Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 11 (2.6.1927)
- Date
- 1927-06-02
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Walter Rathenau (Zu seinem Tode: Ans: „An Deutschlands Jugend" (1918). „Mit Euch, Deutschland« Jugend, will ich reden. Den Genossen meines Alters habe ich nicht mehr viel zu sagen. Mein Herz habe ich vor Ihnen-ausgeschüttet, mein Glauben und Schauen, Vertrauen tind Sorgen ihnen vor die Seelen gehalten. Viele haben meine Schritten gelesen, dre Gelehrten, um sie zu belächeln, die Praktiker, um «ie zu verspottep. die Interessenten, um sich zu entrüsten .und -sich ihrer eigenen Güte und Tugend zu erfreuen. Wenn warme Stimmen zu mir drangen, so kamen sie von Einsamen, von Jugend, und von denen, die nicht altern und nicht sterben. Von den Alten habe ich nichts gewollt als Mitdenken und Mitsorgen, Prüfung, Besinnung. Nichts andere! will ich von Euch. Prüft meine Worte an Euren Gedanken, in Euren Herzen; seid auf Eurer Hut, verwerft, was Euch nicht innerlich erg.eiit,^ die verbohrte Meinung, den bestechenden Einfall. stage am 22. Juni.) Nicht ein Führer unter Euch vermesse ich mich zu sein, nicht ein Berater, ich will mit Euch erörtern und erwägen. Auch huldige ich Euch nicht; Ihr seid ein neues Geschlecht, kein anderes Volk als Eure Väter, Ihr seid Ihnen ähnlicher, als Ihr meint. Ihr seid eine Hoffnung; auch wir sind ein« Hoffnung gewesen und .Iteirte Erfüllung geworden, obgleich es manche unter uns gab, die den Weg sahen und wiesen..... Auch dafür, daß Ihr ungebrochen und stark, voll Anspruch und ohne Zweifel seid, huldige ich Euch nicht. In zwanzig »Jahren sind Eure Verwegensten alt, enttäuscht und philisterhaft, nicht um des Großen, sondern um des Kleinen willen, und es wird viel sein, wenn abermals dereinsf^einige aufstehen, weil sie ihr Herz' warm erhalten haben, um zaghaft und überwältigt zu Euren Kindern zu reden..... Ihr werdet das Reich betreten, das uns verwehrt ist, auf Euch liegt die Verantwortung und die letzte Entscheidung." Grundgedanken des Judentums*) Jeder große Gedanke wacht immer wieder auf, der geniale Gedanke wird immer wieder geboren. Jedes Genie sagt mehr, als es sagen will. Entwickking ist in Wahrheit das ewige ünterwegssein des Problems. Es besteht in geistiger ur.d ethischer Hinsicht kein Gegensatz zwischen dem Judentum vor dem babylonischen Exil und dem nach der babylonischen Verbannen'. Die Bibel ist ein „unvollendetes Buch der vielen Probleme und der wenigen Lösungen". Sie ist „die Fülle der Bruchstücke der großen Komposition". Die Idee der Einheit ist der bestimmende Gedanke der Bibel. Das will sagen, daß n eines gibt, was das Notwendige ist, was gut ist, was der L.\;e von üir fordert; da ist die, Oifenbarurig des einen Gottes. Das Wissen u<n die Einheit hat sich erschlossen aus dem sittlichen Bewußtsein, daß es> nur das eine, das Gute gibt. L'rid weil der eine Gott das eine; das Gebot vom Menschen fordert, darum soll der Mensch als einer -seinem Gotte gegenüberstehen, ganz sollst du sein (fordert die Bibel). So steht auch gleich hinler dem Satz: „Höre, Israel, der Ewige, •dein Gott, der Ewige ist einzig." . . . „Du sollst lieben , mit deinem Janzen^Hcrzen, mit deiner g a n z e n.Seele, mit deiner ganzen Kraft." Diese Idee der Einheit ist die bestimmende im Judentum. Der Monotheismus ist die tragende Lehre. Gott steht im Mittelpunkt ven allen. Dagegen stehen die vielen Götter,. die vielen Moralen im Gegensatz zum Judentum, das keinen Polytheismus der Sittlichkeit kennt. Darum haben auch'die jüdischen. Propheten gegen nichts so gekämpft wie gegen die „doppelte Moral". Denn diese doppelte Moral ist für das Judentum der eigentliche Götzendienst. Das Judentum kennt auch nicht die doppelte Moi»al von Herr und Knecht, von Sieger und Besiegten. In der Weltgeschichte haben die Sieger die Gesetze geschrieben. Sie haben auch Gesetze schreiben lassen. Denn sie wollten auch vor der Zukunft als Gerechte dastehen. Nur einmal ist Gesetz gegeben worden von den Besiegten. Darum hat dies Gesetz sagen können, was wahrhaftes Recht ist; dies hat für den Sieger ebenso recht wie für den Besiegten. _ i Revolutionär ist alles, was ein neues Prinzip in* die Welt hineinstellt. Das Gute ist in Israel dieses Revolutionäre, dieses Kategorische, dieses: Du sollst, dieses: Du sollst nicht! . . . Für den Menschen der Bibel lebt alles, i s t alles. Wenn der Mensch sündigt, dann trauert die Erde. Auch ist neben den Menschen das Tier, gestellt. („Mensch und Tier hilfst Du, o Gott! Dein Tier soll ruhen wie Du am Sabbatf") Die Worte der Propheten sind zwar an ihr Volk gerichtet, aber sie sprechen zur Menschheit, die Gottes ist. Der Gedanke der Menschheit ist der große Gedanke der BibeL Dem Unglücklichen soll die Liebe des Menschen zuerst sich zuwenden. Das Schicksal der Menschheit war immer das Israels und das Israels das der Menschheit Du und dein Nächster, du und dein Bruder, das ist die Einheit in der Einheit. Wer statt des Menschen die Menschheit sucht, wird sie nie finden. Die *) Auszug aus einem Vortrag von Rabbiner Dr. Baeck in einer Vortragsreihe des C. V. in Hannover. Menschheit können' wir denken, aber nicht finden. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, du und er, das ist die Einheit. Der Gedanke der Schuldigkeit, des Verpflichletieins ift beherrschrnd. Wer dem Armen nicht hilft, der hat den Armen beraubt. Wcf nicht hilft, gleicht dem, der raubt. Luther hat aus dogmatischen Gründen übersetzt: „Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs." Wir Juden lesen: „Der' Gerechte kennjt die Seele seines Tieres." (So also ist auch das Tier mit in die Einheit eingeschlossen.) So ist auch das Verhältnis zum Fremdling. Auch er gehört dieser Einheit an. Selbst die Natur, auch der Baum ist etwas Lebendige*. Schöpfung ist auch das, was wir Menschen Geschichte nennen, nämlich, daß ein: Generation nach der anderen über die Erde geht. Damit sind die Ereignisse zusammengefügt. Denn im Grunde genommen gewinnt nur Sinn und Bedeutung, was zur Einheit zusammengefügt ist. „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre . . ." das lehrt das Lebendige der Einheit. So hat Israel zum ersten Male wahrhaft die Menschheit Geschichte gelehrt. Die beiden größten Denker Israels im Mittelalter, Jchuda Halewi und Moses ben Maimon, haben vom Islam und Christentum gesagt, sie hätten ihre Berechtigung, weil sie sich diesem Gedanken der Einheit einfügen. Das eigentlich Treibende in der jüdischen Geschichte ist eben der Gedanke: ein Gott, ein Gebot, eine Schöpfung, eine Menschheit, mit einem Worte: Einheit von Ich und Du, E i n heit der Geschichte. Aus all dem ergibt sich aber auch die Einheit des Menschen. Jeder Mensch ist eine Einheit, ist eine Schöpfung für sich, ist eine Welt für sich. „Wer einen Menschen zerstört, zerstört eine Welt" (Talmud). Jeder Mensch trägt ein Gepräge, mit dem Gott nur i h n geprägt hat. Jeder Mensch ist eine Welt für sich, und jeder sollte es wissen, daß er als eine Welt, als eine Schöpfung Gott gegenübersteht. Es ist das Große des Judentums, daß es den Menschen s o vor "Gott hinstellt. „Alles ist in Gottes Hand, nur nicht die Gottesfurcht" (Talmud). Du sollst schaffen, du sollst leben, du sollst das Leben wählen. Jedes Werk der Gerechtigkeit, das der Mensch vollbringt, schafft den Platz Gottes auf Erden. Ein Midrasch sagt, wenn der Frevel auf Erden sich ausdehnt, wird Gott gleichsam von der Erde verdrängt, und wenn das Gute sich mehrt, wächst das Reich Gottes. Der Mensch schafft das Reich Gottes auf Erden. I Hierin vollendet sich die Idee der Einheit. Wenn der Mensch den Nächsten erkennt, hat er Einheit geschaffen. Und die Zeit wird erfüllet sein, wenn alle Menschen Einheit s o schaffen und der Ewige Einer ist und sein Name der Eine. — Das sind die Grundgedanken des Judentums, wie sie sich aus der Einheit ergeben. Ein Volk verliert sich, wenn sein Problem an "die Außenränder gedrängt wird, ein Volk wird wieder geboren, wenn «ein Problem in ihm wieder lebendig wird, so, daß seine Menschen wieder mit ihm ringen. Die Gemeinde des Judentums hat ihr Problem. Durch ihr Problem hat «ie Assyrien, Aegypten, Babylon, Griechenland, Rom und all die