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Der Jugendbund · 1927-05-05 · 9 (5.5.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
9 (5.5.1927)
Date
1927-05-05
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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befaßt. In Amerika dagegen hat die Jugend in einer Weise das öffentliche Interesse für lieh in Anspruch genommen, die geradezu, für unsere Begriffe jedenfalls, erstaunlich ist. „Jugend im Lande der Jugend"! Und jenes weite Land zwischen Atlantik und Stillem Ozean, jenes jungfräuliche Lard, es hat auch eine neue Anschauung \oll großzügiger Weite über das, was der Ju^er.d gebührt. Die diametralen . Gegensätze zwischen Amerikas „education" und Deutschlands „Erziehung", zwischen Können und Organisation, zwingen uns einen Vergleich geradezu auf. Die Charakteristika deutscher Jugenderziehung sind — -natürlich — die deutsche Schule und -die deutsche Jugendbewegung. Detrachtet der Laie, der Nicht- (berufsmäßige) Pädagoge, dus deutsche Schulwesen, so will es scheinen, als würde auf das Wissenschaftliche, das Wissen, auf das Nur- Geistige, der Ifauptwert gelegt. Hingegen kennt der Amerikaner die Schulen, die sowohl was Volksals auch was Hochschule angeht, eine sehr weitgehende „Kooperation" zwischen Industrie und Wirtschaft einerseits und 'Schule anderseits durchführen. Die deutsche Schule, kann man vielleicht sagen, erzieht den „Gebildeten", die amerikanische den „Staatsbürger". Hierzu kommt run, daß bei uns der Schulbesuch däs Familienleben, die Herrschaft der Sippe über ihren Sprossen, nicht hindern soll; „Schule und Haus" sind vielmehr als Einheil gedacht. In Amerika entstehen auf jeder Schule in aller Selbstverständlichkeit Schulklubs und Schulgcmeinden, die das Kind aus dem Privat- und Familienleben heraus und in das Gemeinschaftsleben hinein führen sollen. Der Staatsbürger, das sei wiederholt, praktisch, realistisch, kollektivistisch, steht hier als Ziel da. Gilt dies nun von der Schule, so gilt es fast noch mehr von den Organisationsformen der jungen Amerikaner. Die deutsche Jugend schuf die Jugendbewegung. Sie schwärmt in Gefühlen, sie wendet sich ab von den Dingen der Altengeneration; sie fordert die Anerkennung des jugendlichen Alters als eines in sich ruhenden, mit anderen Lebenslagen unvergleichlichen, autonomen, eigenen Gesetzen unterworfenen Naturzustandes. Anders in Amerika! Hier erkennt man nicht nur, daß Amerikas Zukunft seine Jugend ist, sondern man ist — im Gegensatz zu anderswo — auch bereit, die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen. Und, Anbeter des neuen Gottes „Organisation", organisiert man über das. weite Land ein Netz von Millionenverbänden, deren Ziel „education" ist. " Was will, was ist amerikanische, „education"? Nicht viel: et ist notwendig, die zwanzig Millionen Jugendlicher, deren Eltern so oft noch aus aller Herren Länder und Teilen zusammengewürfelt worden sind, zu amerikanisieren, zu Staatsbürgern gleichen Rhythmus' zu machen. Deshalb ist Amerika das Land der „boy-scouts" geworden, wo systematisch nationale, staatsbürgerliche, demokratische Erziehungsarbeit geleistet wird.' 600 0(10 boy-scouts uii'd girl-scouts schaffen nüchtern und in aller Freiheit und Freiwilligkeit an der Zukunft des Staates, nicht träumerisch, versteckt, schüchtern, verschämt . (wie Deutsche), soridern laut, öffentlich, zielbewußt; und das ganze große Amerika steht stolz dabei, und hilft und die amerikanische dollarschwere Bourgeoisie schenkt ungezählte Hundert, mülionen für ,,education". So gibt es eine Anzahl autonomer Jugendorganisationen, deren Mitgliederzahl in die Hunderttausende geht, protestan^* tische, katholische, gewerkschaftliche, auch jüdische. Sie alle arbeiten im Licht der Sonne, Staat und Gesellschaft fördern sie. Der unheilvolle Zank „Hier Jugendbewegung, hier Jugendpflege" besteht drum drüben nicht. Sondern die Alten werden selbst verjüngt, sonnen sich nicht nur friedvoll-lächelnd im Glück der Enkel, sondern machen selbst mit, empfinden selbst die eminente nationale Wichtigkeit des „boys". In Europa prägt man das Wort vom Jahrhundert des Kindes und meint damit etwa die verminderte Säuglingssterblichkeit. In Deutschland bricht sich als Protest durch das Eis kalter Jirziehungstechnik die Jugendbewegung hindurch, um schlicßfcct' ■ zu versanden, weil die mächtige Gesellschaft sie zu 1 lade drückt. In Amerika aber schenkt Calvin Coolidge, der PräsK denkt der USA., sein Bild den boys von Boston, und ganz Amerika, die Jugend und die Alten, jubelt, die Zeitungen drucken Lobreden, denn der Präsident hat unter sein Bild Worte geschrieben, die das Motto arherikanisV^y Ju£czJ^, auffassung sind: „J am only a boy, ich bin auch nur ein Junge!" \ Das ist der greifbare Unterschied: Im Lande der Jugend sind sie alle nur Junge, boys. Im „alten" Deutschland sollen alle nach überkommenem Brauche sich modeln. Hüben wie drüben ist Jugjend und Alter kein Wesens-, sondern nur ein Gradunterschied. Aber hier ist die Norm das Alte, von gestern; dort ist die Norm das Junge, von heute. - Amerika, du hast es besser! Sozialwirtschaftlidier Umbau des osteuropäischen Judentums Vortrag von Dr. A. Singalowsky, Berlin, in Düsseldorf. Der' Vortragende wies zunächst auf den in allen Ländern Osteuropas vor sich gehenden Prozeß der sozialwirtschaftlichen Umschichtung der jüdischen Bevölkerung hin. - Diesen Prozeß zu erleichtern und in richtige Bahnen zu lenken, machte sich die 1380 in Rußland begründete Gesellschaft „Ort" zu ihrer Aufgabe. Nach dem Weltkriege, als das russische Judentum unter den r.eucn Staatsgebüden zersplittert wurde, dehnte „Ort" seine ArbeiJ über die verschiedenen neugebildcten und neugeordneten Staaten aus. Seit 1921 stellt der „Ort" einen Verband dar, der 66 „Ort"-Organisatibnen in allen Ländern Ost- und Westeuropas sowie Amerikas »mfaßt. Die Tätigkeit des „Ort" fällt in drei Gebiete auseinander: 1. Wiederaufbau des jüdischen Handwerks auf dem Wege kreditweiser Versorgung der Handwerkermit Werkzeugen. (In den letzten Jahren wurden fOtil) jüdische Werkstätten, die eine Erwerbsquelle für 30 000 Personen bilden, mit Produktionsmitteln versorgt.) 2. Berufliche Ausbildung der Jugend in Fachschulen und Lehrwerkstätten. (Zur Z.eil unterhält '..Ort" 77 Handwerksschulen und sonstige ' Fachanstalten mit 90 Lehrwerkstätten, in denen 6500 Jugendliche und Erwachsene fachlichen Unterricht erhalten.) 3. Die Förderung der Landwirtschaft durch Kredite und Facbheratung. In den östlichen Gebieten Polens und in Rumänien wurde die Landwirtschaft « zu einer Erwerbsquelle für viele tausend jüdische Familien. [ In Rußland, wo die Not am größten ist, hat der Uebergang der Juden zur Landwirtschaft einen Massencharakter angenommen. Dr. Singalowsky führte hierzu aus: Im vorigen Jahrhundert habe sich das jüdische Leben in den Ostlürdcrn vornehmlich in der Kleinstadt abgewickelt, bis mit dem Einzüge derkapitalistischen Wirtschaftsform ein« Krise eintrat. Dadurch sei eine sozial-ökonomische Umschichtung erforderlich geworden, der jedoch die Abgeschlossenheit des Judentunis in Rußland .in einem Ansiedlungsrayon und die fijr sie gellenden Rcchtseinschränkungen im Wege standen. Das Massenstreben zur neuen produktiven Lebensgestaltung halte eine große Auswanderungzur Folge. Die Ereignisse der Nachkriegszeit haben darin eine Wandlung geschaffen insofern, als an Stelle der Emigration die Binnenwanderung treten mußic. Heute wandern die Juden nach Südrußland und die nördliche Krim, wo ihnen die Möglichkeit landwirtschaftlicher Betätigung geboten wird. Des weiteren gab der Vortragende einen aufschlußreichen Ueberblick zur Statistik der 3 0(K)000 in Sowjet-Rußland lebenden Juden. "Von ihnen sind 50 Prozent in produktiven Arbeitsberufen tätig, leiden aber teilweise unter der großen Arbeitslosigkeit; 10 Prozent sind größere Kaufleute, die dem „Nep"-Regime standhalten können. Weitere 10 Prozent bilden die Handelstreibenden, die restlichen 30 Prozent sind auf Unterstützuni angewiesen und beschäftigungslos. Die jüdisch« Kolonisation "ei auch insofern symptomatisch, als die wirf» schaftliche Entwicklung Rußlands sich viel eher in der Rieh lung der Wiederherstellung <Ur Agrarwirtschaft als in der 3 —. m

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