Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 9 (5.5.1927)
- Date
- 1927-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Ich will nun versuchen, auf diesem Wege meine Gedanken über das Problem deT Jugendbewegung im allgemeinen und für uns Juden, insbesondere den Führern zugä-ngig zu machen, in der Hoffnung, daß auf diesem Wege ein recht lebhafter Gedankenaustausch über dieses Gebiet zustande kommen wird. Jugendbewegung, nicht Jugendpflege, hat ihren Ursprung stets in der Jugend selbst, Jugend im Aller von 12 bis 15 bis 17 Jahren. Aus den verschiedensten Griiuden schließt sich diese Jugend zusammen, sei es aus familiären Gründen, daß die Jugend glaubt, bei den Litern niciit das erforderliche Verständnis und Forderung zu finden. Sei es, daß es nur der Drang ist. mit Gleichaltrigen zusammen zu sein. Doch immer wird sie ihren Ursprung in der Jugend selbst haben. Was sind nun die Gedanken der Jugend, diu sich auf diese Weise zusammenschließt? Was ist nun die Aufgabe der Führer, mögen sie .aus der Jugend selbst hervorgegangen sein, oder möge sich ein Aellcrer, der vielleicht vor Jahren in 'der Jugendbewegung stak, zur Verfügung stellen? Vielfach die Gedanken der Jugend, sehr oft nur auf das Spielerische ausgehend, ist es die dankbare, doch schwere Aufgabe der Führenden, hier den richtigen Weg zu finden. Denn erst, wenn die Gedanken der Jugerd auf das Praktische gelenkt werden, auf die Aufgaben, die den Körper und Geist für den schweren Kampf des Lebens stählen und kräftigen, dürfte das Ziel, das sich die Jugend im Nebel vorstellt, erreicht werden. Deshalb ist es vor allem Aufgabe der Führenden, sich mit .-.Den Erfordernissen auf das. engste vertu* t zu'machen. V ielfach dürfte es ja der Fall sVin, daß der Führer selbst aus der Jugendbewegung hervorgegangen ist, so daß er im aligemeinen mit dem Problem einigermallen vertraut ist. Doch dürfte e« immerhin auch eine Reihe von Führern geben, die sich aus reinem Idealismus der Sache zur Verfügung stellen und nach ihrem Guidünken das Problem zu lösen suchen. Der eine macht nur Wanderungen, der andere beschränkt seine Tätigkeit auf das Heim, woselbst er nur dem Einseiligen seiner Gedanken folgt, der dritte hat «I» Steckenpferd den Sport erwählt und führt die ihm zur Führung Anvertrauten Sonntag für Sonntag auf die Aschenbahn. Es ist dies eine sehr große Gefahr nicht nur für die Jugend, sondern auch für den Führer selbst. Er wird selbst noch einseitiger, wie er schon ist, denn er lernt immer mit den Lernenden. Sollte der Führer^selbst für seine Person nicht in der Lage sein oder Fuch nicht fällig, so ist es im Interesse der Jugend, deren Führer er sein will, daß er sich eir.en Kameraden dazu nimmt, der die Fähigkeiten beherrscht, die ihm selbst fehlen. Was für einen Zweck das Wandern erfüllt, dürfte wohl den meisten klar sein. Ich für meine Person betrachte die Fahrten als das denkbar beste Erziehungsmittel, wenn sie eben nicht zu Gewai.tlei ,tu;.'gen gestempelt v erden. Eine gemütliche Fahrt von' höchstens vier Stunden reine Marschleistung, dagegen längeres Lagern, die Jugend auf die kleinsten Einzelheiten in der Natur aufmerksam .machen, die Jugend anzuhalten, selb-.t beobachten und Fragen «teilen, das ist das, was ich als die richtige Fahrt betrachte. Und ein kleines Beispiel: Ei kommt ein Mensch, der irgendwie mit sich unzufrieden rnd dech ein weiches Gemüt hat, so von ungefähr in einen Wald, einen ernsten, stillen Hochwald, kailm von Menschen-» hand "'berührt; Kirchenstille, nur durch den Gesang der Vögel unterbrochen. Ob da der Mensch, der mit Gott und sich unzufrieden, nicht die Allmacht der Natur empfindet und wieder der fromme, nicht äußerlich, mit sich und den anderen zufrieden wird? Die Jugend für diese Eindrücke empfänglich zu machen, betricliie ich als Hauptzweck der Fahrten. Aber noch etwas anderes. Haben Sie schon einmal so einen Jungtrupp draußen beobachtet? Beim Lagern, beim Abkochen, beim Spiel? Haben Sie schon beobachtet, wie sich der Stärkere dem Schwächeren, der Größere dem Kleineren gegenüber benimmt? Meistens nicht so, wie es sein soll. Und auch hier liegt eine Hauptaufgabe der Führer, die Jugend zu führen, daß sich eine Kameradschaft bildet, die jederzeit den einzelnen bereit findet, für die Allgemeinheit einzutreten. Aber nicht nur, wenn die Kameradschaft einen Ausflug unternimmt oder sonst in der Gesamtheit beisammen ist, sondern auch, wenn der einzelne dem anderen in einer Lage begegnet, wo er Hilfe in irgendwelcher Form gebrauchen kann. Möge es der Schwächere dem Stärkeren gegenüber oder umgekehrt der Fall sein. Ich habe bei einer Werbefeier für meine Jugendgruppen den Leitsatz aufgestellt: Ich will die Jungens erziehen zu einer Kameradschaft, welche die Grundlage bilden soll für •int Freundschaft; für eine Freundschaft, die das Lebe« aushalten soll Im Guten wie im Bösen. Dieses Ziel habe ich für mich aufgestellt. Es. dürft» wohl auch, bei den meisten nicht zu erreichen sein. Wenn aber auch nur ein Teil den Plänen der Führer gerecht wird, ja auch nur zum Teil gerecht wird, so wird der Führer mit seiner Arbeit zufrieden sein können, ohne jedoch in seinem Eifer nachlassen zu dürfen. Und gerade auf Fahrten ist die größte Möglichkeit vorhanden für den kameradschaftlichen Zusammenschluß. Und je länger" eine Fahrt, dauert, um so größer und inniger wird er auch werden. Das Wandern darf aber nicht das Privileg unserer Jugendgruppen werden. Warum arbeitet der Reichsbund* jüdischer Frontsoldaten sehr auf Gründung von Sportgruppen? Nur au» dem einfachen Grund. Draußen im Feld waren die Juden zum größten Teil die weniger Gewandten, obwohl sie auf dem Posten, wo sie standen, auch ihre Pflicht taten. Und heute, wo es sehr oft der Fall ist, und auch immer sein wird, daß der Jude mit der Faust seinen Posten im Leben und sein« Meinung vertreten muß» ist es erforderlich, daß wir uns auch körperlich ausbilden. Die Aelteren werden wohl sagen, es geht auch so; aber es geht eben nicht mehr so. Heute muß auch der junge Jude wehrhaft und beheiide sein. In vielen Orten dürfte ja die Bildung von reinjüdischen Sportvereinen nicht erforderlich sein, da die vorhandenen Sportvereine auf religio» neutralem Boden stehen und die Juden immer willkommen sein werden. Denn das haben die anderen auch schon gemerkt, daß auch der Jude ein guter Kamerad.jsein kann. Ist es aber erforderlich und durch die lokalen Verhältnis»« bedingt, einen jüdischen Sportverein zu bilden, so betrachte ich e» als ein« Hauptpflicht der Führer, die seiner Erziehung Anvertrauten zu veranlassen, geschlossen ihren Eintritt zu erklären, noch besser, wenn er selbst seinen Beitritt erklärt, um auch htec die Jugend unter,seinen Augen zu haben. Sind keine jüdischen Sportvereine erforderlich, so ist die Jugend dafür; anzuhalten, in die neutralen Sportvereine einzutreten; daneben initrachte ich es aber als Pflicht des Führers, auch unter sich sportliche Veranstaltungen und Wettkämpfe abzuhalten. In erster Linie dafür zu sorgen, daß das Training in den Sportvereinen nach Möglichkeit unterstützt wird. Dies geschieht am besten auf die Weise, daß man an Sonntagen, die nicht durch eine Fahrt in Anspruch genommen sind, die Jugend in der Nähe des Wohnsitzes sportlich betätigt. Oder auch läßt sich mit einer kleinen Fahrt ganz gut einige Stunden sportliches Training vereinigen, so daß im großen ganzen immer Abwechslung vorhanden ist. Und je mehr Abwechslung vorhanden ist* um so größer is.t die Anhänglichkeit der einzelnen an die Jugendorganisation. Als dritte Aufgabe der jüdischen Jugendbewegung ist die Tätigkeit anf religiös-populärem Gebiet, wie auch auf sonstigem Allgemeinwissen. Auch dfeses Gebiet ist sehr umfangreich, und dürfte es unter Ümständen den Führern nicht immer möglich sein, die Aufgabe voll und ganz zu erfüllen. Da ist es seine Sache, sich zu seiner Unterstützung befähigte Jugendliche heranzuziehen oder auch sich durch den Jugendverein die erforderliche Kraft zur Verfügung stellen zu lassen. Letzleres dürfte aber nur in den seltensten Fällen eintreten, denn der Führer verliert dadurch den geistigen Kontakt mit den Geführten und kann mit der Zeit auch zu einer Krisis führen, welche für die einzelnen Gruppen von den denkbar schwersten Folgen sein können. Es ist deshalb nach meiner Auffassung mit das Wichtigste, daß der Führer auch die theoretische Führung übernehmen kann und in der Lage ist, auf allen Gebieten, die für die Jugend in Betracht kommen können, die nötigen Kenntnisse hat, um sich irgendwie zu helfen. Es soll damit nicht gesagt sein, daß er alle Gebiete wie ein Gelehrter beherrschen muß, nein, er soll ruhig sein Buch zur Hand nehmen, der Jugend daraus vorlesen und dann, die Jugend fragen, was ihr unverständlich ist. Er wird schon befähigt sein, diese Aufgabe zu erledigen, denn wenn dies nicht der Fall wäre, so würde er auch nicht als Führer einer Jugendorganisation tätig sein können. Und wenn er mal nichts wissen sollte, nach dem die jugendlichen Zuhörer fragten, so »oll er nicht durch irgendeinen Ausweg die Gemüter verwirren, sondern den Mut aufbringen und sagen: „Ich weiß es nicht, aber ich werde versuchen, mich zu unterrichten." Aber dann nicht damit sein Bewenden lassen," sondern auch das tun, was "man versprochen hat, denn die Jugend hat für derlei Sachen ein geradezu bewundernswertes Gedächtnis. Und erhält sie nicht die verlangte Aufklärung und wiederholt sich ein derartiger Vorfall unter Umständen des öfteren, dann ist sicher fnj Uchmcn, daß dem Führer das Vertrauen verloren gehtr y