Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 12 (7.7.1927)
- Date
- 1927-07-07
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Samstagvormittagsandachlen, wia sie häufig in größeren Badeorten in. jüdischen Hotels veranstaltet werden. Hier ist wirklich einmal Zeit dafür vorhanden, und man tut damit zum mindesten den anderen Teilnehmern einen Gefallen. In diesem Zusammenhang bleibe nicht unerwähnt, daß eine Bevorzugung jüdischer Gaststätten, wenigsten» ihr zeitweiliger Besuch, dem wirtschaftlichen Existenzkampf der Besitzer, einer gar nicht so kleinen jüdischen Ber.ifsgruppe, die lediglich auf den Fremdenbesuch' angewiesen ist, sehr von statten kommt. ' Auch daran sollte man denken, wenngleich dies anderseits durch eigenartige Prcis-verhällnissc zuweilen erschwert wird. Eine Anregung machten wir noch geben. Viele werden unterwegs photographische Aufnahmen machen. Soweit solche i.n .Motiv und Ausfall von allgemeinem Wert sind, stelle man sie uns zwecks Sammlung und etwaiger Veröffentlichung zur Verfügung. Ein jeder möge sich seine Ferienzeit so angenehm uni nutzbringend wie möglich gestalten. Das Obengesagte, richtig angewandt, ist geeignet, anregend dazu beizutragen. In diesem Sinne wünsche ich allen Freunden frohe Ferien. Der erste Eindruck Der Mann, der die These aufstellte: „Der erste Eindruck ist der beste", triefte nicht gerade von Logik. Ja, jeder Mensch, der auf diese These schwört, wird schon in vielen Füllon; sein Urteil haben korrigieren müssen. Je mehr sich das Individuum vom Ur-Sein entfernt, je komplizierter sein Da- Scin wird, um so weniger wird sein äußeres Cebaren Aufschluß geben über seine inneren Warte und—•-Wertlosigkeiten. Car oft müssen wir erkennen, daß hinter nichtssagenden Gesichtszügen Geist und Temperament schlummern, und daß sich unter einer sympathischen Denkerstirn eine erschreckende Minus-Leuchte verhirgl. Dummheit und Denkfaulheit sind sichere Sieger über alles Keimende und Aufstrebende, wenn sich zu ihnen dia Suggestion des „ersten Eindrucks" gefüllt. Ei; ' t Mo:.sehen, für die der andra nur solange von Interesse ist, als sie die Aufnahme des „ersten Lir.drucks" beschäftigt, dann fällen sie ihr Urteil (nur kritiklose Menschen haben ein grenzenloses Vertrauen zu ihrer überragenden „Menschenkenntnis"), ragistricren den lieben Mitmenschen unter: „Dummkopf", „Kamel", „blendender Kerl", „fideler Druder", „Vogelscheuche", „prachtvolles Müdol" und legen ihn (sozusagen) ab, etwa wie mun ein Rundschreiben d_er ZenlralwohlfahrlsMelle urter „Z" ablegt. Noch schlimmer... Unter „Z" kann ich alle Tage wiederfinden, was ich dort verwahrte. Hier isls weit unsicherer. Denn sie blieben mit ihrem Urteil an der Oberfläche, am Fleischlichen, an der äuUeron Erscheinung hängen. Was dahinter steckt,'wie es um den Inhalt, um die Geisiigkeit, um die freund .chanlich-menschliche Einstellung dieses .Menschen sieht, danach fragt man nicht. — Tausend Freundschaften werden so im Keime erstickt, und dann laufen Schoren vereinsamter- und einsn.ngebiicbcner Ceschöpfe durch dickes „irdische Jr»mmcrt?l" und heulen über ein belämmertes Dasein. Kommt die z%vejte Suggestion des „ersten Eindrucks". Daß sie sich einreden, zum Unglück und zur Vereinsamung, zu Schmerz und Entbehrung geboren zu sein, und daß sie nicht die geringste Mühe aufwenden, von dieser Emptindung loszukommen. Weiter gehts bergab. Das Empfindung-leoen wird prädestiniert für die hartnäckigste seiner Krankhci'.en: das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit. Hin chronisches Leiden, von dem die wenigsten geheilt werden. Himmlischer Vaterl Schenk" uns "die köstlichste aller Ce. friudigurgen:. Eingreifen zu können in solch ein leichtsinnig selbstmörderisch gestaltetes Dahindämmern iir.d solch einen verbogenen .Menschen geradestellen zu können, ihm die Maske der inaier dolorosa herabzureißen und ihm wieder ein Mcn.-.chcr.anllitz zu geben, das fürs Leben und 'nicht fürj Yu.-curo ist. Ihn die waiircn Werte mit seiner .Mannigfaltigkeit zu lehren. Ihn.seiner eigenen Werte bewußt zu machen .und ihn dadurch davor zu bewahren, daß er im Gefühl der eigenen Minderwertigkeil, weil er sich doch schließlich auch „ausleben" will, in den Taumel d.r Vergnügungen stürzt, seinen Kummer ersäuft, seine Langeweile verschwooft ... Philosophische Abhandlung?? Keine Spur!! Theoretische Erörei langen?? Falsch, auch dieser „erste Eindruck" . . . Freunde!. Blickt doch hinein in E".rc Vereine, beobachtet einmal Eure Trcfkahi ten, seht Euch doch einmal diese griesgrämigen, verschüchterten und verbitterte:! Menschen au! Greift hinein in den Schlamm, in den diese flügellahmen Geschöpfe gepurzelt sind, und macht ihnen klar, daß sie keine ' stinkige^ Kröten, sondern Adler sind. Und wenn sie dann wirklich keine Adler werden, was -mich_ ar.betrillt, mir sir.d die Lerchen lieber'! — — Freuae sei um uns! — — , ■ f Siegfried Bacharach. Prinzipielles zur Führertagung des Hess. Landesverbandes in Mainz am 10. April 1927 und zu Führertafrur^en überhaupt Von Dr. Kurt Herz, Olfenbach a. M, 1. Vorsitzender des Hessischen Landesverbandes. i Der Sinn einer Führertagung ist — das nu;j das erste. Problem sein — immerhin weit vieldeutiger, als man zuvor anzunehmen geneigt ist. Nur die Situation Märt hier das Gebilde einer theoreiisch-prakiischen Verknüpfung, Und dc-halb sei es gestaltet, ein Nachwort zu schreiben, das möglicherweise zu einem Vorwort für jede Besinnung werden kann, die der Führerfrage gewidmet ist. Erste Frage sei: Kann eine geistige Sphäre die Realität menschlichen Lebens in eine neue, d. h. neu-verslandena Wirklichkeit leiten? Damit ist gcmeinl: Geben drei Vorträge — um die Hessische Führertagung als Beispiel zu nehmen — die Gewähr, den Willen eines Menschen zu bestimmen, kann ein nur-intellekluülles Wissen Grundlage eines Syrlems von Absichlshandlungen sein. Denn darum handelt es sich doch bei dem Führer: Wege zu weisen zu einem bestimmten Ziele. Kann ein Wissenskomplex, auf rein wissensmäßige Art dem Hörer nahegebracht, gesinnungszeugend sein? Wenn diese Frage hier aufgeworlen wird, so nur deshalb, . weil das hier in Frage Gestellte im Grunde den Ausgangspunkt für den Aufbau der Hessischen Führertagung bildete, und von denen, die sie ins Werk setzten; nicht als Frage empfunden ward. Führertagung ist ein Wort, das schon sprachlich doppeldeutig, ist.. Verstände, man darunter nur. das Zusammensein von Führern, dann wäre die oben aufgeworfene Frage von nicht zu schwerwiegender Bedeutung, denn es gälte dann nur zu befestigen und zu sichern, zu erhöhen und zu erweitern, was i f - schon vorhanden und wirksam ist. Die zweite Bedeutung "des Wortes aber ist die: eine Zusammenkunft zu sein solcher, die erst Führer werden sollen, solcher also, die man auf die Prube stellen will, ob sie eben zu diesem Zwecke tauglich sind oder nicht. Und hierbei erweist sich der große Mangel, der bei Uebcraehen der Frage 'unumgänglich ist. Und warum. — Nur begeisterte Menschen kann man für eine Sache gewinnen, und Menschen können nur begeistert sein, wenn man se^sl begeisterungsfähig ist und begeistern kann. Nur von dieser Position.aus hat eine Führerlagung Wert und Erfolg, nur von hier aus kann sie wahrhaft das sein, was sie sein soll, II. Ilaben wir so die Einsicht gewonnen, wo nur der Aufgangs« punkt zu einer L'ebcrlegung, die eine Führertagung zum Gegenstand hat. gefunden werden kann, so sei es nun unsere Aufgabe, über die Verwirklichung dieser Möglichkeit nachzudenken. Und hier erhebt sich das zweite Problem, das sich folgerichtig aus dem ersten löst. Ist schon der wirkliche Sinn — d. h. nicht— die - Intention, sondern: jede mögliche Deutung realer Situation —• Wner. Eühiartagung, vieldeutig, und. logischer»-