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Der Jugendbund · 1927-08-04 · 15 (4.8.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
15 (4.8.1927)
Date
1927-08-04
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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de« Saarbrückener Vereins zu streifen) auf der Tagung in Neunkirchen manchen Teilnehmer von den gemeinschaftsbildenden Möglichkeiten ,des Sprech-Chores überzeugt zu haben (Gruß an Herbert Felsenthal!). Jedenfalls ist die Tatsache, daß sich inzwischen Mitglieder auswärtiger Bünde zu unserem Sprech-Chor angemeldet haben, für uns wertvoller als manche papierene Resolution in bezug auf Zusammenarbeit. Trotzdem eine grundsätzliche Erwägung: Obwohl für uns das chorische Sprechen vorläufig noch mehr eine Sache der Intuition als des technischen Konnens ist, muß eindringlich auf die Gefahren einer allzu dilettantischen Ausübung hingewiesen werden. Für ganz kleine Bünde eignet sich der Sprech-Chor nicht, und der ausbleibende künstlerische Erfolg könnte leicht deprimierend und auch auf die übrige Arbeit lähmend wirken. Für uns in Saarbrücken bildet das chorische Sprechen einen wesentlichen Teil unserer sommerlichen Beschäftigung. Als ein an wertvollen öffentlichen Vorträgen reicher Winter für uns zu Ende ging, stand uns der übliche Sommerschlaf bevor, da es sich leider als unmöglich erwiesen hatte, in der wärmeren Jahreszeit Publikem für unsere Vorträge zu bekommen. Wir haben dieses Jahr aus der Not eine Tugend gemacht, verzichteten auf „Publikum" und widmeten uns ganz und gar unserer Jugendgruppe (etwa 33—35 Menschen). Fast alle sind im Sprech-Chor, zu dem uns übrigens ein Besuch beim *JDüssclJorfer Bund anregte. Die Vorträge, zwischen denen wir nun größere Abstände lassen, halten nun unsere jungen Menschen selbst, und zwar freiwillig. Eine Vortragsreihe, die sich über 4^—5 Abende erstreckte, hatte Gedanken, die Dr. Klein bei seinem letzten Besuch ausgesprochen hatte, zum- Gegenstand. Die anschließenden Aussprachen waren fast durchweg lebhaft, vernünftig und anregend. — Mehrere gemeinsame Wanderungen brachten uns menschlich einander näher, mahnten uns — offen gestanden — auch hin und wieder an die Notwendigkeit, systematisch auf diszipliniertes Wandern hinzuarbeiten. Im ganzen, ohne uns selbst loben zu wollen, dürfen wir recht zufrieden sein und der Reichsverband auch. Januskopf eines gespaltenen Zeitalters Max Gell Die Ueberschrift ist Ausdruck zweifacher Spaltung: sie verbindet das Symbol der wechselnden Stimmung mit der Bezeichnung unserer Zeit zum konzentrierten Bild eines Systems, das zu besprechen Zweck dieser Zeilen sein soll. Die gesellschaftliche Ordnung mit ihrem Umfassungszaun „Moral" ist am Ende ihrer Kräfte, die sie zur Erhaltung der Moral-Konvention eingesetzt hat. Heute — neun Jahre nach Beendigung des Weltkrieges — läßt sich mit Klarheit übersehen, wie einschneidend die Ergebnisse für das gesellschaftliche Leben geworden sind. Eruptiv umwälzende politische Geschehnisse haben das wirtschaftliche Leben umgestaltet. Die herrschenden Kräfte einer rein bürgerlichen Lebensauffassung sind nach zwei Seiten auseinandergesprengt: nach der Seite der Geistig-Interessierten, die das Farcentum einer Scheinbildung beseitigte, und nach der Seite der Geistig- Uninteressierten, die es eilig hatten, die für die Jugend gewonnene Selbständigkeit ins rein Körperlich-Genießende hin umzudeuten. Es liegt auf der Hand, daß in einer Zeit, die in allen Symptomen auf reines Uebergangsstadium hindeutet, die bequemere und vor allem an Genuß ergiebigere Lebensauffassung die überwiegende Mehrzahl der Jugend für sich gewann. Die Freiheitlichkeit dieser ungeistigen Klasse vermengt sich mit dem Zeitideal, dessen Koeffizienten Mechanik, Technik und Rekordsystem heißen. Aus dieser Einstellung weitester Kreise der heutigen Jugend ergibt sich eine Umwertung der verschiedensten Begriffe. So erhalten wir: statt Leistung — Rekord, statt Kultur — Mechanik, statt Tiefe — Fläche. Statt ein Erlebnis (welcher Art es auch sei) nach der Tiefe hin zu erfühlen, tritt systematisch der Fall ein, daß dies nur der Fläche nach geschieht. Das geistige Interesse wird zu einem Werkzeug notwendiger Bildungsbelange. Ein Buch, ein Drama, eine Oper, ein Konzert muß aus Prestige-Gründen gekannt werden. Darum und aus keinem anderen Grund hält man es für nötig, Bücher zu lesen, Theater und Konzert zu besuchen. Ein Erlebnis muß geschehen, damit sich die Kette der Erlebnisse um ein weiteres Glied vermehrt So geht es mit dem Erlebnis zwischen den Geschlechtern. Eine Abart von Rekordsucht verhindert jede geistige Annäherung. In der Hetze nach dem sumarischen Erlebnis kann kein seelischer Konnex entstehen, denn die verwandte Zeit ist viel zu kurz dazu. Der Drang nach Abwechslung verbietet auch hier ein längeres Verweilen. Was hier bitter beklagt wird, gilt für die zahlenmäßig überlegene Schicht der Ungeistig-Genießenden, Der intellektuelle Mensch steht also in der Hauptsache einer Umgebung gegenüber, die in einer asymetrischen Linie von ihm wegstrebt. Für ihn gilt das Gegenteil dessen, was die anderen als oberstes h o r n , Stuttgart. Prinzip anerkennen. Für ihn bedeutet die gewonnene Freiheit des Denkens, Handelns und der Erziehung eine Summe von Möglichkeiten, die Generation kulturell weiter zu führen. Er steht einem Feld gegenüber, das er, aus der Synthese seiner geistigen Einstellung heraus, bekämpfen muß. Wie stellt sich dieser Intellektuelle nun seiner Umgebung gegenüber ein? Lebt er bewußt mit der Zeit und ihren Menschen, so gilt sein Kampf der Zerstörung des Oberilächenprinzips seiner Mitmenschen. Er kämpft in den Reihen derer, die er bekämpft, mit dem Mittel des Kompromisses, innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung gegen diese Einrichtung. Nur durch eine Menge mikroskopischer Kleinarbeit kann der Einfluß der geistig interessierten Schicht unter der heutigen Jugend geltend gemacht werden. Jeder einzeln« muß schrittweise wieder einzelne der anderen Richtung schrittweise für sich gewinnen durch Arbeit an gemeinsamen Interessen-Gebieten. Unsere zur Oberflächlichkeit strebende Zeit erfordert ein« für die Allgemeinheit positive Arbeit, die durch alle Teile der geistigen Schicht unserer Jugend gefördert werden muß. Dies kann nur in enger Zusammenarbeit geschehen, und darum muß jede Richtung grundsätzlich verurteilt werden, die in einer Art Absonderung sich dem allgemeinen Leben unserer Zeit entzieht. Gemeint sind alle die Gruppen, die fern dem heutigen praktischen Leben resigniert ein Sonderieben führen. Alles, was Zeitgeist und Zeitwille Negatives hervorbringen, wird abgewehrt, ohne daß man sich damit beschäftigt. In einer Abkehrung vom gesellschaftlichen Leben finden sich einzeln* Gruppen und Zirkel zusammen, die im eignen Kreis eine im Wert hochstehende Geistigkeit pflegen mögen, die aber mit ihren Kenntnissen und ihrer Ueberzeugung unter sich Inzucht treiben, anstatt mit der Zeit in Kontakt zu treten und die Diskussion gegen die Mechanisierung des Geistes zu fördern. Das Ergebnis ist eine geistige Reinkultur im eignen engen Kreis, aber ein völliges Ausscheiden als Glied der Kampfgemeinschaft für die gleichen Ziele aller geistig interessierten jungen Menschen. Diese betrübende Erkenntnis ist Sammelpunkt praktischer Erfahrung. Uns kann nur wuchtige aktive Mitarbeit dazu helfen, die Mechanisierung des Geistes aufzuhalten. Die endlose Resigniertheit jener Einzelgruppen, deren es leider allzu viele gibt, erzeugt Weltfremdheit; mit der wir uns nicht verständlich machen können. Das Resultat: Untauglichkeit zur Ueberwindung epochaler Hindernisse. Darum nochmals: stärkste Aktivität der geistig interessierten Jugend. Dieser Erkenntnis sollten sich auch die Besten unter denen nicht verschließen, 'die, zu unserem Kampf besonders qualifiziert, beute noch abseits der großen Allgemeinheit stehen, ohne deren Bestand die Abwicklung politischer und wirtschaftlicher Bewegungen nun einmal nicht denkbar ist. Denkt an die Fördererliste des Verbandes!

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