Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1927-09-01 · 9 (1.9.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
9 (1.9.1927)
Date
1927-09-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492456-6352305-6352522--0453-4928634
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Verbandes verhalten sich zu seiner Idee wie die Mittel zum Zweck. Die wahren Aufgaben unserer Organisation sollten wenigstens in dieser Beziehung stehen. Sehr oft. vielleicht meistens, diktiert zwar die klar erkannte oder doch geahnte „Idee" dem echten Führer seine und der Geführten Aufgabe: mitunter aber werden „Aufgaben" aus durchaus unidealen Anlässen hergeleitet. Das „E rziehungsprogramm" hinwiederum ist lediglich das Hilfsmittel zur Bewältigung einer, freilieh wesentlichen, Aufgabe. Alle Aufgaben wollen und sollen dem „Ziele" zuführen, das die Erfüllung, die Verwirklichung der Idee umschließt. Damit ist aber auch schon gesagt, daß das Ziel, sich zur Idee wie die Erfüllung zu dem zu Erfüllenden verhält. Schließlich darf auch nicht das Wort „Ideologie" willkürlich statt Idee gebraucht werden. Es bedeutet vielmehr in wortgetreuer llebersetzung die Lehre vom ganzen weiten Wirkens- und Gesetzcsbcreichc der Idee. Was aber besagt nun der Begriff der „I d c e". von der wir alle so oft im Leben sprechen, und um die, in Beziehung zum .1.1 V . als „Verbands-Idee", so viele innerlich bewegte Menschen sich bemühen? Seit Piaton, der diesen Begriff felsgleich hinstellte, begreifen alle Denkenden unter der „Idee" das geschaute oder zu 'schauende reine Urbild einer Erscheinung (Mensch, Sache, Vorgang). Die inncrwcltlichen Gestalten sind, im Verglich mit ihren Ideen, nur verzerrte, unzulängliche Spiegelungen dieser Ideen, und sie zeigen darum auch ihr einmaliges Wesen nur gebrochen, nur in Bruchstücken. Die Idee einer Gestaltung entsteht — nach Piaton wie auch nach den Ergebnissen der Psychologie — vor der Gestaltung. Aber sie wirkt auch nach deren Werden immer wieder auf diese Gestalt ein. sie zur Annäherung an die Idee, zur Vervollkommnung, zur Wcsenhaftigkeit antreibend. Die „Idee des jüdischen Jugendverbandes", so verstanden, ist keine nur „theoretische" Angelegenheit mehr, nichtnur ein Fragen weniger Grübler im Verbände; sie ist vielmehr ein aus der Idee des Verbandes gezeugtes Müssen in allen Denkenden innerhalb des Verbandes. Eine höhere Schau im Verbände war auch fraglos schon, bewußt oder unbewußt, bei denen wirksam, die einst die „Organisation" des .UV. schufen. Es ist darum nicht ganz so, wie Paul Kauffmann (Aachen) in Bonn meinte, daß die Verbandsidee als solche erst „erkämpft" werden muß. Der Kampf geht vielmehr um das B c w u ß t-machen dieser Idee vom Verband, um die möglichst wahrheitsgetreue Uebcrtragung des Urbilds in die Ab-bildungen der einzelnen Bünde und um die Ableitung von Forderungen, ja Gesetzen aus dieser Idee vom Verband für die Träger des Verbandes. Daß gerade von den jungen Menschen unserer Tage immer dringlicher das Verlangen erhoben wird, die Idee des Verbandes ins Bewußtsein zu heben und die Formungen im Vcrband'nach dem Urbild - zu schaffen, erklärt sich psychologisch aus der edleren Eigenart heutiger Jugend, die nach Wcsenhaftigkeit und Vollendung verlangt, — zum mindesten in ihren besten Vertretern. Wie aber bietet sich nun innerer Schau das Urbild des Verbandes, kurzum: welches ist die Idee des Verbandes der jüdischen Jugendvcreinc Deutschlands?. Die neuerliche Verwurzelung der „entjudeten deutschen Juden", die Le\i Wolff (Köln) mit Recht erneut dem Verbände als" hohe Aufgabe nahelegte, wird auch von den Tendenz-Jugendbünden als Obliegenheit anerkannt und verkündet; sie ist also für unsern Verband nicht spezifisch, nicht aus seiner Ideegeboren. Gleiches gilt von der „Erziehung zur Persönlichkeit", die als wahre, sittliche Persönlichkeil überall und stets den Willen zur Menschen-Gemeinschaft in sich tragen muß: sie ist heute eine als wesentlich anerkannte Erziehungs-Aufgabe der Jugend-Organisationen aller Bekenntnisse und Stämme. Daß unser Verband seiner Organisation und Methodik nach zwischen Jugendpflege und Jugendbewegung steht, ist doch wohl mehr durch geschichtliche Vorgänge der letzten 15 Jahre als durch die Verbands-Idee bedingte Tatsache, zudem auch im jüdischen Jugendbcrcichc nicht uns allein eigentümlich. Was n u r in unserem JJV. ideenhaft wirksam ist, in einem Führer stärker, im anderen schwächer, mit und ohne ihr Wissen, ihren Willen, — das klang für mein Ohr im Referat von Fritz Schwarzschild in Bonn zunächst nur leise an, da er von der Hinführung der von uns zu erziehenden jüdischen Persönlichkeiten zur neuartigen jüdischen Gemeinde sprach, die „eine n e u e Form des Zusammenlebens jüdischer Menschen darstellen wird". Es wurde erheblich deutlicher im Schlußwort, da er sich zur „Willensbildung jüdischer Menschen" bekannte, die auf eine „Bind ing über den Parteien" als „neuer Form jüdischer Haltung" abzuzielen habe. Richtigstellung und Ergänzung verlangt diese Prägung nur an der Stelle, wo sie zjim Maßstabe verwendet wird und hinsichtliqh ihrer Wirklichkeitsnahe und ihres Wirkungsradius. Die Bedeutung der Neutra für das ,.Ncutralitäts"-Prinzip 1 i t ä t des Verbandes erschöpft sich, nach Schwarzschild, in Einer bestimmten „Form der Arbeit", sie sei „kein Erziehungsprogramm" und sage nichts über die „ideologische Haltungf' des Verbandes. In der Aussprache kam diese Auffassung: verschärft zum Durchbruch in dem Verlangen von Ludwig Löwenstein (Grevenbroich): „Sorgt dafür, daß Neutralität nur Form bleibt, aber nie Inhalt wird." Ich aber sähe in solcher Auffassung eine mangelhafte Einsicht in-die ganze Tragweite unserer Verbands-Idee, jenes starken Willens zu überparteilicher Haltung, und eine Sünde wider den tiefen, weiten, heiligen Geist, der in dem Begriff „Neutralität" waltet: vielleicht ,— und das wäre weniger schmerzlich — isl's auch nur zu schwacher Btkennermut zu jener Neutralität, die ideenhaft und durch die Fügung der Geschichte mit unserm Verbände verbunden ist. Darüber hinaus sehe ich in der versuchten Einengung der Neutralität zu rein „formaler" Bedeutung ein Verkennen gewaltiger geistig-kultureller Strötnungcn unserer Zeit und die Gefahr der Ausschaltung gestaltcnsfähige* jüdischer Kräfte in einem Augenblick, da Neues in der Welt werden will. Es ist wahr: Im Oberbewußtsein wohl der meisten Gründer des Verbandes war die „Neutralität in parteireligiöser und parteipolitischer Hinsicht", die man vor 30 Jahren in den Satzungen verankerte, kaum mehr als die notwendige „äußere Form", die sozialethische, und. erzieherische Aufgaben an der zu sammelnden jüdischen Jugend „ermöglichen" sollte. Und doch es waren mehrfach Brüder des Bne Briß-Ordens. die des Verbandes Grundlagen schufen, und ihnen lag Neutralität und „Brüderlichkeit und Eintracht" in einem magnetischen Feld, ihnen hatte darum der Begriff „Neutralität" schon beseelten Klang. Was aber wesentlicher ist, -- es waren lebendige „Formen", die man da in den Bünden jüdischer Jugend schuf; im Leben aber ist der Inhalt der Gestalten bestimmend für die Formen. Nur wo und solange Neutralität als beinhalteter Wille zur Ueberparteilichkeit in den Beziehungen jüdischer Menschen lebendig war, konnte die Ueberparteilichkeit . als äußere Form, als Haltung unc .Achtung von Mensch zu Mensch und als Grundlagen von Erzii hungs-Programmen wirksam sein. Ali" man dann unter dem Ein lussc der Zersetzung in der deutschen Judenheit begann, gegsn den Einhcits-Willen auch der jüdischen Jugend Sturm zu aufen, als man gegen das durch das Zeichen der Neutralität weithin kenntliche „Haus" der Jugend hetzte und Teile der jüdischen Jugend an sich selbst irre machte, indem man „Neu ralität" als verächtlich oder doch minderwertig darzutun sucht: , — da gestaltete unsere Jugend in ihren besten Führern irr „Haus" zum „Tempel": „Neutralität" wurde ihnen heilig, vas ursprünglich von außen ihnen .nahegelegt war. wurde als 1 östliches Geistesgut erkannt, gepflegt und verteidigt. Aus eil em ursprünglich mehr „negativen" Begriff und Besitz, der in der Hauptsache „Möglichkeit" und „Vermeidung von Reibungei." bedeutete, wurde so mit den Jahren der Inbegriff aller positiven Kräfte, die es in den Jahren der Jugend zu üben gilt, um sie dann draußen im Leben der zersplitterten Judenheit zu Taten der Sammlung und Einung zu entfalten. Ich habe es bei anderer, offizieller Gelegenheit eingehend dargelegt, Weichs „positiven" und formkräftigen Werte die „Neutralität" uns :res JJV. nach meiner Erkenntnis umschließt. Da ich andere und mich durch Wiederholungen nicht gerne langweile, so s :icn die Werte der „Neutralität" hier nur skizzenhaft hingezeichnet: Erkenntniskritisch bedeutet sie uns den in stet;r, höher führenden Bewegung begriffenen Geist, der — im ] legelschen Sinne;— mit der Verneinung zugleich auch die Bejahung setzt und von Bejahung wieder zu neuer Verneint ng und Bejahung fortschreitet; ethisch umschließt sie un: Bejahung der Freiheit und Selbst-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.