Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 9 (5.5.1927)
- Date
- 1927-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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Wandern und Sport Bitte Die Zeit der Leichtathletik ist herangekommen. Viele unterer jüdischen Sportsleute sind nicht in der Lage, einem jüdischen Turn- und Spätrerem beizutreten. Zum (»roßten Teil aber hegen .sie den Wunsch, auch an speziell jüdischen Sportveranstaltungen terizunchmen. Wir bitten deshalb alle jüdischen Spottvereire. Sportgruppen usw.. uns ihre Veranstaltungen und Ausschreibungen rechtzeitig mitzuteilen, damit unsere »porttreibenden VerbanJsfrcundc wenigstens auf diesem Wege über geplante Veranstaltungen Kenntnis erhalten und . ihre Meldungen rechtzeitig abgeben können. Zuschriften erbitten wir an Ktjich de jönge; Hamborn am Rhein, Kaiscr-Friedrich- S'.raOe 30." -# J , Wandern oder Spazierengehen? ,,Wandern/w;r dieses .1.--Kr wieder?" „Aber selbstverständlich werden wir wandern!" . " In jedem Jahre beginnt mit diesen V/orten ein Dialog. Automatisch mit dem ersten Grün wird diese Frage gestellt. Immer wieder wird die Frage gestellt, ob wir wandern. Ich erlaube mir a«i diesem „Wandern" zu zweifeln, da ich unter Wanderung eben keinen Vereinsausflug mit vierzig Personen im Schneckentempo verstehe. Der eine kommt in Knickerbokern und Stehkragen, der andere kniefrei und im Schillerbcmd. Dieser will einkehren, jener will abkochen. Las pafl! natürlich nicht zusammen. Iis mag daran liefen, daß in einem neiuralen Verband sehr verschieden geartete Menschen "zusammenkommen, was bei einem Disku sionsabend nur zu begrüßen ist, bei einer Wanderung aber stört. .lugend, die noch eins Romantik in sich fühlt, will wandern im Sii..ie der Jugendbewegung. Will auf der Wanderung, den Zwang und die Formen des Milieus abwerfen — sucht Neue* — sucht Gemeinschaft! Es sind im J.igendverein aber auch andere — Aeltcrc und Alte. Auch sie wollen wandern. Aber sie vergessen, daß Jugend unter sich bleiben will, daß sie mit ihrer Anwesenheit einen, wenn aucii itngcwo:lten Zwang auf die Jugend autüben, eben den Zwang, der sonst abgew orfen wird w ie ein schmutziges Hemd,- | Diese Grü-de waren "in Chemritz maßgebend, daß man das Wandern aufgab und jetzt Ausflüge macht, wahrend einzelne Gruppen und speziell die Jugendgruppe weiter wandern. W:r wandern am besten in Gruppen von 10 bis 15 Personen, die sich gegenseitig kennen .und verstehen. Wir nehmen zu jeder Wanderung den Ball mit und unterwegs wird feste Sport getrieben. Da würde mancher Junge staunen, wenn er sehen . würde, v. ie unsere Mädels Völkerball spielen. Kochen wir noch a;f der Rast ab, dann wird es vielen erst klar, was Gemeinschaftsgefühl bedeutet, besonders, wenn die Haferflocken angebrannt sind. Abcrds;geh: e; mit Sang und Klang der Heimat in, und dis nächste Mal sind alle vollzählig und pünktlich wieder zur Stc'le. > Jugend, wandere! Seilow Seligmann. Chemnitz. Wir' knien. da3 der Artikel unseres Jungen' Verband«, fremdes eine kleir.e Aufmunterung für unsere Wandergruppen sei:i -svirj. DieSchriltleitung. ' Körper und Seele, Sport und Ethik Von Rabbiner Dr. S. G a 1 1 i n e r , Gclsenkirchen. ■* Der Talmud hat uns ein Gespräch überliefert, das der Kaiser Antoninus mit seinem Freunde, dem yielgcfeierten Patriarchen R. "Jehuda über das Verhältnis vofi Körper und Seele geführt habe. Anlonir.us sagte: Wenn der Mensch dereinst sich vor Gott verantworten solU so wäre es möglich, daß Körper und Seele sich beide von aller Verantwortlichkeit für ihr Tun und Lassen befreien könnten. Denn wollfe man dem Körper'die Schuld an der Sünde beimessen, so läge die Entgegnung nahe: Der Körper kann nicht schuld sein; denn er ist im Tode derselbe geblieben? und nun liegt er da kalt und starr wie der Stein. Nicht im Körper, so meinte Antoninus, kann sonach der Ursprung des Bösen liegen. Aber auch von der Seele kann die Sünde nicht ausgehen, da sie rein und ohne Makel ist, sobald sie die Fessel des leiblichen Daseins von sich geworfen s'usd zu den Höhen sich aufgeschwungen hat. „Wo also", so Irtagte der Kaiser den Patriarchen, „liegt der trübe Quell der Sünde, da Körper und Geist, wenn ihre Trennung durch den Tod erfolgt ist, trotz ihrer Gegensätzlichkeit sich darin gleichen, daß 'sie nicht sündigen können." Die Antwort, die der Patriarch dem Kaiser gegeben hat, ist in die Form einet Gleichnisses gekleidet: „Denke dir, so sprach R. Jehuda, ein Herr habe einen Garten, in dem herrliche Fruchtbäume blühen. In diesem Garten ließ er zwei seiner Diener wohnen. Der eine war lahm, der andere war blind. Die Diener durften die niedrig wachsenden Früchte genießen und an dem Duft der höher blühenden sich laben, die der Blinde nicht sah und zu denen der Lahme nicht hinaufreichen konnte. Da sprach der Lahme zum Blinden: „Ich will auf deine Schulter steigen und die prächtige FVuchl pflücken, daß sie uns labe." So wurde der Garten seine i Schmuckes entkleidet, und als der Herr wiederkam, da frag'.« er unwillig nach der Ursache des Schadens. Der Blinde sagte: „Habe ich denn Augen, daß ich die Frucht hätte sehen können?" Der Lahme meinte: „Bin ich denn grad gewachsen, daß ich hätte hinaufreichen können"? „Nun wohl," so erklärte der Herr, „daran erkenne ich, daß ihr zusammen das Böse verübt habt". Was Ka.iser Antoninus sagt, daß Seele und Körper die Verantwortlichkeit für die Sünde von sich weisen, das ist der Prozeß,.der täglich in uns sich' vollzieht. Wie oft hören wir diese Rede, wenn es gilt, sjch vor den Menschen und vor sich selbst zu entlasten. „Aber," so sagt R. Jehuda, „Körper ur.d Seele sind ein Ganzes, sie lassen sich, so lange der Mensch lebt, gar nicht trennen. Die Seele kann nicht wirken, ohne daß sie die Glieder des Körpers zu Hilfe rufe; überall wo wir seelisches Leben wahrnehmen, nehmen wir auch körperliches Leben wahr und umgekehrt. Lehrt uns doch die tagliche Er-' fahrung, daß jede Schädigung unseres Leibes mittelbar auch Nachteile für unseren Geist herbeiführt, und daß wiederum alles, was den Geist und das Gemüt erfrischt, dem Körper Frische und Schwung verleiht. So ist' auch für unser moralisches Leben diese Wechselwirkung vorhanden, und wenn das Gewissen spricht: Du bist schuldig, so zittern Körper und Seele. Die Religion des Judentums verlangt von uns, daß wir auch dem Sinnlichen einen geistigen Hintergrund geben. „Ihr sollt euch freuen vor dem fiwigen, eurem Gotte". Wenn «wir den Gaumen befriedigen an Speise und Trank, so wird die Freude, so lange sie auf diesem Punkte stehen bleibt, eine sinnlich rohe sein. Sobald wir aber beim Genüsse daran denken, daß- Gott uns die Nahrung gespendet hat, und der Dank an den Allgütigen uns über die Lippen strömt, so gewinnt die Freude ein sittliches Gepräge. Oder wenn wir im Erühling oder Herbst über die Fluren wandern und unser Blick an der erwachenden oder scheidenden Natur ergriffen hängt und wir bei den herrlichen Gebilden der Natur und bei den Schöpfungen des Menschengeistes nicht des höchsten Bildners und Schöpfers vergessen, der dem Künstler Geist und der Natur Leben eingehaucht hat, dann haben wir wahre H-T^ensfreude empfunden. So begreifen wir. daß Körper und Gei . ein Ganze, sind, dj'.l zwischen der Pflege des K"örpers und c;r dei Geistes enje Wechselbeziehungen bestehen müssen. Das moderne Leben scheint seinem ginzen Wesen nach mehr auf d-.s Materielle, auf das Körperliche, auf das Sinnliche, als auf das Geistige gerichtet zu sein. Das Motorcnproblem und die Hanf'clsjonrtage, Modenschau, Rennbahn und Boxkämpfe regieren den Tag und die Seele. Das Körperliche ist in seinem Wert gestiegen, das Geistige gesunken. Die Zeitungsberichte hallen von Namen derer wieder, die bei irgendeinem körperlichen Sport siegten. Ringkämpfer und Boxer werden wie Fürsten' bezahlt, während junge Gelehrte oft darben. Zuweilen möchte man glauben, daß die Geistigkeit entthront und das Fleisch auf den Altar erhoben ist. „Auch in der Sünde ist Kcdusche!" sagt der Held des Anzischen Dibbuk. Auch in der Sünde ist Heiligkeit. So liegt zum Beispiel in dem Laubhüttenfest, das zwar ein sündiges Fest ist, aberein Fest der schweren, berauschenden Düfte, ein Feiertag der irdischen Sinne genannt werden kann, ein hoher Grad von Heiligkeit. So hat auch der Sport, die Körperpflege, wenn sie nicht zum Selbstzweck wird, hohen ethischen Wert. Noch halb vor der Pforte der Geistigkeit stehen die im Körpergefühl Aufgehenden. Das rein Naturhafte ist in ihnen noch sehr stark. Der junge Sportsmann ist am wenigsten geistig. Sein Kraftmeiertum verschmäht alles Zartere. Aber was er erlebt, gehört deutlich verschiedenen anderen Wertgebieten an. Es — 10 —