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Der Jugendbund · 1927-08-04 · 15 (4.8.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
15 (4.8.1927)
Date
1927-08-04
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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r Ueber altj Von iltjüd Dr. R. Sa Gruselt's dir. lieber Leser? Nur gemach! Es ist nichts Weitabgewandtes, was ich dir sagen will. Im übrigen betonen wir Jungen doch so gerne in programmatischen Aufzählungen; (an denen unsere Zeitschrift sicherlich nicht arm ist), daß uns die Beschäftigung mit dem Jüdisch-Positiven oder Positiv-! Jüdischen nottut. Was aber ist positiver als die Erkenntnis unserer. Quellen? Ich meine lückenlose, rückhaltlose und. wenn es sein muß, rücksichtslose Erkenntnis. Erkenntnis soll von Liebe getragen sein — amor intellectualis; sie darf jedoch (oder gerade deswegen) keine Schranken kennen. Daß ich das Judentum, das Jüdische, liebe, geht nur mich an. Daß ich) mich bei meinen Untersuchungen von liebevoller, offener; Rückhaltlosigkeit leiten ließ, das darf ich dir sagen- Die Darlegung des gesetzten Rechtes einer Gemeinschaft! ist nichts anderes als die Erkenntnis eines zwangsläufig geregelten Gemeinschaftslebens. Wie diese Gemeinschaft zu-j sammenhält, wie sie sich entwickelt, bindet, vorwärts kommt: ■ oder doch vorwärts zu kommen, versucht, wie sie nach autori» tativ gesetzten Regeln gebunden sich wechselseitig wirtschaftlich und geistig beeinflußt, das klarzulegen, ist kritische Rechtsgschichte. Es ist nicht leicht, sich bei verhältnismäßig urwüchsigen Völkern nach dem Recht und „dem Rechten" umzusehen. Wir sind unsere Gesetzbücher gewohnt; wir. stehen auf den Schultern einer Unzahl von rechtselzenden, vorwärtsstrebenden Geschlechtern und sind anfangs bitter enttäuscht, wenn wir erst mühsam diese Unzahl von Quellwässerlein in ein Bett leiten müssen, um eine einigermaßen klare Sicht zu bekommen. \X enn du dir in unseren Heiligen Schriften ein einheitlich geschichtetes Rechtsbuch suchen solltest, so wirst du mit» deinem Latein bald am Ende sein. Gewiß gibt es dort etwas, isches Recht | 1 o m o n , Trier. was der Jude Mischpothim Satzungen, Gesetze nennt. Sie sind jedoch außerordentlich perstreut. Außerdem genügen sie nicht zur Erkenntnis. Zunäahst widersprechen sie sich nicht selten — ein Zeichen für eine zeitlich zum Teil weit auseinanderfallende Entwicklung. Sodann gibt die lebensvolle Geschichte selbst, die in ihrer prachtvoll-urwüchsigen Erzählungsweise nichts weiß von unterrichtendem Rechtsbetrieb, zwischen den Zeilen so viel an Hinweisen und Anhaltspunkten, daß du schon ein Kenner der Heiligen Schrift sein mußt, wenn du dir vornimmst, ein Kenntjr ihres Rechts zu werden. Doch auch das genügt noch nicht. Man" weiß heute, daß das Völkchen, das sich aus unseren Stammvätern zusammensetzte, ursprünglich ein Zwerggebilde war, in dessen Bestimmung es lag, zwischen verhältnismäßig großen Kulturen hin- und hergeworfen zu werden. Daß es sich da, wenn es selbst geistige Werte vermitteln wollt«, erst anschicken mußte, Werte zu empfangen, bedarf für, den Einsichtigen kaum der Betonung. Es sind hier insbesondere die Kulturen des babylonischen, ägyptischen, sumerischen, hettitischen und assyrischen Weltbildes, denen wir eine , eingehende Beachtung schenken müssen. Für diese vcrgleichcjnde JRechls* und Kulturwissenschaft waren gerade die letzten fünfzig Jahre entscheidend. Entscheidend durch Ausgrabungen, die, von Gelehrten der orientalischen Wissenschaften geleitet, die überraschendsten Ergebnisse zutage förderten. ' - Da ist zunächst der Fur|d des Hammurabischeri* Gesetzbuches, der im Jahre 1902 fae-i Ausgrabungen in Susa gelang. Hammurabi war um das Jahr] 2000 v. Chr. König von Babylon und damit für jene Zeit auch Herrscher Palästinas. Es ist etwa die Zeit, da Abraham mit seinen Herden aus Babylonien (Ur- Kasdim) nach Kanaan zog, um dort eine neue Wohnstätte Der Jude Shylock im „Kaufmann von Venedig'* Von Ludwig Börne. Als nach geendigtem Schauspiele die Frauenzimmer nach Hause kamen, erzählten sie, der Gastspieler, der den Shylock dargestellt, sei hervorgerufe'n worden, habe sich, wie üblich, zierlich bedankt und habe unter anderm gesagt: ein solches Ungeheuer, wie Shylock, finde man zum Glücke in der Wirklichkeit nie. Da war ich recht froh, daß ein schlimmer Husten mich abgehalten, der Vorstellung beizuwohnen. Doch vielleicht hatte der menschenfreundliche Mann nur aus Gutmütigkeit so gesprochen. Es leben in dieser Stadt viele und reiche Juden, die von ihren christlichen Mitbürgern gehaßt und geneckt werden. Weil nun der fremde Schauspieler der christlichen Einwohnerschaft die Schadenfreude gewährt, zu seinem Benefize den Kaufmann von Venedig zu wählen, wollte er den Juden, diedas Haus bevölkern helfen, wohl auch etwas Artiges sagen. Aber ernst dürfte es ihm mit seiner wunderlichen Rede nicht gewesen, sein, sonst hätte -er gezeigt, daß er seine Rolle gar nicht verstanden. Ob es in der Natur jüdische Menschenfresser und Vampyre gibt oder nicht, darauf kommt es hier nicht an; aber daran ist sehr viel gelegen, daß man nicht glaube, der große Dichter habe uns einen kleinen Judenspieler für einen Batzen zeigen wollen. Wenn der Himmel uns unwissenden Menschen 'einen Propheten wie Shakespeare schickt, so geschieht es wahrlich nicht, bloß daß er uns lesen lehre, sondern zu größerer Botschaft. Ueberhaupt ist Shakespeares Sendung das Predigen und Lehren nicht.' Wollte er aber je einmal ein Schulmeister sein, so dachte er im Kaufmann von Venedig eher daran, den Christen als den Juden eine Lehre zu geben. Shylocks Judentümlichkeit in Ehren gehalten, diese schöne Moral,- die alle ungemünzten Leidenschaften verachtet — ist doch, sich selbst zum Trotze, etwas Großes, etwas Erhabenes in ihm, das auf seine eigene Niedrigkeit mit Stolz herabsehen darf. Shylock ist ein gestiegener Jude, ein Racheengel; er hat sich zu einer Höhe hinauf empfunden, wo er fähig wird, etwas zu tun, das nicht seinem Beutel wuchert, etwas zu tun für alle. Er will sein geschmähtes, niedergetretenes Volk an dessen Peiniger, dem Christenvolke, rächen. Den Geldteufel im Shylock verabscheuen wir, den geplagten Mann bedauern wir, aber den Rächer unmenschlicher Verfolgung lieben uad bewundern wir. Glaube man ja nicht, es sei eine Kleinigkeit, einem guten, christlichen Manne ein Pfund Fleisch aus der Brust zu schnei« den! Das ist wohl eine Kleinigkeit für einen bösen Christen, aber nicht für einen Juden. Der Jude kann grausam sein von Geist, aber von Herzen ist er es nie; er hat ein weiches, mürbe geschlagenes Herz, er ist mitleidig, er kann kein Blut sehen. Wer weiß, ob es Shylock ausgeführt, wer weiß, ob ihm das Messer, das er so schadenfroh an seiner Sohle gewetzt, nach dem ersten Tropfen Blutes nicht aus den Händen gefallen wäre; Antonio hätte wagen dürfen,! es darauf ankommen zu lassen» Und welche Opfer bringt Shylock seiner Rache? Dreitausend, sechstausend, neuntausend Dukaten! Und die Dukaten der Juden, das sind keine gewöhnlichen Dukaten, die sind viel mehr wert als die andern; ihre Liebe zu ihnen vergrößert sie in ihren Augen. Und nicht bloß diese Summe wagt er, er wagt mehr, die Zinsen dieser Summe; denn mehr ist dem Juden der Gewinn als der Besitz. Konnte Antonio nicht bezahlen zur Verfallzeit? Aber Shylock vertraut den Rachegöttern, vertraut den Meeresstürmen und den gefährlichen Winden böser Gerüchte, und sie täuschen ihn nicht. Auch lasse man sich von Shylock ja nicht irre machen, wenn er sagt, er hasse Antonio, weil dieser, wie ein Narr.'Geld ohne Zinsen verleihe, und dadurch die Zinsen in Venedig herunterbringe, und durch seine Entfernung werde er im Handel gewinnen. Nein, darum haßt Shylock den Antonio nicht. Die christliche Kaufmannschaft in Venedig wird auch nicht aus lauter edlen Antonios bestanden haben, und ein Mann allein, sei er noch so reich, kann den Wert des Geldes nicht verringern. Shylock ist ein Jude, er schämt sich vor sich selbst, bares Geld einer Einbildung aufzuopfern, und er sucht sich darum etwas weiszumachen. Schwärmt auch der Jude einmal, weiß er doch, daß er krank ist. Aber krank ist Shylock wirklich; nicht den Handelsfeind, dea Giaubensfeind verfolgt er in Antonio, und gibt im Fieberwahnsinne vollwichtige Dukaten für eine luftige Empfindung hin. Der Schauspieler, der die Rolle des Shylocks übernimmt, mag zusehen, wie er damit fertig wird. Der blutdürstige Haß des Juden soll uns entsetzen, wie jede Glaubenswut, wie jeder Wahnsinn; aber Ekel und Abscheu darf er nicht erwecken, gleich einer körperlichen Krankheit. Shylocks vermaledeite Geldsucht und die Krämpfe, in die gestörter Eigennutz seine Seele wirft, sollen unser - Inneres empören, aber lächerlich sollen wir das nicht finden — wenn uns der leibhaftige Teufel erscheint, ist wahrlich nicht Zeit zum

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