Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (7.4.1927)
- Date
- 1927-04-07
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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wissenschaftlichen Arbeit ein dem |iidischen Dasein adäquaterer terrr.inus hervor, die Idee der. jüdischen Nation. Die neue Renaissancebewcgung bemächtigt sich dieser Idee und macht sie zu ihrem tt-osungswort. Von dieser Idee aus fordert sie die Anerkennung dcs4jüdischen Volkes als einer Nation unter den Nationen; fordert sie ein Land, sein Land für die» ^einst in die Verbafiuung geführte, seiner Vergangenheit unwürdig lebende Volk und fordert sie endlich die Wiedererweckung seiner nationalen Sprache. So führt die wissenschaftliche Renaissance des jüdischen Volkes zu reiner politischen. Die weltgeschichtlichen Ereignisse haben die Durchsetzung der. Forderung der modernen Renaissancebewegung der Juden ermöglicht. Der Anspruch auf Anerkennung der nationalen Rechte des jüdischen Volkes, vor allem der Anspruch auf sein historisches Land, ist vom Tribunal der Volker, dem Völkerbund, zugestanden worden;' die hebräische Sprache leiert im Lande Israel ihre Auferstehung. Freund und Feind muß zugeben, daß die Oeffnung Palästinas für die Juden, so sehr sie von einem Ihcheren Gesichtspunkt aus als eine Fo'ge weltgeschichtlichen [Geschehens betrachtet werden muß, sich auf die Vorarbeit der modernen, d. i. der politischen Renaissancebewegüng der Juden gestützt hat. . Ueber eine Kultur schreiben, über sie nachsinnen und ^u wissenschaftlicher Klarheit über sie kommen, heißt noch nicht, sie sich zu eigen machen. Den Schlüssel zur Oeffnung der Grenzen eines [Landes finden, bedeutet noch nicht, .das Land besitzen. — 4— Die wirsenschaftliche Renaissance des emanzipierten Judentums und seine politische Renaissance, so unerläßlich und wertvoll sie auch waren, sind nicht die letzten und höchsten Phasen der Renaissance, zu der dis Judentum nach seinem inneren Geholt emporklimmen kann, sondern nur ihre fqrmalen Voraussetzungen. Ks ist kein Zvyeiftl, daß die wahre Wiedergeburt des jüdischen Volkes i ur eine Wiedergeburt seines religiösen Sinnes sein kann. I)ie politische Renaissance hat über dem Nationalen das Rcli {iöse vergessen, die wissenschaftliche hat, bis auf Hermann Collen, — eine Konzession an die europäische Begriffswelt —. den Glauben zu sehr in das, Zentrum der jüdischen Religiosität gestellt und kann schon darum nicht dem religiösen Bedürfnis ' des modernen Menschen genügen. Inde«scn, nicht der Glaube an Gott ist das entscheidende Wort der jüdiscr cn Religiosität, sondern die Erkenntnis Gottes. Sehen im >. Buche Moses heißt es: „Erkenne es heute und erfülle d«in Herz davon, daß der Em ige allein Gott ist im Himmel oben und auf Erden unten, keiner außer ihjm". Mose und die Propheten haben uns die Augen darüber geöffnet, daß es eine Weltgerechtigkeit gibt, die natürliche Kausalität des Guten und Bösen, d. h . daß die Frucht des Guten das Gute ist, die Frucht des Bosen das Böse. Das ist kein Glaube, sondern eine Erkenntnis, und diese Erkenntnis ist der Sinn der1 erhabenen Botschaft Gottes an sein Volk: 13. B. M. cap. 19 V. 2) „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, Euer Gott". Mose appelliert nicht an den Glauben, sondern an die Vernunft und an den Willen des Menschen. Und er tiberbringt am Sinai dem Volke, das er zu den Hellen der Menschheit führen möchte, }«ne ander« Botschaft -eines Gottes: „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern sein, ein heiliges Volk." Das ist ein Erzieh ungsideaf, das vor dem Kichicrrtuhl höchster Vernunft bestehen kann. Und dieses Idc.J ist das Erziehungsideal der gesamten Tradition des Judentums seit Mose bis auf den heuligen Tag geblieben. Religi in ist ihr nicht Glaube im Sinne eines Dogmas, sondern Religion heißt ihr Bindung, Verpflichtung, Verantwortlichkeit des jüdischen Volkes, gemäß der Erkenntnisgrundlage der Kausalität des Guten und des Bösen. Ki kann weder erwartet nech gefordert werden, daß die dritte! poche der Renaissance des. Judentums mit fliegenden Fahnen zur Tradition zurückkehrt; wenn sie aber zu ihren wahren Grundlagen vorgedrungen sein wird, dann wird die Tradition ihr in einem anderen Lichte erscheinen als heute, v. o d?r Rück getrübt ist durch falsche Theorien des Judentum und vor allem durch Verurteile, die von dem übermächtigen EittiflaB der uns umgebenden teils heidnieben, teils christlichen Kultur resultieren. Der „Wettergott vom Sinai" verwirrt heute nicht mehr so die Gemüter, wie vor 20 Jahren, gleichwohl sind wir noch nicht so weit, über die in ihren Grundieren längst erschütterte < moderne Bibelkritik hinweg Untere heiligen Schriften zu lesen und uns unbeirrt, unbefangen, unverwirrt ihrer reinen Religiosität und Humanität hinzugeben. Aber wir sind auf dem Wege zur Heimkehr. Jüngst ist in einer kulturpolitischen Aussprache das befreiende und beglückende 'Wort gefallen, ■ daß uns Juden „Religion nicht Privatsache" sei. Wenn dieses Wort einer neuen Selbstbesinnung zur Parole der ganzen jüdischen Jugend wird, und diese .iugend, sei es durch das Medium der hebräischen Sprache oder durch das Medium der Liebe zu Palästina zu den Werken der hebräischen Antike sich wenden wird, so wird es nicht ausbleiben, daß die hebräische antike Literatur uns wieder im Sinne der Tradition zur heiligen Literatur wird und Palästina zu unserem heiligen Land. Mehr noch als mei: d^s ist der klassische Weg zur Einigung des gesamten jüdis:!:en Volkes. Um der Lösung der großen und schweren Aufgaben willen, vor die uns die Gegenwart stellt, bedürfen wir der Zusammenfassung aller Kräfte. Ohne die „Sammlung des Galuth" bleibt auch die Oeffnung der Tore Palästinas v. ie die Exposition eines Dramas ohne Fortgang der Handlung. Die jüdische Religion, an oberster Stelle die Thora, war der Zcntra'punkt des jüdischen Volkes in allen Zeiten des Galuth. Zu ihr zurückkehren, bedeulet die Kraft wiederfinden, die uns einigt. Diese Heimkehr wird größer sein als irgendeine Renaissance der Geschlechter vor uns: durch die Emanzipation und die wissenschaftliche und politische Renaissance bereichert und gereift, treten.wir in eine Völkerfamilie ein, die begonnen hat, ihre Angelegenheiten gemäß den uralten religiösen Ideen des Judentums zu regeln, efroße Aufgaben harren unser. Die Größe der Aufgabe wird den religiSsen Genuß in urs zu neuem Leben erwecken. Das weltgeschichtliche, anl sich selbst, auf seine höchste Würde, sein religiöses Führeramt, sich besinnende Volk der Juden wird, von -der Emanzipation inr ' religiösen Renaissance aufwärts schreitend, zum Heil lür alle Völker werden. i Die Beziehungen der Jugend zum Pessadifest Von Jose p h W e i n s a f t , Chemnitz. Des Pessachfeslefe geschichtlicher Sinn ist die Befreiung eines Volkes aus Knechtschaft und Fron, zeitlich fällt es in das neue'Werden der Natur, also gleichsam in die Befreiung der Erde mit allem, was! auf ihr ist, vom Joche des Winters. Und fast will die historische Bedeutung, das einmalige, uns ferne geschichtliche Ereignis, das uns nur 4>e Ueberlicferung der Jahrtausende kundtut, verblassen vor dem Jahr um Jahr neuen Werden, das wir schauen und erleben dürfen, das uns selbst immer wieder neu fühlbar wird. Denn keines, unserer Feste fällt in eine Jahreszeit, die uns so zu packen und umzuwandeln vermag, wie das Pessach, das Weihefcst des Frühlings! Keine Zeit sonst vermag uns so machtvoll der Vergangenheit zu entreißen und ganz den] Gegenwärtigen hinzugeben wie die Zeit des Frühlings. Gewiß, wir begreifen, daß die Befreiung aus Aegypten als das erste und bedeutsamste in der unendlichen Reihe der Erlösungswerke Gottes an Israel gewertet werden muß. Aber lür den bloßen historischen Rückblick, der die Geschehnisse aüs solche registriert und wertet, könnte die Innehallung würdiger Gedenktage genügen, wie wir sie auch im allgemeinen Volksleben kennen, und von denen nicht immer eine Befruchtung der Seele ausgeht, trotzdem sie auf Ereignisse hindeuten, die zeitlich oft weit weniger zurückliegen. Geschichte vSteht nicht dauernd gegenwärtig vor unserm Geiste. Aber der Frühling um uns, der sich in unsern Seelen widerspiegelt, indem er sie neu erweckt wie altes Lebende, auch er besäße allein nicht die Kraft, uns weit über eine bloße Gefühlserbebung hinaus ein Fest begehen zu lassen, das einen solchen Reichtum an Gedanken, eine solche Fülle von Kraft steter Erneuerung unserer geistigen und seelischen Existenz, also unseres Glaubens schlechthin, in sich birgt wie gerade Pessach. Denn wir sind ja keine Naturanbeter. Es muß also etwas in uns sein, das hier Vergangenheit, gegenwärtiges Seim und inneres Erleben in uns verbindet, so daß wir imstande sind, wertvollste Bausteine für unser Leben aus dem Sinn _ 2_