Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 11 (2.6.1927)
- Date
- 1927-06-02
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Masse, Legion Männer und Frauen, die sich unter dem Zeichen cer rasend gewordenen Technik dem Beruf beiden als Sklaven. Vir schauen die Arbeiterheere, Millionen an Millionen, die zähneknirschend dienen, die feindselig gegenüberstehen. d;e seelenlos, verbittert fronen dem Beruf. Für sie ist er zur Cestie geworden, die ihr Leben vernichtet. Ihnen bleibt nach des Tages Last keine Ra*t, da sie aufatmen können, sondern nur ein Ermüdungszustrand, wo Körper und Geist zu jeglicher Tätigkeit, auch >der de3 Erholen», uciäiiig sind. Die Bcrufsprublcmatik des Arbeitericbens steht aufler Frage. Man hat sich aber in den letzten Jahren gewöhnt, auch von einer Proietarisicrur.g der mittleren und höheren Schichten zu sprechen. Man meinte damit keineswegs etwa die Verarmung des Mittelstandes oder des unteren Beamtentums; denn es gibt zahllose, besonders künstlerische, Menschen, die nichts ihr eigen nennen, und doch viel mehr Aristokratisches än sich haben, als Prolctaricrhaftes. Es scheint vielmehr, als cb man von tiner Prcletarisie-rung eines Menschen oder einer Menschengruppe erst dann sprechen könne, wenn Beruf und Arbeitstag im Gegensatz stehen zu Berufung und Willen. Dann entsteht der unglückselige Typ des haltlosen, unzufriedenen, mit Welt und Leben zerfallenen Menschen. So sind, sei es das ganze Leben lang, sei es nur in einzelnen lichten und crkenntnijreicfccn Augenblicken, so sind w i a 11 c! Gestehen wir es uns doch ein: Wieviel unter uns Kaufleuten und Beamten, unter uns Acrzten und Juristen, unter uns 1 ..nisfrauen und Reisenden, wie viele gehen wirklich im Beruf so auf, daß sie tatsächlich die Erfüllung ihres Lebens finden, obtuj den teils bewußten, teils unbewußten Trieb in andere Sphären zu haben? Wie viele gibt es denn unter uns. die nach des Tages Qual nicht ihre Zuflucht nehmen, zu Musik, oder Literatur, zu Kunst oder Wissenschaft: zn anderen ( '.crn? Wie viele sind es denn, die nicht di-? Stunde des Uiersstschlusses herbeisehnen, damit sie sich „ihrer Familie Urnen" können, damit, sie „Mensch sein" können? Wie viele unter uns verkehren nicht den Sinn ihres Lebens, indem sie 7 .;n Inhalt ihres Lebensberufs nicht ihr Berufsleben, den Tag, den Arbeitstag machen, sondern die Macht, den Feierabend? i;s ist kiar. daß nur ein ganz kleiner, wohl nicht einmal der hunder! '.e Teil der im Leben stehenden Menschen sich iricht in die-er Bcrufsprublematik wundstößt. Da, wo der gleich nicht geschaffen -werden kann, wo auch der Wille! hlt. oder zermürbt ist, der imstande wäre, den seelischen i ituls quo ante aufrecht zu erhalten, da aber entsteht der Proletarier, der Mensch, der die überschüssige Liebeskraft. <.:e er dem Berufsleben nicht widmen kann, den Klassen- und I cidensgenos^en schenkt. Die Welt proietarisiert sich, die Menschen vcrproletarisicren sich, was ist zu tun? In einem jüngst erschienenen Buche.") das zusammen mit einem zweiten, noch zu nennenden, diese Betrachtungen anre;!e. gibt Anna Siemsen, Professor an der Universität Jena, die Artwort. S-c schreibt hier u. a.: „Wille zur Gesellschaft und Wille z:ir Erziehung erscheinen stets als unzertrennbar verbundene \S echselerscheinungcn derselben Bewegung. Der. Wille zur Gemeinschaitibildung schafft den erzieherischen Antrieb, und wo umgekehrt, dieser Antrieb vorbänden ist, ist auch Gemeinschattswille "da." Siemsen setzt also zu der einen Basti oder Voraussetzung des Berufes, die wir eingangs in der Erziehung erkannt haben, eine zweite hinzu, den Gemeinschaftswillen. Ursache, aber auch Folge der Institution des *) Dr. Anna Siemsen: Beruf und Erziehung. E. Laubsche Verlagsbuchhandlung, Berlin W 33. Berufes ist demnach Gesellschaft und Erziehung. Doch halfen wir hier einl Unser Berufsleben, wir haben es soeben erkannt, befindet-sich in krisenhaftem Zustand, Untere Erziehungsmethode und -praxis ist umstrittener denn je, hi uneinheitlich, befindet »ich im Stadium höchster Labilität, größter Unsicherheit. Was aber die Gesellschaft anbelangt, I» sehen wir auch hier ein Gebände, an dem die Zeit, besonders die letzte Zeit nicht spurlos vorüberging; et Bind nicht wir die Menschen der Jugendbewegung oder die Anhänger des Kommunismus, die in ihr nicht das Heil sehen. Und da darf es nicht wundernehmen, wenn die Sozialistin Sicm«en zu einer sozialistischen Lösung des Berufsproblems gelangt, Sie geht davon aus, daß die entseelte, entpersönlichte, entgeistigt« Arbeit fast jedes einzelnen, »ei er nun Arbeiter, Akademiker oder Kaufmann, eine conditio »ine qua non der heutigen Wirtschaftsordnung ist. Mit der zunehmenden Arbeit steilnng, Rationalisierung, Spezialisierung verliert der. einzelne den Uebcrblick über das Geschehen, den Zusammenhang mit der Gesamtheit durch sein Werk, das Interesse für seine Arbeit. Aendern läßt sich, nach Sienisen, das nur durch die Gesamtheit selbst, die ua. durch die Einbeziehung der Berufsausbildung ins Schulwesen eine größere Bewegungsmöglichkeit und Sach-, nicht nur Fach-, Kenntnis des einzelnen erreicht, die aber auch die Berufstätigkeit aus der Tiefe des nur animalischen Triebbefriedigungsbedürfnisses zum Ethos des Dienstes am Ganzen emporheben kann.; Aber es gibt noch einen anderen Weg, der die Lösung der Bcrufsproblcmatik bringen kann. Einer wächst auf als Sohn eines bauerlichen Handwerkers, erdnahe, triebhaft, unkompliziert. Das Werden und Wachsen der Großstadt, das »ich in seiner Gegenwart, in seinem Blickkreis vollzieht — der Aufstieg eines nahen Verwandten vom kleinen Tünchermeister zum großen und großzügigen Unternehmer — die Kultur der reichen Stadt, die ihn gelangen nimmt — das alles flößt ihm das Gift ein, das seine einfache Einsheit zeroricht. Auch er, Malergehilfe dem Berufe nach, Bauer der Herkunft nach und Arbeiter dem Stande nach, auch er kämpft den Proletarierkampf zwischen Berufsleben und Lcbensberuf. Aber er Verproletarisicrt nicht. Autodidakt, der er ist, erfüllt er sein ödes Hand-Werk mit Kopf-Werk. Durch die Kunstnähe seiner Arbeit prädestiniert, entwickelt er sich langsam, träge und schwer zum Geistesarbeiter, wirft endlich mit einem Satz die hemmende Hülle ab. und zum Lichte, der Sonne des Geistes, schwingt sich der Schmetterling empor! Diesen Weg zeichnet uns, wundervoll einfach und ergreifend zugleich, Karl Schelfler in seinem neuen autobiographischen Roman **). Doch bleibt uns die Frage: Ist dieser ■ Weg gangbar? Ist er, vor allen Dingen, für eine Vielheit von Menschen gangbar? Ist er für Menschen von heute gangbar?- Oder ist er nur der erfolggekrönte Weg eines einzelnen? . . . Wir können diese Fragen nicht beantworten. Vielleicht ist uns der Kampf in uns, der dauernde Kampf um unsere Berufsgestaltung und damit um unser Selbst auferlegt; vielleicht sind wir zu einem derartigen „Dualismus" verurteilt. Ab«r beschäftigen, ernst und offen, müssen wir uns mit dieser Problematik, der Problematik des Volkes ringsum. Denn hier heißt erkennen nicht nur verzeihen, wie im französischen Sprichwort, sondern hier ist erkennen auch helfen, lösen und erlösen! E. EL "*) Karl Scheffler: Der junge Tobias, eine Jugend und ihre Umwelt. Insel-Verlag, Leipzig. Landarbeit Jugend in Not Von Lehrer und Prediger Willy Jastrow, Forst (Lausitz). Bei jeder Jugendtagung hören wir das Lied von der Not , der Jugend in allen Tonarten singen. Was aber für die deutsche Jugend im allgemeinen gilt, trifft für unsere jüdische Jugend im besonderen in erhöhtem Maße zu. Hier haben wir eine doppelte Not zu verzeichnen: 1. die geistige Not und 2. die pekuniäre Not. Während die Jugend im allgemeinen stet» Anschluß und Unterstützung findet, ist unsere jüdische Jugend in den kleinen Gemeinden und auch in einzelnen Großgemeinden auf sich selbst angewiesen. Ihr fehlt jede Verbindung mit dem Judentum, weil sie weder in der Gemeinde noch im Hause wahres Judentum vor sich sieht Wie kann sich jemand für eine Sache begeistern, die er nicht kennt, oder für einen Glauben tintreten, der ihm in allem fremd ist. Es ist -leider, um mit unserem Dichterfürsten zu reden, der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären. Die Nachlässigkeit der vorangegangenen Generation, die trüben Schatten der Kriegs- und Inflationszeit rächen »ich bitter an unterer Jugend. Und hier ist es, wo jeder, der dazu berufen ist, den Hebel ansetzen muß, um eine Besserung herbeizuführen. Wir haben vor allem dafür zu sorgen, daß überall, auch in dem entlegensten Winkel, Jugendvereine auf vollkommen neutraler Grundlage ins Leben gerufen werden. In diesen Jugeadvercinen