Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 9 (5.5.1927)
- Date
- 1927-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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industriellen Wiederaufbaue« entwickelt. Die jüdische Siedlung werde in Zukunft roch weiter ausgebaut werden. E« bestehe jedenfalls der Plan, in den nächsten Jahren S2 000 jüdische Familienanzusiedeln. De indische Landwirtschaft in, Rußland sei i»"sich keine Neuer-. Heinung, da d>e Sicdlur ^bewegung bereits zu Zeiten der fcari tischen Regierung eingesetzt habe. Nach anfänglicher Förderung hätten jedoch neue Rechtsbeschränkungen der Bowegirr Kinhalt geboten. Immerhin gingen im Laufe des 19, Jahrhunderts etwa 2<hI0UO Juden zur landwirtschaftlichen Beschädigung über. Einen planmäßigen Charakter erhielt die jßdische Siedlungsarbeit erst Anfang 1925, als die Förderung dieser Bewegung als "allgemeine staatliche Aufgabe erkannt wurde und durch das Bodenreglement' Veränderungen hereingetragen wurden, nach denen, die Juden bei der Bodenverteilung den nichtjüdischen Bauern gleichgestellt wurden. Im Verlaufe \on 2'-• Jahren entstanden 170 neue jüdische Siedlungen. In diesem Zeitabschnitt wurden über 200 000 Hektar Boden für die Ansiedlung von 12'000 Familien bereit gestellt, und 6740 Familien in der Süd-Ukraine, 1873 Familien in der nördlichen Krim, 1877 Familien in Weißrußland und 103 Familie« im nördlichen Kaukasus angesiedelt. Die Siedlungsarbeit wurd« durch Hilfe, die hier die Sowjet-Regierung leistete, vor allem aber auch durch die Unterslützungsaktion des amerikanischen Joint des ,.Ortr."-Verbandes und der Ica ermöglicht. Die bisherigen Ergebnisse sind befriedigend, zum Teil sogar über Erwarten gut. So wairen z. B. die Ernteergebnisse in den jüdischen Kolonien bei Odessa 1926 um 20 Prozent höher als in den russischen." Die hohe Qualität des jüdischen Weizens in der südlichen Ukraine ermöglichte den jüdischen Kolonisten, der. höchst«! Preis zu erzielen. Zu den nichtjüdischen Bauern besteht ein freundschaftliches Verhältnis, das dem Antisemitismus den Boden immer" mehr entzieht. Wie der Vortragende immer wieder betonte, seien die stellenweise aufgetauchten Behauptungen, als seien die Juden bei der Bodenverteilung besonders günstig berücksichtigt worden, nicht den Titsachen entsprechend, da die Juden bisher noch nicht so viel Land erhalten hätten, als ihnen im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl zustände. Neue Bücher Besprochen von Dr. Hugo Hahn, Essen. Vom Leben getötet. (Verlagsbuchhandlung Herder &. Co., V_ Freiburg i. Br.) t vis! bedauerlich, daß man aus diesem Buch eine Sensation gemacht hat. Wer es nur liest, um seine Neugierde zu befriedigen, g*ht an seinem eigentlichen Wert vorüber. Im Grunde genommen i;t es gleichgültig, ob diese Tagebuchblättcp von dem Mädchen, dessen Schicksal sich hier offenbart, selbst gc- •*\hrieben, "'-r von dessen Mutter, oder gar von einem Dritten zusammengestellt sind. Ausschlaggebend ist vielmehr, daß die innere Wahrheit dieses Buches kaum angezweifelt werden kann. Ein Menschenleben k a n n in unserer Zeit so zugrunde gerichtet werden, wie es in diesen Blättern geschildert wird. Dies schonungslos festgestellt zu haben, ist das unbestreitbare Verdienst dieses vielumstrittenen Buches. Daß es diese Möglichkeit gibt, ist beschämend und empörend zugleich. Ein Mädchen aus achtbarer Handwerkerfamilie läßt sich durch eine Jugendfreundin überreden, mit ihr nach Berlin zu fliehen. Nach ihrer Rückkurft in die kle'lnstädlische Heimat glaubt sich die Sittenpolizei berechtigt, sie der gewerbsmäßigen Unzucht zu bezichtigen. Die Untersuchung, die sie auf dem Polizeirevier über sich ergehen lassen muß, die Nachstellungen, .d e sie von den Männern zu erdulden hat, die Klatschsucht der Nachbarn, denen ihr einwandfreies Vernaltcq einen willkommenen Gesprächsstoff gibt, zermürben ihre leid angelegte Se-Ie. Durch einen jungen Kaufmann, der sich um ihre Hand bewirbt, lernt sie einige Straßenmädchen kennen, die sie aus Mitleid bei sich schlafen ttßl, ohne .-ich der Gefährlichkeit dieJer Gastfreundschaft bewußt zu sein. Im Krankenhaus glaubt man ihr nicht, daß sie sich durch den Umgang mit diesen Mädchen jene Krankheit zugezogen hat, an deren falschen Behandlung sie dann, unausgesöhnt mit der Welt und ihrem Schicksal, stirbt. Wenn der Verlag in einem Vorwort mitteilt, daß auf Grund dieses Buches bereits eine Revision der behördlichen Behandlung solcher „Fälle" in die Wege geleitet sei, so ist das ja recht begrüßenswert. Aber das Uebcl sitzt tiefer. Die ganze Frage der sogenannten sexuellen Erziehung ist durch dieses Buch, das niemand ohne tiefste innere Erschütterung aus der 'Hand legen kann, von neuem aufgerollt und zur Diskussion gestellt. . Vi. ..* ' '• ' Gustav Frenssen: Otto Babendick. (G. Grotesche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1926.) Der autobiographische Roman Gustav Frer.ssens sollte auch in unseren Reihen viele Leser finden. Manchen wird zwar die Dicke dieses Buches (1291 Seiten!) zunächst abschrecken. Aber die langsame, breit ausmalende Darstellung dieser Lebcnsgtschichte entspricht durchaus der Art der Menschen von d » ''Wasserkante, die dies Buch füllen. Es sind prächtige Gestalten, wahr in ihren Lastern wie'in ihrem hilfsbereiten Wesen. Es sind Typen von einer Originalität und Geschlossenheit unter diesen Strarulbewohnern, die nun nicht so schnell vergessen wird. So schwer wie der wolkige Himmel und so unberechenr wie das Meer, die den Hintergrund dieser Autobiographie n. sind die Charaktere um diesen Otto Babendiek herum. —bar i fr Da ziehen Handwerker und Bauern, Kauflcute und Schiffer, Künstler und Gelehrte, in ihrer Eigenart trefflich erfaßt, an una vorüber. Am ergreifendsten ist die früheste Jugendzeit Otlo' Babendieks geschildert: die Qualen, die er in der Schtfle, in der Zucht unfähiger Lehrer, und in der Lehre unter rohea Bauern erdulden mußte. Und dann noch ein anderes: Otto Babendick war im Krieg. So einfach ur.d eindringlich ist das Weh einer Kriegszeit wohl, selten aufgezeigt worden, wie in diesen Sehilderungen eines Beobachters, der nicht Sachwalter einer Partei, sondern nur Verwalter der Aufrichtigkeit und Wahrheit sein will. Wer es noch nicht war, muß durch Frenssens Objektivität zum entschiedenen Kriegsgegner werden. Es ist ein menschliches, ja es ist ein religiöses Buch. Von Religion ist zwar so gut wie nie die Rede. Aber alles, wa» dieser Dichter sieht und erlebt, ist ihm erfüllt von Wundern, Ehrfurcht, Demut Dankbarkeit und Anbetung. ■ Ein solches Leben ist im tiefs cn Sinne gesegnet. Georg Bernanos: "Die Sonne Satans. (Deutsche Uebersclzung im Verlag Jakob Hcgner, Hellerau, 1927.) In diesem Roman geschieht eigentlich nichts, und es geschieht alles. Die äußere Handlung ist schnell erzählt. Der Kaplan Donissan, ein einfacher bäuerischer Mensch, kann sich schlecht in seinen geistlichen Beruf eingewöhnen. Er ist zu schüchtern, um als Seelsorger auftreten zu können, und so ungeschickt, daß er als Prediger immer versagt. Sein Vorgesetzter, ein feinsinniger und weltgewandter Geistlicher, sucht ihn zu bilden und in sein Amt einzugewöhnen. Da geschieht etwas Unerhörtes, das die ganze Laufbahn des jungen Kaplana anzuhalten droht. Donissan entdeckt eines Nachts die Fähigkeit in sich, Menschen und Dinge bis aufs Innerste zu durchschauen. Unter» anderem sagt er einem in der ganzen Gegend bekannten Mädchen auf den Kopf zu, daß sie keine Ruh« finden kann, weil sie einen Mord'auf dem Gewissen hat. Germaine Malorthy, die in der Tat halb aus Spielerei, halb aua verletztem Ehrgefühl ihren Geliebten erschossen hat, wird durch die Darstellung ihres verworfenen Lebens durch den Kaplan so erschüttert, daß sie sich freiwillig das Leben nimmt. Der Kaplan wird daraufhin von seiner Stelle abberufen und ins Kloster gesteckt. Später wird er wieder in einem kleinen Dorf als Pfarrer angestellt, kommt in den Ruf eines Heiligen und wird von Menschen aus nah und fern um Hilfe angegangen. Da alle Welt ihn auf Oer Höhe seines Ruhmes glaubt, ist er in Wirklichkeit innerlich zerrissen und mit sich uneins. Er will nun sich selbst auf die Probe stellen. Er will sich seiner Kraft bewußt werden, indem er versucht, ein totes Kind wieder zum Leben zu erwecken. Da der Versuch mißlingt, fällt er in sich selbst zusammen und stirbt in seinem Beichtstuhl, während das Volk draußen seiner Antwort wartet. Das alles gibt aber keinerlei Bild von dem wahren Inhalt dieses Romans. Alles Große und Entscheidende dieses Büchel ist in das Erleben des Kaplans verlegt. Das Eigentümlich« dieses ungehobelten Menschen ist nämlich, daß er fähig ist, Religion noch in all ihrer Ursprünflichkeit auf sich wirken im 4 —