M) Mitgliedern. Ein Dezernat sorgt dafür, daß die gemeinschaftliche Arbeit zu gegenseitiger Förderung erfolgt. Die Schaffung von Junggruppen bewährt sich immer offenkundiger: sie begeistert, sie zieht das Band des Judentums, das Band des Sicljverstchens um die aufwachsende Schuljugend, sie bannt, last not least, wildes Schlagworttum und unnötige Tagespolitik. * ' •* Der Sport Von Erich Hcrzfcld, Frankfurt a. M. Der Sport, der durch die Pilcge der körperlichen Fähigkeiten und ihrer Erprobung.im Wettkampf harmonische Menschenbildung bezweckt, ist zu einem wichtigen Kulturfaktor geworden. Der uralte Begriff der Kultur, der nur die geistige Seite umfaßte, ist endlich über Bord geworfen worden. Man hat erkannt, daß der Körpernicht nur der Diener des Geistes ist, daß stetige Wechselbeziehungen bestehen und daß es nicht angängig ist, Körperkultur als nebensächlich zu behandeln. Es ist nicht klug, den Geist, der Großes zu leisten hat, in ein dürftiges, baufälliges Haus zu stecken. Nur in einer gesunden Wohnung kann auf die Dauer der Bewohner gesund bleiben. Und wenn in früheren Zeiten Sport im wesentlichen betrieben wurde im Hinblick auf die Erziehung zum Kriegerhandwerk, so ist dieser Zweck mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Heute erkennen wir seinen Wert nicht nur in gesundheitlicher und moralischer Beziehung, nicht nur darin, daß er defn Geist verlorene Spannkraft zurückgibt, noch bedeutsamer erscheint mir, an dieser Stelle auf den Einfluß sportlicher Betätigung auf die Charakterbildung hinzuweisen 11