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Der Jugendbund · 1927-08-04 · 15 (4.8.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
15 (4.8.1927)
Date
1927-08-04
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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nicht in genügender Zahl ermöglichen. Die Sisggemeinschaftswoche unterbleibt also. Ab«r ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß sicn eine solche eiji andermal verwirklichen läßt. Jedenfalls werde ich aber, wenn es sich irgendwie ermöglichen läßt; an der für den 21. August geplanten Treffahrt der nordbayerischen JJV.-Gruppen teilnehmen und dort theoretisch und praktisch für die Singbewegung zu werben suchen. 3. Die „offene Singstunde" des GDA. in Kassel. Was die Singbewegung ist und will, wird vielleicht am deutlichsten aus nachfolgendem Berichte klar, der mir von einer Verbandsfreundin zuging und dessen Veröffentlichung mir, auf meinen Wunsch, gestattet wurde: .....Es wird Sie. gewiß interessieren, daß ich zum 4. Reichsjug£ndtag -des GDA. (Gewerkschaftsbund der Angestellten) in Kassel*) war und am 16. d. Mts. an der „offenen Singstunde" dort teilnahm. Wir waren eine Singschar von vielen hundert Menschen, die sich alle mit großer Begeisterung in dieses herrliche, lebendige Musizieren einzufühlen suchten. Ekkehart Pfannenstiel, der Leiter dieser Veranstaltung (der, soviel ich weiß, an der Musikhochschule von Fritz Jöde in Berlin tätig ist), verstand es aber auch ganz meisterhaft, all die Jungen und Mädel in kurzer Zeit zu freudigem Singen .und Spielen — denn es gab selbstverständlich auch eine stattliche Schar von Geigern und Lautenspielern — mitzureißen und ihnen wirkliches Erleben dieser einfachen, aber wundervollen Melodien durch Kanon- Singen usw. zu vermitteln. Auch an den übrigen Veranstaltungen der GDA.-Jugend habe ich zum größten Teil mit sehr viel Interesse teilgenommen Und bekam einen besonders starken Eindruck von der religiösen Morgenfeier, die durchlaus nicht konfessionell gestaltet wurde. Sprech- und Singchöre *) Anm.: Auf diese Veranstaltung wurde im vorigen „Jugendbund" verwiesen. A. R. wechselten miteinander und ein Geistlicher sprach dann von der hohen Kraft, die gerade das Entfalten des Wahren, Tiefen in jungen Menschen auslöst und wie sie wohl zu einer wirklichen Kraft werden könne. Das Schöne und Ergreifende an dieser Morgenfeier war nun 'aber, diese heilige Freude unter diesen Menschen mitschwingen zu fühlen, die wohl überhaupt gleichbedeutend ist mit dem j Kern der Jugendbewegung oder des Gemeinschaftserlebnisses. jlcK dachte in diesem Augenblick noch, daß es vielleicht außerordentlich wertvoll wäre, wenn unsere gesamte jüdische Jugend einmal in eine solche Feierstunde hineingeführt würde; denn von solchem Geist ist in weiten Kreisen jüdischer Jugend wohl kaum etwas zu spüren. Gewiß kann man diese jungen Juden, die ja an die „blaue Blume der Romantik" stets mit beißender Ironie herangehen, nicht in der Gesamtheit zu jugendbewegten Menschen machen, weil sie meistens ganz einfach nicht erkennen, daß Ideale wirkliches Leben sind; aber wenn man sie an irgendeiner Stelle durch irgend etwas Besonderes — und ich glaube, das sind hier vorzüglich jüdische Momente — interessieren kann, so wird man auch hier plötzlich tiefstes Interesse und eifrigstes Einsetzen für einen Gedanken erleben können. Ganz bestimmt wird die Singbewegung die Wege für! die jüdische Jugend bedeutend ebnen können, und hoffentlich setzt sie sich nun in unseren Kreisen durch." Soweit der Bericht unserer Verbandsfreundin. Im Anschluß daran kann ich nur anraten:! L Gründet Singgruppen! 2. Fraget an, ob ihr nicht; bei anderen Singgruppen (auch nichtjüdischen) einmal Zuhörer sein dürft, unter Angabe des Grundes, daß ihr selbst in eurem Kreise die Singbewegung pflegen wollt!: 3. Wenn ihr irgendwelche] Anfragen habt, wendet euch unbefangen an mich. SoVreit es mir möglich ist, will ich gerne dienlich sein. (Die Grundfragen waren im vorletzten Hefte des „Jugendbundes" behandelt.) Zur Delegiertentagung: Saar-Pfalz am 26. Juni in Eppstein. In Als Menschen, insbesondere als Jugendliche, nehmen wir das Recht zu irren für uns in Anspruch, das Recht, frühere Ansichten zu ändern, das Recht, zu verdammen, was wir gestern verteidigten — und umgekehrt. An dieses schöne Recht werden wir bei Delegiertentagungen lebhaft erinnert. \ or Jahren, als in unserer Bewegung das Pathos und die kritiklose Begeisterung dominierende Stellungen einnahmen, gehörte es zum Programm jeder Tagung, über Sinn, Ziel und Aufgaben der Jugendbewegung leidenschaftlich zu diskutieren. Das Ergebnis der Diskussionen waren vielfach imposante Parolen (etwa: „Gehet hin und werdet.' ein Segen für die Völker"). Das war für viele von uns ein Grund, an der Lebens* fähigkeit der Jugendbewegung zu zweifeln, und die Skcp. tischeren von uns meinten: „Eine Bewegung entsteht aus einer Notwendigkeit heraus und hat nicht nötig, nachträglich nach Zielen zu 'suchen. Entweder sie hat von vornherein ihr Ziel und ihre Aufgaben, oder sie ist keine Bewegung." Dasjenige, worüber zu debattieren sei, meinte man, seien Methoden^ nicht Ziele. ■ M'f dieser scheinbaren Erkenntnis trat auch eine bewußte und etwas bedenkliche Abkehr vom Pathos ein, bei ■wüßtes und blasiertes Rinken um Nüchternheit, nach einej- Nüchternheit, der jede pathetische Anwandlung verdächtig war und nr>ch ist, und die sich kaum mehr Muhe gab, Phrasenschwall von echter Begeisterung zu .unterscheiden. (Diese Ent« wicklung-ließe sich sogar an Namen — „prominenten" Namen j nachweisen.) Beide Phasen der Jugendbewegung, der jugendlich-be. geisterten und der gesucht nüchternen, war ein Fehler gemeinsam, der zugleich Ursprung mancher Mißerfolge war: man verf suchte es kaum, unsere Bewegung aus der allgemeinen jüdischen Position heraus zu begreifen, man sah den Sinn der Jugendbewegung nicht aus der geschichtlichen Perspektive, sondern tr.an hatte die Eewegung in den Alltag hineingestellt und sie a :s dem Alltag heraus zu erklären versucht. Den Sinn der jüdischen Jugendbewegung kann man nicht finden, wenn man des Bezirksverbandes in Neunkirdien (Saar) ihn nicht in Verbindung bringt mit der anormalen und einmaligen Lage der Judenheitj wenn man die Jugendbewegung ^nich't als eine der Reaktionen auf den seit der Emanzipation wahrnehmbaren Zerfall des Judentums auffaßt — kurz: als eine Aeußerung der „J u d e n n o t". Aribert de Jonge machte auf der Delegiertentagung in Neunkirchen (Saar) in einem ausgezeichneten Referat („Jugendnot und Judennot") den wohlgelungenen Versuch, unsere (Bewegung historisch zu wertea und in die allgemeine jüdische Situation einzuordnen. Wir akzeptieren heute wiedes> die gestern verworfen« Praxis, uns auf Tagungen wieder mit der Idee der Jugendbewegung auseinanderzusetzen, und nehmen den beliebten Vorwurf, daß .^nichts dabei herauskomme", gelassen hin. Wir wissen, daß wir ein verantwortungsbewußtes Mitgehen unserer jungen Menschen nur dann : erwarten können, wenn sie in unserer Arbeit mehr erblicken als eine Vereinsmeierei. Dal} sich im übigen an grundsätzliche Ausführungen, wie an die er' wähnten unseres Freundes de Jonge, durchaus nicht uferlose Debatten anschließen . müssen, bewies die Neunkirchener Tagung des Bezirksverbandes Saar-Pfalz. (Ueber den Verlauf wird wohl in diesen Blättern ausführlicher berichtet werden.) Da man sich als Beteiligter dävor hüten sollte, die Dinge durch eine allzu rosige Brille zu sehen, so möchte ich von der ge* nannten Delegiertentagung rinr sagen, daß sie von schönem und gutem Wollen zeugte. Dr. Jacob, Saarbrücken, hatte ein mustergültiges Programm zusammengestellt, und auf die auf hohem Niveau stehenden Hauptreferate de Jonges und Schwarzschilds folgte eine durchaus würdige, sachliche Aussprache. Zu bemerken ist, daß auch der vielumstrittene Begriff „Neutralität" in die Debatte geworfen wurde, von dem es sich noch immer nicht herumgesprochen hat, daß er uns keineswegs Ziel, sondern Weg, nicht Zweck, sondern Plattform ist. Aller* dings muß leider von Zeit Zu Zeit die vielfach bestehend« Tendenz, Neutralität mit einer permanenten Entscheidung** losigkeit zu identifizieren, bekämpft werden. Ich hoffe übrigens (um in diesem Zusammenhang die Arbeit - 6 —

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