Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 15 (4.8.1927)
- Date
- 1927-08-04
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Schattierungsunterschied redlich komisch , . .", so kennzeichnet er dadurch treffend die Entwicklung, die den Streit zwischen Zjonisten und Nichtzionisten lediglich zu einer bloßen Meinungsverschiedenheit über die bessere Methode der- Erhaltung des deutschen Judentums werden läßt. Daß gerade unser Jugendverband berufen ist, diese Thase weiter auszuarbeiten und daraus die Ideologie der deutschen Judenhcit von morgen zu entwickeln, scheint mir besonderer Betonung wert zu sein. Denn es steht m. E. fest, daß für uns, die wir uns junge Menschen nennen, nicht nur keinerlei Notwendigkeit besteht, die heutige Parteisitualion innerhalb der deutschen Judenhcit als eine unabänderliche Gegebenheit hinzunehmen, sondern daß wir geradeau verpflichtet sind, auch hier mit dem Maßstab der Unparteilichkeit, der Neutralität zu messen, den Versuch zu einer radikalen Umgestaltungdes gesamten Partei(un)wesens zu machen, das in allen »einen Teilen die deutsche Umwelt, besonders jin ihren schlechten Seiten, zu sehr "kopiert. Und indem yfir nunmehr Zweigs grundlegendes Werk verlassen, zitieren wir, gleichsam in Paranthese, aber in diesen Zusammenhang gehörig, eine Erkenntnis, die ebenfalls zu den hauptsächlichsten Grundsätzen unseres Verbandes gehört, die aber auch und gerade auf die Parteiverhältnisse innerhalb der deutschen Judenheit gemünzt werden muß: „Es kann sich nur darum handeln, jeder jungen jüdischen Generation auch in Deutschs land die Wahl offenzuhalten. Jeder junge jüdische Mensch muß in den Stand der Sachkenntnis gesetzt werden können; wenn die großen Entscheidungen seines weltdcnkenden und -fiBilenden Lebens fallen, muß auch dresc frei fallen können: dies" darf und soll dem jüdischen Volk von mdem Juden zugestanden werden, selbst, wenn er ein noch so überzeugter Liebender des deutschen Wesens ist." Haben wir also festgestellt, daß der Antisemitismus längst kein jüdisches Problem mehr ist, so zeigt sich nun, daß er als ein deutsches Problem von nicht zu überschätzender Bedeutung gewertet werden muß-. Und wir sehen, wenn an nichts anderem, dies daran, daß immer öfter deutsche Männer, die etwas zu sagen haben, laut warnen vor den aus ihm erwachsenden Gefahren, die dem deutschen Volke drohen. Wir betrachten im folgenden zwei Urteile, die über den Antisemitismus gefällt werden, weil sie das Judenproblem von zwei verschiedenen Seiten betrachten, und doch die Gefahr, die der Antisemitismus für das Deutschtum birgt, gleichermaßen erkennen und beurteilen. Müller-Claudius.:) ein Berliner Oberlehrer, geht davon aus — und er bewegt «ich hier auf demselben Boden wie Zweig —, daß der Mensch, besonders der Gruppenmensch, zu seiner seelischen Entlastung von Unangenehmem, Widerwärtigem ein Objekt, einen Prügelknaben, brauche. Dieser Prügelknabe wird ihm zum Symbol des Satans, als des Trägers aller Schuld. Ein derartiges Symbol ist immer der Fremde, der „Andere", der Jude. Indem aber der Jude zur Symbolgestalt des Satans wird, er, der von anderen Quellen, anderen Müttern herkommt, und sei er noch so eingedeutscht, entsteht in einer seltsamen Verwirrung -von Pseudowissenschaft mit Volkiaberglauben jene Rassenangst unserer Tage. In ihr siebt Müller-Claudius die große völkische Gefahr für das Deutschtum: Rassenangst macht unfrei, falsch, nervös; Rassenangst macht schwach; Rassenangst sieht im „Anderen" nur den Stärkeren, den man niederschlagen muß, statt ihm nachzueifern, an ihm zu lernen; Rassenangst wirft das Volk in den barbarischen Urzustand des Fremdenhasses zurück, vernichtet Kultur und Freiheit des Denkens. Und so zeigt Müller* -Claudius den Weg, der aus dieser Gefahr führt- Das Volk muß das Wesen seines Satansymbols erkennen. „Erkennen heißt: hindurchstoßen durch alle verschleiernden, wohlig behütenden. Symbolzonen bis zur affektlosen, nur vom Erkenntniswillen geleiteten Anatomie des harten, kalten Tatbestandes." Der Oberlehrer Müller-Claudius also fordert Aufklärung der Masse über das Deutschenproblem und über das Judcnprobltm, er will Wissen und damit Licht verbreiten, und er glaubt die Tiefen menschlichen Gefühlslebens und die darin ruhenden Affekle und Vorurteile mit dem „harten, kalten" 'Erklären und Aufklären, durch- und erleuchten zu können. Anders meint einer, den man einen deutschen Philosophen schlechthin nennen kann, Wilhelm Schäfer.3) Er sieht, erkennt und begrüßt die Juden im deutschen Leben. „Ohne sie hätten wir anfangs des 20. Jahrhundert kaum noch von einem geistigen Leben in Deutschland sprechen können." Aber er rechnet mif den Instinkten der Masse; er weiß, es gibt keine Möglichkeit, sie auf dem Wege der direkten Beeinflussung zu ändern. Er faßt daher den Antisemitismus bei der Wurzel. Nicht „Caliban", nicht „Rassenangst", seine Rede, die er schon 1925 hielt, überschreibt er umfassend „Die deutsche Judenfrage". Ja, er will auf die Erörterung des Antisemitismus, scheint's, verzichten. Die Judenfrage in ihrer Totalität zu lösen, das heißt auch die deutsche Judenfrage lösen; und nichts weniger will er. Er sieht die Aufgabe —• große Aufgaben-sind imstande, auch Problematik zu lösen — der Juden im ganzen und dpe der deutschen Juden speziell darin, „einem richtig verstandenen Internationalismus, als äußere Ordnung der Menschheit, Pionierdienste zu leisten"; und Internationalismus ist ihm kein Schmelztiegel, sondern eine Ucberordnung, in der sich die einzelnen Nationen nicht auflösen, sondern lösen, erlösen sollen. Und für eine Nation, die solchermaßen bezeichnete Ambitionen haben soll, hält er auch die Juden, denn „eine |.stärkere Offenbarung volkstümlicher Treue gibt es in der |m©dernen Welt kaum, als eben den Zionismus." Schäfer alsb, der genau weiß, daß nur aus reiner Liebe zum Deutschtum die Wassermann und Lissatier werden können, der einem wohlverstandenen Internationalismus huldigt, er wehrt sich getfen die „Assimilation", auch die im guten Sinne, er will nationale, volkstümliche Juden, Juden voller Jüdischkeit. Wir kommen zum Schluß Die Frage des jungen Juden: .Wohin der Weg?, haben wir im Verlaufe beantwortet: Zur Erhaltung und Weiterführung <Jes deutschen Judentums. Und wir glaubten damit eine allgemein 'gültige Antwort zu geben. Verneint wurde die Frage, ob uns der Antisemitismus in unserem Wege aufhalten kann. Aber fragen -wir, ob wir recht daran tun, ihn überhaupt zu bekämpfen, so werden wir finden, der sich unbedingt dableiben denn nur zwei ungelöste n gestellt werden sollen: die Methodik, die in der. Bcniemanden in unserer Mitte gegen aussprechen würde. So Fragen, die zur D i s k u s s i Die erste Frage: I ä) Dr. Michael Müller-Claudius, Deutsche Rassenangst, eine Biologie des deutschen Antisemitismus. C. A, Schwetschke kämpfueg des Antisemitismus seit Jahrzehnten angewandt wird, noch zeitgemäß, oder ist sie heute nicht vielmehr völlig verfehlt? Wohin kamen wir mit diesen Makuhiurbergcn von Aufklärung und Apologetik, von Flugschriften und Hand* zetteln? Glaubt man auch heute noch, gegen die animalischen Triebaffekte ankämpfen zu können? Oder weiß man noch nicht, daß eine Beeinflussung der Völker immer nur durch eine Beeinflussung ihrer Besten zu erreichen ist? Genug der Entschuldigungen und Erklärungen! Man bringe die Judenfrage in ihrer Totalität an die Männer und Frauen der Umwelt, die öffenen Geistes und guten Willens sind, heran! Man zeige ihnen die Tragik unserer Geschichte und die Schuld, die sich die Völker durch die Mpxterung des Menschen im Juden aufluden! Man weise sie hin auf die blutigen Narben des Judenlcibes, und man lebe ihnen Stolz vor! Man verteidige sich nicht mehr, sondern man greife den Antisemitismus an, indem man ein stolzes, jüdisches Leben lebe! Die zweite Frage: Sollen wir jungen Juden uns in unseren Kreisen mit dem Antisemitismus beschäftigen? Ja und nein! Die Taktik, uns, wie es vor Jahren gang und gäbe war, „geistige Waffen im Abwehrkampf zu schmieden", die Taktik, die zur leeren Technik wurde, soll man, scheint mir, heute entschieden bei uns ablehnen. Die mehr oder minder naiven Methoden und Patenrezepte: „Wie mache ich aus einem Judenfresser einen Judenfreund oder der Zauberkünstler in der Westentasche", mit ihnen kann man endgültig brechen. Lediglich das Wesen und die inneren Ursachen des Antisemitismus, wie oben versucht, zu begreifen, sollte man bestrebt sein. Und dann wir(l man erkennen, daß nur Wissen um die Hochwerle der eigenen Art und das Beispiel eines kulturell geschlossenen Judenvolkes den anderen Achtung — denn wer will denn Liebe verlangen? — einflößen wird. Dann wird der Antisemitismus zwar nicht verschwinden, aber — in der Zukunft ... — der Jude wird ein ehrliches, ein jüdisches, ein lebenswertes und ein harmonisches Leben leben können. ') Wilhelm Schäfer, Die ' deutsche Judenfrage, eine Red«