Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 15 (4.8.1927)
- Date
- 1927-08-04
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Einweihung des Jugendheims Seesen Nach verhältnismäßig kurzer Zeit ist es gelungen, einen schon lange in der jüdischen Jugendbewegung vorhandenen Wunsch, nämlich die Schaffung eines eigenen Landerholungsheimes, zu verwirklichen. Der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände, in dem alle Gruppen der füd'schen Jugendbewegung vertreten sind, hat das Haus der Jacobsonschen Waisenanstalt in Seesen mietweise von der Zentral wohlfahrtsstelle der deutschen Jaden übernommen. In ganz kurzer Zeit sind die notwendigen Renovierungen vorgenommen worden, ist versucht worden, aus den Räumen, die stark verwohnt waren, ein Heim der Jagend zu schaffen. Es kam alles darauf an, mit verhältnismäßig geringen Mitteln ein Heim einzurichten, in dem die jüdische Jugend sich wohlfühle und Erholung finden kann. Das ist einmal äußerlich dadurch erreicht worden, daß alle Räume des Hauses in einfachen, aber lebhaften Farben ausgeführt sind, daß die Einrichtungsgegenstände ebenfalls auf einen farbenfreudigen Ton gestimmt sind. Hinzu kommt die äußerlich günstige Lage des Hauses: es liegt am Ausgange der Stadt, gerade an dem Teil, von dem aus man den Berken am nächsten ist. Ein großer Garten umgibt das Haus, ein Teil dient jetzt als Sport- und Sntgljalatir. Da das Heim noch nicht völlig geräumt ist, könnfj^ in diesem Jahre nur 35 männliche und weibliche Jugendliche Aufnahme finden. Das Heim dient zur Erholung vott^fugend- Kchen zwischen 14 und 25 Jahren. Gerade für die erwerbs- tätige Jugend soll hier eine Möglichkeit eines billigen Erholungsaufenthaltes gegeben werden, der aber anderseits die Beschränkungen, die sonst ein Heimaufenthalt mit sich bringt, möglichst wenig spüren lassen soll. Das Heim, das am 12. Juli zum ersten Male belegt worden . Ist, ist am Sonntag, dem 24. Juli, eingeweiht worden. Bei der Einweihungsfeier waren unter anderen vertreten: Dr. Meier Hildesheimer, Eugten Caspary, Dr. Friedrich Ollendorff, Hilde j Ottenheimer, Berlin, Prof. Wolsdorf, Wolfenbüttel, Dr. Kopf- ' stein, Seesen, ferner der Vorstand des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände, alte Freunde der Jacobsonschen Waisenanstalt und die im Heim zur Zeit anwesenden Jugendlichen; Von den staatlichen und städtischen Behörden und von vielen Einzelpersonen waren Begrüßungsschreiben eingegangen, aus denen hervorging, daß das neu gegründete Heim sich schon jetzt einer warmen Sympathie zu erfreuen habe. , Dr. Ludwig Tietz begrüßte zunächst die Anwesenden, dankte vor allem dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und dem Kuratorium der Jacobsonschen Stiftung für ihre wesentliche Mithilfe an dem Znstandekommen des Heimes. Darauf nahm Rechtsanwalt Dr. Kopfstein das Wort, um aus der Geschichte der Jacobsonschen Waisenanstalt zu berichten. Er wies darauf hin. daß das Kuratorium der Waisenanstalt das Haus in diesem Augenblick zu einem neuen Zweck der Zentralwohlfahrtsstelle und dem Reichsausschuß übergebe. Im Jahre 1852 ist die Jacobsonsche Waisenanstalt durch Meier Jacobson gegründet worden. Gemäß dem Geist der Zeit war. satzungs- 1 gemäß bestimmt worden, daß ein Viertel der vorhandenen Freiplätze christlichen Waisenkindern vorbehalten bleiben •ollte. Mit der Anstalt war die ganze Zeit hindurch eine Schule verbunden. Schon sehr früh war der Antrag gestellt worden, die Stiftungsmittel in einer amerikanischen Anleihe anzulegen, was aber von der Aufsichtsbehörde abgelehnt worden ist, so. daß das große Stiftungsvermögen von der Inflation verschlungen worden ist und die einstmals so reich dotierte Stiftung nicht mehr in der Lage war, auch nur einer geringen Anzahl von Waisenkindern Heim und Erziebungsstätte zu sein. Dr. Kopfstein schloß mit der Bitte, daß das Heim in demselben Geiste der Toleranz fortgeführt werden: solle, m dem es seit seiner Gründung geführt worden war. j Darauf übernahm Dr. Lubinski im Namen des Reichsausschusses das Heim. Mit dem Jacobsonheim in Seesen erntet die jüdische Jugend schon nach 'kurzer Zeit die erste Frucht ihres Zusammenschlusses. Es mag eine gewisse symbolische Bedeutung haben, daß 75 Jahre nach der Gründung des Waisenhauses die Waisenanstalt in ein Erholungsheim für die gesamte jüdische Jugend umgewandelt wird. Vielleicht kommt darin eine Aenderung des Bewußtseins der jüdischen Gesellschaft zum Ausdruck, die heute nicht nur eine Verantwortung gegenüber der Waise, dem Urbild der Armut, sondern eine Gesamtverantwortung gegenüber der jüdischen Jugend empfindet. Die Verantwortung der älteren Generation der Jugend gegenüber muß aber auch für die Jugend zum Anlaß eigener Verpflichtung werden. Gerade der Umstand, daß der Lebensstil des Heimes von der Jugend bestimmt werde, legt auf die Jugend eine besondere Verpflichtung. Sie hat hier zu beweisen, daß die von ihr im Kampf mit der älteren Generation geforderten Lebensformen eine wirkliche Grundlage für das Zusammenleben junger "Menschen sind. D^r durch die Organisation im Reichsausschuß organisatorisch i verwirklichte Gedanke des Zusammenschlusses der jüdischen Jugend hat sich hier in der Wirklichkeit des alltäglichen Zusammenlebens zu bewähren. Die verschiedenen Nuancen des jadischen Lebens sollen in dem ersten gemeinsamen Jugendheim ihre Anerkennung und ihren Ausdruck finden. Dr. Hildesheimer begrüßte im Namen des Vorstandes der Zentralwohlfahrtsstelle das neugegründete Heim. In der Schaffung des Heims sieht er den Ausdruck, der schon in der Schrift vorhandenen Liebe zur Jugend. Das Heim ist ihm aber auch Beweis dafür, daß die Jugendbewegung jetzt stärker als früher gerade in positiver Arbeit ihre Aufgabe sieht. Ebenso sagte Dr Ollendorff für die Geschäftsführung und Mitarbeit der Zentralwohlfahrtsstelle Unterstützung und Förderung zu. Für den Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin und zugleich für das Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde überbrachte Herr Caspary dem Heini seine besten Wünsche. Er versprach, darauf hinzuwirken, daß die Sympathie der Gemeindeinstanzen für das Seesener Hefm auch in der Form einer Unterstützung des Heimes zum Ausdruck kommen soll. Im Auftrage der Großloge für Deutschland, deren Präsident Dr. Baeck seine Wünsche schriftlich zum Ausdruck gebracht hatte, trug Prof. Wolfsdorf seine; Wünsche für das Heim vor. Darauf sprachen die Vertreter der dem Reichsausschuß angeschlossenen Jugcndvcrbände. Der Vertreter des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, Felscnthal. übergab mit seinen Glückwünschen dem Heim einen silbernen Kidduschbecher. Das Symbol, das die Juden in allen Ländern an jedem Freitagabend eint, soll auch zum Symbol der Einigkeit der jüdischen Jugend werden. Antisemitismus und — wir Vpn Auf einer der letzten großen Tagungen, die in unserem Verbände abgehalten wurden, geschah es, daß ein Verbandsfreund die Beschäftigung unserer Menschen mit dem Antisemitismus forderte und es erlebte, daß (Sein Antrag der Ablehnung verfiel. Und das geschah nicht von ungefähr, sondern scheint mir geradezu symptomatisch für eine ganz bestimmte "Strömung, eine ganz bestimmte Haltung zu diesen Dingen zu «ein, die man heute in der jüdischen Jugend und darüber hinaus in weiten Kreisen der deutschen Judenheil beobachten kann. Der Verfasser dieser Betrachtungen, der hiermit .-.ine eminent politische Frage, die aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, vor einem neutralen Forum behandelt zu werden verdient, anschneidet, wünscht deshalb vorerst ungenannt zu »ein, weil hier einmal der Versuch in aller OeHentiichkeit N. N. gemacht werden sc!!, das Sachliche vom Persönlichen auch in Fragen der hohen Politik, auch in Fragen von weltanschaulicher Bedeutung, zu trennen. Die Schriftleitung ihrerseits wird die Beiträge zur Diskussion ebenfalls zunächst anonym veröffentlichen, um erst später die Namen der Sprecher im Chor bekanntzugeben. Wir definieren einleitend die beiden Begriffe in der Uebcrschrift, um zunächst einmal Klarheit über die Grundlagen der Auseinandersetzung zu schaffen. Der Begriff „Wir", der mit „Jüdische Jugend" in diesem Zusammenhang gleichzusetzen ist, ist, der Idee unseres Verbandes zufolge, aufzufassen als die Gemeinschaft geistig junger Juden, die in ihrem Jungsein den Willen zur Revolutionierung^ zur Reformierung, zur sittlichen Erhebung ihres Menschturas erkennen und die in :h em — 2 —