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Der Jugendbund · 1927-06-02 · 11 (2.6.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
11 (2.6.1927)
Date
1927-06-02
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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bis zum Reiseziel, wo wir vom dortigen Bunde, an der Spitz« Herr Kantor Rose, empfangen wurden; nur der Wandertührer hatte es verschlafen. Und da erreichte uns die zweite Enttäuschung, denn der JJB, Sagan war gar nicht erschienen. Trotzdem zogen wir frohen Mutes mit Gesang unter Führung eines Ersatzmannes zur Stadt hinaus. Leider kam kein richtiger Schwung in die Kolonne. Doch wer da glaubte, daß, nachdem uns der „echte" Führer eingeholt hatte, mehr Leben in die Herde Menschen kommen würde, iah sich gründlich getäuscht. So ging es bis zur Euterpe, einem herrlich gelegenen Plätzchen, wo die Freßpause einsetzte. Herr Jastrow begrüßte die Bünde und gab seiner Freude Ausdruck, daß wenigstens alle positive Arbeit leistenden Bünde vertreten seien. Nachdem «in Forster Bunäeslreiind Oru^en^afiieArttaq fl*—"fk* hatte, versuchten wir alten Wanderer JnrCn SpkÄ n&tf Leben in die Gesellschaft zu bringen, doch durch einzthoe Friedensstörer sollte auch dieses nicht gelingen. So sag man es vor, weiter xu wandern. Bergauf «od bergab ging a zum Blockhaus, das bestiegen wurde und von dem man einp nette Aussicht bis hinüber zum Riesengebirge hatte. Alber mär die Schlanken konnten hinauf, so daß unsere korpulenten ßo« gleiter (siehe Gauvertreter) hübseh unten warten nrnfitas^ Weiter ging's durch Wald und Wald, denn ietat waren wtr richtig im Sorauer Walde drin. An dem seit Jahren im Bau befindlichen Bismarekturm vorbei, ging es zum Halbtagsziel, und bald waren wir im Wirtshaus in Löhs gelandet Eine Gruppe Denkrede auf Jean Paul Von Ludwig Börne. (Vorgetragen im Museum zu Frankfurt, kurz nach dem Tode Jean Pauls.) , . Die Reihe der „Jüdischen Publizisten der Gegenwart" soll diesmal unterbrochen werden, um der Prosa eines der bedeutendsten jüdischen Publizisten der Vergangenheit, der ganz zu Unrecht von dem Ruhm seines Zeitgenossen Heine überstrahlt wird, Raum zu geben. Heute bringen wir Beginn und Schjuß eines der schönsten Stücke dichterischer Prosa, die wohl je in deutscher Sprache geschrieben wurden. Demnächst folgt noch ein Essay über Shakcspcars Shylock. H. K. Ein Stern ist untergegangen, und das Auge, diesefgJahrhunderts wird sich schließen, bevor er wieder erscheinl; denn in weiten Bahnen zieht der leuchtende Genius, und erst spate Enkel heißen freudig willkommen, von dem trauernde Väter einst weinend geschieden. Und eine Krone ist gefallen von dem Haupte eines Königs! Und ein Schwert ist gebrochen in der Hand eines Feld,hcrrn; und ein hoher Priester ist gestorben! Wohl mögen wir den beweinen, der uns Ersatz gewesen und uns nun unersetzlich geworden. Jedem Lande ward für jedes trübe Entbehren irgendeine freundliche Vergütung. Der Norden ohne Herz hat seine eiserne Krait; der kränkelnde Süden seine goldene Sonne; das finstere Spanien seinen Glauben: die darbenden Franzosen erquickt der spendende \V;tz. und Enilands Nebel verklärt die Freiheit. Wir hatten Jean Paul, und wir haben ihn nicht mehr, und in ihm verloren wir. was wir nur in ihm besaßen: Kraft und Milde und Glauben und heitern Scherz und cntiessche Rede. Das ist der Stern, der untergegangen; Der himmlische Glaube, der in dem Erloschenen uns geleuchtet. Das. ist die Krone, die herabgefallen: die Kror^c der Liebe, die den beherrschte, der sie getragen, wie alle, die ihm Untertan gewesen- Das ist das Schwert, das wird der vertrauten Uhr. die jeden Pulsschlag unseres Herzens gebrochen: Der Spott in scharfer Hand, vor dem Könige zittern, und der blutleere Höflinge erröten macht. Und das ist der hohe Priester, der für uns gebetet im Tempel der Natur — er ist dahingeschieden, und unsere Andacht hat keinen Dolmetscher mehr. Wir wollen trauern um ihn, den wir verloren, und um die andern, die ihn nicht verloren. Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen. Er •aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme. Dann führt er die Müden und Hungrigen ein in die Stadt seiner Liebe; er führt sie unter eta wirtliches Dach: die Vornehmen verzärtelten Geschmacks in den Palast des Albano;- die Unverwöhnten aber in seines NSiebenkäs enge Stube, wo die geschäftige Lenette am Herde waltet, und der heiße, beißende Wirt mit Pfefferkörnern deutsche Schüsseln würzt. y Jahrhunderte ziehen hinab, die Jahreszeiten rollen vorüber, es wechselt die Witterung des Glücks; die Stufen des Alters steigen auf und steigen nieder. Nichts ist dauernd als der Wechsel, nichts beständig als der Tod. Jeder Schlag des Herzens schlägt uns eine Wunde, und das Leben wäre ein ewiges Verbluten, wenn nicht die Dichtkunst wäre. Sie gewährt uns, was uns die Natur versagt: eine goldene Zeit, die nicht rostet, einen Frühling, der nicht abblüh^, wolkenloses Glück und ewige Jugend. Der Dichter ist der Tröster der Menschheit; er ist es, wenn der Himmel selbst ihn bevollmächtigt, wenn ihm Gott sein Siegel auf die Stirne gedrückt und wenn er nicht um schnöden Botenlohn die himmlische Botschaft bringt. So war Jean Paul. Er sang nicht in den Palästen der Großen, er scherzte nicht mit seiner Leier an den Tischen der Reichen. Er war der Dichter der Niedergeborenen, er war der Sänger der Armen, und wo Betrübte weinten, da vernahm man die süßen Töne seiner Harfe. Mögen wir der stolzen Glocke, die an seltenen Feitertagen majestätisch schallt, unsere Ehrfurcht zollen — unsere Liebe begleitet, die jede Viertelstunde unserer Freuden nachtönt und alle unsere Schmerzen, Minute nach Minute, von uns nimmt. s So war Jean Paul! — Fragt ihr: wo er geboren, wo er gelebt, wo seine Asche ruhe? Vom Himmel ist er gekommen, und auf der Erde hat er gewohnt, unser Herz ist sein Grab. Wollt ihr hören von den Tagen seiner Kindheit, von den Träumen seiner Jugend, von seinen männlichen Jahren? Fragt den Knaben Gustav, fragt den Jüngling Albano und den wackeren Schoppe. Sucht ihr seine Hoffnungen? Im Kampanertale findet ihr sie. Kein Held, kein Dichter hat von seinem Leben so treue Kunde aufgezeichnet als Jean Paul es getan. Der Geist ist entschwunden, das Wort ist gebliebenl Er ist zurückgekehrt in seine Heimat; und in welchem Himmel er auch wandere, auf welchem Sterne er auch wohne, er wird in seiner Verklärung seine traute Erde nicht vergessen, nicht seine lieben Menschen, die mit ihm gespielt und geweint und geliebt und geduldet wie er. Kol Nidre Skizze von Friedl Teicher. Ein großes Konzert des berühmten Geigenkünstlers Andre Smyrnowa wurde soeben mit großen Lettern angekündigt. Das Programm wies ältere und neue Komponisten auf, auch das Kol Nidre war verzeichnet, denn Andre Smyrnowa war ein Jude. Der Abend kam! — Viele Menschen füllten den Raum. Eri wartungsvoll saß Hermann Krone oder wie er früher hieß Hermann Kohn auf seinem Platz. Er fühlte sich durchaus als guter Christ, der Herr Rat. — Es wurde dunkel und das Stimmgewirr schwieg. Das Podium war schwach beleuchtet. — Der Künstler trat heraus und verbeugte sich. Er war groß und schlank und hatte die großen traurigen Augen eines Chederjungen. Sein Spiel begann. Die Geige bebte durch den Raum, darüber hinaus, schuf Töne, die göttlich waren, sang, sang, .schien ein Wesen von Fleisch und Blut zu sein. Leise, ganz zart verhauchend das Finale. Es wurde wieder hell im Saale. Einige Minuten blieb alles still, dann brach es los, jubelnd, haltlos. Der junge Künstler verbeugte sich, Glück stand in seinen Augen. Das letzte Stück kam, es war Kol Nidre. Kol Nidre! Das ganze Weh eines seit Jahrtausenden gemarterten Volkes lag darin, ein Schrei nach Erlösung. Eine unermeßliche Qual. Hermann Krone wurde es eigen zumute. Es war ihm, als weine der Künstler, oder schien es ihm nur so? Er kam sich auf einmal grenzenlos verlassen vor, nicht dorthin gehörig, und nicht dahin, und weiter schluchzte die Fiedel ihre uralte Trauermelodie. Das Spiel war aus. Durch den dunklen Abend ging der Herr Rat Hermann Krone langsam nach Hause. Die Erinnerung hatte ihn gepackt. Das Ghetto zwar hatte er nie kennen gelernt, aber sein Vater war, wenn auch kein außerordentlich frommer, so doch »in guter Jude gewesen. — Er schloß sich in seinem Zimmer ein. Tief versteckt in einer Lade des Schreibtisches lag der Talles und ein Siddur. Er schlug es auf. Meinem lieben Sohn zur Barmizwoh von seinem Vater Moritz Kohn. Eine rote Lohe der Scham stieg ihm in das Gesicht, als er

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