Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (7.4.1927)
- Date
- 1927-04-07
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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diese« Festet zusammenzutragen, reichere Werte vielleicht als vergangene, einem engeren Gedankenkreis unterworfene Geschlechter. Di« Last der Fron ist gebrochen, Israel zieht (rei aus Aegypten, das Rote Meer wird seinen Bedrängern zum Schick. saL Begeisterter Jubelsang ertönt, ein Volk jauchzt aul, das' wieder seine Leiber recken darf, das die Freiheit des Lebens neu tiihlt. Vor ihm dehnt sich die Wüste, glühende Dürre wandelt gar bald den Jubel in Murren und Anklage. Nahrungsmangel ver. mag bereits die Sehnsucht nach dem Sklavenleben in Aegypten wieder wachzurufen, wo wenigstens der Hunger gestilit wurde. Und nach der Verkündigung am Sinai muß noch ein ganzes Geschlecht versklavter Seelen im Chaos der Wüste aussterben, che das neue Land betreten, ein neues Leben begonnen wejrdcn kann. Aeufiere Befreiung ist noch nicht die -wahre F r e i h e i l . das lehrt uns hier die Geschichte. Vor dem gelobten Land liegt die Wüste, vor der neuen Ordnung dehnt sich da* Chaos. So wie dem Sprießen, Blühen und Keifen des Lenzes und Stimmers der oft langwierige unstete Kampf des Vorfrühlings mit den zerstörenden Elementen des Winters vorausgeht. Knechtschaft, Chaos, Freiheit, das sind die Etappen der damaligen Geschichte. Hinnahm* des Gegebenen, Gebundenheit ans Milieu, dann Suchen und Kämpfen, und schließlich Klarheit und Erlösung, das sind die Abschnitte des Menschenleben* von der Wiege bis zur Vollendung, bis zum Ende. Wie aber jenes Geschlecht in der Wüste sterben mußte, weil es den Bcgtiff des Freiseins nicht erfassen konnte und noch zu schwach war, um in dem Kampfe gegen die innere Versklavung zu siegen, so geht mancher Mensch im Suchen und Kämpfen zugrunde, der es einmal gewagt hat, d?n Fuß über die Schwelle des Gegebenen zu setzen, oder er wird rasch und ängstlich wieder rückwärts in die .Obhut des überkommenen Erbe* flüchten. Viele werden es sich in den Schranken des ihnen Uebcrlieferten so bequem einrichten, daß sie gar nicht merken, wie versklavt sie sind, so wie die Israeliten, als der Hunger kam, nur noch an Aegyptens Fleischtöpfe, nicht aber an seine Peitschenhiebe dachten. E* ist unschwer erkennbar, wie hier Vergleiche für unser gegenwärtiges jüdisch-geistiges Sein gegeben werden sollen. Dessen eigentlichen Inhalt zu finden, fällt dem bewußten jüdische«! Geschlecht gerade heute so unendlich schwer. Sicherlich hat es Kämpfe um Neuland immer gegeben, aber die Gegenwart mit ihrem komplizierten Geistesleben scheint uns diesen Kampf um ein Vielfaches erschwert zu haben. Gewiß kann man dem Kampf ausweichen, indem man das Viele oder Wenige ungeprüft hinnimmt, was man vorfindet, und nichts dazu sucht. Aber es wird dann zuweilen ein Zustand der Unzufriedenheit, ein Gefühl der Unehrlichkeit gegen sein besseres Ich, nicht ausbleiben, und, sofern man dieses Zeichen mißachtet, kann schließlich geistige Stagnation eintreten. So mancher wird das aus eigener Erfahrung in Zeiten gedankenlosen Dahindämmerns, wie auch aus seiner Umgebung, kennen. Die Mannigfaltigkeit der modernen Gcisteskultur aber kenn uns andererseits hilfreich auf dem Wege zur Wahrheit entgegenkommen, wenn wir sie in uns zur Einheit zu ordnen wissen. Was vor allem der heutigen bewußten jüdischen Jugend die Straße steinig macht, ist die Erkenntnis, daß sie gleichsam einen Anfang neu suchen muß, daß gerade vor ihr die Kette gerissen zu sein scheint. Was ist denn das Gegebene, das vorgefundene Milieu, wie sieht denn das überlieferte Aegvpterlani aus, das man der neuen Generation vererbt, und das sie nun durchpflügen und umwandeln will, um Neuland daraus zu machen? — Nicht mehr ein Land der willenlos geduldeten geistigen Knechtschaft ist es, wenigstens für d<e meisten nicht, aber Unordnung, Unklarheit und Chaos walten überall „Das kommende Jahr' in Jerusalem", dieses Wort der Hagadah, als Symbol für die Sehnsucht nach Freiheit und Erlösung aus geistigen Ketten, es war unsern Vorfahren vor reichlich hundert Jahren sicherlich ein Jubelruf der Erfüllung, als sie aus der Nacht des Ghettos in das helle Sonnenlicht geistiger Befreiung geführt wurden, und die allgemeinen Kulturgüter vor ihnen ausgebreitet lagen. Aber jenes Ghetto war ja nur nach außen ein Aegypten der Knechtschaft, es war gleichzeitig das gelobt* Land innerer Glaubensstärke und felsenfester Seelenkraft. Durch die finster« Nacht der Lebensnöte leuchtete der Sternenhimmel unbeugsamer Frömmigkeit und ruhiger Er« plötzlich in der grellen Mittagssonn* abendländischer Kultur und Lebenssitte standen, waren sie geblendet, und in det leidenschaftlichen Besitzergreifung neuer Lebensgesetze warfen sie allzu rasch die eigentlichen Inhalte ihres Seins fort. Das Kanaan einer äußerlich freien Kulturentwicklung hatten sie mit der Preisgabe ihres Seelenfriedens erkauft, innere Leere, Abfall, Bindung,aus Pietät ohne Herzensanteil, traten an die Stelle bisheriger Glaubens- und Frömmigkeitsideale. Dazu kam, daß die Religion, der Forderung des Jahrhunderts entsprechend, durch die Mühle der alles beherrschenden exakten Wissenschaft gedreht wurde, bis ein zwar kathederreifcs, aber eigentlich recht blutarmes und lebensschwaches Gebilde daraus entstand. Man lebte nicht mehr Religion, sondern man dachte sie. Und da das gründliche Durchdenken einer Sache immer nur bei wenigen Berufenen liegt, das natürliche Lebensgefühl der Menschen aber im Herzen seinen Schwerpunkt hat, so mußte aus dem lebendigen Strom jüdischen Lebens ein* Dozenten- und Kanzelrcdncrreligion werden. Unter diesem Einfluß stehen wir noch heute, ihn zu überwinden, das ist die Aufgabe der i, zu welcher sie nichts so stark aufruft wie Pessach. Wiistenwandcrer sind auch wir noch, aber nicht mehr im Chaos planlos irrende. Zwar lassen wir uns nicht blenden durch eine scheinbar sehr lebendige jüdische Regsamkeit in unsern Tagen, aber wir wissen, daß solche noch unklaren Spuren nicht ohne" Bedeutung sind. Die allgemeine Trägheit ist einer Unruhe allgemach gewichen, auch die Gleichgültigen suchen mindestens nach Oasen, indem sie instinktiv fühlen, wie unerträglich das Verharren auf dem toten Punkt doch ist Wohl müssen wir beachten, daß Oasen oft dem enttäuschten Wanderer als trügerische Nebelgebilde sich entfalten, und daß «r dann, ganz hoffnungslos, auch die letzten Reste seiner Willenskraft von sich werfen wird. Betriebsamkeit ist auch ein Zeichen unserer Zeit, das mit Ideenhaftigkeit noch nichts gemein tu haben braucht. Wenn wilde Kämpfe um Privilegien aus. br-.-chen, wenn man geographische Grenzbegriffe Ost und West als menschliche Trennungsfaktoren hinstellt, wenn krankhafter Ehrgeiz und übertriebene Empfindlichkeit zuweilen die besten An« triebe ertöten, wenn man sich in Streit um di* Anerkennung Le. bender und um den Dienst an Toten verbeißt, wenn man glaubt, gar nicht rasch genug das Forum der Oeffentlichkeit uro uns zum Richter über Dinge machen zu müssen, die niemanden da draußen angehen, wenn man hört, wie ein jeder seine „Weltanschauung'' (wie leicht wird dieses Wort gebraucht) njeht |aul genug als die eine hinstellt, die altein geradenwegs ins Reich des Messias führt, wenn man bemerkt, wie restlos die Judenheit in ihrer Parteizerklüftung, ja in ihrem vor keinem gemeinsamen Ideal haltmachenden Parteihaß einer sehr trüben Seite des deutschen Volkswesens im allgemeinen sich assimiliert hat, wenn so viele einer besseren Sache würdige Kräfte in diesen ungehcuer~wichtig genommenen Belanglosigkeiten sich aufreiben müssen — wenn man das alles festgestellt hat, dann kann man nur schwer glauben, daß hinter dieser so geräuschvollen Geschäftigkeit noch Spuren von Grundwerten vorhanden sind,.um die es letzten Endes gehen sollte. Dann zweifelt man daran, ob es um das Suchen nach dem gelobten Land innerer Freiheit und Wahrhaftigkeit geht, oder nur wieder um ein Aegypten der Ruhe und Bequemlichkeit. Mangelnde Lebenskraft des religiösen Elements und fruchtlose Geschäftigkeit im religiösen und politischen Parteiwesen sind keine Faktoren, aus denen die Jugend Wertvolles für ihre Zukunft schöpfen könnte. Ganz ohne Führung aber kann such der Stärkste nicht beginnen. Und so sehr die Jugend der Gegenwart, die bewußten jüdischen jungen Menschen, Selbstbewußtsein und Verantwortungsgefühl besitzen, um ihren Weg zum Judentum zu suchen, ungeachtet der Widerstände des Milieus —, die Eindrück« und Erfahrungen im Elternhaus können für das jüdische Kind zum Segen oder zum Bösen für se'in ganzes fernere« Leben werden. Etwas Positives muß ihm mitgegeben werden, seien es religiöse, seien es andere jüdische Ideale, Sonst sendet man verantwortungslos einen .Juden mehr mit der Prugnose inneren und äußeren Abfalls, mit der Wahrscheinlichkeit von Mischehe oder Austritt in das Heer der Inditfercnten. .'. I* Und noch etwas maß überwunden werden, um den Weg durch die Wüste frei zu machen: das mangelnde Vertrauen in die eigen« Urteilskraft, j Allzuoft erleben wir es, wie man nach rechts und links ärgst!icl) Umschau hält, wie man zuerst bei den anderen und erst dann in den eigenen Reiben anfragt, ob die* oder jenes recht und gut ist. Man ruft so gern nach der Mei-