Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 15 (4.8.1927)
- Date
- 1927-08-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Jodesein die Verpflichtung der großen Vergangenheit und den Zwang der notvollen Gegenwart ihres Stammes und darans die Aufgabe der Weiterpflanzung ihrer Art und Eigenart und ihrer historischen Aufgabe in die Zukunft begreifen. Es ist also unter dem Terminus „Jüdische Jugend" gewissermaßen eine Synthese zwischen antiker und moderner jüdischer Kultur und Weltauffassnng zu verstehen insofern, als im Worte „Jugend" der individualistische Zug unserer Zeit (Jugend der Jugendbewegungs-F.poche!), das Moderne zu sehen ist, während im Worte „jüdisch" hier der „Zaun um das Gesetz", nämlich der alle Glieder umfassende Zaun um das von der Gemeinschaft erlassene, die Gemeinschaft erhaltende Gesetz, das Ueberlieiert-Antike zu verstehen ist. Daß der Ausdnck „Jüdische Jagend" darüber hinaus seinen tiefen Sinn darin hat, dal das Wort, das das Moderne aassagt, das Wort „ jfend" das Hauptwort, will sagen: das hauptsächliche, das wichtige Wort ist, während das Wort, das das Antike bezeichrtet, das Wort „jüdisch" gewissermaßen das epitheton omans, das schmückende Beiwort, das nebensächliche nur beiläufig zu erwähnende is', ist gewiß kein Zufall, soll aber liier nur in Parenthese erwähnt werden. Weit größere Schwierigkeiten entstehen-bei der Definition des Begriffes „Antisemitismus". Würden wir Antisemitismus nach dem Wort des deutschen Dichters in „Klassenhaß und Massenhaft und Rassenhaß und derlei Teufelsdingen" begreazt wissen wollen, würden wir religiöse und weltanschauliche Meinungsverschiedenheiten oder wirtschaftliche Gegensätze als seine Ursache ansehen, so würden wir fehlgehen; wir würden dann die Erscheinungsform für die Ursache nchroei^ajfßrscheinungsform zudem, die im Laufe der Jahrhunderte wechselte, verschieden in verschiedenen Ländern nad zu verschiedenen Zeiten auftrat, doch aber gelegentlich als Konglomerat ans mehreren oder allen Formen des Antisemitismus erschien. Man kann nur sagen, daß das einzige, was dauernd und dauerhaft und immer gleichförmig am Antisemitismus ist, eben diese seine Dauerhaftigkeit ist, die Tatsache, dafi er immer and überall ist, wo Juden sind, and daß er überall verschwindet, wo Juden.nicht sind. Dieser Umstand aber, oder vielmehr seine Erkenntnis, führte vermittels der Untersuchungen über die Tiefen und Höhen der menschlichen Seele, der psychoanalytisch enLehre, die heute im Munde jedes Salongebildeten ist, zu einer neuen and modernen Auffassung über das Wesen des Antisemitismus, die als geistigen Faktor in den Kamp! um europäische Kultur und europäische Lebensgestaltung überhaupt eingeführt zu haben Arnold Zweig') das Verdienst hat. Wir Juden machen gerne den bei unserer leidvoUen l •- schichte verständlichen und verzeihlichen Fehler, nicht ur unsere Art und die Tatsache unseres historischen Lebens als einzigartig anzusehen, sondern wir glauben oft, daß alles, was sich in, an und am uns vollzieht, einzigartig und absonderlich sei. Was den Antisemitismus anbetrifft, so ergibt «ich nun ans Parallelen zweifelsfrei, daß einer jeden Minderheit von einer jeden Mehrheit eine Abneigung entgegengebracht wird, die sich von kultureller und wirtschaftlicher Bedrückung angefangen bis zu physischer Ausrottung und körperlicher Sklaverei, in irgendeiner Weise Luft macht. Jeder Mensch hat ein berechtigtes Ich-Gefühl, doch darüber hinaus einen teils bewußten, teils unbewußten, allen anderen feindlich gegenüberstehenden Egoismus. Das Gleiche vollzieht sich bei Vielheiten von Menschen, bei Gruppen. Arnold Zweig nennt diese beiden polaren Gruppeneigenschaften Zentralitätsaffekt und Differenzaffekt. Der Zentralitätsaffekt ist diejenige Gruppenleidenschaft, die in sich, in der eigenen Gruppe, den Mittelpunkt allen Geschehens sieht; der Differenzaffekt leitet aus dieser Auffassung von der eigenen Zentralität den Machtwillen, den Willen, allen anderen Gruppen die eigen? Wesensart aufzu- - drängen, ab. Dieses. AffeJitpaar, das sich bei allen möglichen Grnppenbildungen auswirkt, das sich bei wirtschaftlichen, religiösen, politischen, sportlichen und anderen Gruppen, bei allen Zusammenschlössen von Menschen zu irgendwelchen Bindungen and Zielen bemerkbar macht, tritt bei dem Verhältnis der Umwelt zu den Juden scheinbar besonders stark zutage. "Wenigstens scheint das den Juden so; aber trotzdem ist diese Ansicht falsch. Whwissen aus unserer eigenen Erfahrung, daß x. B. bei wirtschaftlichen Kämpfen sich Juden auf beiden Seiten fiaden, and die Haßgefühle von Juden und Christen ') Arnold Zweig, Caliban oder Politik und Leidenschaft, Versuch über die menschlichen Gruppcnleidenschaften, dargetan am Antisemitismus, Gustav Kiepenheuer, Verlag, Am«MKsigegen Juden und Christen strömen. Wir wissen «. B. auch, daß zu Zeiten nationaler Erhebungen, zu Zeiten soj. Kriegspsychose — man denke an 1914, 1915 —, von Antisemitismus nichts mehr zu verspüren ist. Hier sind andere Gruppenbildungen, die kreuz und quer durch die Völker laufen, eben von größerer ..Stärke für die Erweckung der Gruppenaffekte gewesen. Und so zeigt Zweig, daß der momentan schwächere Gruppenaffekt stets vor dem momentan stärkeren verschwindet. Diese Eigenart der Gruppenaffekte muß, wenn es «ich um die Bekämpfungsmöglichkeiten des Antisemitismus handelt, besonders zu beachten sein. Vom Wesen des Gruppenaffektes ist ferner auszusagen, daß er alles, was im Augenblick als unangenehm empfunden wird, der Gegengruppe aufbürdet. So empfinden, um auf den Antisemitismus zu exemplifizieren, die Unternehmer die Juden als BolschewSsten, die Inflationsgeschädigten und weite Kreise des verarmten Mittelstandes die Juden sämtlich als Schieber und Geldraffer; und so wird der Begriff „jüdisch" einfach zum Synonym für den Begriff „schlecht". Es ist außerdem festzustellen, daß der Gruppenaffekt bei gleichem Ziele der Abneigung häufig den Modus, die Erscheinungsform wechselt; wir haben das.oben bereits bezüglich des Antisemitismus gesehen. Es ist, wenn wir lediglich den deutschen Antisemitismus betrachten, klar, dafi vom Pogromheldentum Berliner Ktn-firrstendammstürmer, über den wirtschaftlichen Boykott und das gesellschaftliche „Rischuß", bis zum Achtungs-, aber Fremdheitsgefühl, das den sogenannten anständigen Juden auszunehmen pflegt, sich ein einigendes Band schlingt, das jeden Deutschen umfaßt, denn der Sozialist und der Demokrat, der den Juden, sei er noch so fähig und verdient, nicht gerne an der Spitze seiner Parlamentskandidaten sieht, er macht ja bewußt dem Antisemitismus seine Reverenz. Haben wir mit diesen flüchtigen Ausführungen nunmehr das Wesen des Antisemitismus als einer Gruppenleidenschait erkannt, so haben wir uns nun mit seinen Folgen zu beschäftigen, seinen Folgen für die Juden und seinen Folgen für die Gegengruppen, in unserem Falle für die Deutschen, soweit sie Angehörige des Staatsvolkes sind. Zweig stellt an den Anfang seiner tiefschürfenden Untersuchungen den lapidaren Satz: „Der Antisemitismus ist für die Juden' heute eine Frage dritten Ranges." Dem ist tatsächlich so. Wohl, besteht kein Zweifel darüber, daß alle religiösen und politischen Richtungen in der deutschen Judenheit nachhaltige Beeinflussung, ja teilweise entscheidenden Antrieb vom Antisemitismus empfangen haben. Das ist völlig klar vorn Liberalismus, der ist seiner heutiges Gestalt in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts entstand, als die Reaktion die gesellschaftliche Jadenächtung aufs Panier schrieb; das gilt vom Zionismus, der «Weh die Dreyiuß-Affäre cur Gebart kam; das gilt voa der Organisation und dem Typus des Central Vereins, der den Stöcker und Ahlward und ihren Nachfolgern sein Leben verdankt; das gilt schließlich auch, wenn auch naturgemäß relativ am wenigsten, von der Orthodoxie, wo sie von den Ideen der neuen Zeit beeinflußt ist Auf der anderen Seite aber erleben wir, wie sich in Praxis und Theorie alle dies« Organisationen, alle Richtungen, von der Begründung: Antisemitismus freimachen, ihrer Arbeit eine betont jüdische Note zu geben suchen, während, nur als Beispiel angeführt, die paritätische, aber doch von Juden in der Hauptsache „gemachte" Organisation des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, die lediglich und ausschließlich die Bekämpfung des Antisemitismus sich zum Ziele nahm, heute längst nur noch ein Sohattea früherer Herrlichkeit ist Und so konsolidiert sich der deutsche Jude," sein Wesea emanzipiert sich vom Antisemitismus, der für ihn kein Gradmesser mehr ist Wir erkennen, soweit wir einigermaßen in größeren geschichtlichen Zusammenhängen zu denken gewöhnt sind, heute bereits, wie sehr sich die theoretisch gegensätzlichen Anschauungen innerhalb des deutschen Judentums nähern. Was ia diesem Zusammenhang gemeint ist, ist die Tatsache, daß heute z. B. jeder Nationaljude, der auf deutschem Boden gewachsen ist, die Unabänderlichkeit seiner deutsch-beeinflußtea und deutsch-gefärbten Wesensart einsieht wie anderseits jeder C.-V.-Jude die Notwendigkeit der aktiven Besinnung auf jüdische Werte zugesteht. Typische Beispiele für diese beiden Haltungen ist einmal die Erkenntnis des Zionisten Zweig: „Die Assimilation ist die Voraussetzung der jüdischen Wiedergeburt und nichts weniger", und zum anderen der Einbruch palästinozenbrischer Anschauungen bis weit in die Kreise des führenden Liberalismus. Denn wirk- ---- _