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Der Jugendbund · 1927-08-04 · 15 (4.8.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
15 (4.8.1927)
Date
1927-08-04
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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(Weideplätze) zu suchen (s. Gen. 11, 31). Der Gesetzeskodex des Hammurabi ist wohl das bedeutendste altorientalische Kulturdokument außer der Bibel. Er stellt im Hinblick auf seine Zeit eine erstaunlich vollendete Rechtsarbeit dar. Etwa 300 Paragraphen sind in einem ungefähr 2'A Meter hohen Steinblock nebst Vor- und Schlußwort eingemeißelt. Sie waren nach dem Ausspruch Hammurabis' dazu bestimmt, für alle kommenden Geschlechter Richtschnur der Gerechtigkeit zu sein. „Die großen Götter", so sagt der Herrscher im Schlußwort, „haben mich berufen, ich bin der heilbringende Hirte, dessen Stab gerade ist, guter Schatten ist über m,cine Stadt gebreitet. An meiner Brust hege ich die Einwohner des Landes Sumer und Akkad (Babylonien), in meinem Schutz habe ich sie ihre Tätigkeit in Frieden ausüben lassen, in meiner Weisheit sie geborgen. Daß der Starke dem Schwachen nicht schade, um Waisen und Witwen zu sichern,.....um das Recht des Landes zu sprechen, die Streitfragen zu entscheiden, die Scheuen zu heilen, habe ich meine kostbaren Worte auf meinen Denkstein geschrieben." (Vgl. Wincklers Uebersctzung, Leipzig, Hinrich, 1906.) Es ist merkwürdig, daß auch Hammurabi seine Gesetze unmittelbar vom Sonnengott empfangen hat. um sie seinem Volke zu verkünden. „Meine Weisheit hat nicht ihresgleichen. Auf Befehl des Shamash, des grollen Richters von Himmel und Erde, soll die Gerechtigkeit im Lande aufgehen." Ist es nicht auch sonderbar, daß der Sonnengott dem Kön ' die Gesetze, in Steintafeln eingemeißelt, übergibt? Wenn der Kodex des Hammurabi Einblick gewährt in eine geschlossene Rechtsaufzeichnung, so ist der Fund von *rV!-el- Amarna (1887) bedeutungsvoll für die Deutung und i ' j der gesellschaftlichen und Stammesverhältnisse in Pal tina etwa um die Zeit des 15. bis 11 Jahrhunderts v. Chr. i a. ist etwa der Zeitpunkt unserer Geschichte, da die „Hebräer" nach Moses' Tede ihre ersten Versuche zur Eroberung Kanaan« machen. Die Tontafeln von Tel-el-Amarna, über 50J an der Lachen. Nun aber im Teufel den Gott zu zeigen, durch eine Sandwüste von Sünde bis zur kleinen (,'jelle der Liebe vo-- zudringen, die so weit entfernt, so verborgen rieselt! das f'bl wohl dem darstellenden Künstler Arbeit genug. Denn Sha' espeare tut nicht wie gewöhnliche Menschen und gewöhnliche Dichter, die, es ihrem Herzen oder ihrer Kunst bequem zu machen, lebende vermischte Dinge, gleich Scheidekü-^stlern in ihre toten Elemente auflösen, reine Charaktere darstellen ( < c lieben, jene hassen, diese anziehen, jene abstoßen — ro tut Shakespeare nicht. Er nimmt nicht Partei, er gibt keinem recht, als der Sittlichkeit, die lauter im Leben nie erscheint; sondern läßt die Erscheinungen miteinander hadern und rrti cht sich nicht in ihren Streit. Der Dichter hat alles mögliche getan, den Christenhaß der Juden zu rechtfertigen, und mit ••'eicher Anstrengung bemühte er sich, den Judenhaß der Christen zu entschuldigen. Wie sollte Shylock den Antonio nicht ha; cn, um so mehr hassen, je besser und edler der Mann ist! Ante nio ist gut, edel und hilfreich, nur nicht für den Juden. Er beschimpft ihn vor den Augen aller Welt, er mißhandelt ihn, wo und so oft er ihm begegnet. Ja, in dem nämlichen Augenblicke, da er seine Gefälligkeit, sein Geld braucht, vermag er es nicht über sich, seinen Haß, seine Verachtung zu verbergen, und der gute, edle Antonio,, der seinem Freunde Bassanio alles aufopfert, ist doch nicht edel genug, dem Freunde zuliebe, einem Juden gütige Worte zu geben. Dann entführt, ein Windbeutel von Christ Shylocks Tochter; diese beraubt und verläßt ihren alten Vater, und nur erst mit dem Vorsatze, eine Christin zu werden, beginnt sie ihre Bekehrung damit, den Vater zu verachten, weil er ein Jude ist. Das könnte wohl das Blut einer Taube in Drachenblut verwandeln. Der Christ haßt den Juden, der Jude vergilt es dem Christen, und indem er es tut, rächt Shylock die verspottete Tugend auch an sich selbst. Er gibt Geld hin, sein Volk zu rächen, und erfährt, daß Gold nicht Herr der Welt ist, wie der Jude glaubt, sondern daß Liebe mächtiger ist als Gold, selbst im Juden. So oft ich Shakespeare lese, habe ich einen wahren Kummer, daß er nicht in unseren Tagen lebt, sie uns klar zu machen. Es ist, als geschähen die Geschichten nicht auf die gehörige Art, wenn kein Meister da ist, der sie auf die gehörige Art erzählt. Ein Charakter, ein Verhältnis, die dieser große Dichter nicht geschildert, weil sie ihm unbekannt waren, ist wie ein Buch ohne Titel, dessen Inhalt wir erst zusammenlesen müssea Ei geschiebt oft, daß groß« Zeiten kein« großen Geschichtszahl, stellen Briefe dar, die im Staatsarchiv des ägyptischen Pharao gesammelt wurden. Seiner Zeit stand Palästina' bereits unter der Oberherrschaft Aegyptens. Trotzdem aber bedienen sich die kleinen palästinensischen Vasalhjnfürstcn nicht der ägyptischen Hieroglyphen-Zeicheni sondern der babylonischen Keilschrift. Es ist dies schon ein Zeichen für den großen Einfluß der babylonischen Kultur auf. Palästinas Bewohner. Die Tafeln bestehen zum Teil aus Briefen des babylonischen Königs an den jeweiligen großen ägyptischen „Bruder" (Pharao); (sie enthalten größtenteils Betteleien um Gold — gegen Partum! und machen Vorschläge über den Austausch von Prinzessinnen). Sie bestehen zum anderen Teil aus Biltbricten der kleinen palästinensischen Vasallenfürsten an den Pharao. Hier schwärzen sich diese kleinen Räuberhäuptlinge einander an. Einer lasse den anderen nicht—in Ruhe und suche, ihn zu unterjochen. Insbesondere — und das ist gerade von größtem Interesse — mache ein von Süden vordringender Nomadchstamm, die Chabiri, durch den Versuch, das Land zu erobern, viel zu schaffen!' Es besteht heute kaum mehr ein Zweifel darüber, daß diese Chabiri niemand anderes sind als unsere Ibrim oder Hebräer, die nach ihrem Wegzug aus der nordägyptischen 'Provinz Gosen und dem langen südpalästinensischen Wüstenmarsch sich anschickten, dröhnend wider die Pforten Kanaans zu pochen und gebieterisch Einlaß zu begehren. Die damaligen Kanaanäcr waren ihrerseits vorwiegend hettitischen und sumerischen Schlages (in der Bibel: Chitti). Wir finden aus ihren Tonbriefen und den sonstigen Kulturfunden eine Reihe von Zügen des Rechts und der kulturellen Gesamtgebarung, "die mit einer Menge von Normen altjüdischer GemeinSchaftsregclung ganz ohne Zweiiel in Zusammenhang stehen. Zu beachten bleibt auch hier wieder, daß die hettitischen und sumerischen Satzungen eine verhältnismäßig bereits hohe Kulturstufe kundtun —L zu einer Zeit also, da die Hebräer sich erst anschickten, Kanaan zu erobern und allmählich seßhaft zu werden. Schreiber, Dichter oder Künstler finden, die fähig wären, sie würdig zu beschreiben, zu schildern oder bildlich darzustellen. Wie vornehmen Geschichten sind zu stolz, zu unruhig oder zu beschäftigt, gewöhnlichen Künstlern ruhii$_zu sitzen. Diese könnten ihre Züge nur im Fluge erhaschen, oder müssen warten, bis die Zeit gestorben, um dann von ihrer Leiche einen Abguß zu nehmen, dem das Leben fehlt wie dem tJrbildc. Einem Maler wie Shakespeare halten die Zeiten stille, wohl wis;end, dail die Natur nur der Kunst ihre Unsterblichkeit verdankt. Wie hätte Shakespeare unsere Shylocks, die grolien Shylocks, mit christlichen Ordensbändern auf jüdischem R.>cki lor. ge- , schildert! Wie hätte er die papierverkehrenden Shylo :!(s ohne! Rockelor gezeichnet, die das Fleisch und Blut ganzer Völker in Scheinen besitzen, und die nicht mit Lumpen Papier, sondern ' mit Papier Lumpen machen! Wie hätte er die Ruchlosen dahin gemalt, welchen Gott ein Finanzministcr ist, der spricht: es werde! und es wird eine papierene Welt; Adam der er>(te Can^ kicr; das Paradies ein seliger Paristand der Staatspapierc; der Sünden.all der erste Fall der Kurse; welchen die Blätter der Geschichte Mctalliques, Bankaktien, Partialc sind: welchen der jüngste Tag ein Ultimo ist; Gott Mars, der dem Ruhme, der Ehre, dem Glücke der Völker, dem Glauben, dem Rechte und andern solchen schnöden Dingen die Ruhe der Kurse aufgeopfert, ein vermaledeiter Baissier; Sultan Mahmud, der Beschützer .der christlichen Papiere, ein gewaltig grolicr Mann, ein zweiter Josua; der österreichische Beobachter das sechste Buch Mosis! Oh, wie hätte Shakespeare, dieser große Wechselmakler zwischen Natur und Kunst, der das Geld der einen gegen das Papier der andern eintauscht, die Geheimnisse der Börsenherzen aufgedeckt! Wie hätte er unsere Börsenleute dahin gestellt, welche die Griechen ein Lumpenvolk schelten! — Hört ihr Catos Asche lachen? — Was hat der venelianische Shylock getan? Dreitausend gute Dukaten für ein armes Piund Christenfleisch hingegeben; das Gelüste war wenigstens teuer bezahlt. Aber unsere Shylocks, Alten und Neuen Testaments, ersäufen für ein Achtelchen ganz Hellas, als wär's ein blindes Kätzchen. Der Shylock von Venedig war ein Lamm, ein Kind; eine gute Seele; und doch hat der Schauspieler oben, in Frankfurt gesagt, ein Ungeheuer wie Shylock gebe es nicht in der Natur, und Shakespeare sei ein Verleumder! Oh, guter Schauspieler! Di« Geschichte lügt, wenn sie Menschen Christen nennt, weil ihre 'Ahnen Wurst gegessen; aber Shakespeare lügt nicht.

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