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Der Jugendbund · 1927-08-04 · 15 (4.8.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
15 (4.8.1927)
Date
1927-08-04
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Es 'darf hier noch kurz angemerkt werden, daß das gleichfalls inzwischen wieder aufgefundene ägyptische „Totenbuch", eine Art Religions-, Kultur- und Rechtssatzung, die nach ihrer Entstehungszeit bereits in das sechzehnte vorchristliche Jahrhundert zu verweisen ist, nicht weniger aber auch das altassyrische Gesetzbuch starke Gemeinsamkeiten mit unseren «alten Mischpothim aufweisen. Es kann hiernach keinem Zweifel unterliegen, daß die großen altorientalischen Völkergruppen «ich in rechtlicher, kultureller und religiöser Hinsicht in recht erheblichem Maße befruchtet haben. Der an Kultur — und Geschichte — Jüngere hat von dem Aeltcren entlehnt — hat rezipiert, wie es in der Juristensprache heißt. 'Auch der Ibri (Hebräer) — und das ist 3er Sinn dieser Darlegung — hat übernommen. Er hat daran weitergeschaften, was andere vorbereiteten. Daß diese anderen mit ihren rechtlichen und kulturellen Bedeutsamkeiten die Nachwelt nicht zu beeindrucken vermochten, daß dies vielmehr dem unbedeutenden Ibrim vorbehalten blieb, daß ihnen aber auch vorbehalten blieb — und das ist wiederum das Bedeutsame — die überkommenen Formen mit neuem Geiste zu erfüllen, das bedeutet Geschielt; tjnd Sinn der Geschichte. Es darf für heute noch mit einem Worte des Bcsonderenaltjüdischer Rechtssatzung' gedacht werden. Das jüdische Recht ist durchdrungen von religiösem Geiste. Es stellt alles ab auf Jahwe und_-die Liebe und Ehrfurcht zu ihm, Es wird dadurch mc'ir zur religiösen Lebenssatzung, als es Rocht bleibt. Das, was sich, insbesondere im 2. bis 5. Buche Musis, an rechtlicher Regelung vorfindet, ist. selbst an der großen altorientalischen Linie gemessen, unsystematisch und bruchstückartig. Es ist aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht dürftig und primitiv. Es gibt nicht viele Rechtsformen des wirtschaftlichen Verkehri. Kaum daß Leihe, Verwahrung, Saalmiete und Dienstvertrag angedeutet sind. Die alten Hebräer waren eben — etwa im Gegensatz zu ihren babylonischen, phönizischen oder ägyptischen Nachbarn — mehr patriarchalisch geschichtete Hirten und Ackerbauer als tüchtige, weltgewandte Kaufleute, Künstler und Handwerker. Noch König Salomo mußte sich zum Tempelbau phönizische Bauhandwerker verschreiben, da du eigene Land nicht genügend und genügend gebildete aufbrachte. Man bedenke demgegenüber, daß der mehr als tausend Jahre ältere Kodex Hammurabi etwas eingehende Bestimmungen enthält über die Rechnungsgrundsätze der Baumeister (s. dort«. §§ 22Sif), daß er genau unterscheidet zwischen Menschen- und Tierärzten, daß er jenen ein Honorar, diesen aber nur ein Entgelt (Lohn!) zubilligt und die Haftung für Operationsfehler bis ins einzelne regelt (dorts. §§ 215H). Das, was die jüdische Rechtssalzung bedeutsam macht, was sie über Raum und Zeit erhebt, ist der ethische, der sittliche Grundzug. Der alte Jude wlird hierdurch zum Wegbereiter der großen Kultur. Indem er willig aufgreift, was er bei anderen. Mächtigeren, Brauchbares (für ihn und seine Lebenslage Brauchbares!) vorfindet, spannt er weiter. Er schafft sich mit der Zeit seinen eigenen Weyens- und Grundzug und schafft ihn — der Welt. Was dieser Zug im einzelnen ist und was er im ein» zclnen nicht ist, das wollen wir, wenn es dir, Leser, beliebt, ein andermal sehen. Jedenfalls besteht er, das sagte ich heute schon, nicht in rechtlichen Feinheiten. Unser Weg ..Euch ist ein andrer Weg befohlen . . ." Wir drucken nachstehend aus dem Leitartikel zum 1. Heft, 22.' Jahrgang, der Zeitschrift des Bundes Deutscher Wanderer, „Der Wanderer", einen Passus ab, mit dem wir voll und ganz übereinstimmen. Die Schriftleitung. In allem, was nnsere Zeit bewegt und erschüttert, hören wir nicht auf die schrillen Mißkiär.ge des täglichen Obcrflächenkarnpfes, sondern auf die geheimen Untertöne und feinen Schwingungen, erkennen überall das Berechtigte jeder Anschauung an, soweit sie dem Wesen ihrer Träger entspricht und schaffen so stillschweigend an dem Werk, das allein dem erhofften und werdenden Reich der Zukunft frommt: an der Entgiftung des kulturnotwendigen Kampfes der Meinungen und Geister, miteinander (nicht gegeneinander!), an der Beseelung dieses Ringens, daß in ihm nicht der Haß, die rohe Kraft, das Herunterreißen der Gegenseite gang und gäbe bleibt, sondern all und jedes durch die ihm innewohnende Kraft, die reine, selbstlose Hingabe an die Idee, jener alles überwindende geistige und seelische Eros seine Macht erweisen wird. — . Wir legen keinen Wert auf „Leser", die (wie I es wohl manchmal vorkommt) ihr Erstaunen darüber äußerri, wie es möglich war, daß ich diesen oder jenen Beitrag im Wanderer veröffentlichte, und die sich einfach nicht wohlfüh'en, wenn sie ohne die gewohnte Bevormundung durch ihre Presse zurechtkommen müssen. So wenig ich selbst irgendeiner Partei verschworen bin oder ihr auch nur „nahe" siehe, möchte ich .dem Wanderer eine Tendenz aufzwingen und damit Entscheidungen vorwegnehmen, die Sache und Pflicht jedes einzelnen sind. Diese entsetzliche Verwüstung im geistigen Leben Deutschlands, die durch die parteipolitische Presse aller Färbungen angerichtet wurde und die sich tief in beinahe alle kulturellen Angelegenheiten erstreckt, daß kaum noch ein Mensch unter Tausenden (oiine Ausnahme irgendeines Bildungsgrades) selbständig denken und fühlen kann, ist das Grundübel unserer Zeit. Und es ist die Aufgabe aller, denen dies zum Bewußtsein kam, dazu zu helfen, daß eigenwüchsige, wurzelstarke, instinktsichert Menschen wieder Bewegungs¬ und Geltungsraum gewinnenj Leicht ist die Aufgabe nicht, die unserem Wanderer obliegt, hat sich von Jahr zu Jahr erschwert durch das Heranreifen der Menschen, die mit ihm einst jung waren. Aber es War hier ein Heranreifen, nicht wie bei den meisten Bünden der eigentlichen Jugendbewegung ein H e r a u s reifen. Die Tijennung in Jugend- und Aelteren- Bewegung hat für uns keine Bedeutung. Wir dienen dem Leben, das immer Bewegung, Hießen ist und nirgends sichtbare Grenzen aufweist, seine größte Kraft und vorwärtsreißende Macht aber wohl gerade in den Uebergangsstadien (öder genauer gesagt „Grenztypen") hat, die nicht an ein bestimmtes Alter gebunden sind. „Fertige" Menschen werden meist schon geboren und „werdende" Menschen bleiben dies, bis sie in die geheimnisvollste Lebenswandlung gehen, den Tod. Wir möchten (oder müsfcen!) immer Werdende sein und bleiben, damit das Wesen des Deutschen erfüllend, das nie etwas Fertiges, Geformtes, Abgeschlossenes ist, sondern, sich immer wieder selbst verneinend und; auflösend, schafft an seiner immer höheren, repneren Gestaltung, in tausend Schmerzen und Nöten das höchste Glück findend, das Menschen beschieden sein kann.... Ich und Du Der Mensch bedeutet als Einzelwesen nichts. Erst durch eine Vielheit von Menschen, durch eine Gemeinschaft, durch das Zusammenleben mit andern vermag der einzelne zu zeigen, welche Werte in ihm stecken. Egoisten schließen sich von der menschlichen Gesellschaft ab, Einsiedlernaturen, die glauben, durch das Verkriechen in einen stillen Winkel, wo sie selbstzufrieden leben, sei ihrer Pflicht als Mensch Genüge getan. Es ist das Bequemste, aber im Grunde nursFauIheit, Faulheit zur Liebe, Faulheit zur Tat. 'Liebe Deinen^Nächsten wie Dich selbst", so heißt das oberste Religions- und Sittengesetz der Juden. Viele Menschen leiden an einer Ueberschätzung ihrer eigenen werten Persönlichkeit (wenn sie vielleicht auch gar keine Persönlichkeit ist), ihres eigenen lieben Ichs und stellen das Du auf eine gar niedere Stt fe, s-'Uen spöttisch nnd ironisch lächelnd darauf herab. Sie glauben s;cn selbst so fertig und vollendet, und doch ist das keiner. Ein jeder muß noch sich selbst erziehen, aus sich heraus das Gute wollen, für den andern leben, und vor allem,! sich selbst beschränken können, damit auch der andere sich frei ausleben kann. Sehr schön sagt Feuerbach in seiner Ethik: Erst durch die Beziehung zum Du entfaltet das Ich die ganze Fülle seines Wesens-. In dem Füreinandersein, in der scheinbaren Selbstentäußerung kommt das Ich erst za seinem tiefsten Selbst. Von Mlrlnt Falle IWImii

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