Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1927-06-02 · 11 (2.6.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
11 (2.6.1927)
Date
1927-06-02
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492456-6352305-6352513--0408-4928592
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

gegenüber gelockert habe und auch diese natürliche Autorität nicht mehr so gefestigt erscheine wie ehedem. Das ist gewiß wahr und tief zubeklagen. Allein, liegt die Quelle des Uebels immer bei der Jugend? Warum klagen sich nicht manchmal auch die Eltern an, daß sie selbst vielfach die Ehrfurcht vor ihrer elterlichen Berufung nicht in sich tragen, die Scheu vor dem, was ihnen hehr und heilig sein sollte, nicht besitzen und so ihre Autorität selbst verloren und verscherzt haben. Es gibt noch einen Vater über dem Vater, das ist Gott, und es gibt noch eine Mutter über der Mutter, das ist die Religion. In dem Maße; wie die Eltern Ehrfurcht vor diesem Vater und dieser Mutter haben, in demselben Maße machen sie sich selbst ehrwürdig vr.r ihren Kindern. Sehr bezeichnend hierfür ist d-2 Ansicht der Weisen, die die Elternverehrung ohne weiteres aufgehoben sehen wollen, wenn das Verhalten der Eltern dem Kinde zu einer Uebertretung eines der Gottesgebote Anlaß gibt. Noch bezeichnender aber ist, daß in den zehn Geboten das Gcbol der Elternehrfurcht auf das Gebot des Sabbats folgt. Der Sabbat ist die anschaulichste Ehrfurchtsbezeugung vor Gott. In einem Hause, wo die Kinder die Ehrfurcht vor Gott und Religion betätigt sehen, wird es auch nicht an der Ehrfurcht vor den Eltern fehlen. Auf das Gebot der Elternehrfurcht folgt das Gebot: Du sollst nicht töten. Kinder, die ihren Eltern den Gehorsam versagen und ihnen Unehre machen, verwunden das Herz der Eltern und töten es schließlich in seelischer Hinsicht. Ebenso aber töten die Eltern das reine, manchmal angeborene Edelgefühl ihrer Kinder, wenn sie es verabsäumen oder gar absichtlich unterlassen, ihnen mit dem Beispiel der RcligJonstreue und Frömmigkeit, mit Güte und Wohltun \ oranzugehen. Man seufzt heute und ruft nach dem verlorenen Paradiese des altjüdischen Familienglückes, das in einer schlichten, stillen, edlen Einfalt bestand. Ist es wirklich für immer verloren? Nein, macht die verschlossenen Fenster eurer Herzen nur wiederum >-c'' au'- Juden und Jüdinnen, laßt Luft und Sonne des Glaubens wiederum unbeschränkt in eure Häuser dringen,"schmückt euer Heim mit den Blumen des Sabbats und der Feste, machet das Taurohlernen und -lehren wiederum zum guten Ton der Gesellschaft, lasset uns Alte selbst so sein, wie wir die Jugend gerne haben wollen, dann wird die Jugend sein, wie Gott sie will, und alle zusammen werden wir uns dann erfreuen der Verheißung de-5 fünften Gebotes, eines langen Mnd glücklichen Lebens. n. Bei keinem der zehn Gebote und auch selten bei anderen Vorschriften der Tauroh steht bei der Verordnung gleich die VerheiTlung des Lohnes zur Seite wie hier bei dem Gebote der Eltcrnehrfurcht, Muß es nicht ein reines und zartes Gefühl eher verletzen als anspornen, wenn für die Elternehrfurcht ein Lohn in Aussicht gestellt wird? Sollen wir doch die Gebote Gottes nicht au« Berechnung der Vergeltung ausüben, sondern aus reiner Freude am Guten. Um wie viel mehr müßte dies der Fall sein, wenn es um die Ehrung der Eltern geht, die doch der Inbegriff unseres Ehrwürdigsten auf Erden sein sollen. Allein ein Blick auf die Lebensverhältnisse, wie sie vielfach sind, iin Gegensatze dazu, wie sie sein -sollten, gibt die Aufklärung. Die Lebensverhältnisse zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Alter und Jugend überhaupt sollten derart sein, daß ein Teil in dem andern und mit dem anderen so lebt, daß die beiden Leben ineinanderfließen und sich ergänzen. Lebt jeder Teil, wie es in unserer modernen Zeit zutage tritt, r.ur ein Leben für sich, das mit dem des anderen nichts Innerliches gemeinsam h-at, dann ist das Leben jedes einzelnen nur ein Eigenleben, und ein Eigenleben ist von kurzer Frist. Leben aber Alter und Jugend, Eltern und Kinder ein t-cben ineinander und füreinander, dann lebt jeder Teil ein Leben beider Teile, und dieses Leben Ist lang und dauernd. „Auf daß lan <e währen deine Tage", drückt also nicht einen Lohn aus — denn dieser ist für das. Jenseits vorbehalten —, sondern eine Voraussage der notwendigen Folge, die eintritt, wo die Befolgung des fünften Gebotes in dem bisher erörterten Sinne obwaltet. Die guten Kinder von Eltern, die Ehrfurcht von sich ausstrahlen, leben auch das Leben von Vater und Mutter, Sie sind also reich an Lebenstagen, so jung sie auch sein mögen, und die vorbildlichen frommen Eltern leben neu auf in ihren ebenbildlichen Kindern. Sie bleiben also jung, so alt sie auch sind. Und wenn sie selbst der kühle Rasen deckt, sie leben noch immer fort im Leben der Kinder, ein Leben langer Tage auf dem Erdreiche, das sie sich in ihren Kindern gegründet, und das der Ewige, ihr Gott, ihnen gibt, HL Das „langwährende Leben auf dem Erdreiche, das der Ewige, dein Gott, dir gibt", ist im jüdischen Schrifttum oft und viel erörtert. Welches, Jude, ist das Erdreich, das der Ewige, dein Gott, dir gibt? Ist es dein Wohnsitz, dein Beruf, dein» Stellung? 'Ist es das Leben oder ist es der Tod? Ist es die Wiege oder das Grab? Ist es auf Erden, oder ist es in» Himmel? Welches ist es, und wo ist es? Die Antwort ist eine Gegenfrage: Welches ist es nicht, und wo ist es nicht? Alles, was du dein nennst, ist Gottes Erdreich, und wo du bist und wodurch du bist, ist Boden des Gottesreiches. Dein Glück und dein Leid, deine Freude und deine Wehmut, deine Arbeit und dein Erwerb, dein Leben und dein Sterben ist das Reich, das der Ewige, dein Gott, dir gibt. Zu dir, Jude, spricht Gott nicht: Mein Reich ist nicht von dieser Welt, aber er spricht auch nicht: Mein Reich ist nur von dieser Welt. Er spricht: Mein Reich ist hier und drüben, da und dort, jetzt und immer. Nur wenndu das weißt und fühlst, mit ganzer Seele daran hängst, dann kannst du wissen und hoffen, daß ein Leben der Ehrfurcht vor dem, was heilig ist, ein Leben der langen Dauer ist, und ein Schimmer vom Glänze der Ewigkeit geht dir schon hienieden auf. Man hat das Wort von „dem Erdreich, das der Ewige, dein Gott, dir gibt," verschiedentlich bezogen: auf das heilige Land, unserer Väter Heimat, auf den Ackerboden, den der Menschensohn im Schweiße seines Angesichts zu bebauen hat, auf das Jenseits des irdischen Gut und Böse, das man hier nur ahnt und nicht sieht noch kennt. Aber wir meinen: es hat nicht Bezug auf dieses oder jenes, es hat Bezug auf alles zusammen. Wer Eltern und Ahnen ehrfürchtet und ihr Leben wiedererlebt, steht mit festen Füßen auf dem heiligen Boden der Väter. Wer das Reich der Vorhergehenden achtet und liebt, hat auch den fruchttragenden Boden der Gegenwart bearbeitet, und wer das Frühere und das Augenblickliche in Liebe verbindet, dem gehört auch das Kommende. Der Vater im Hause Ist der Früheste des Heims, er ist das Sinnbild des Einst. Die Mutter ist dem Liebesrufe des Vaters nachgefolgt; sie ist das Symbol des Jetzt. Zuletzt ist das Kind ins Haus gekommen; es ist ' das Bild des Später. Einst, jetzt und später, Vater, Mutter und Kind sind zusammen die sichtbare Ewigkeit. Und wie in der Familie im kleinen, so in der Volksgemeinschaft im großen. Was hält die Ewigkeit der Familie zusammen? Die Ehrfurcht. Was die der Volksgemeinschaft? Der Glaube. Nehmt die Ehrfurcht nur einem der drei Teile, streicht sie vor dem Worte Vater aus, und es gibt nicht Einheit noch Ewigkeit mehr in der Familie. So auch in der Familie der Volksgeschwister. Löscht das Wort Ehrfurcht vor Gott aus und tilget weg den Namen Religion, so habt ihr Halt und Ewigkeit zerrissen, und die Glieder hören auf, Geschwister zu sein. Und das ist das Perspektivische, das sich uns für die Betrachtung aller Gottesgebote gerade aus dem Gebote der Elternehrfurcht eröffnet. Alle Gebote atmen im Grunde denselben Geist, den Geist der Erziehung der Großen und Kleinen zur Ehrfurcht vor dem Höheren über uns und dem Geheiligten vor und in uns. Wie einer der größten Denker diese Ehrfurcht zusammenfaßt in dem Bekenntnis: „Meine Welt ist das Sittengesetz in mir und der gestirnte Himmel über mir", so soll uns Juden das Höchste unserer Welt sein: die Ehrfurcht vor Vater und Mutter in uns und die Ehrfurcht vot Gott über uns. Das ist der Schatz der Schätze, den wir uns aus der weit« geöffneten Kleinodienkammer des Sch'wuausfestes auswählen zur beglückenden Richtschnur unseres Lebens als Juden und als Menschen. Bücherbesprechung Z::r Buchbesprechung ,;Vom Leben getötet" in der Mainummer. In der Besprechung ist bereits angedeutet, daß das Buch viel umstritten ist. Bremen ist Im wesentlichen der Schauplatz des Buches. Ich habe als Bremer ein besondere« Interesse daran, mich mit seinem Inhalt auseinanderzusetzen. Der Untertitel des Buches lautet: „Bekenntnisse eines Kindes." Auf dem Buchumschlag ist angepriesen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.